
Am Montag, den 17. April, kurz vor Mittag, ueberquerte ich die Grenze nach Ecuador. Dem vorangegangen war tags zuvor eine 6-stuendige Busreise von Trujillo nach Piura in Peru. Hier uebernachtete ich in einem ziemlich abgetakelten Hotel, wo ich erst einmal die Ameisen aus dem Bett schuetteln musste, aber der Fernseher im Zimmer hatte Kabelanschluss, so dass ich Deutsche Welle sehen konnte: eine Talkshow ueber Mindestlohn, Rentenluecke und die sich immer mehr oeffnende Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland; ein Wunder, dass ich ueberhaupt schlafen konnte. Am naechsten Tag machte ich mich unverzueglich auf den Weg in Richtung Grenze. Zuerst eine Stunde per Bus, dann musste ich zusehen, ob ich ein taxi-colectivo finde, das mich die verbleibenden 100 km weiterbrachte. Hierzu nahm ich ein Mototaxi, eine Art motorisierte Rikscha, und der Typ, der mich fuer einen Sol zu der Stelle bringen wollte, wo die taxi-colectivos abfahren, fuhr natuerlich dahin, wo keine Taxis standen, sondern meinte, dass die wohl den Standort an eine andere Strasse verlegt haben, zu der er mich nun fahren wuerde. Dort angekommen, wollte er 3 Sol fuer seinen Service haben, was mich zu einem Wutanfall animierte, der es in sich hatte. So schnell habe ich noch kein Mototaxi davonfahren sehen. Typisch Peru, und ich hatte es jetzt einfach satt gehabt, dass sie immer wieder probieren, einen ueber den Tisch zu ziehen. Darueber wird noch an anderer Stelle zu sprechen sein.
Zum Glueck fand ich recht schnell eine Mitfahrgelegenheit zur Grenze, die ich dann in bruetender Mittagshitze ueberschritt. Bis zum naechsten Ort Macara waren es noch 3 km zu Fuss, aber ein Pickup pickte mich auf und setzte mich im Zentrum ab, wo gerade die Rolllaeden heruntergelassen wurden - Siesta. Gut, dass gleich ein Bus nach Loja fuhr, der naechstgroesseren Stadt auf dem Weg in den Norden. Dort kam ich dann am Abend an und hatte zum ersten Mal Zeit und Gelegenheit, mir einen Flecken Ecuador in Ruhe anzuschauen.
Und ich bin ueberaus angenehm ueberrascht. Die Stadt wirkt gepflegt, es gibt kaum oder keinen herumliegenden und stinkenden Muell wie in Peru oder Bolivien, die Menschen sind eleganter gekleidet und - das muss man neidlos anerkennen - sehr schoen anzusehen, die Autos sind nicht so demoliert und man faehrt wesentlich langsamer, so dass man die Strassen durchaus entspannt ueberqueren kann. Was weiss ich denn ueber Ecuador? Quito, Guayaquil, Galapagos-Inseln, Bananen und dass deren Fussballnationalmannschaft bei der WM 2006 gegen Deutschland verloren hat. Ansonsten blieb mir nur noch eine Anektode im Kopf, bei der es um einen Aufkleber geht, den ich mal an einem Laterenmast in der Dresdner Neustadt gesehen hatte und auf dem irgendeine linke Splitterorganisation, wahrscheinlich noch linker als die MLPD, die sofortige Einfuehrung des Sozialismus in Deutschland forderte, und zwar den Sozialismus, wie er in Ecuador verwirklicht sein soll. Das ist mir bisher voellig entgangen, dass in Ecuador Sozialismus herrscht, aber ich kann dem ja in den kommenden Tagen auf den Grund gehen. Auf jeden Fall steht die Wirtschaft Ecuadors besser da als die seiner Nachbarlaender. Viele Peruaner und Kolombianer suchen ihre Arbeit hier, aber die Ecuadorianer selbst suchen ebenfalls Arbeit im Ausland, besonders in Spanien. Nach den Marokkanern und den Rumaenen stellen sie dort das drittgroesste Kontingent an auslaendischen Arbeitskraeften.
Eine weitere Besonderheit hier ist die Waehrung: im Jahr 2000 fand die sogenannte "Dollarisation" statt, um der Hyperinflation des einheimischen Sucre Einhalt zu gebieten. Das bedeutet, der ecuadorianische Sucre wurde abgeschafft und der US-Dollar als gueltige Waehrung eingefuehrt. Es sind zwar noch ecuadorianische Muenzen im Umlauf, aber ansonsten zahlt man hier mit Greenbacks wie in den Vereinigten Staaten.
Gestern, am Dienstag (18.04.) fuhr ich fruehmorgens mit den Bus weiter nach Norden, in eine Stadt namens Cuenca. Das Busfahren macht hier leider ueberhaupt keinen Spass, denn die Strassen sind in einem katastrophalen Zustand. Nach einem kurzen Stueck ebener Strecke folgen eine Buckelpiste mit tiefen Schlagloechern und aufgeworfenem Asphalt, der den Bus kraeftig nach allen Seiten schaukeln laesst. Hier schlug es mir zum ersten Mal auf meiner gesamten Reise kraeftig auf den Magen. Cuenca hingegen ist eine wunderschoene Stadt, die schoenste des Landes, wie man sagt. Sie erinnert mich sehr an Cusco in Peru, und ich bin gestern bis tief in die Nacht durch die Strassen gelaufen, um diese Stadt zu bewundern.
Heute morgen wieder per Bus ueber Holperpisten, die mir nun wirklich echt zum Halse raushaengen, bis nach Alausi, wo ich nachschauen wollte, ob die Eisenbahnstrecke Guayaquil - Riobamba wieder befahren wird. Gemaess meinem Reisefuehrer von 2001 wurde der Verkehr auf dieser Strecke eingestellt. Was mich an dieser Strecke faszinierte, war die Moeglichkeit, auf dem Dach der Waggons mitfahren zu koennen. "Roof-riding" war ausdruecklich erlaubt und keine Masche, um mit einen hoffnungslos ueberfuellten Zug reisen zu koennen. Aber Pech fuer mich - immer noch kein Personenverkehr, lediglich eine Art Schienenbus, der sonntags ab Alausi die Touristen fuer knapp 2 Stunden auf einem Reststueck der Strecke herumfaehrt. Auch hier kann man auf dem Dach mitfahren, nur dass dort so eine Art Perron mit Sitzen eingerichtet wurde. Fehlen bloss noch die Sicherheitsgurte - nee, das ist nix fuer mich!
Also gleich weiter nach Riobamba, und ich hatte Glueck, dass mich ein Paerchen in ihrem Auto mitnahm. Per Anhalter kann man also auch reisen in diesem Lande. Die Landschaft, die ich in den vergangenen Tagen durchfuhr, ist aussergewoehnlich gruen und huegelig und erinnert eher an eine europaeische Mittelgebirgslandschaft, als an die Tropen, hier kurz vor dem Aequator. Oft haengen die Wolken wie eine weisse Suppe so tief in den Taelern, dass man auf den Strassen kaum 50 Meter weit schauen kann. Das Wetter ist mild, hoechstens 20-25 º C, nachts ist es sogar sehr kuehl mit teilweise weniger als 10 º C - also sehr angenehme Reisebedingungen fuer mich.
Jetzt bin ich also in Riobamba, und in unmittelbarer Naehe befinden sich eine Menge Vulkane, von denen einige noch aktiv sind. Der Chimborazo oder Cotopaxi duerfte fuer einige ein Begriff sein. Wenn ich morgen oder uebermorgen weiter nach Norden reise, dann erfolgt diese Fahrt entlang der sogenannten "Avenue der Vulkane", die zu beiden Seiten der "Panamericana" ihre schneebedeckten Gipfel in den Himmel ragen. Ich hoffe, das Wetter ist klar genug, um diese majestaetische Pracht sehen und bestaunen zu duerfen.
Wie gehts weiter? Na ja, ich habe eine Deadline, und die besagt, dass ich spaetestens am 30. April wieder in Lima sein muss. Ich habe heute nach einer Flugmoeglichkeit von Quito nach Lima gesucht, aber 500 US-Dollar sind mir dafuer zu happig. Ich muss in Quito sehen, ob ich einen Direktbus bekomme. Somit habe ich also nur noch hoechstens 10 Tage, um Ecuador zu durchqueren, was angesichts der Groesse des Landes (etwas kleiner als Deutschland) kein Problem sein duerfte, nur habe ich leider nicht mehr die Zeit fuer laengere Aufenthalte an Orten, die mir gefallen, oder fuer mehrtaegige Exkursionen nach irgendwo ins Hinterland oder auf hohe Berge. Bis zum Ende meiner Reise sind es von nun an nur noch weniger als 50 Tage :-(