Projektionsfläche: Rio Reiser - Für immer und Dich

09:49, 1.11.2006 .. 0 Kommentare .. Link
Ein Rio-Reiser-Film. Ohne, dass Rio wirklich vorkommt. Es gibt in dem gesamten Film keine einzige Sekunde Musik. Was in einem Film über Rio Reiser natürlich überrascht und dem Film an sich auch nicht unbedingt gut tut. Und noch mehr überrascht, dass Rio selbst in dem Film nicht auftaucht. Alles was von ihm zu sehen ist, sind ein paar Fotos. So gibt es auch kein Interview mit ihm sondern nur Zitate, die von einer Stimme nachgesprochen werden, die anscheinend nicht seine eigene ist. Auch sonst ist die Präsentation des Filmes sehr nüchtern. Einen Großteil der Zeit sind nur zwei in die Jahre gekommenen Männer zu sehen, die aus ihren Büchern zu Rio Reiser respektiere Ton-Steine-Scherben vorlesen. Und nicht einmal das besonders gut. Dabei gibt es nicht viel Neues über Rio Reiser zu hören. Hauptsächlich wird die Bandgeschichte rekapituliert, über die Zeit nach der Band gibt es nur ein paar allgemeine Informationen. Und die Bandgeschichte  konnte der ,,Der Traum ist aus" Film wesentlich besser und ansprechender erzählen.
Im Gegensatz zu diesem Film fehlt hier jedes Zeitdokument, alles findet nur als Erinnerung statt. Durch die bereits angesprochenen Lesungen oder durch Interviews mit Wegbegleitern. Doch auch bei diesen Interviews verschenkt der Film viel durch seine unbedingte  Jetztfixierung. So kommt etwa die Stelle zur Sprache in der Nickel Pallat mit den Worten ,,Das Fernsehen macht hier so eine scheißliberale Sendung - und was passiert objektiv? An der Unterdrückung ändert sich nichts. Das Fernsehen ist ein Unterdrückungsinstrument in dieser Massengesellschaft. Wenn überhaupt noch was passieren soll hier, muss man sich gegen den Unterdrücker stellen und deswegen mach ich jetzt mal den Tisch kaputt. So. Jetzt können wir weiter diskutieren" und einer Axt den Tisch in einem WDR-Studio zerlegt und daraufhin die Mikrofone für ,,die Jugendlichen im Knast" einsteckt. Aber gezeigt wird die Szene bedauerlicher Weise nicht.
Für den Film spricht allerdings, eine kritische Auseinandersetzung mit der zunehmenden Gewalt in der linken Bewegung und dem Verhältnis von Ton-Steine-Scherben zu dieser Entwicklung. Auch der Drogenkonsum wird noch etwas offener angesprochen.  Aber ein paar mehr Ansätze zur Person Rio Reiser an sich hätte ich von dem Film dann doch erwartet.
Auch seltsam ist, dass während des Filmes zweimal eine Texttafel eingeblendet wird, die erklärt, dass der Film jetzt vorbei ist und über die Zeit Rios als Musicalschreiber und so weiter in einem anderen Film berichtet wird. Es beschleicht einen das Gefühl, das  hier verschiedene Filme einfach zusammen geschnitten wurden. Gegen Ende läuft dem Film dann auch noch die Zeit davon. Den genau so fest wie er sich daran hält keine Dokumente aus der Zeit über die er berichtet zu nutzen, genauso dogmatisch will er jetzt die 90 Minuten-Grenze einhalten. So bekommt man zum Schluss noch einiges wirres über Rios Tod zu hören, ohne dass es konkret oder wenigstens nachvollziehbar wird. Es wird beispielsweise von einer unsachgemäß abgestellten Sense gesprochen, die dann aber nicht weiter erwähnt wird und auch sonst in keinem Zusammenhang zu stehen scheint. So wird besonders das Ende des Films noch einmal unbefriedigend.
Dieser Film richtet sich ganz klar an Menschen die sich schon mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Es werden nicht einmal die Namen der Interviewten gezeigt. Wer sich näher mit der Thematik befassen will sollte als Einstieg lieber den ,,Der Traum ist aus" Film sehen.
Allein schon wegen der Musik. 
Für heute, Vorhang zu!

Kenix

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