Die Spezie Argentinier

11:55, 27.12.2007. Von Dorette

Heute will ich mal etwas schreiben ueber das spezielle Seins des Argentiniers. Warum gerade heute? Weil ich seitdem ich noch nicht einmal 48 Stunden auf Reisen bin, bereits wieder mehrere sehr typische Begegnungen hatte.

Gestern habe ich aus lauter Sehnsucht gleich einmal eines der wenigen Tangomuseen im Lande besucht (in Cordoba gabs keins) und wurde von dem Besitzer Amin, ein ca. 70jaehriger Mediziner mit Vorfahren irgendwo aus dem Orient, und seiner Mitarbeiterin Estella als einzige Besucherin gleich freundlichst aufgenommen und persoenlich herumgefuehrt. Nachdem ich 2 Stunden herumgestoebert und die Nacht schon hereingebrochen war, bot mir Amin an mich doch unbedingt zu meiner Unterkunft zurueckbringen zu wollen...

Heute nachmittag habe ich eine ueber 100 Jahre Weinkelterei besichtigt - San Juan ist nach Mendoza die zweitwichtigste Weinanbauregion Argentiniens - und habe nach dem Rundgang von dem Fuerher seine Visitenkarte in die Hand gedrueckt bekommen, mit der Aufforderung mich doch gerne bei ihm zu melden, wenn ich noch andere Orte in der Umgebung kennen lernen moechte.

Warum sind diese Begegnungen also so typisch? Augenscheinlich sprechen sie natuerlich fuer die Offenheit der Menschen hier und der geringen Scheu auf andere, besonders Auslaender zuzugehen und sie nach allen Regeln der Kunst auszufragen - was sich meist auf die typischen Fragen "Was machst du hier, Woher kommst du, Wie lange bist du schon da?" belaeuft. Und da liegt auch schon der erste Schwachpunkt im Kommunikationsverhalten: An dieser Stelle ist dann meist auch schon Schluss. Soll heissen, viel mehr wissen sie nicht zu fragen. Deutschland! Ach wie schoen! ... Pause. Auch mit Menschen, die man schon laenger kennt (wie es zum Beispiel auf meiner Praktikumsstelle der Fall war) bleibt die Konversation eigentlich fast immer an der Oberflaeche und mehr wollen sie nicht ueber einen wissen...  aber ich denke so ist es nicht nur mit Auslaendern der Fall, sondern so begegnen sich die Argentinier auch untereinander. Am symbolichsten dafuer ist fuer mich das Begruessungsritual. "Hola, cómo estas?" (Wie gehts) wird man 100x am Tag gefragt und genauso automatisch ist die Antwort "Muy bien" (Sehr gut) ... unter wenig Bekannten finde ich es auch sehr in Ordnung nicht immer gleich sein Leben auszubreiten - aber auch unter Freunden und mit meinen Patientinnen habe ich sehr haeufig beobachten koennen, dass es einer Person augenscheinlich nicht gut ging und sie dennoch ein wenig ueberzeugendes "Muy bien" zurueckgegeben hat... was ein anknuepfendes Gespraech natuerlich fast unmoeglich macht... Zum Vergleich: bei uns antwortet man in der Regel "Es geht so" und der Andere fragt nach "Warum denn?". 

Ein zweites typisches Merkmal der zwei Begegnungen ist das Geschlecht. Ich glaube nicht mehr daran, dass zufaellig 80% meiner Freunde und Bekannten, die ich in Cordoba kennen gelernt habe, Maenner sind. Die Kultur Argentiniens ist eine sogennante "Machista-Kultur", und das sagen sie auch von sich selbst. Soll heissen, dass der Balztanz ein bestaendiges und alltaegliches Ritual ist. Natuerlich ist das nicht immer sehr offensichtlich, aber wieviel schneller wird man von einem Mann angesprochen, als wie man mit einer Frau ins Gespraech kommt. Die Maenner sind es einfach gewohnt staendig Ausschau zu halten, und - ALLEN Frauen egal welchen Aussehens und welcher Tagesform hinterherzupfeifen und Komplimente jedweder Art hinterherzurufen. Bei einer halben Stunde Fussweg ins Zentrum bin ich in der Regel auf einen Schnitt von 10 gekommen.
Frauen sind fuer argentinische Maenner so eine Art Hobby, etwas womit man sich gerne die Zeit vertreibt. Alles faengt immer erstmal sehr unverfaenglich an, es ist nie so, dass man sich bedraengt oder unangenehm beruehrt fuehlt, auch wenn ich mich erstmal an die viel hoehere Intensitaet des Koerperkontaktes beim Sprechen gewoehnen musste. Aber irgendwann ist fast immer der Punkt erreicht, wo der Mann wenigstens sein Glueck versucht und die Grenzen austestet. Ist das dann aber ersteinmal geklaert, dann steht einer Freundschaft auch nichts mehr im Wege.
Wohlgemerkt spielt es dabei fuer den argentinischen Mann keine Rolle, inwiefern man selbst einen Freund hat bzw. er eine Freundin (das merkt man vor allem beim Weggehen). Infolgedessen erzaehlen auch alle, dass das Fremdgehen hier wirklich weit verbreitet ist, aber sowohl unter Maennern als auch unter Frauen. Und im Bewusstsein dessens sind die Beziehungen in der Regel auch wirklich sehr eifersuechtig, mit wenig Toleranz fuer gegenseitigen Freiraum. Soll heissen man verbringt moeglichst 25 Stunden miteinander und die Partner haben seltenst gegengeschlechtige Freunde. Natuerlich nimmt sich jedoch der Mann heraus mit seinen Freunden durch die Diskos zu ziehen, was die Freundin aber nach Moeglichkeit zu unterlassen hat.
Natuerlich sind diese Darstellung ueberspitzt und bedienen viele Klischees, dennoch spiegeln sie die Realitaet so wieder, wie ich sie selbst erlebt bzw. erzaehlt bekommen habe.

Ein drittes Merkmal meiner typischen Begegnungen ist die Nationalitaet der Argentinier. Argentinien ist zu 100% ein Einwanderland und ich habe quasi niemanden getroffen, dessen Gross- oder Urgrosseltern nicht zumindest zu einem Teil aus irgendeinem Land Europas stammen. Da kommt dann hauefig eine wilde Mischung wie zum Beispiel Kroatien - Deutschland - Ukraine heraus, weshalb man dem typischen Argentinier nie seine suedamerikanische Herkunft ansieht. Der groesste Teil der Vorfahren stammt jedoch aus Spanien oder Italien. Sehr viele versuchen durch den Nachweis der Geburtsurkunden der Grosseltern die spanische oder italienische Staatsbuergerschaft zu bekommen, um ungehindert "ins gelobte Land" Europa zu Reisen oder arbeiten zu koennen... von Argentiniern sagt man, dass sie staendig nach Europa schielen, dass das grosse Vorbild ist, und sie sich aufgrund ihrer Vorfahren gegenueber dem "Rest" Suedamerikas als etwas besseres fuehlen. Peruaner und Bolivianer werden regelrecht diskriminiert, aehnlich dem deutschen Stil gegenueber den Polen und Tuerken. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass den Argentiniern nachgesagt wird, dass sie versnobt und arrogant seien. Wobei hier nochmal ein klarer Unterschied zwischen den "Porteños" (die Einwohner Buenos Aires) und dem Rest Argentiniens gemacht werden muss. Aufgrund einer sehr zentralistischen Politik fliesst alles Geld und alle Macht in die Hauptstadt und der Rest des Landes wird regelrecht vernachlaessigt. Dementsprechend gut geht es Buenos Aires im Vergleich zu den anderen Provinzen. Und dieser Umstand spiegelt sich vor allem in der gegenseitigen Abneigung wieder.

Interessant ist auch, dass sosehr Europa im Allgemeinen verehrt wird, sosehr werden die Englaender und Nordamerikaner (Yankees) verachtet. Die Englaender aufgrund des Krieges um die Falklandinseln in den 80er Jahren und die Amerikaner aufgrund des "imperialistischen Einflusses" ... man sagt hier, dass Argentinien unter anderem noch deshalb ein "Dritte Welt Land" ist, weil sich die Regierung an die USA verkauft und dominieren laesst, obwohl es von den natuerlichen Ressourcen eigentlich das Zeut haette, sich selbststaendig viel weiter nach oben zu arbeiten.... dieses Thema reicht aber schon wieder sehr weit in den Bereich Politik, Wirtschaft, internationale Beziehungen und vor allem Korruption hinein, wovon ich leider sehr wenig Ahnung habe.

Ich hoffe ein moeglichst authentisches Bild gezeichnet zu haben. Fuer mich haben die Bewohner dieses Landes sehr viel positive und liebenswerte Seiten, nicht zuletzt die Freundlichkeit und Offenheit, dennoch ist nicht alles Gold was glaenzt. Und wirklich gut finde ich, dass alle negativen Seiten, die ich aufgezeigt habe, dem Selbstbild der Argentinier entspricht. Ich habe mit vielen geredet, die sich der Eigenheiten ihres Volkes sehr bewusst sind... Machismo, Oberflaechlichkeit, Luegen, Unverbindlichkeit. Wie schnell wird man zu etwas eingeladen, was dann aber am Ende doch nie realisiert wird!
Aber immer wieder wurde ich gefragt, ob wir in Europa nicht alle viel kaelter seien als hier in Suedamerika - denn wenn man auf etwas hier stolz ist, dann ist das die Geselligkeit und Kontaktfreudigkeit.
Ich habe dann immer versucht zu erklaeren, dass man das so nicht verallgemeinern kann. Ich stimme zu, dass man in Deutschland beispielsweise viel schwerfaelliger auf neue und fremde Menschen zugeht, aber das Verhaeltnis unter Freunden und in der Familie genau dem argentinischen gleicht.
Ich finde es sehr wichtig diese Unterscheidung zu machen, da viele Deutsche dazu neigen diese sogenannte Verschlossenheit anzuprangern. Fuer mich ist das nicht so - seitdem ich hier bin, merke ich, dass es fuer mich viel wichtiger ist gute Freundschaften und Rueckhalt zu haben, als von aller (unbekannter) Welt auf der Strasse gegruesst zu werden.

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Kommentare

  1. Betrifft den Beitrag zu den Argentiniern im Allgemeinen und Speziellen von (Anonymous)

    Das Wort zum Sonntag, Amen. Gut beobachtet und interessant aufgeschrieben. Da sieht man die Parallelen zu Spanien... Frohes Neues und dass du weiter mit offenen Augen durch die Welt faehrst! LG aus Sevilla, Dagmar

  2. Hierzu einen Witz... von (miyake)

    ...der liebe Gott hat Südamerika geschaffen, und alle Völker außerhalb Argentiniens, also die Bolivianer, Peruaner, Paraguayos usw. beschweren sich bei ihm: "Du hast Argentinien alles gegeben, und uns nur wenig: dort gibt es weites, fruchtbares Land, Bodenschätze, Wasser, liebliche Landschaften...alles, was man braucht für ein gutes und sorgenfreies Leben." "Ja", sagter der liebe Gott, "aber ich gab ihnen auch den Argentinier!" Daraufhin waren alle still.

  3. nicht 100 % von (Anonymous)

    Hallo, Dorit

    schön hast du ge- und beschrieben. Ich möcht dir nur sagen, dass nicht 100% der Argentinier ehemalige Einwanderer sind. Es gibt auch noch heute viele Indios, die die Ausrottung überlebt haben. Sie sind z.B in Salta, Chaco, am Rande der Zivilisation und vom Aussterben bedroht

    es gibt auch immer mehr Leute, die nicht als Menschen betrachtet werden, die Armen in den Armenviertel, "villas miseria", die als geborene Kriminele abgestempelt werden. Erstmals wurden sie geschaffen, indem man ihre Arbeitsstellen verschwinden lies. Jetzt will man sie alle töten

    unsere "europäische" Bevölkerung geht leider in einer sehr gefährliche Richtung

    viele Grüße

    José (aus Argentinien)