Boa Vista

17:45, 22.01.2010. Von Felix

Ägypten – Benin 2:0. Am Mittag besuchen wir die Klinik Boa Vista in Benguela. Alle möglichen Augenkrankheiten werden hier behandelt. Angefangen von Kurz- oder Weitsichtigkeit, bis hin zum Auswechseln der Linse bei Blindheit. Jean Pierre Bréchet ist einer der Direktoren der Klinik und führt uns herum.

Der zweistöckige Bau ist rosa gestrichen. Drinnen befindet sich in der Mitte ein heller, offener Warteraum mit einfachen Bänken. Sie sind alle voll mit wartenden Patienten. Um den Saal gruppieren sich die Zimmer mit insgesamt 60 Betten, der Operationssaal, die Räume für die Untersuchungen.

Augenkrankheiten sind ein großes Problem in Angola. Durch den 27-jährigen Bürgerkrieg und mangelhafte Ernährung sind Krankheiten weit verbreitet, Diabetes und andere Leiden treten häufig auf. Gleichzeitig ist die medizinische Versorgung speziell auf dem Land extrem schlecht. Wer ein Krankenhaus in der Stadt aufsuchen will, braucht viel Geld für die Behandlungen. Zudem braucht es oft viel Zeit, um aus einem Dorf zu einem Hospital zu reisen, da die Straßen schlecht und der Transport schwierig und teuer ist. Wir haben das auf unserem Trip von Soyo nach Luanda ja am eigenen Leib erfahren.

Boa Vista ist eine von gerade einmal drei Kliniken im ganzen Land, die auf Augenleiden spezialisiert sind. Bréchet schätzt, das ein Prozent der Bevölkerung des Landes, also etwa 180.000 Menschen, betroffen sind. Die Hälfte davon sind annährend blind. Brechet erzählt, was das im praktischen Leben der Menschen bedeutet:

„Eine Frau sagte zu mir: Ich habe Angst zu essen. Sie war sehr dünn, wog vielleicht 30 Kilo und war um die sechzig Jahre alt. Warum isst du nicht, fragte ich sie. Weil ich nicht alleine auf die Toilette gehen kann, war ihre Antwort. Das war ein Schock für mich. Als sie operiert worden war, hat sie wieder angefangen zu essen, denn sie konnte auch wieder alleine auf die Toilette gehen. Das zeigt, welchen großen Unterschied das im Leben dieser Menschen ausmacht.“

Nicht nur im Boa Vista sind die Ärzte aktiv, sie reisen auch selber in die Provinzen und führen vor Ort in den kleineren Städten Operationen durch. Dadurch erleichtern sie es Menschen aus den umliegenden Dörfern, versorgt und behandelt zu werden. Die beschwerlichen Reisen fallen weg.

Fast 30.000 Sprechstunden hat das Boa Vista 2009 abgehalten, über 3.000 Operationen durchgeführt und 5700 Brillen verschrieben und gefertigt. Es gibt einen eigenen Brillenmacher in der Klinik. Die Gläser kosten umgerechnet rund 12 Euro, eine Operation 25. Normal würden dafür etwa 1500 Euro fällig. Betrieben wird die Einrichtung von der Solidarieddade Evangélica (SOLE). Unterstützt wird sie von der Schweizer Allianz Mission und der Christoffel Blindenmission International, auch aus Deutschland.

In Zukunft sollen hier verstärkt einheimische Ärzte und weiteres Personal ausgebildet werden. Denn die Hilfe der christlichen Organisationen wird von der Regierung nicht nur positiv gesehen. So hat die regierende MPLA ausgerechnet in Benguela eine ähnliche Klinik aufgemacht, anstatt das z.B. im Norden des Landes zu tun, wo es gar keine Einrichtung gibt. „Die Regierung möchte die einzige Institution sein, die den Menschen hilft, deswegen gibt es da ein gewisses Konkurrenzdenken,“ sagt Brechét. In der staatlichen Klinik arbeiten kubanische Ärzte, die vom angolanischen Staat eingekauft worden sind. Kuba exportiert sein gut ausgebildetes Gesundheitspersonal auch hierher.

In Zukunft will SOLE 15-20 Kliniken im ganzen Land eröffnen. Boa Vista kann sich zu 87 Prozent allein finanzieren, der Rest kommt über Spenden. Der Staat zahlt keinen einzigen Kwanza.

Später besuchen wir einen Lepra-Patienten. Angola gehört zu den siebzehn Ländern auf der Welt, in denen Jahr für Jahr über 1000 neue Lepra-Erkrankungen hinzu kommen. Warum ist nicht ganz klar. SOLE unterstützt die Kranken, hat geholfen, eine Art Selbsthilfe-Gruppe aufzubauen. Zynischerweise kann man „dank des Krieges sagen, dass es in Angola viele Menschen mit körperlichen Leiden gibt. Deswegen sind die Betroffenen in der Gesellschaft nicht so geächtet. Es ist eben normal. Aber man muss die Leute motivieren, ihr Leben aktiv anzugehen und sich selbst zu helfen,“ so Bréchet.

Das Fußballspiel am Frühabend interessiert uns nicht sonderlich. Wir schauen nur die zweite Halbzeit.

 

 

Kommentare Hinterlassen.

Kommentare

  1. Boa Vista von (Anonymous)

    Danke für die tolle Reportage! Wir haben als ganze Familie noch während des Krieges in Angola gearbeitet. Ich bildete vor allem Universal-Mechaniker aus. Zusammen mit Jean-Pierre wohnten wir in Kalukembe und erlebten trotz allem eine besondere Zeit.