Kuestenwanderung
22:50, 22.02.2008. Von Dorette"Und ich dachte ich muss neben Huehnern auf der Holzbank sitzen" ...
... vor einer Woche nun schon wieder habe ich mich mit Julia in Santiago de Chile getroffen und aehnlich wie ich vor 6 Monaten war sie sehr ueberrascht, wie modern hier doch alles ist und, dass die typischen Klischees, die wohl jeder so in seinem Kopf hat, auf den ersten Blick gar nicht so zutreffen.
So gibt es ein U-Bahn-System, ungefaehr 40 Starbucks-Cafês (fuer Insider ;), Glas-Hochhaeuser aehnlich wie am Potsdamer Platz in Berlin, riesige Supermarktketten, die alles bei uns an Groesse in den Schatten stellen - und vieles mehr, was das Leben sonst noch so angenehm macht.
Tatsaechlich ist Chile neben Brasilien mit das wohlhabendsde Land in Suedamerika, was den staatlichen Finanzhaushalt anbelangt. Dementsprechend sind die Preise auch ungefaehr doppelt so hoch wie in Argentinien. Aber das alles kann dennoch nicht darueber hinweg taeuschen, das auch hier Armut existiert, vor allem unter dem indigenen Anteil der Bevoelkerung. Diese Armut kann man natuerlich im Stadtzentrum der Hauptstadt nicht so direkt sehen, aber dennoch trifft man alle Nase lang auf bettelnde Menschen, und auch nicht selten Kinder... ich finde es ein Dilemma, wie man am besten damit umgehen soll. Denn gibt man einem Kind was, kommen noch zehn andere. Und vor allem ist klar, dass hinter der naechsten Ecke die Eltern warten und das Geld einkassieren... das Totschlagargument ist dann meist sinngemaess: "Du kommst doch aus einem reichen Land, also solltest du mir jetzt auch was geben!" ... was kann man da noch erwiedern?
Das sind dann die Momente, wo man doch wieder merkt, nicht in Europa zu sein, trotz aller modernen Fassaden des taeglichen Lebens...
Santiago als Stadt hat uns total gut gefallen. Man kann auf zwei Berge, die mitten in der Stadt stehen, mit der Seilbahn hochfahren bzw. hochlaufen und hat einen beeindruckenden Blick ueber ein Meer aus Haeusern bis zum Horizont und den Anden... fuer alle, die Athen kennen - so muesst ihr es euch vorstellen! Und ansonsten fand ich den Mix aus herrschaftlichen Haeusern aus der spanischen Kolonialzeit, neben Bunkern aus der langen Zeit der Militaerdiktatur unter Pinochet und eben den hochmodernen Hochhaeusern wirklich sehr interessant und verleiht der Stadt irgendwie einen ganz eigenen Charme!
Aber nach einem Tag hat man eigentlich schon das wichtigste gesehen, und so sind wir letzten Samstag zwei Stunden nach Valparaiso, der Hafenstadt von Santiago, weitergefahren. Dort erwarteten uns unglaublich viele Hunde auf eher schmutzigen Strassen - aber das wirklich besondere an dieser Stadt ist, dass sie quasi auf vielen Haengen gebaut ist. Die Strassen gehen meist ziemlich steil nach oben, und so gibt es 40 Zahnradbahnen, von denen aber nur noch 15 in Betrieb sind... und diesen sieht man ihr Alter auch schon an! Meist besteht die Fahrkabine aus nicht viel mehr als 4 Bretterwaenden mit Schlitzen im Boden zum schoen in die Tiefe gucken! Auf den ersten Blick nicht wirklich vertrauenserweckend! Aber einmal oben angekommen, kann man von fast ueberall einen schoenen Blick ueber den ganzen Hafen und die Bucht, sowie ganz viele bunte kleine Haueschen werfen! Sehr suess irgendwie!
Und da alle suedamerikanischen Staedte ganz gern in die Breite wachsen, kann man eigentlich auch gar nicht mehr den Uebergang zur naechsten Stadt Viña del Mar ausmachen, was uebrigens die Topadresse fuer alle Chilenen zum Strandurlaub ist ... hoerte sich irgendwie gut an, also haben wir auch mal einen Abstecher dahin gemacht! Aber wie enttaeuschend! Parallel zum Strand ist echt alles zugebaut mit superhaesslichen Hochhauesern, was aber noch nicht mal Hotels sind ... und der gesamte Strand voll mit Menschen, die sich quasi stapelten! ... der Sinn fuer das Asthetische scheint den Chilenen echt voellig abzugehen - wuerde man nur 20 km weiter fahren, haette man eine ganze Bucht fuer sich alleine!
Aber um ehrlich zu sein, sind die Leute hier schon ganz schoen bequm ... in einem anderen Ort haben wir sogar gesehen, wie die Leute mit ihrem Auto direkt auf den Sandstrand fahren und es sich im Schatten ihrer Blechbuechse bequem machen! Direkte Folgeerscheinung der Bewegungsunlust: der Grossteil der Bevoelkerung inklusive der Kinder ist nicht wirklich wohlgeformt....
Naja und da wir also in Viña del Mar nicht das echte Pazifikfeeling geniessen konnten, haben wir auf unserem Weg nach Norden eine weitere Zwischenstation in La Serena gemacht, die laut Reisefuherer die zweitaelteste Stadt Chiles ist, aus dem 16. Jahrhundert. Und auch hier waren wir aber erstmal bei der Ankunft geschockt, da wieder weit und breit nur neue Haueser zu sehen waren ... und sich gleich in der Naehe unserer Unterkunft ein riesiger Einkaufsmarkt, Format "Elbepark" in Dresden, befand! Aber am naechsten Tag haben wir dann doch noch das historische Stadtzentrum gefunden, mit einigen Kirchen und Kloestern, und wiederum interessanter Architektur aus der Kolonialzeit ... ach aber, da ja hier nichts ohne Stilbruch geht, befand sich gleich neben dem historischen Kern ein Park im japanischen Stil mit allen dazugehoerigen Klischees!
Und hier in La Serena haben wir dann auch endlich mehr oder weniger unberuehrten Strand gefunden, endlos weit und breit und mit einer faszinierenden Brandung und sehr hohen Wellen!!!
Leider fliesst ja an der chilenischen Kueste der kalte Humboldtstrom entlang, sodass es bis Mittags immer neblig und wolkenverhangen ist und das Wasser nicht wirklich zum Reinspringen einlaedt! Aber einmal hab ich mich dann doch noch getraut ... allerdings sollte man sich nicht wirklich weit hineinwagen, da man schnell von der Kraft der Wellen unter Wasser gespuelt wird und es dann nicht schlecht ist, Boden unter den Fuessen zu haben!
Tja und nach einer weiteren insgesamt 18 Stunden Busfahrt durch die Steinwueste sind wir gestern in San Pedro de Atacama angekommen... wir konnten uns eigentlich gar nicht vorstellen, wo in so einer Einoede Menschen leben sollen, aber ploetzlich tauchte eine gruene "Oase" auf... soll heissen mitten in der Wueste stehen ploetzlich Baeume. Das Dorf selbst ist mehr oder weniger nur fuer Touristen gemacht, aber dennoch den Gegebenheiten gut angepasst. Entlang einiger weniger erdiger Strassen (nix hier mit Asphalt) stehen ganz viele rotbraune Lehm- bzw. Steinhaueser... in denen sich allerdings ein Restaurant bzw. Tourenanbieter neben dem anderen befindet.
Und auch wir werden von hier aus eine gefuehrte Tour starten. Morgen frueh gehts los mit dem Jeep Richtung Bolivien... in insgesamt vier Tagen werden wir auf circa 2500 - 4500 Metern Hoehe vorbei an Lagunen und Geysieren bis zur "Salar de Uyuni" und wieder zurueck fahren... ein riesiger jahrtausendealter Salzsee, den man normalerweise komplett mit dem Auto ueberqueren kann, wenn nicht gerade Regenzeit ist, so wie jetzt! Aber besser als nichts, denn ich habe einige Leute getroffen, die meinten, dass das mit das Beeindruckendste war, was sie in Suedamerika gesehen haben!
Also sind wir sehr gespannt, was uns erwarten wird! ... und ich glaube auf diesem Trip werden unsere Vorstellungen vom "wirklichen Suedamerika" mehr als erfuellt werden!