Wieder in Córdoba

12:01, 27 May 2008. Von miyake

Nach Abschluss der Konstruktion mit Un Techo Para Mi País am 25. Mai hatte ich es eilig. Ich hatte bereits eine Fahrkarte für einen Bus nach Córdoba und musste zusehen, dass ich möglichst schnell nach Buenos Aires downtown kam, um meine Klamotten zu wechseln, zu duschen und dann zum Busterminal zu gelangen, um den allerletzten Bus nach Córdoba zu erreichen. Das klappte glücklicherweise, und so bin ich jetzt wieder in der Stadt, in der ich zwischen September und November 2007 für drei Monate lebte und arbeitete. Ich will hier noch mal „hallo & tschüss“ sagen, noch eine Abschiedsrunde drehen, Freunde besuchen usw. usf. Dies sind die letzten Tage meiner langen Reise, und ab jetzt will ich nur noch genießen.

Mittlerweile ist es Herbst geworden, was ich in Bolivien und Peru gar nicht so bemerkt hatte, denn dort ist das Wetter mehr oder weniger zu allen Jahreszeiten gleich. Schon bei Ankunft in Buenos Aires fiel mir auf, dass die Bäume ein goldgelbes Blätterkleid besitzen oder gar ihr Laub verloren haben, es ist noch wunderbar warm draußen, aber des Morgens weht einem eine kleine Dampffahne aus dem Gesicht. Ich finde es herrlich, denn nach all der langen Zeit der Reise durch trockene und heiße Gegenden wieder mitteleuropäisches Klima genießen zu können.

Bis Freitag bin ich noch hier in der Stadt, und ich habe schon jetzt einen fast vollen „Terminkalender“ für diese Tage. Wiedersehen nach so langer Zeit macht wirklich Freude!

Construcción mit Un Techo Para Mi País – meine Dritte

11:56, 27 May 2008. Von miyake

 

25. Mai, Nationalfeiertag, langes Wochenende – es gibt kaum einen idealeren Zeitpunkt für Un Techo Para Mi País, um Freiwillige für den Bau von Häusern in den Elendsvierteln zu mobilisieren. Dies ist die erste Aktion des Jahres in Buenos Aires, 50 Häuser sollen errichtet werden, und dafür wurden 500 Freiwillige gesucht. Anmelden konnte man sich über das Internet, und es gab einen regelrechten Ansturm. Innerhalb eines einzigen Tages meldeten sich mehr als 500 junge Leute, womit das Kontingent voll war. Ich hatte zum Beispiel keine Chance, mich auf offiziellem Wege anzumelden, sondern musste meine guten Beziehungen zu Córdoba nutzen, die eine Truppe zur Unterstützung schickten, um unter deren Flagge an der Aktion teilnehmen zu können. Dieser Ansturm hat mich total überrascht, denn bei allen Konstruktionen zuvor kamen zwar auch genügend Freiwillige, aber nie so viele mit einem Male.

 

So traf ich mich also mit meinen Freunden aus Córdoba am Morgen des 23. Mai auf dem Busterminal in Retiro, und es gab ein riesiges Hallo. Fast alle waren gekommen, mit denen ich drei Monate in Córdoba zusammenarbeite. Ein halbes Jahr haben wir uns nicht gesehen, und entsprechend viel gab es zu erzählen. Am Spätnachmittag traf ich dann noch viele Bekannte aus Buenos Aires wieder, die an der Oktober-Konstruktion teilgenommen haben. Von den Meisten hatte ich schon die Namen vergessen, aber deren Gesichter waren mit noch präsent. Da waren wir also alle wieder zusammen!

 

Dieses Mal sollte die Konstruktion in einem Viertel stattfinden, dessen Name „Nicole“ lautet, was von deren Bewohner sarkastisch mit „Ni colectivo, ni colegio“ übersetzt wird: „Weder Bus noch Schule“. 750 Familien leben dort, der Boden ist durch Müll kontaminiert (hier „lagern“ unter der Erde ca. 64.000 Tonnen Abfälle), Krankheiten weit verbreitet (Leukämie, genetische Deformationen, Wachstumsverzögerungen und sogar ein Fall des Wolf-Syndroms) und die Arbeitsmöglichkeiten schlecht bis nicht vorhanden. Die meisten arbeiten als „cartoneros“, also als Altpapier- und Kartonsammler.

 

Die Konstruktion sollte dieses Mal nur 2 Tage dauern, also einen Tag weniger als meine beiden anderen Konstruktionen im Vorjahr. Ich hielt das für verdammt wenig Zeit, aber man sagte mir, dass bis auf die eben genannten Aktionen die Häuser schon seit jeher an zwei Tagen aufgebaut wurden. Da müssen wir uns also ranhalten. Verteilt wurden die 500 Freiwilligen auf verschiedene Schulen in der näheren Umgebung von Nicole. Von dort aus erfolgte auch die gesamte logistische Unterstützung der Konstruktion (Werkzeugausgabe, Materialanlieferung etc.). Ich war in der Escuela Rosa untergebracht.

 

Die Hausordnung zu befolgen fiel uns nicht schwer, denn zu ersterem fehlte uns an den Abenden die Kraft, für das dritte die Gelegenheit und das zweite verbot sich von selbst.

 

 

Also zogen wir los am Morgen des 24. Mai 2008, um „Geschichte zu schreiben“, wie es Un Techo  - für uns Mitteleuropäer immer ein wenig pathetisch – formuliert. Aber es ist so, denn in Argentinien leiden 20% der Kinder an Unterernährung (es gab sogar 8 Todesfälle), sind die Hälfte der Kinder und Jugendlichen bis 14 Jahre arm und 7% der 5- bis 13-jährigen im Lande müssen arbeiten, um ihre Familien zu unterstützen.

 

Unsere Familie ist eine kleine Familie und besteht aus Roberto Carrizo (35 Jahre, Anstreicher), seiner Frau Natalia (21 J.) und den beiden Töchtern Erika (3) und Morena (7 Monate). Sie kommen dank der Arbeit Robertos so einigermaßen über die Runden, aber ihre bescheiden Behausung verrät, dass sie mehr von der Hand in den Mund leben und die Zukunft unsicher ist.

 

 

Los gingen die Arbeiten also mit dem Versenken der Fundamentpfähle in den Boden. Dies ging erstaunlich zügig vonstatten. Hatten wir während der anderen Konstruktionen anderthalb Tage benötigt, um die Erde auszuheben, die Pfähle einzusetzen und zu nivellieren, so brauchten wir jetzt gerade mal einen halben Tag. Vielleicht war es ja die Erfahrung, denn die meisten unserer Truppe haben schon an mindestens einer Konstruktion teilgenommen.

 

 

Dann wurden die Bodenplatten angeliefert, aufgesetzt und vernagelt. Hier zeigt sich immer, ob das Fundament ordentlich nivelliert wurde, wobei aber alle Nivellierei auf +/- 0 wenig Sinn hat, wenn die Bodenplatten verzogen sind. Hier ist es besser, zuerst grob zu nivellieren und dann mittels „trial & error“ die Bodenplatten so zu drehen und miteinander zu kombinieren, dass sie möglichst wenig kippeln, ehe sie vernagelt werden. So spart man Zeit und Nerven.

 

 

Hernach setzten wir die Seitenwandpanelen auf, deren Befestigung miteinander mittels 5-Zoll-Nägeln erfolgt – das ist jedes Mal eine üble Klopperei mit dem Hammer. Kein Wunder, dass wir an zwei Tagen insgesamt 4 (!) Hämmer verschlissen haben, d.h. deren Köpfe brachen ab. Vermutlich hat das aber eher mit der Qualität der Hämmer zu tun, die alle „made in China“ waren.

 

 

Am zweiten Tag begannen wir bereits mit der Montage der Dachbalken, über die wir dann Isomatten spannten und letztendlich das Wellblech für das Dach aufnagelten. Auch das ist eine üble Schinderei, weil man zuerst mittels eines spitzen Nagels ein Loch in das Blech treiben muss (meistens sind es zwei Bleche übereinander), ehe man den Dachnagel eintreibt, der einen Überzug aus Blei hat, um elektrochemische Korrosion zu verhindern.

 

 

Parallel dazu erfolgte der Einbau der der Tür und der beiden Fenster. Leider war die Qualität der angelieferten Teile nicht immer gut genug, so dass wir viel nacharbeiten mussten. Glücklicherweise hatten wir einen Tischler als Nachbarn, so dass wir dessen Kreissäge und Werkzeuge nutzen konnten und außerdem Holzabfälle beziehen konnten, um die Konstruktion zu verbessern.

 

 

Am Abend es 25. Mai war das Haus fertig und konnte eingeweiht werden. Das war wieder ein bewegender Moment für alle: für die Familie, weil sie nun endlich eine menschenwürdige Behausung hat, und für uns, weil wir es mit vereinten Kräften geschafft haben. Und für mich war es ein herrlicher und feierlicher Abschluss meiner Arbeit als „voluntario“ für UN Techo Para Mi País.

 

 

Mit der Einweihung des Hauses ist die Arbeit von Un Techo Para Mi País nicht beendet – nein: sie beginnt es gerade. Mit der Übergabe dieses Hauses sind Verpflichtungen verbunden, es zu verbessern und weiter auszubauen. Und weit wichtiger: zusammen mit Sozialarbeitern und Freiwilligen von Un Techo geht es darum, den Menschen in diesen marginalisierten Vierteln Perspektiven aufzuzeigen, um eine Arbeit zu bekommen, sich weiter zu bilden, Verantwortung für die Erziehung und Bildung seiner Kinder zu entwickeln, Gewalt, Alkohol und Drogen einzudämmen und über gegenseitige Hilfe echte Nachbarschaften zu entwickeln, die in der Lage sind, gegenüber der Stadtverwaltung Forderungen aufzustellen und für ihre Rechte als Staatsbürger zu kämpfen. Das ist die wesentlich anstrengendere und zeitaufwändigere Arbeit!!

 

 

Ich für meine Teil kehre mit den allerbesten Erinnerungen an Un Techo Para Mi País wieder nach Deutschland zurück, und wenn mich nicht alles täuscht, dann werde ich mit meinen Freunden aus Córdoba und Buenos Aires noch lange in Verbindung bleiben. Wir haben noch so Manches vor…

 

La ciudad de mis sueños...

13:07, 20 May 2008. Von miyake

Wieder in Buenos Aires – hurrah!! Gestern Morgen stieg ich in Cochabamba ins Flugzeug, und am Nachmittag um 3 sprang ich in den 86er-Bus, der mich vom Flughafen Ezeiza nach Downtown Buenos Aires bringen sollte. Und da war ich wieder, beziehungsweise: da ist Buenos Aires. Fast vier Monate sind vergangen seit meinem Weggang, und jetzt strömt die Stadt wieder auf mich ein. Es riecht wieder nach Kaffee, Seife, Auspuffgase und Benzin, nach Gebackenem und Gegrilltem, überall Menschen, Menschen, Menschen, die geschäftig umherlaufen oder entspannt in den Cafés auf dem Trottoirs sitzen, die Straßen mit Autos verstopft, und untergrund rattert die Subte. Wieder all diese schönen und interessanten Gesichter, endlich wieder {sch}o hablo caste{sch}ano, che boludo und vos sos, Eiskrem, Kaffee, Zeitungen, Quilmes – endlich wieder mein geliebtes Buenos Aires!

Ich habe ein Zimmer in Caballito, Nähe Parque Centenario, warf meine Sachen ab und rannte erst mal durchs Viertel. Hier war ich ja für 4 Wochen, als ich im Juli des vergangenen Jahres ankam. Und ich traf Bekanntes (und Bekannte) wieder, holte meine deponierten Sachen und den Laptop von Freunden ab und war die halbe Nacht am Bilderschauen, Musikhören (wie habe ich meine Musik vermisst – nach fast 4 Monaten Panflötenmusik) und Sachensortieren.

Jetzt stürze ich mich für zwei Tage in die Stadt. Ich muss noch soviel sehen, ehe ich hier wegfahre. Am Donnerstag beginnt zudem die „construcción“ mit Un Techo Para Mi Pais. Da werden die Ärmel hochgekrempelt und noch mal richtig gerackert. Und dann geht’s gleich weiter nach Córdoba. Ich freue mich wahnsinnig auf die kommenden Tage…

Jack Kerouac hat mir den Arsch gerettet...

12:56, 20 May 2008. Von miyake

„Wer bist Du?“
„Ich bin der Wachmann hier.“
„Noch nie gesehen.“
„Hier ist meine Plakette.“
„Wozu hast du den Knaller an deinem Arsch baumeln?“
„Gehört mit nicht“, entschuldigte ich mich. „Hab ich mir nur ausgeliehen.“



Ich sehe eure verwunderten Augen, die fragen: Wollte der nicht mit ´nem Jeep ein paar Tage durch die Berge fahren? Das bin ich auch, um genau zu sein, 11 Tage lang, 2.350 lange Kilometer, die ich auf einer Arschbacke abgesessen habe, weil ich mit der zweiten kaum zum Sitzen kam, so oft flog ich auf der hinteren Sitzbank durch die Gegend. Asphaltierte Strassen gab es leider nur am ersten und an den beiden letzten Tagen. Dazwischen befanden sich Sand- und Staubpisten, die alles zu bieten hatten, was sich ein Hardcore-Offroader wünscht: knöcheltiefer Schlamm, Millionen von Schlaglöchern und herumliegenden Steinen, Buckel- und Waschbrettpisten, Wasserläufe. Mensch und Material wurden auf dieser Fahrt in einem Toyota LandCruiser nicht geschont, und zu ersterem gehörten Don Matías, der Fahrer, und seine Freundin Marlene im Cockpit sowie meine Wenigkeit und ein Erfurter Pärchen, Lars & Daniela, auf den harten Längsbänken im hinteren Teil des Autos.



Was den Zustand der Straßen in Bolivien und Peru betrifft, so bin ich nach 3 Monaten Busfahren auf ebendiesen schon einiges gewöhnt und dementsprechend abgehärtet, aber die Pisten auf dieser Tour haben das alles noch übertroffen. Schon nach drei Tagen war der Auspuff durchgerissen. Musste in einer Wald- und Wiesenschmiede geschweißt werden. Dann rissen die Motorlager durch. Die mussten ausgetauscht werden. Weitere Risse in den Aufbauten der Karosserie, klaffende Spalten in der Beplankung, die Reifen dürften nach der Tour am Ende gewesen sein, und was so an Kleinteilen abgefallen ist, fällt unter „ferner liefen“. Und uns im Laderaum schmiss es ständig durch die Gegend; wir stießen uns die Köpfe, verstauchten uns die Wirbelsäule und holten uns blaue Flecken an Armen und Beinen. Die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit betrug meistens nicht mehr als 30 km pro Stunden. Wenn man also runde hundert Kilometer Strecke vor sich hat, dann braucht man satte drei Stunden für deren Bewältigung. Will sagen: der Wagen schepperte und knallte wie verrückt über die Piste, aber man hatte das Gefühl, das wir nicht so richtig vorwärts kommen.



Ich dachte, ich mache mir ein paar schöne Tage in Cochabamba mit einem netten Ausflug in die Berge, ehe ich nach Buenos Aires zurückkehre, und fand mich dann auf einer endlos langen Tour durch Berge, Schluchten und subtropisches Tiefebene wieder, wo wir morgens nach dem Frühstück (wenn es denn eines gab) ins Auto stiegen und kurz vor Einbruch der Dunkelheit völlig gerädert wieder hinaustaumelten. Am ersten Tag von Cochabamba in Richtung Osten nach Santa Cruz (500 km), dann im großen Bogen nach Nordwesten nach Trinidad (550 km), weiter westlich nach San Borja (250 km) und Rurrenabaque (150 km), dann wieder nach Süden, nach Caranavi (250 km), Coroico (100 km), über La Paz nach Oruro (350 km) und schlussendlich nach Osten abbiegend nach Cochabamba zurückkehrend (200 km). Es gab drei Ruhetage, aber ich bin mir nicht sicher, ob wir oder das Auto sich erholen sollten.



So war ich heilfroh, als mir in Coroico das Buch „On The Road – Unterwegs“ von Jack Kerouac in die Hände fiel. Das war genau die richtige Reiselektüre, und es gab in diesem Buch soviele Szenen, über die ich mich wegschmeißen könnte (siehe oben) oder die mich meine beschwerliche Art des Reisens leichter ertragen ließen.

Und dabei habe ich ja noch eine Menge von Bolivien kennen lernen können: Santa Cruz, die Kapitale des Ostens, Zentrum der gegenwärtigen Autonomiebestrebungen, die fruchtbaren Tiefebenen, die Anfang des Jahres so heftig überschwemmt worden waren, dass man heute noch die Verwüstungen der Wassermassen erkennen kann, Rurrenabaque, das Tor zu den Nationalparks des Regenwalds, ich war wieder in Coroico im Yungas, da wo der beste Kaffee des Landes angebaut wird, und wir befuhren die berühmt-berüchtigte „Death Road“ über die Berge in Richtung La Paz, eine schmale Schneise, von der man senkrecht in hundert Meter tiefe Schluchten fallen kann, so man denn die nicht vorhandene Leitplanke durchbricht.

Für unseren Fahrer war diese eine Tour, auf der er mittels GPS die Routendaten ermittelte: Entfernungen, Fahrtzeiten, Höhenmeter absolut (höchster Punkt: 4.602 m), Höhenmeter akkumuliert, Spritverbrauch und was weiß ich noch alles. Ich vermute, dass man all diese Daten wie bei einem EKG auf Endlos-Millimeterpapier ausdrucken kann. Was uns Mitfahrer betrifft, so gibt es in Argentinien einen Spruch für diese Art des Reisens: llevante und tiza para hacerte la raya del culo – einen Kreidestrich entlang der Arschritze ziehen, was bedeutet, dass man, wenn man seinen Hintern platt gesessen hat, anhand des Kreidestriches erkennen kann, wo die Ritze mal war.

Aber: nehmen wir´s doch einfach wie die beiden Helden aus Kerouacs Roman. Dean Moriarty hält mal wieder eine seiner philosophischen Ansprachen: „Jetzt sieh dir die Leute da vorn an. Sie machen sich Sorgen, sie zählen die Meilen, überlegen sich, wo sie heute nacht schlafen werden, wieviel Benzin sie sich leisten können, wie das Wetter wird, ob sie gut ankommen werden – und dabei kommen sie ja doch von ganz selber an, nicht wahr? Aber sie müssen sich Sorgen machen und die Zeit verraten mit falschen Dringlichkeiten, aus winselnder Angst, ihre Seelen werden nie Frieden finden, ehe sie nicht einen Grund zu echter, handfester Sorge entdeckt haben, und kaum haben sie den Grund gefunden, machen sie auch das passende Gesicht dazu und laufen damit herum, ein unglückliches Gesicht, wie du siehst, und die ganze Zeit fliegt alles an ihnen vorbei, und sie wissen es, und auch das macht ihnen Sorgen ohne Ende…Mann, du kapierst das schon!“

PS: Damit ist das Kapitel Bolivien endgültig für mich beendet. Ich bin durchgekommen, habe viel gesehen und habe bestimmt auch eine Portion Glück gehabt, dass alles gut gelaufen ist. Es gab nämlich ein paar sehr schockierende Nachrichten in den vergangenen Wochen. Zum einen stießen in der Salar de Uyuni, wo ich Anfang März eine Tour machte, zwei Jeeps frontal zusammen, explodierten und brannten aus. 13 Menschen, darunter 10 Touristen, starben. Da fiel mir spontan der behelfsmäßige Kraftstofftank auf den Beifahrersitz unseres Jeeps ein. Und auf der „Death Road“ starben innerhalb der vergangenen beiden Monate ebenfalls 12 Menschen, darunter drei Touristen. Seitdem nämlich dort der Verkehr auf die neue Umgehungsstraße umgeleitet wird, bieten Agenturen Downhill-Adrenalintouren per Mountainbike an. Jeden Tag schießen dort Gruppen von Touristen auf ihren MTB bergab, und manchmal kommt eben doch ein Auto entgegen. So erwischte es einen Mikrobus, der mitsamt dem kollidierenden Radfahrer in eine Schlucht stürzte. Auch uns kamen ein paar irre Downhill-Adrenalinjunkies entgegen; einer konnte gerade noch so bremsen.

www.timesonline.co.uk/tol/news/uk/article3814406.ece
www.mtb-news.de/forum/showthread.php
www.vienna.at/engine.aspx/page/vienna-article-detail-page/dc/tp:vol:news-welt/cn/apa-114157869
 

PPS: Hier noch was für unsere EWE´s, SFI´s und VT´s:

Das gerissene Auspuffrohr

Unterflur-Überkopfschweißen...

...und das Ergebnis (hatte leider keine gelben Klebepunkte für eine Abnahme dabei)

Wieder in Cochabamba

18:32, 7 May 2008. Von miyake

Habe ich also den gestrigen Tag noch ganz angenehm in La Paz verbracht, ehe ich am Abend in den Bus nach Cochabamba stieg und hier heute am fruehen Morgen ankam - ohne irgendwelche Strassenblockaden durchbrechen zu muessen. Mein Freund Don Matías holte mich mit seinem LandCruiser ab, und so bezog ich wieder "meine" Suite in seiner weitlaeufigen Wohnung im Herzen der Stadt.

Geplant war ja, dass wir mit seinem LandCruiser einen Ausflug in Berge unternehmen, gerade jetzt, wo das Wetter so gut ist und nicht so regnerisch wie waehrend meines ersten Besuches vor anderthalb Monaten. Mit von der Party werden auch zwei Freunde der Familie aus Erfurt sein, die ebenfalls fuer ein paar Monate durchs Land reisen. Und als heute die Reiseplanung gemacht wurde, wurde aus dieser Spritztour in die Berge ein mindestens 8-taegige Rundreise von Cochabamba (CBBA) ueber Santa Cruz, Trinidad und La Paz wieder zurueck nach CBBA - alles in allem mehr als 3.000 km!! Damit habe ich nicht gerechnet, aber jetzt bin ich von dieser Idee auch hellauf begeistert, denn so habe ich die Moeglichkeit, noch ein paar von mir bisher noch nicht besuchten Gegenden zu entdecken.

Habe somit auch meinen Rueckflug nach Buenos Aires auf den 19. Mai verschoben und mir gerade das Ticket gekauft. Jetzt muss ich schnell zurueck, um bei den Reisevorbereitungen zu helfen, so z.B. den Dachgepaecktraeger auf den Jeep montieren und anderes mehr. Das wird noch mal eine irre Rundfahrt - passt aber auch gut zu meiner Reise.

Kann sein, dass ich in den naechsten Tagen unterwegs keinen Internetanschluss finden werde, um von meinen Abenteuern zu berichten. Habt Geduld; ich melde mich dann spaetestens ab dem 20. Mai wieder aus Buenos Aires zurueck!

Von Huancayo nach La Paz

14:30, 6 May 2008. Von miyake

Nach dieser so spektakulaeren Zugfahrt von Lima nach Huancayo bestand mein weiterer Plan darin, moeglichst schnell nach Bolivien zurueck zu kehren, was gar nicht so einfach ist angesichts der Lage von Huancayo und deren Anbindung ans Verkehrsnetz: entweder per Bus zurueck nach Lima (nicht schon wieder!), ueber die altbekannte Schotterpiste in Richtung Cusco (keine Lust auf diese Kamikaze-Tour), oder man nimmt den Zug von Huancayo nach Huancavelica und reist von dort aus mit dem Bus in Richtung Kueste, um auf der gut ausgebauten Panamericana weiter Richtung Sueden zu brausen. Die Entscheidung fuer die Zugfahrt wurde mir von Lucho, dem Organisator der Fahrten auf der Strecke Lima-Huancayo leicht gemacht; der hatte mir naemlich eine Besichtigung des Depots der Eisenbahngesellschaft Ferrocarril Huancayo-Huancavelica organisiert und von mir von seinen Plaenen erzaehlt, auch diese Strecke fuer den Touristenbetrieb fit zu machen. Auf dieser 128 km langen Strecke, die anders als die Verbindung nach Lima schmalspurig ist, verkehren eigentlich nur Triebwagen, die von den Einheimischen genutzt werden, weniger von Touristen. Landschaftlich gesehen, ist diese Strecke nicht minder attraktiv als die Gebirgsstrecke: sie fuehrt die meiste Zeit entlang einer wildromantischen Schluchtenlandschaft, ueberquert reissende Fluesse und passiert ein Dutzend Tunnel. Die meisten Orte unterwegs sind nur von der Bahn erreichbar; die Hauptstrasse von Huancayo nach Huancavelica fuehrt in weitem Bogen vorbei, so dass die Fahrtzeit Bus-Triebwagen in etwa gleich ist - ca. 4 1/2 Stunden.

Aber zurueck zum Depot: hier stand und lag mal wieder alles herum, was den Eisenbahninteressierten fasziniert.

Eindeutig das Schmuckstueck des Depots ist diese Dampflok "made in England", die wieder betriebsfaehig hergerichtet werden soll. Dazu gibt es noch schoene Salonwagen in Holzausfuehrung und viele Dinge, die im Detail gefallen, wie z.B. diese gusseisernen Kilometrierungsschilder oder einfach der Stil der Anschriften an den Waggons.

Aber jetzt genug mit diesem Eisenbahnzeugs - das interessiert sowieso nur eine Minderheit. Ich fuer meinen Teil nahm also den "autovagon", den Triebwagen, der mich gegen halb sechs am Abend in Huancavelica auf dem Bahnhof wieder ausspuckte.

Jetzt musste ich nur noch die Busgesellschaft finden, die eine Verbindung nach Pisco oder Ica anbietet. Diese fand ich auch, aber man sagte mir, dass der Bus total ausgebucht waere. Wie der Zufall es will, treffe ich dort einen Mann, der ein Ticket nach einem Ort hat, der etwa in der Mitte der Strecke nach Ica liegt. Er will mir sein Ticket abtreten und meint, dass wir einfach zusammen zum Busterminal rausfahren und die Angelegenheit mit dem Busfahrer regeln. Der hat nichts einzuwenden, ich kaufe dem Mann das Ticket ab und zahle die Differenz bis nach Ica an den Busfahrer, und so sitze ich eine halbe Stunde nach Ankunft schon wieder im Bus, auf einer 12-stuendigen Reise durch die Nacht, zu Beginn wieder mal ueber Schotterpisten, auf dem letzten Viertel der Strecke endlich wieder auf Asphalt.

In Ica am naechsten Morgen (wir schreiben Sonntag, den 4. Mai) gegen 5:30 Uhr angekommen, schaute ich nach der naechsten Verbindung nach Arequipa und enttaeuscht feststellen, dass die Busse nach dorthin erst am spaeten Nachmittag starten. Heisst also, einen ganzen Tag in einem gottverlassenem Kaff verbringen - nur gut, dass ich ein Buch dabei hatte und es Internetcafes gab, wo ich mal eine Stunde abhaengen konnte.

Die folgende Nacht wieder im Bus, Ankunft in aller Herrgottsfruehe in Arequipa (5:30 Uhr), erst mal einen Kaffee und ueberlegen, ob ich einen Tag bleibe und mir die Stadt anschaue oder doch lieber den naechsten Bus in Richtung bolivianische Grenze nehme, dann fuer das Letztere entschieden und mit dem Bus hinauf ins Altiplano (das duerre Hochland mit den schneebedeckten Gipfeln am Horizont) in Richtung Puno und dort gleich in den naechsten Bus gesprungen, der mich nach Desaguadero an die peruanisch-bolivianische Grenze am suedlichen Ende des Titicaca-Sees brachte. Dort stand ich dann am gestrigen Dienstagspaetnachmittag, verjubelte noch schnell mein verbliebenes peruanisches Hartgeld, ehe ich wieder mal nach Bolivien einmarschierte, in der Hoffnung, dass mein bisschen Cash, was ich noch hatte (eine 10-Sol-Note sowie 5 US-Dollar) fuer eine Fahrt nach La Paz reichen wuerde.

Offensichtlich gab es mehr Mitfahrinteressierte als Busse, denn als nach einigem Warten auf der Hauptstrasse endlich ein kleiner Bus um die Ecke fuhr, rannten aus allen Richtungen Leute auf diesen Bus zu, um sich einen Sitz- oder wenigstens einen Stehplatz zu ergattern. Ich natuerlich mittenmang, denn in solchen Situationen ist mir das Hemd naeher als der Rucksack. Als der Bus rappelvoll war, verkuendete der Chauffeur, dass die Fahrt nach La Paz 15 Bolivianos koste, was zu einer hitzigen Diskussion mit den Fahrgaesten fuehrte, die meinten, dass diese Strecke sonst nur 10 Bs. koste und sie bestenfalls bereit waeren, 12 Bs. zu bezahlen. Somit verzoegerte sich die Abfahrt um einige Zeit bzw. bis sich die Gemueter beruhigt hatten, was in diesem Fall bedeutete, dass letztendlich doch alle die verlangten 15 Bs. abdrueckten - es gab halt keine Alternativen.

So kam ich gestern Abend noch in La Paz an, bezog ein Zimmer in dem mir bekannten Hostal und schlief erst mal eine Nacht durch - die erste seit drei Tagen. Das letzte Stueck meiner Reise soll nach Cochabamba fuehren, was ich glaubte, auf einer Backe absitzen zu koennen, aber als ich heute frueh auf dem Terminal ein Ticket kaufen wollte, sagte man mir, dass die Route von La Paz nach Cochabamba von Protestierenden blockiert sei und dementsprechend keine Busse fuehren. Andere Busgesellschaften hingegen meinten, dass die Nachtbusse duchkaemen, so dass ich es heute Abend einfach mal probiere. Wenn ich haengen bleibe, muss ich eben sehen, wie ich weiterkomme. Hier in Bolivien ist derzeit - politisch gesehen - dicke Luft. Am vergangenem Sonntag gab es ein Referendum in der Provinz Santa Cruz, in dem es um mehr Autonomie geht, was von einigen auch mit "Unabhaengigkeit" interpretiert wird. Da gab es eine Menge Aufruhr in den Strassen mit einigen Verletzten. Demonstrationen sind in Bolivien in der Regel mit Gewalt verbunden, die den Forderungen Nachdruck verschaffen sollen. Ich muss mir jetzt erst mal selber den Ueberblick verschaffen ueber die gegenwaertige politische Situation; hier findet man zumindest eine kurze Notiz:

www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,551380,00.html

 

Un Techo Para Mi País - construcción vom 23.-25. Mai

14:46, 3 May 2008. Von miyake

Endlich ist es annonciert: die naechste "construcción" mit Un Techo Para Mi País findet am langen Wochenende 23.-25. Mai in Buenos Aires statt. 50 Haeuser sollen gebaut werden, das bedeutet, dass 500 Freiwillige gesucht werden, die zusammen mit den Familien die Haueser errichten. Wer in Argentinien auf Reisen und zufaellig zu dieser Zeit in Buenos Aires ist, sollte sich dieses Ereignis nicht entgehen lassen: drei arbeitsreiche und anstrengende Tage, aber gleichzeitig die Moeglichkeit, einen tiefen Einblick in das Leben in den barrios draussen vor der Stadt zu erhalten und vor allen Dingen viele junge Leute kennen zu lernen, die gewillt und inspiriert sind, die Armut aktiv zu bekaempfen. Weitere Informationen folgen!

Hier noch mal der Link zur Website von Un Techo (deutsche Uebersetzung):

www.untechoparamipais.org.ar/espanol/index.php

Von Lima nach Huancayo auf der hoechsten Gebirgsstrecke der Welt

15:18, 2 May 2008. Von miyake

Gleich vorneweg: das war eine spektakulaere Fahrt, die Peru-Reisende nicht verpassen sollten! Sie ist jeden der 85 US-Dollar Fahrpreis wert! Ich hatte diese Fahrt ja bereits Anfang April gebucht, als ich das erste Mal in Huancayo war, auf der Durchreise von Cusco nach Pucallpa. In meinem alten Reisefuehrer von 2001 war diese Strecke als stillgelegt beschrieben worden, zumindest fuer den Personenverkehr, aber dass es private Initiativen gibt, diese aelteste der Gebirgsstrecken der Welt wieder fuer Touristenfahrten herzurichten. Und so geschah es dann auch, dank des ruehrigen Lucho Hurtado, einer echten Type, die man unbedingt kennen lernen sollte: ein Indio von Kopf bis Fuss, mit Adlernase, langen Haaren und entsprechendem Halsschmuck - eine Zierde fuer jeden Winnetou-Film - aber darueber hinaus ein Eisenbahnenthusiast, dessen Tourismus-Agentur "Incas del Peru" (www.incasdelperu.org/) es tatsaechlich geschafft hat, einen Touristikzug auf die Raeder zu stellen, der 4x im Monat diese Strecke faehrt. Und dieser Zug hat alles, was das Herz begehrt: gezogen von einer starken sechsachsigen GE-Diesellokomotive, schlaengelt sich ueber die Strecke ein Zug aus Personenwagen mit komfortablen, verstellbaren Sitzen, grossen Panoramafenstern, Klimaanlage, Bordverpflegung (Fruehstueck und Mittagessen in exzellenter Qualitaet, ausserdem ein Pisco Sour gratis), einem Packwagen fuer alle Rucksaecke und sonstigem Sperrgut und als absolutes Highlight - einem Barwagen mit Aussichtsplattform am Ende des Zuges!

Lok 1003 auf der Drehscheibe

Die Panoramawagen der "Touristik-Klasse", uebrigens hergestellt in Arad/Rumaenien (Baujahr 1982, mittlerweile aber grundlegend modernisiert)

Innenansicht eines Panoramawagens

Der wunderbare Barwagen mit Aussichtsplattform

Kurz zur Geschichte dieser Strecke: sie fuehrt von Lima, das auf Meeresniveau liegt, ueber knapp 350 km nach Huancayo und erreicht nach 172 km den hoechsten Punkt der Strecke, das auf 4.818 m Hoehe gelegene La Cima. Bis nach Huancayo verliert die Strecke wieder an Hoehe; es sind dann "nur" noch 3.254 m ueber dem Meeresspiegel. Initiiert wurde der Bau dieser Linie von einem US-amerikanischen Industriellen namens Henry Meiggs, der gesagt haben soll, dass er ueberall dort, wo ein Lama laufen kann, auch eine Eisenbahnstrecke bauen kann. Projektiert wurde die Strecke von dem polnischen Ingenieur Ernest Malinowski (1818-1899); der Bau begann im Jahre 1870, und es dauerte fast 40 Jahre, bis der Eroeffnungszug im Jahre 1909 die Strecke befahren konnte. Mehr als 10.000 Arbeiter, davon 5.000 Chinesen sowie 4.000 Peruaner und 1.000 Chilenen, schufteten staendig auf dieser Baustelle, um Erde ab- und aufzutragen sowie Felsen zu sprengen fuer eine Trasse, die 68 Bruecken ueber- sowie 71 Tunnels durchquert und auf der die Lokomotiven ueber 9 sogenannte "Zigzags" (Spitzkehren) ihren Wagenzug mal ziehen und dann wieder schieben muessen.

Diese Strecke war bis vor kurzem die hoechste Gebirgsstrecke der Welt, was nun die von den Chinesen im Oktober 2005 eroeffnete Pan-Himalaya-Linie nach Lhasa in Tibet fuer sich in Anspruch nehmen kann (5.072 m ueber Meeresniveau), aber ich glaube behaupten zu koennen, dass es diese mit moderner Technologie erbaute Strecke nicht mit dem altmodischen Charme und der Rustikalitaet der Lima-Huancayo-Linie aufnehmen kann. Die Fahrt dauert knapp 13 Stunden, und die Aussichten sind einzigartig und spektakulaer, vor allen Dingen, weil man es in diesem Zuge so kommod hat. Der beliebteste Wagen war natuerlich der Aussichtswagen am Ende des Zuges. Hier kann man mit einem Cocktail in der Hand an der frischen Luft ungehindert die Landschaft zu beiden Seiten des Gleises beobachten und bewundern. Und wenn durch die Musikanlage Samba- und Cumbiarhythmen hinaus schallten, wurde auch getanzt. Ich habe mich keine einzige Sekunde auf dieser langen Fahrt gelangweilt, war schlimmstenfalls ein bisschen muede gegen Ende der Reise.

Ein Problem koennte es aber geben fuer einige der Fahrgaeste - die Hoehenkrankheit. Innerhalb weniger Stunden steigen man von 0 auf knapp 5.000 Hoehenmetern, deswegen gibt es mehrere Aerztinnen und Krankenschwestern an Bord, die hier mit Sauerstoffmasken oder Tabletten helfen. Ich war zum Glueck noch leidlich akklimatisiert, aber merkte durchaus, dass mein Kopf brummte.

Unterwegshalte gibt es auch, und wenn man Glueck hat, kann man die eine oder andere technische Raritaet am Rande der Gleisanlagen stehen sehen. Man spricht davon, eine der noch vorhandenen Dampflokomotiven wieder in Betrieb nehmen zu wollen.

PS. Hier noch der Hinweis, dass es auch in der Heimat sehenswerte und historisch bedeutende Gebirgsstrecken gibt, so u.a. die "Zackenbahn" von Hirschberg (heute Jelena Gora) hinauf ins Riesengebirge. Da gibt es eine Truppe ausserordentlich sympathischer Leute (u.a.aus Dresden und Umgebung), die dieser Strecke ein Denkmal setzen wollen und danach streben, dass auf dieser landschaftlich wunderschoenen Strecke bald wieder ein durchgehender Fahrgastbetrieb von Hirschberg auf der schlesischen bis nach Tanvald auf der boehmischen Seite moeglich ist:

www.zackenbahn.de/

Von Quito nach Lima

15:00, 2 May 2008. Von miyake

Am Abend des 28.04. stieg ich in den alten, muffigen Bus, der mich in 12 Stunden von Quito bis nach Huaquilla an die Grenze zu Peru bringen sollte. Irgendwie ueberstand ich diese grauenhafte Fahrt durch staendigen Regen, der sich durch die Gummidichtungen der Fenster drueckte. In Huaquilla hatte man den genialen Einfall, die "Migración", also den Ort, wo man sich den Ausreisestempel holt, 3 km vor den Ort zu verlegen, so dass ich mir ein Taxi bis dahin nehmen musste, um dann dieselbe Strecke wieder zurueckzuduesen. Dasselbe Spiel auf der peruanischen Seite, auch hier verlegte man die "Migración" ausserhalb des Ortes. Nachdem diese Prozedur erledigt war, stand ich vor der Aufgabe, wie ich die 30 km von der peruanischen Grenzstation bis nach Tumbes zuruecklege, denn es gibt praktisch keine Busverbindung nach dorthin; nur sogenannte Sammeltaxis, wo man warten muss, bis auch der Kofferraum mit Fahrgaesten gefuellt ist. Darauf hatte ich keine Lust, also nahm ich mir ein Taxi, handelte die verlangten 30 Soles auf 20 runter und war eine halbe Stunde spaeter in Tumbes, einen Ort, den man getrost von der Landkarte streichen kann. Hier gibt es aber Anschluss nach Lima, und da ich schon eine Nacht Busfahrt in den Knochen stecken hatte, leistete ich mir diesmal den Luxus auf einen Bus mit Schlafsesseln und Bordverpflegung. Die Firma "Cruz del Sur" kann ich guten Gewissens empfehlen.

In Lima am Vormittag des 30.04. angekommen, wollte ich nur noch ins Hotel und unter eine Dusche, um dann endlich den restlichen Schlaf nachzuholen. Der Mittwoch machte es mir nicht schwer, auf meinem Bett liegen zu bleiben und in die Roehre zu glotzen: am Nachmittag lief Champion's League (ManU - Barcelona und Chelsea - Liverpool), danach die Copa Libertadores, also das suedamerikanische Pendant zur Champion's League, und am Abend gab es das peruanische Derby Alianca Lima vs. Universitario Lima obendrauf. Da sass ich aber schon wieder in einer Kneipe, um mir dieses Duell dieser beiden total verfeindeten Mannschaften anzusehen.

Zuvor war ich herrlich essen: es gibt in Lima ein Restaurant namens "L'Eau Vive", das von Nonnen des Karmeliter-Ordens betrieben wird und in dem ein dreigaengiges Menue franzoesischer Kueche fuer 10 Soles zu haben ist (knapp 2 EUR) - der absolute Geheimtipp in Lima (Ucayali 370, wenige Blocks von der Plaza Armada entfernt). Die 40 Tische sind zur Mittagszeit sowohl von Geschaeftsleuten und Bueroangestellten, aber auch von den einfachen Leuten der Strasse restlos besetzt. Eine Nonne erzaehlte mir, dass das hier erwirtschaftete Geld in soziale Projekte investiert wird. Das habe ich wirklich noch nicht erlebt: man tafelt wie in einem 4-Sterne-Restaurant, bezahlt wenig und unterstuetzt zudem noch humanitaere Projekte.

Da mein Hotel sehr zentral lag, schaute ich mich natuerlich auch ein wenig auf der Plaza de Armas und den umliegenden Strassen um, wo sich die sehenswerten Kathedralen und Kirchen befinden, aber auch diverse Regierungsgebaeude, und da irgendein Gipfeltreffen ansteht, patroullierte entsprechend viel Militaer und Polizei durch die Strassen bzw. Schuetzenpanzerwagen standen bedrohlich an den Kreuzungen herum. Allzu viel Zeit blieb mir aber nicht fuer Lima, dieser Gigantomegametropole mit knapp 8 Millionen Einwohnern, der ehemaligen Hauptstadt des Vizekoenigreiches Perú, heute von Abgasen verpestet, in dessen Strassen die Autos staendig im Stau stehen, der Ort in der Welt, an dem man zufolge meines Reisefuehrers am wahrscheinlichsten beklaut wird, dessen Altstadt zu den besterhaltenen architektonischen Vierteln Lateinamerikas gehoert und die ganz bestimmt - so man denn die Zeit dafuer hat - eine Menge zu bieten hat fuer Auge, Ohr und die anderen Sinne. Ich habe leider keine Zeit dafuer, denn anderntags Punkt 7 Uhr startet mein Zug nach Huancayo, eine Reise auf einer der spektakulaersten Gebirgsstrecken der Welt. Und dafuer muss ich ausgeschlafen sein...

PS: Ich hatte doch versprochen, mal zu erkunden, warum unsere Freunde vom linken Spektrum in Deutschland den Sozialismus nach ecuadorianischem Vorbild einfuehren wollen. Hier ein eventueller Ansatz fuer eine Erklaerung: 1.) Es gibt Bananen im Ueberfluss, also wuerde es niemals solch bloeden Witze geben, dass die Banane krumm ist, weil sie einen Bogen um die DDR (oder Ecuador) macht. 2.) Offensichtlich scheinen die Herren Lenin und Stalin mal sehr populaer in Ecuador gewesen zu sein, denn nur so kann ich mir erklaeren, dass manche Leute deren Namen tragen. Der aktuelle Vize-Praesident heisst Lenin Moreno, und in der Zeitung las ich mal von einem Typen (allerdings einem Kriminellen, der gesucht und verhaftet wurde), dessen Vorname Stalin lautet.

Mitad del Mundo

18:57, 28 April 2008. Von miyake

Nun habe ich bereits fuenf Mal den Aequator ueberquert, 3x in knapp 10.000 m Hoehe im Flieger sowie 2x per Bus auf Flughoehe Null, aber niemals habe ich diesen Augenblick wissentlich erlebt und genossen. Wie ich also nach Quito zurueckkehrte, wollte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, einmal mit beiden Beinen auf dem ominoesen Strich zu stehen, der die Nord- und Suedhalbkugel der Erde voneinander trennt. Etwa 30 km noerdlich von Quito befindet sich "Mitad del Mundo" - der Mittelpunkt der Erde, was insofern irritiert, als dass man diesen Punkt viel weiter unten verortet, naemlich an der Stelle, um den sich die Erde dreht. Aber sei's drum: gemeint ist der Aequator, der hier mit viel Pomp und einem kleinen Erlebnispark gehuldigt wird.

Bereits 1736 versuchte sich hier eine franzoesische Expedition an der genauen Bestimmung des Aequators. Die Ergebnisse dieser Untersuchung kann man heute in Mitad del Mundo anhand eines Denkmals bewundern, der von einer Erdkugel gekroent ist und durch dessen Zentrum in West-Ost-Richtung eine rote Linie verlaeuft, die den Aequator symbolisieren soll. Hier kann man also mit einem Bein auf der Nordhalbkugel und mit dem anderen Bein auf der Suedhalbkugel stehen und sich fotografieren lassen, wenn - ja wenn dies auch wirklich der Aequator waere, denn einige Zeit spaeter hat man mittels moderner Messtechnik festgestellt, dass der Aequator eigentlich etwa 200 m suedlich verlaeuft. Da hat sich die franzoesische Vermessertruppe aber vermessen, und dabei kann man den Aequator so einfach bestimmen - ohne aufwendige und teure Praezisionsmesstechnik: man benoetigt einfach ein Klo mit Wasserspuelung! Spuelt man auf der Nordhalbkugel, so dreht sich der Wasserwirbel entgegen des Uhrzeigersinns, spuelt man auf der Suedhalbkugel, so strudelt es im Uhrzeigersinn. Genau auf dem Aequator muesste der Wasserstrahl geradezu gehen. Verantwortlich fuer dieses Phaenomen ist - ihr wisst es sicherlich schon - der Corioliseffekt, die durch die Erdrotation bedingt ist (Bemerkung: Ich habe diesen Effekt in den Toiletten verschiedener Hotels und oeffentlicher Einrichtungen zu beiden Seiten des Aequators getestet und bin zu keinem eindeutigen Ergebnis gekommen. Wahrscheinlich gibt es noch einige Variabeln und Unbekannte mehr in der Gleichung...)

Ich weiss nicht, wozu dieses Wissen im praktischen Leben nuetzlich ist, aber ich hatte erst kuerzlich ein Buch ueber einen Suedafrikaner gelesen, der als erster Mensch die Erde entlang des Aequators umrundet hat: zuerst auf einem Trimaran ueber den Atlantik, dann mehrere Monate zu Fuss und in einem Einbaum durch Amazonien, dann wieder per Trimaran ueber den Pazifik, ueber die indonesischen Archipel, weiter zu Wasser durch den Indischen Ozean und zu guter Letzt durch Schwarzafrika, immer schoen durch die Krisengebiete dieser Welt. Der schimpfte, dass sein GPS staendig ausfiel und damit seine Orientierung verloren ging. Haette er mal schoen in Physik aufgepasst, als die Coriolis-Kraft behandelt wurde...

Calvin & Hobbes en castellano

17:31, 28 April 2008. Von miyake

Endlich mal wieder was von den Helden meines Lieblingscomic:


1. Calvin: Hast du das gelesen? Dieser Filmstar hat im vergangenen Jahr mehr als 20 Millionen verdient!
2. Calvin: Was wuerdest du mit 20 Millionen machen?
3. Hobbes: Ich weiss nicht. Ich finde es voellig unanstaendig, dass jemand ueberhaupt so viel Geld verdienen kann.
4. Calvin: Gut, dann sagen wir: 5 Millionen. - Hobbes: Sagen wir 18.

Wer die Welt verstehen will, muss Calvin & Hobbes lesen:

de.wikipedia.org/wiki/Calvin_und_Hobbes


www.calvin-und-hobbes.com/index.php

Der Panamahut...

13:43, 28 April 2008. Von miyake

...ist nicht aus Panama, sondern aus Ecuador. Nur mal so nebenbei, um mit einer Legende aufzuraeumen. Bei Wikipedia steht geschrieben:

Über die Entstehung des Namens gibt es mehrere Theorien. So wurde er angeblich früher nur über Panama ausgeführt. Nach einer anderen Darstellung haben Arbeiter und Ingenieure nach der Fertigstellung des Panamakanals einige Exemplare nach Europa eingeführt. Möglicherweise waren aber auch ganz einfach Vermarktungsgründe eines Hut-Fabrikanten im Spiel, der den Namen "Panama-Hut" förderlicher für den Verkauf hielt als "Ecuador-Hut". Eine andere Theorie besagt, Theodore Roosevelt habe im Jahr 1906 einen dieser Hüte beim Besuch der Bauarbeiten am Panamakanal getragen. Sein Foto machte den Strohhut weltbekannt. Seitdem heißt der ecuadorianische Hut, bis dahin als Jipi-Japa bekannt, Panama-Hut.

Weiterhin heisst es, dass viele beruehmte Maenner den Panamahut trugen, wie z.B. Ernest Hemingway, Winston Churchill, Harry S. Truman und - man hoere und staune - ein gewisser Erich Honecker...

de.wikipedia.org/wiki/Panamahut

El Tren de la Libertad

13:02, 28 April 2008. Von miyake

Na also, es geht doch! Man muss halt ein wenig Geduld haben, bis hier in Suedamerika ein Zug abfaehrt, aber wie es ausschaut, werde ich in jedem von mir bereisten Land wenigstens eine Fahrt mit der Eisenbahn unternommen haben.
 


So startete gestern der "Tren de la Libertad" in Ibarra zu einer Fahrt in Richtung Salinas, einer kleinen Stadt etwa 50 km nordwestlich von Ibarra. Warum dieser Schienenbus ausgerechnet "Zug der Freiheit" heisst, habe ich vergessen zu fragen, aber vielleicht haengt die Freiheit auf dieser Fahrt mit der Moeglichkeit zusammen, auf dem Dach des Schienenbus sitzen zu koennen. Das wird hier ganz laessig gehandhabt, und vor allen Dingen die Kinder lieben es, sich frische Luft um den Kopf wehen zu lassen und aus voller Kehle zu schreien, wenn es durch einen der vielen Tunnel geht, wo man wirklich seinen Kopf einziehen sollte.


Die Trasse selbst fuehrt entlang steiler Haenge entlang eines reissenden Flusses, sie windet sich in grossen Schleifen in die Hoehe und durchquert ein gutes Dutzend Tunnel. Die Gleise sind in einem erbaermlichen Zustand; jede Feldbahn hat bessere Schienen, aber was soll's - hier gibt es schon laengst keinen Personen- und Gueterverkehr mehr, auch wenn man im Lokschuppen diverse Diesellokomotiven und sogar eine Baldwin-Dampflokomotive abgestellt findet.

Alles in allem ist man gute drei Stunden unterwegs, ehe man am Endpunkt der Strecke angelangt, wo der Bus auf einer Drehscheibe um 180º gedreht und fuer die Rueckfahrt vorbereitet wird. In der Zwischenzeit hat die Pfadfindergruppe, die mitreiste, Essen fuer alle gekocht, also auch fuer die Eisenbahner und die wenigen Nicht-Pfadfinder wie mich, so dass wir waehrend der Rueckreise in den Tunnels nicht nur aus voller Kehle, sondern auch aus vollem Bauche schreien konnten.
Hier noch ein paar Schnappschuesse fuer die Eisenbahninteressierten:


Mehrere dieser zweiteiligen Diesellokomotiven made in France (Alsthom) stehen auf dem Hof herum. Bemerkenswert ist, dass sie von drei zweiachsigen Drehgestellen angetrieben werden; das mittlere fungiert wie ein Jakobsdrehgestell.


Der offensichtliche Nachfolger, als einteilige Version, aber ebenfalls mit drei zweiachsigen Drehgestellen ausgeruestet.


Die gut erhaltene Dampflokomotive Nr. 14, hergestellt von Baldwin, U.S.A.


So muss eine Werkstatt aussehen: alles uebersichtlich sortiert und mit einem Griff erreichbar!


"Es lebe der Streik" - dumm nur, dass es kaum Arbeit gibt, die man niederlegen koennte...

Im ecuadorianisch-kolumbianischen Grenzgebiet

13:56, 27 April 2008. Von miyake

So war ich also in Kolumbien, aber es ware reichlich uebertrieben zu behaupten, dieses Land nun auf die Liste der von mir bereisten Laender zu setzen. Mein Reisefuehrer beschrieb sueffisant, dass es nur drei Gruende gibt, in die ecuadorianische Grenzstadt Tulcán zu reisen: man kommt von Kolumbien, man reist nach Kolumbien, oder man kennt jemanden, der in Tulcán lebt. Das Gleiche gilt ebenso fuer den kolumbianischen Widerpart Ipiales auf der anderen Seite der Grenze. Hier hat man eigentlich nichts verloren, bestenfalls eine Durchgangsstation auf der Weiterreise ins Landesinnere. Auch hatte ich mir einen wesentlich praechtigeren Stempel in meinen Reisepass erhofft, aber das kolumbianische Touristenvisa wird maschinell in den Pass genadelt. Jede Supermarktquittung hat mehr Charme...


Kolumbien ist ein Land, das ich sehr gerne kennen lernen moechte. Ich habe waehrend meiner Reise viele Leute getroffen, die von diesem Land und seinen Menschen schwaermten. Dies steht in einem solchen krassen Gegensatz zu der eigentlich schlechten politischen Reputation, die das Land hat. Momentan knistert es gerade maechtig zwischen Kolumbien und Ecuador, weil die kolumbianische Armee am 1. Maerz des Jahres ein Lager der Guerillaorganisation FARC bombardierte, das sich auf ecuadorianischem Gebiet befand. 26 Menschen starben, darunter die Nr. 2 der FARC, Raúl Reyes. Man fand dabei auch einen Laptop des FARC-Fuehrers mit einer Menge Daten ueber die vielfaeltigen Beziehungen der FARC zu Insitutionen, Organisationen und auch Regierungen anderer lateinamerikanischer Staaten, was gegenwaertig heftige Debatten hervorruft.

www.taz.de/1/politik/amerika/artikel/1/guerilla-sprecher-erschossen/

www.taz.de/1/politik/amerika/artikel/1/ecuador-bestreitet-farc-kontakte/


Die FARC spielt noch immer eine grosse Rolle in dieser Region, und das kann man sehen, sobald man nach Kolumbien einreist. Wie weiland die Mitglieder der RAF in der Bundesrepublik, so werden hier die Koepfe der FARC mittels Fahndungsplakaten gesucht, die ueberall aushaengen. ich weiss nicht, inwieweit das Schicksal der kolumbianischen Politikerin Ingrid Betancourt in Deutschland bekannt ist, die vor mehr als 6 Jahren von der FARC entfuehrt wurde und deren Befreiung seit Monaten von verschiedenen Seiten, u.a. Venezuela und Frankreich, angestrengt wird. Das Venezuela des Hugo Chavez gilt hierbei als Sympathisant und indirekter Unterstuetzer der FARC. Die kolumbianische Militaeraktion wird nicht gerade dazu beigetragen haben, diese unendlich lange Geiselhaft zu beenden.

Also, Kolumbien ist ein Kapitel fuer sich, das ich mir auf einer anderen Reise vornehmen muss. Nach einem Tag in dem eher langweiligen Ipiales kehrte ich nach Ecuador zurueck und nahm den Bus nach Otavalo, einem Ort etwa 3 Stunden suedlich der Grenze. Otavalo gilt als ein Vorzeigeort indigener Emanzipation und als Hort handwerklichen Geschickes. Vor allen die Webarbeiten sind weltberuehmt, aber auch die Tatsache, dass viele indigene Otavaleños ueber eine gute Bildung verfuegen, als Rechtsanwaelte, Aerzte und Gewerbetreibende arbeiten, und das sieht man diesem Ort auch an: die Menschen sind sehr stolz, sie berufen sich sehr offensichtlich auf ihre indianischen Wurzeln, tragen traditionelle, aber auch flippìge Kleidung und nutzen moderne Technik. Ich finde gerade die Maenner interessant, von denen viele, auch die Aelteren, geflochtene Zoepfe tragen. Die passen wirklich gut zu ihren scharf geschnitten Gesichtern.


Tags darauf ging es wieder nach Ibarra, wo ich am Samstag eine Fahrt mit dem "Tren de la Libertad" zu machen hoffte. Ging aber nicht, weil sich nicht genuegend Leute angemeldet hatten und eine Mindestteilnehmerzahl erforderlich ist, um den Schienenbus aus der Remise zu holen. Aber fuer den Sonntag wurde mir eine Fahrt versichert.

Mitten durch Ecuador - von Sued nach Nord

22:34, 22 April 2008. Von miyake

Kuerzlich noch in Riobamba, und jetzt schon in Ibarra, unweit der kolumbianischen Grenze. Ich durchmesse Ecuador in Siebenmeilenstiefeln, und ich merke den Unterschied zwischen meiner bisherigen Art des Reisens, wo ich mir Zeit fuer die Orte nahm, die ich besuchte, und der jetzigen Weise, wo ich mehr "on the road" bin, als dass ich an einem Ort verweile.

In Riobamba hatte ich das Glueck, den Beginn einer Fiesta zu erleben, die das ganze Wochenende andauern sollte. Am Freitagabend ging es los, und die ganze Stadt schien aus dem Haeuschen. Ueberall in den Strassen wurde gefeiert und getanzt, die pure Lebensfreude, und wer sich davon nicht anstecken laesst, dem ich wahrlich nicht mehr zu helfen. Am naechsten Morgen sass ich schon wieder im Bus - auf dem Weg nach Baños. Dies ist ein durch und durch touristischer Ort, von dem aus man Exkursionen zu den Vulkanen oder in den Dschungel buchen kann. Ich habe dieses Ziel aus einem anderen Grund gewaehlt: es gibt Thermalbaeder. Das brauchte ich ganz dringend fuer meine mueden Knochen, denn ich merke nun so langsam, dass ich schon eine ganze Weile unterwegs bin und so etwa 15 Kilogramm Gepaeck mit mir herumschleppe. Ich blieb gleich das ganze Wochenende in Baños und ruhte mich aus, zumal ich eine wunderschoene Herberge gefunden hatte, in der man herrlich entspannen, lesen und im Internet surfen kann.

Am Montagvormittag ging es weiter nach Quito, der Hauptstadt Ecuadors, und obwohl mir vor solchen Megametropolen immer graut, hatte ich Glueck in Quito, denn der Busterminal liegt quasi neben der historischen Altstadt und ich hatte gerade mal 5 Minuten zu laufen bis zu meinem Hotel. In der Regel befinden sich die Busterminals ganz weit vor der Stadt, so dass man entweder unendlich lang zu laufen hat oder auf ein Taxi angewiesen ist. Also, angekommen in Quito, hatte ich den Rest des Tages Zeit, mir die Altstadt anzuschauen, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehoert. Da ich gestern ein bisschen angeschlagen war (der Magen rumorte), musste ich halblang machen, aber ich weiss, dass ich noch mal nach Quito zurueckkehren werde, so dass ich ausreichend Gelegenheit haben werde, mich hier umzuschauen.

Heute morgen sass ich wieder im Bus, und nach knapp 3 Stunden Fahrt erreichte ich Ibarra, auf halbem Wege zwischen Quito und der Grenze zu Kolumbien. Hier wollte ich mich erkundigen, ob der "tren de la libertad" noch faehrt, und so ist es. Es gibt eine Eisenbahnlinie, die noch regelmaessig befahren wird; zwar auch nur mit einem Schienenbus, aber immerhin sind es knapp 50 Kilometer, die ich mir nicht entgehen lassen will. Diese Fahrt wird am Sonnabend stattfinden, so dass ich nun den Terminplan fuer die kommenden Tage kenne: morgen (Mittwoch, den 23.04.) geht es nach Tulcan und dann rueber nach Kolumbien, Rueckkehr nach Ibarra am Freitagabend, Samstag die Fahrt mit dem Schienenbus, am Sonntagmorgen zurueck nach Quito, dortselbst bis zum Montagabend verweilend, dann mache ich mich auf den Weg nach Lima, das ich am 30.04. zu erreichen gedenke, denn am 01.05. steht ja schon die naechste Zugfahrt an: von Lima nach Huancayo auf der hoechstgelegenen Eisenbahnstrecke der Welt.

Na ja, und dann draeut ja bereits die Rueckkehr nach Argentinien am Horizont, wobei ich zuerst noch mal nach Cochabamba in Bolivien reisen werde, um meinen Freund Don Matías zu besuchen, der mich zu einer Jeep-Tour in die Anden eingeladen hat. So um den 15. Mai herum werde ich nach Buenos Aires fliegen, um dort ein paar Tage zu verbringen, ehe am 22. Mai die naechste (meine dritte und vorlaeufig letzte) "construcción" mit Un Techo Para Mi Pais stattfindet - und zwar in Buenos Aires. D.h., ich werde noch mal an einer Hausbauaktion teilnehmen und sicherlich viele Freunde aus meiner Córdobeser Zeit wiedersehen. Damit aber nicht genug: ich werde nach dieser Aktion noch mal fuer ein paar Tage nach Córdoba fahren, um meine dortigen FreundInnen zu besuchen und mich gleichzeitig von ihnen und von der Stadt zu verabschieden. Am 31. Mai werde ich wieder in Buenos Aires sein. Ich habe bereits ein Zimmer in "Lina's Tango Guesthouse" gebucht, in San Telmo, wo ich die letzten Tage meiner langen Reise noch einmal intensiv geniessen will.

Aber noch ist es nicht soweit; jetzt geht es erst mal nach Kolumbien (wenn auch nur ganz kurz), ein Land, was mich sehr interessiert, weil es eine so schlechte Reputation hat (Drogenkartelle, linke Guerilla und rechte Todesschwadrone, Mord und Totschlag), die in einem krassen Gegensatz zu dem steht, was mir andere Reisende berichteten, naemlich dass Kolumbien ein unglaublich schoenes Land mit sehr offenherzigen und freundlichen Menschen ist. Und ich hatte mal eine Zeitungsmeldung gelesen, in der es um eine Untersuchung ging, die gefuehrt wurde, um herauszufinden, in welchen Laendern der Erde die Menschen sich am gluecklichsten fuehlen. Hier war Kolumbien ganz weit oben aufgefuehrt. Es gibt also gute Gruende, sich dieses Land mal naeher anzuschauen!

Peru - eine Abrechnung

19:15, 20 April 2008. Von miyake

Nachdem ich mehr als einen Monat durch Peru gereist bin, erlaube ich mir an dieser Stelle ein Urteil ueber das dort Erlebte. Vornweg: Peru muss man gesehen haben! Es ist auf jeden Fall eine Reise wert und ueberrascht positiv auf vielfaeltige Weise, besonders da, wo man es nicht erwartet. Aber es gibt etwas, was einem nach einiger Zeit maechtig auf den Senkel geht, und das sind die kleinen Bescheissereien und Luegen, die einem immer wieder unterkommen. "Tienes mi palabra - Du hast mein Wort!" gilt in Peru nichts. Darauf kann man sich ein Ei backen. Gerade in den Touristenhochburgen wie Cusco/Machu Picchu muss man sehr aufpassen, dass man fuer sein Geld auch die Leistungen bekommt, die versprochen wurden. Hier muss man sich alles schriftlich geben lassen, sonst hat man keine Chance zu reklamieren. Was mir passiert ist, habe ich ja bereits im Blog beschrieben. Da wird einem eine spektkulaere Eisenbahnfahrt versprochen, die schlussendlich darin besteht, dass wir entlang der Schienen latschen statt fahren. Und anderes mehr, aber ich hatte ein schriftliches Angebot und konnte mir einen Teil des Geldes zurueckholen.

Oder die Schifffahrt von Pucallpa nach Iquitos: es fahren ja mehrere Gesellschaften, und jede annonciert ihre Abfahrtszeit. Auf meinem Schiff stand: Abfahrt 17:30 Uhr, mit dem Zusatz "sin falta", was soviel bedeutet wie "auf jeden Fall". Dieser Fall trat dann am darauffolgenden Tag gegen 15 Uhr ein, also mit knapp 22 Stunden Verspaetung.

Aber auch im taeglichen Leben lauert immer der kleine Beschiss. Man muss immer vornweg nach dem Preis fragen, auch wenn man glaubt, ihn zu kennen. Da kann man hundert Mal einen Orangensaft an einem Stand auf der Strasse fuer 50 Centavos gekauft haben, beim naechsten Mal, wo man nicht fragt, kostet es garantiert das Doppelte. Hinterher braucht man sich nicht zu beschweren; man haette ja fragen koennen. Abgezockter sind die Taxifahrer. Kommt man gerade frisch in einer neuen Stadt an und der Busterminal liegt etwas ausserhalb des Zentrums, so sitzt man immer den Preisen der Taxifahrer auf, weil man die realen Tarife und Entfernungen nicht kennt. Tage spaeter bekommt man mit, dass man mal wieder das Doppelte oder Dreifache bezahlt hat. Ein weiterer Trick der Kutscher ist, einem auf die Frage, wie weit es bis da oder dorthin ist, eine viel groessere Entfernung vorzugaukeln und letztendlich doch nur um den Block zu fahren.

Eine weitere Plage sind die Strassenverkaeufer, die ziemlich aggressiv ihre Waren anbieten. Ich ignoriere die meistens, aber einmal hatte ich mich doch erweichen lassen von einem Schuhputzer, der mir die Sohlen meiner Textilschuhe reinigen wollte - zu einem Freundschaftspreis. Das sollten dann 30 Dollar sein; ein uebler Scherz, denn normalerweise kostet das Putzen 1 Sol (ca. 0,25 EUR). Da braucht man gar nicht erst in Verhandlungen treten, so einem Spinner drueckt man 2 Sol in die Hand und geht einfach weiter. In meinem Fall war das leider nicht so ganz einfach, denn der Kerl drohte mir die Kehle durchzuschneiden, wenn ich nicht das Geld bezahle. Ich sah seine milchig-trueben Augen und wusste, dass er unter Drogen stand, aber hinter mir sassen zwei weitere Kerle, deren Beziehung zum Schuhputzer ich nicht einschaetzen konnte. Ich bin dann einfach aufgestanden und langsam, aber bestimmt davongegangen, mit dem Wunsch, Augen im Hinterkopf zu haben. Zum Glueck nichts passiert.

Auf jeden Fall abzuraten ist der Umgang mit Drogenhaendlern (narcotráficos). Auf der Strasse bekommt man immer wieder zugefluestert, ob man nicht "Stoff" haben wolle: Marihuana, Haschisch, Kokain u.a. Selbst wenn die Versuchung zu probieren gross ist, kommt in vielen Faellen spatestens 2 Minuten nach dem Kauf das boese Erwachen. Wie der Zufall es will, laeuft man in eine Polizeikontrolle, und die filzt und findet manchmal mehr als das, was man gerade eben erworben hat. Peru und angrenzende Laender sind weltweit fuehrende Drogenproduzenten, und da will die Polizei Erfolge vorweisen, die sie dann zusammen mit "ihren" Drogendealern organisiert. Ich nehme an, dass diese narcotráficos unter Polizeibeobachtung stehen und den Uniformierten gegenueber was gutzumachen haben. So viel ich weiss, sind die Gefaengnisse in Peru nicht sehr komfortabel.

Also, als Reisender besteht das Problem darin, immer auf seine Wertsachen zu achten, sie nie aus den Augen zu lassen, sich immer zu vergegenwaertigen, wo man steht und geht, um nicht in Stadtviertel oder in die Gesellschaft von Leuten zu geraten, die einem das Fell ueber die Ohren ziehen, und man muss, bevor man Geld auszugeben gedenkt, immer darauf gefasst sein, dass der Gegenueber versucht, seinen Schnitt zu machen. Dieses permanente Aufmerksamkeit macht mich nach einer Weile muede, und ich muss gestehen, dass ich ganz froh war, als ich die Grenze ueberschritt und Peru hinter mir lassen konnte.

In Ecuador

21:21, 18 April 2008. Von miyake

Am Montag, den 17. April, kurz vor Mittag, ueberquerte ich die Grenze nach Ecuador. Dem vorangegangen war tags zuvor eine 6-stuendige Busreise von Trujillo nach Piura in Peru. Hier uebernachtete ich in einem ziemlich abgetakelten Hotel, wo ich erst einmal die Ameisen aus dem Bett schuetteln musste, aber der Fernseher im Zimmer hatte Kabelanschluss, so dass ich Deutsche Welle sehen konnte: eine Talkshow ueber Mindestlohn, Rentenluecke und die sich immer mehr oeffnende Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland; ein Wunder, dass ich ueberhaupt schlafen konnte. Am naechsten Tag machte ich mich unverzueglich auf den Weg in Richtung Grenze. Zuerst eine Stunde per Bus, dann musste ich zusehen, ob ich ein taxi-colectivo finde, das mich die verbleibenden 100 km weiterbrachte. Hierzu nahm ich ein Mototaxi, eine Art motorisierte Rikscha, und der Typ, der mich fuer einen Sol zu der Stelle bringen wollte, wo die taxi-colectivos abfahren, fuhr natuerlich dahin, wo keine Taxis standen, sondern meinte, dass die wohl den Standort an eine andere Strasse verlegt haben, zu der er mich nun fahren wuerde. Dort angekommen, wollte er 3 Sol fuer seinen Service haben, was mich zu einem Wutanfall animierte, der es in sich hatte. So schnell habe ich noch kein Mototaxi davonfahren sehen. Typisch Peru, und ich hatte es jetzt einfach satt gehabt, dass sie immer wieder probieren, einen ueber den Tisch zu ziehen. Darueber wird noch an anderer Stelle zu sprechen sein.

Zum Glueck fand ich recht schnell eine Mitfahrgelegenheit zur Grenze, die ich dann in bruetender Mittagshitze ueberschritt. Bis zum naechsten Ort Macara waren es noch 3 km zu Fuss, aber ein Pickup pickte mich auf und setzte mich im Zentrum ab, wo gerade die Rolllaeden heruntergelassen wurden - Siesta. Gut, dass gleich ein Bus nach Loja fuhr, der naechstgroesseren Stadt auf dem Weg in den Norden. Dort kam ich dann am Abend an und hatte zum ersten Mal Zeit und Gelegenheit, mir einen Flecken Ecuador in Ruhe anzuschauen.

Und ich bin ueberaus angenehm ueberrascht. Die Stadt wirkt gepflegt, es gibt kaum oder keinen herumliegenden und stinkenden Muell wie in Peru oder Bolivien, die Menschen sind eleganter gekleidet und - das muss man neidlos anerkennen - sehr schoen anzusehen, die Autos sind nicht so demoliert und man faehrt wesentlich langsamer, so dass man die Strassen durchaus entspannt ueberqueren kann. Was weiss ich denn ueber Ecuador? Quito, Guayaquil, Galapagos-Inseln, Bananen und dass deren Fussballnationalmannschaft bei der WM 2006 gegen Deutschland verloren hat. Ansonsten blieb mir nur noch eine Anektode im Kopf, bei der es um einen Aufkleber geht, den ich mal an einem Laterenmast in der Dresdner Neustadt gesehen hatte und auf dem irgendeine linke Splitterorganisation, wahrscheinlich noch linker als die MLPD, die sofortige Einfuehrung des Sozialismus in Deutschland forderte, und zwar den Sozialismus, wie er in Ecuador verwirklicht sein soll. Das ist mir bisher voellig entgangen, dass in Ecuador Sozialismus herrscht, aber ich kann dem ja in den kommenden Tagen auf den Grund gehen. Auf jeden Fall steht die Wirtschaft Ecuadors besser da als die seiner Nachbarlaender. Viele Peruaner und Kolombianer suchen ihre Arbeit hier, aber die Ecuadorianer selbst suchen ebenfalls Arbeit im Ausland, besonders in Spanien. Nach den Marokkanern und den Rumaenen stellen sie dort das drittgroesste Kontingent an auslaendischen Arbeitskraeften.

Eine weitere Besonderheit hier ist die Waehrung: im Jahr 2000 fand die sogenannte "Dollarisation" statt, um der Hyperinflation des einheimischen Sucre Einhalt zu gebieten. Das bedeutet, der ecuadorianische Sucre wurde abgeschafft und der US-Dollar als gueltige Waehrung eingefuehrt. Es sind zwar noch ecuadorianische Muenzen im Umlauf, aber ansonsten zahlt man hier mit Greenbacks wie in den Vereinigten Staaten.

Gestern, am Dienstag (18.04.) fuhr ich fruehmorgens mit den Bus weiter nach Norden, in eine Stadt namens Cuenca. Das Busfahren macht hier leider ueberhaupt keinen Spass, denn die Strassen sind in einem katastrophalen Zustand. Nach einem kurzen Stueck ebener Strecke folgen eine Buckelpiste mit tiefen Schlagloechern und aufgeworfenem Asphalt, der den Bus kraeftig nach allen Seiten schaukeln laesst. Hier schlug es mir zum ersten Mal auf meiner gesamten Reise kraeftig auf den Magen. Cuenca hingegen ist eine wunderschoene Stadt, die schoenste des Landes, wie man sagt. Sie erinnert mich sehr an Cusco in Peru, und ich bin gestern bis tief in die Nacht durch die Strassen gelaufen, um diese Stadt zu bewundern.

Heute morgen wieder per Bus ueber Holperpisten, die mir nun wirklich echt zum Halse raushaengen, bis nach Alausi, wo ich nachschauen wollte, ob die Eisenbahnstrecke Guayaquil - Riobamba wieder befahren wird. Gemaess meinem Reisefuehrer von 2001 wurde der Verkehr auf dieser Strecke eingestellt. Was mich an dieser Strecke faszinierte, war die Moeglichkeit, auf dem Dach der Waggons mitfahren zu koennen. "Roof-riding" war ausdruecklich erlaubt und keine Masche, um mit einen hoffnungslos ueberfuellten Zug reisen zu koennen. Aber Pech fuer mich - immer noch kein Personenverkehr, lediglich eine Art Schienenbus, der sonntags ab Alausi die Touristen fuer knapp 2 Stunden auf einem Reststueck der Strecke herumfaehrt. Auch hier kann man auf dem Dach mitfahren, nur dass dort so eine Art Perron mit Sitzen eingerichtet wurde. Fehlen bloss noch die Sicherheitsgurte - nee, das ist nix fuer mich!

Also gleich weiter nach Riobamba, und ich hatte Glueck, dass mich ein Paerchen in ihrem Auto mitnahm. Per Anhalter kann man also auch reisen in diesem Lande. Die Landschaft, die ich in den vergangenen Tagen durchfuhr, ist aussergewoehnlich gruen und huegelig und erinnert eher an eine europaeische Mittelgebirgslandschaft, als an die Tropen, hier kurz vor dem Aequator. Oft haengen die Wolken wie eine weisse Suppe so tief in den Taelern, dass man auf den Strassen kaum 50 Meter weit schauen kann. Das Wetter ist mild, hoechstens 20-25 º C, nachts ist es sogar sehr kuehl mit teilweise weniger als 10 º C - also sehr angenehme Reisebedingungen fuer mich.

Jetzt bin ich also in Riobamba, und in unmittelbarer Naehe befinden sich eine Menge Vulkane, von denen einige noch aktiv sind. Der Chimborazo oder Cotopaxi duerfte fuer einige ein Begriff sein. Wenn ich morgen oder uebermorgen weiter nach Norden reise, dann erfolgt diese Fahrt entlang der sogenannten "Avenue der Vulkane", die zu beiden Seiten der "Panamericana" ihre schneebedeckten Gipfel in den Himmel ragen. Ich hoffe, das Wetter ist klar genug, um diese majestaetische Pracht sehen und bestaunen zu duerfen.

Wie gehts weiter? Na ja, ich habe eine Deadline, und die besagt, dass ich spaetestens am 30. April wieder in Lima sein muss. Ich habe heute nach einer Flugmoeglichkeit von Quito nach Lima gesucht, aber 500 US-Dollar sind mir dafuer zu happig. Ich muss in Quito sehen, ob ich einen Direktbus bekomme. Somit habe ich also nur noch hoechstens 10 Tage, um Ecuador zu durchqueren, was angesichts der Groesse des Landes (etwas kleiner als Deutschland) kein Problem sein duerfte, nur habe ich leider nicht mehr die Zeit fuer laengere Aufenthalte an Orten, die mir gefallen, oder fuer mehrtaegige Exkursionen nach irgendwo ins Hinterland oder auf hohe Berge. Bis zum Ende meiner Reise sind es von nun an nur noch weniger als 50 Tage   :-(

Unterwegs in Trujillo

00:31, 15 April 2008. Von miyake

Gestern Nachmittag gegen 15 Uhr hob das Flugzeug in Iquitos ab, um knapp anderthalb Stunden spaeter auf dem Internationalen Flughafen von Lima zu landen. Welch ein Riesensprung vom affenheissen Regenwald an die milde Pazifikkueste. Hier schnappte ich meinen Ruecksack, um schnellstmoeglich einen Bus nach Norden zu finden. Der Terminal liegt natuerlich genau am anderen Ende dieser Mega-Metropole, so dass ich nicht umhin kam, ein Taxi dahin zu nehmen, was mich 45 Soles kostete (mehr als 10 EUR, was hier in Peru eine ganze Menge ist). Aber ich fand recht schnell eine Busverbindung nach Trujillo, das ich heute morgen gegen 7 Uhr nach knapp 10stuendiger Fahrt auch erreichte. Der Bus war ausserst bequem, so dass ich sogar ziemlich ausgeschlafen bin.

14:15 Uhr geht mein naechster Bus, der mich nach Piura nahe der ecuadorianischen Grenze bringen wird. So gegen Mitternacht soll ich wohl dort ankommen. Mal schauen, ob ich dann noch eine Bleibe fuer die Nacht finde.

Jetzt strolche ich erst mal durch Trujillo und schaue mir alles an. Es ist wieder das uebliche Programm: die Plaza und die angrenzenden Kirchen, der Mercado und dann werde ich irgendwo in einem Café eines meiner neu erworbenen Buecher lesen.

Belen - die schwimmende Stadt

00:13, 15 April 2008. Von miyake

Nachdem ich meine Artikel ueber Iquitos bereits ins Weblog gestellt und mich auf die Weiterreise vorbereitet hatte, hatte ich doch noch ein bisschen Zeit und ging erneut in Richtung Mercado, in dessen unmittelbarer Naehe sich der schwimmende Stadtteil Belén befindet, gerne auch das "Venedig Iquitos" genannt, was angesichts dieses Viertels der Armut eine herbe Uebertreibung ist. Tags zuvor hatte mir jemand angeboten, eine private Bootstour fuer mich zu organisieren, denn das Boot ist das einzige Verkehrsmittel, mit dem man das Viertel durchstreifen kann.

So ging ich darauf ein, auch wenn mir bewusst war, dass ich mich mal wieder in die Haende Unbekannter begebe, denen ich nicht bis in die Tiefen ihrer Seele blicken kann. In Belén leben die bitterarmen Leute, und die Kriminalitaet ist entsprechend hoch. Mehr als 30.000 Menschen leben hier in Haeusern zu beiden Seiten der Kanaele, durch die sich schmutzig-braunes Wasser zieht. Die Haeuser stehen entweder auf Stelzen, deren Hoehe so bemessen ist, dass noch genuegend Luft zwischen dem um diese Zeit hoch stehendem Wasser und dem Fussboden ist, oder sie schwimmen auf dem Wasser, sind lediglich verzurrt und steigen bzw. fallen mit dem Wasserspiegel.

Alles, was man hier braucht, findet man hier auf dem Wasser: kleine Geschaefte und Kneipen, eine Schule, sogar ein Hospital. Die Rundfahrt ist ausserst interessant und spannend; man kann den Leuten regelrecht in die Huetten schauen oder ihnen bei der Verrichtung ihrer taeglichen Arbeiten zusehen, Kinder werden von ihren Eltern im Boot zur Schule gefahren, und staendig kreuzten andere Boote, viele auch motorisiert, unseren Weg. Verkehrsregeln gibt es hier keine - wer zuerst paddelt, hat Vorfahrt. Zur Rush-hour kann es auch mal eng auf den Kanaelen werden, dann draengeln sich die Boote aneinander und verstopfen den Wasserweg.

Belén ist also wie eine richtige Stadt, nur dass hier die Strassen und Wege aus Wasser bestehen.

Auf dem Mercado in Iquitos

10:52, 14 April 2008. Von miyake

Mein liebster Platz an jedem Ort ist der Mercado, und der in Iquitos ist mal wieder ein ganz Besonderer. Hier gibt es alles, was der Regenwald hergibt; Fruechte sonder Zahl, frischen und getrockneten Fisch, Fleisch von Huhn, Schildkroete, Guerteltier und was weiss ich noch, Garkuechen, wo man an langen Baenken Platz nehmen und eine preiswerte Mahlzeit zu sich nehmen kann, Saftstaende, die koestliche Fruchtsaefte mixen und anbieten, sogar handgedrehte Zigarretten und Zigarren kann man im Dutzend kaufen, Gewuerze, Haushaltwaren und vieles andere mehr.

Eine weitere Besonderheit ist die Naturmedizin, die hier eine weitaus groessere Rolle spielt als in unserer westlichen Welt. In Regalen aufgestellt findet man eine Unzahl von Essenzen, Tinkturen, Likoeren und Salben, die gegen sogut wie alle irdischen Gebrechen helfen, aber auch als Energizer, Potenzmittel oder in spirituellen Angelegenheiten unterstuetzen sollen.

Ich wurde ausdruecklich gewarnt, nicht mit der Kamera auf dem Markt zu gehen, weil es dort nur so von Dieben wimmelt, aber ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, diese unglaubliche Atmosphaere im Bild einzufangen. Ihr findet eine neue Bildergalerie mit dem Titel "Der Mercado in Iquitos" im Fotoalbum. Lasst euch aber gesagt sein, dass dies das tatsaechliche Treiben mit all seiner Bewegung, den Geruechen und dem Laerm nur unzureichend widerspiegelt. Einen Mercado kann man nur selbst erleben!