5.11.2007 20:46
Geschrieben von azzacaro
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Willkommen in meinem Leben....

Das ist Lesestoff für alle, denen die heutige Zeit noch nicht zu schnell geworden ist, für die, deren Tag 36 Stunden hat oder für die, die es erfolgreich geschafft haben, sich zwischen dem beruflichen Aufstieg und der Kinderbetreuung noch zum Lesen zurückzuziehen.

Meine Wenigkeit genießt gerade die Zeit nach den Abiturprüfungen in vollen Zügen, mit Arbeiten, Umziehen und Ämtern. Was für eine Wohltat...

Zur Abwechslung werden zumindest alte Freundschaften gepflegt, damit sie unter dem ganzen Termindruck nicht eingehen. Wenn man schon mal Zeit hat...

5.11.2007 19:10
Geschrieben von azzacaro
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Ich streiche ihm sanft über das Haar. Er liegt regungslos neben mir im Bett. Seine schwarzen Augen starren ausdrucklos an die Decke. In meinem Zimmer leuchtet nur das schummrige Licht der Stadt. Es ist ruhig. Ich habe die Decke bis kurz unter das Gesicht gezogen und merke, wie sich darunter langsam die Wärme ausbreitet. Die Sonne ist schon untergegangen, lang bevor ich mich in mein Auto gesetzt habe. Drei Stunden habe ich auf der Straße verbracht und bin wieder zurückgekehrt. Die Nachricht, dass ich angekommen bin, verbreitete ich lieber im Stillen. Ich wollte niemanden wecken. Und jetzt lieg ich. Eigentlich sollte ich schlafen. Morgen würde man wieder volle Leistung von mir erwarten. Leistung, die ich bringen werde, damit ich über das Wochenende abschalten kann. An den Samstagen und Sonntagen möchte ich von der Arbeit einfach nichts hören. Ich möchte die kostbare Zeit in Geborgenheit nicht in den Schatten der Arbeit stellen. Und wieder laufen mir die Tränen heiß über die Wangen. Erst schnell, dann langsam bis sie wieder versiegen, ungehört. Was nicht versiegt, sind die Gedanken, diese negative Grundstimmung. Nacht für Nacht kommt dieses Gefühl. Immer dann, wenn man nirgends im Haus noch Stimmen hört. Immer dann wenn auch die Musik aufgehört hat zu spielen, kommt die Einsamkeit. Ich nehme ihn fest in den Arm, drück ihn an mich, meinen braunen Schmusebär. In Hoffnung auf ein schnelles Vorübergehen der Woche schlafe ich ein.
2.08.2007 12:55
Geschrieben von azzacaro
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"Frau Müller, das ist kein Witz. Sie hätten von uns erst die Zustimmung einholen müssen, dass Sie uns ziehen können. Diese Zustimmung hätten wir Ihnen aber wahrscheinlich eh nicht erteilt, weil es nicht notwendig ist, dass Sie jetzt schon zu uns ziehen. Ihr Studium beginnt doch erst am 01.10.2007. Bis dahin müssten Sie bei Ihren Eltern wohnen bleiben."
"Moment, das Studium beginnt zwar am 01.10.2007, aber mein Praktikum beginnt hier schon Ende August. Dann kann ich doch nicht erst am 01.10.2007 hier  her ziehen?"
"Das spielt leider keine Rolle, Frau Müller, ich weiß, dass man nicht erst an dem Tag umzieht, an dem das Studium los geht, aber so ist nun einmal die gesetzliche Lage. Sie sind erst 21 und bis 25 müssen Ihre Eltern für Sie aufkommen."
"Und wenn meine Eltern nichts zahlen?"
"Dann müssen Sie Ihr Mietverhältnis kündigen und wieder zu Ihnen zurück bis Ihr Studium beginnt. Alles andere liegt nicht in unserem Geltungsbereich. Tut mir leid. Brauchen Sie nun noch einen Antrag damit Sie das schwarz auf weiß für Ihre Eltern  bekommen?"
"Ich denke, nein."
Blass, total an der Nase herumgeführt und wütend verlasse ich das Zimmer der immer noch freundlich lächelnden Dame der Agentur für Arbeit.
Warum hat man mir erst was gesagt, nachdem ich mich schon in der neuen Stadt angemeldet habe? Warum hat man mir an meinem alten Wohnsitz zugesichert, ich würde etwas bekommen, wenn ich ausgezogen bin? Warum hat man mich immer wieder zu jemand anderem, der angeblich zuständig sein soll weitergeschickt? Warum ist man im Grunde genommen immer besser dran, wenn man nichts vom Staat braucht? Diese Frage ist ganz leicht zu beantworten. Der Staat braucht dich nur, so lange du verwertbare Arbeitskraft bieten kannst, in allen anderen Fällen, bist du nur eine Nummer in einer Akte, eine Nummer, die um Geld betteln gehen muss. Betteln beim Staat.
29.06.2007 01:28
Geschrieben von azzacaro
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Kaum ein Schatten seiner selbst, liegt er in seinem Bett. Um ihn herum die weißen Wände und die spärliche Einrichtung des Zimmers. Seit Wochen hatte er nichts anderes mehr gesehen. Seit Wochen schon sein Leben. Auch die Regelmäßigkeit des faden Mittagessens scheint ihm nichts mehr anzuhaben. "Mit der Zeit gewöhnt man sich an alles," denkt er häufig. Am Tage führt ihn sein verträumter, trauriger Blick weit nach draußen, manchmal zurück in seine Erinnerungen, manchmal in wilde Phantasien für die Zukunft. Wild sind sie aber nur deshalb, weil sie nirgends einzuordnen sind. Mal sieht er sich hier, mal dort. Dieses Chaos seiner Tagträume entspricht auch der Gefühlsachterbahn, die er mit jedem Tag in diesem Zimmer rauf und runter zu fahren scheint. Mit seinen Gefühlen hält er nicht hinter dem Berg, obwohl er ein Mann ist. Aber seine Familie soll sehen, dass nichts mehr wie früher sein wird und wenn möglich sogar auf den schlimmsten der schlimmsten Fälle eingestellt sein. Anscheinend wollen sie es aber nicht wahr haben, sind ziemlich naiv, oder sie können wundervoll Optimismus vorspielen. Jedes Mal, wenn sie ihn besuchen, laufen sie mit ihrer Geschwätzigkeit zur Hochform auf, dessen Krönung die Bitte ist, dass er sich bloß vernünftig benehmen soll, damit er schnell entlassen werde. Man hat ja schließlich schon alles für seine Rückkehr vorbereitet. Was sie nicht wussten: mit jedem Tag, den die Entlassung näher rückt, steigt die Angst in ihm vor neuerlichen Zwischenfällen. Nun hat er doch seinen Schrittmacher, hat sein Titangelenk und im Bauch hatte man ein Geschwür entfernt, damit er wieder unbeschwert essen kann. Die Natur hat immer wieder Überraschungen parat. Schon allein ein kurzer Rückblick auf die Geschichten seiner Verwandten könnte Lehrbuch für jeden guten Medizinstudenten sein. Wie soll man dann jemals wieder unbeschwert essen, trinken, und atmen? Und so schaut er auch in den folgenden Tagen mit abwesendem Blick aus dem Fenster, wenn ein Hubschrauber über der Klinik landet und er wieder an sein Bett gefesselt ist.
21.06.2007 01:25
Geschrieben von azzacaro
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Sie legt das Telefon mit einem tiefen Seufzer in seine Ladestation. Sie hat geredet, bis es nichts mehr zum Reden gab, hat nur ihre besten Eigenschaften preisgegeben. Sie ist immer sehr ideenreich hatte sie zu dem jungen, freundlichen Herren am anderen Ende gesagt. Und er hatte es honoriert, so wie es schon so viele vor ihm getan haben. Immer notierten sie alles mit Begeisterung und aufgesetzter Freude, das konnte sie meist an dem Klimpern der Tastatur registrieren. Nur was sie nicht wissen konnte, mit welchen Buchstabenfolgen das Feld Bemerkungen in ihrer Bewerberakte ausgefüllt wird. Ist sie gut genug? War genau das die gewünschte Antwort auf die vielmals gestellte Frage? Gedanken, die ihr nach jedem gesprochenen Satz durch den Kopf gingen. Nur niemals bekam sie eine ehrliche Antwort darauf. Alles was sie bisher gehört hatte, waren Sätze wie: "Es tut uns leid, aber wir können Sie bei der Besetzung für unsere Stellen nicht berücksichtigen." Am Anfang hatte sie noch gedacht, es ist ein Einzelfall, mit zunehmender Anzahl Absagen, verließ sie jedoch der Mut. Immer gibt sie hundert Prozent, ihr lückenloser Lebenslauf besteht aus Bestnoten und Auszeichnungen. Weitergebildet, studiert, zertifiziert und überqualifiziert? Keineswegs. Anscheinend gibt es immer noch bessere als sie. Und auch die Frauenquote, über die sie hoffte, ganz leicht in eine höhere Ingenieursposition einsteigen zu können, verhalf nicht zum gewünschten Erfolg. Diesen netten Herren am anderen Ende hatte sie dieses Mal wissen lassen, dass ihr halber Bekanntenkreis in seinem Konzern die Führung übernommen hat. Er war freundlich und zuvorkommend, wie keiner zuvor und bot sogar an, die weiteren Fomulare für die Bewerbung sofort persönlich online zu versenden.