Alles hat ein Ende...
19:40, 12.03.2008. Von Dorette... ganz schoen faul war ich in den letzten zwei Wochen mit Schreiben gewesen, deshalb will ich euch jetzt mal wieder auf den Stand bringen - dies wird mein vorerst letzter Blog über Südamerika - denn tataaa ich bin schon wieder in Europa, um genau zu sein bei Martin in Salamanca :-)
Aber der Reihe nach: stehen geblieben im Erzählen bin ich ja bei der unschoenen Episode des unfrischen Obst essens ... leider hat das Jule doch etwas mehr mitgenommen als mich und so konnte sie auch nicht mit das "Valle de la Luna" in der Atacamwueste besuchen, was mal wieder einzigartig fremdartig war - sprich das sieht man so wohl selten auf der Welt... Eine Landschaft gepraegt von unendlich zerkluefteten Felskratern, sowie Sandduenen (von denen sich die sogenannten Sandborder in die Tiefe stuerzen). Hoehepunkt dieses Nachmittags war der Sonnenuntergang hoch oben auf der Duene... mit einem beeindruckenden Farb- und Schattenspiel über den Bergen.
Den Tag darauf, Freitag vor anderthalb Wochen, haben wir uns dann mal wieder in den Bus gesetzt - diesmal um die Anden zurueck nach Argentinien zu ueberqueren... die Reise war spektakulär, wenn auch leider gezeichnet von zwei hoehenkranken Frauen, die ueber laengere Zeit mit der Sauerstoffmaske versorgt werden mussten und die eine davon (ein schon ziemlich alte Omi) sogar kurzzeitig im Krankenhaus irgendwo im Nirgendwo behandelt wurde.
So kamen wir dann mit einiger Verspaetung in Jujuy, im Norden von Argentiniens an - dort hat uns Ana, eine Mitpraktikantin aus meiner Essstoerungsklinik, in Empfang genommen und bei ihrer Familie konnten wir dann vier Tage wohnen und so die argentinische Lebensart noch besser kennen lernen!
Nachdem ich vorher soviel davon gehoert hatte, wie arm der von indigener Bevoelkerung gepraegte Norden ist, waren wir sehr ueberrascht, als wir uns mehr oder weniger in einem Villenviertel wiederfanden... und unser Quartier in einem antik eingerichteten Haus mit Vorgarten, Pool, 4 Hunden und einer Hausfrau bestand - soweit kann man es in Argentinien als Rinderzuechter bringen!
Die naechsten Tage wurden wir dann voll mit in das Familienleben eingebunden. So durften wir die absolut idyllisch gelegene Viehweide kennen lernen, wo die Rinder gerade durch durch die Säuberungsanlage getrieben wurden - ein Schauspiel ein bisschen wie im Film ... aber jetzt weiss ich auch, warum das Fleisch hier definitiv mehr Geschmack hat - weil die Kuehe hier leben wie in der Milka-Werbung - auf saftigen grünen Wiesen unterm Sternenhimmel :-)
Und wie zwei echte Gaucho-Mädels haben wir uns dann auch noch die zwei Pferde geschnappt und sind einmal über die Koppel geritten bzw. um genau zu sein - die Pferde sind mit uns ausgeritten ... Jule war nicht wirklich begeistert von ihrem ersten Kontakt mit dem argentinischen Vierbeiner - genauso dominant wie die Männer hier!
An diesem Abend sowie am nächsten Mittag wurden wir auch gleich mit zu den Familienessen mitgenommen, wobei die Kommunikation ziemlich witzig ablief... Da Jule bis auf ein paar elementare Brocken wie "Estoy completa (Ich bin satt)" oder "No quiero (Ich will nicht)" nicht wirklich Spanisch spricht, habe ich immer alles lieb übersetzt und Jule musste sich darauf beschränken ihre Mimik und Gestik zu trainieren! Besonders typisch argentinisch war übrigens auch, dass das Essen eigentlich immer fast oder ganz fertig besorgt wird... Hühnchen und Kartoffelecken fertig gegrillt oder Steak-Sandwich, aber immerhin wurde für die Pizza und die Empanadas nur der Boden gekauft und der Rest dann selbst belegt... ich muss schon sagen, mit der kulinarischen Vielfältigkeit haben sie es hier nicht ganz so - nur im Steak grillen sind sie unschlagbar!
Die restlichen zwei Tage konnten wir uns von der Family ein bisschen loseisen und so haben wir mit Ana zusammen neben dem Nachtleben die Umgebung erkundet ... die heissen "Termas del Rey" in einem regenwaldähnlichem Tal, dass gleich neben einer Schlucht mit komplett konträrer, nämlich gar keiner Vegetation liegt... in dem einem Tal regnet es fast jeden Tag, in dem anderen Tal machen die Wolken am Beginn der Schlucht halt... eine Traumgegend für jeden Meterologen schätze ich mal! Diese zweite Schlucht haben wir dann am letzten Tag auch auf eigene Faust besucht - und das beeindruckendste war hier eigentlich die Vielfarbigkeit der Berge - in horizontalen Schichten wechseln sich die Farben von dunkelviolett über ziegelrot zu sandsteinfarben ab!
Die nächsten Tage haben wir etwas weiter südlich in der Provinz von Salta verbracht. Dort haben wir uns einen schicken quasi ungefahrenen Chevrolett gemietet und sind damit in drei Tagen 600 km durch die Berge und Schluchten im wahrsten Sinne des Wortes gekurvt, mit Mando Diao in der Endlosschleife! Am ersten Tag sind wir bis in das Weintal von Cafayate gefahren und auf dem Weg dahin hat mich besonders das sogenannte "Anfiteatro" begeistert. Eine kreisförmige natürliche Höhle, circa 50 Meter nach oben offen und 20 Meter im Durchmesser. Hier sass ein Folkloresänger mit seiner Gitarre und hat aufgrund der unglaublichen Akustik eine Atmosphäre wie in einer Konzerthalle erzeugt... Gänsehautfeeling pur!
Am nächsten Vormittag haben wir uns bei einem der vielen Weingüter durchgekostet - seeehr lecker, besonders der weisse - also wenn ihr argentinischen Wein im Regal seht - ist empfehlenswert! ;-)
Weiterer Programmpunkt waren die Ruinen von Quilmes ... kleiner interessanter historischer Exkurs: vor circa 350 Jahren wurde der letzte Indianerstamm dieser Region nach erbittertem Widerstand und Niederlage gegen die Spanier in die Provinz Buenos Aires "verpflanzt", um dort als billige Arbeitskräfte zu dienen. Seither verfiel die Befestigungsanlage und wurde in den letzten 10 Jahren von einem Hotelbetreiber touristisch vermarktet. Das Volk zerstreute sich in alle Winde, hat aber den Widerstand nie aufgegeben. Seit letzten November besetzten einige Nachkommen dieses Indianerstammes die Ruinen mehr oder weniger friedlich mit dem Erfolg, dass der Hotelbesitzer sich zurückgezogen hat und die Provinzregierung zumindest vorläufig dem rechtmässigen Eigentümern das Land überlassen hat. So haben seitdem die Besucher das Glück die Geschichte dieses archaeologisch sehr interessanten Ortes von echten Ureinwohnern erzählt zu bekommen.
... aber auch hier mussten wir uns irgendwann wieder loslösen, denn wir hatten noch ein hartes Stück Weg vor uns - 150 km haben wir uns im wahrsten Sinnes des Wortes über eine absolut miese Steinpiste bis zum "Etappenziel" des zweiten Tages, Cachi genannt, durckgekämpft - inklusive Auto von hinten durch den Schlamm schieben und geplatztem Reifen... auch wenn Jule der Meinung war, "Selbst ist die Frau", war ich schon echt froh, dass gerade in diesem Moment zwei Autos mit kräftigem Männern ;) auf der sonst so verlassenen Strasse vorbeikamen!
Am dritten und letzten Tag meinte es das Wetter leider nicht ganz so gut mit uns... durch dicken Nebel haben wir uns die Serpentinenstrasse von ca. 3000 auf 1000 m hinuntergeschraubt, was uns aber vielleicht auch vor manch schwindelerregendem Blick in die Tiefe bewahrt hat!
So kamen wir mit einem nicht mehr ganz so glänzendem Chevrolet wieder gesund in Salta an und haben den letzten Tag meiner fast 10wöchigen Reise quer durch Argentinien, Chile und Boliven in einer Kneipe bei lecker Essen ausklingen lassen, bevor es per Nachtbus wieder in mein geliebtes Córdoba zurückging!
Hier war ich dann ziemlich damit beschäftigt alle meine sieben Sachen zusammenzusuchen, zu packen und natürlich Abschied zu nehmen...
So bin ich mit Jule noch mal in die Sierras gefahren: einen Tag Asado essen (auch grillen genannt ;) bei Carlos, einem meiner Tandempartner und einen anderen Tag sind wir nach Candonga gefahren - der Ort wo ich vor fünf Monaten meine Liebe zum Reiten (neu)entdeckt habe!
Ansonsten habe ich die Nächte damit zugebracht meine letzten Tangos zu tanzen (während sich Jule in guter Gesellschaft unserer drei verrückten Zimmergenossen des Hostels befand ;) - und worüber ich mich echt ganz besonders gefreut hatte war, dass die Leute meiner Mittwochstangoklasse eine kleine Abschiedsparty für mich organisiert haben... inklusive Vortanzen vor allen - sozusagen die ultimative Probe, ob ich was gelernt hab in all der Zeit... jetzt bin also lizensiert den argentinischen Tango in Deutschland zu promoten ;-))))
Tja und nun ist es vorbei... drei Jahre hab ich davon geträumt, sechs Monate habe ich diesen Traum gelebt und jetzt ist er (vorerst) vorbei... Was bleibt sind unvergessliche Eindrücke... von diesen besonders herzlichen und offenen Menschen, den Machos, den Gauchos, den Pferden, dem Tango, dem Mate, dem Asado... eben alles was diese Einwanderkultur letzten Endes doch zu einer ganz eigenen Kultur macht.
Und von der Landschaft brauche ich gar nicht erst zu reden... wer meinen Blog aufmerksam verfolgt hat, der hat vielleicht bemerkt, dass ich eigentlich nur geschwärmt habe, von allem, was ich hier so gesehen habe - und ich freue mich schon wirklich sehr euch eine Auswahl meiner circa 4000 Fotos zu zeigen!
Und auch wenn das Praktikum nicht ganz das war, was ich mir erhofft hatte, so denke ich doch, mich während dieser Zeit persönlich unglaublich weiterentwickelt zu haben ... ich gelernt habe Dinge so zu nehmen, wie sie kommen und dann versuchen das Beste daraus zu machen. Eine gewisse Besonnenheit und Gelassenheit ist das, was ich schon lange gesucht habe, und glaube jetzt endlich gefunden zu haben... ich denke besonders meine alltäglichen Lebensgefährten werden sich sehr darüber freuen! :-)