
Auch ein Jahr nach der militärischen Auseinandersetzung zwischen Hisbollah-Kämpfern und der israelischen Armee erholt sich der Libanon nur langsam. Die Spuren des »Juli-Kriegs«, wie ihn die Libanesen nennen, sind im ganzen Land allgegenwärtig: Nur ein Teil der von israelischen F-16-Bombern zerstörten Infrastruktur konnte bisher wieder aufgebaut werden. Nach Angaben der Regierung in Beirut sind bei den Angriffen 91 der 150 Brücken des Landes zerstört worden. Auf diese Weise hatte Israel im letzten Sommer versucht, die Versorgungswege der Hisbollah abzuschneiden. 51 Brücken sind bis zum heutigen Tag wieder aufgebaut worden. Am heutigen Donnerstag, also genau ein Jahr nach Beginn des Krieges, wird in einer feierlichen Zeremonie die große Awali-Autobahnbrücke bei Sidon eröffnet, die den Süden des Landes mit der Hauptstadt verbindet.
Über 107000 Häuser sind einem Bericht der Weltbank zufolge durch die israelischen Luftangriffe zerstört oder schwer beschädigt worden. Wie viele davon bereits renoviert oder neu aufgebaut werden konnten, weiß niemand so recht.
Vier Kleinstädte im Süden des Landes, die im Krieg stark beschädigt worden waren, konnten mit der Finanzierung Katars, das über umfangreiche Öl- und Gasvorkommen verfügt, komplett wiederaufgebaut werden.
Mit einer Summe von rund 230 Millionen Dollar sind bisher etwa 72000 Libanesen für den Verlust ihres Besitzes entschädigt worden. Viele weitere warten noch auf Hilfe. Nach eigenen Angaben soll allein die islamische Partei Hisbollah seit September 2006 mehr als 150 Millionen Dollar in die Vororte Beiruts investiert haben, die Israel im letzten Sommer zu Schutt und Asche bombardiert hatte.
Ein schwieriges Problem, das auch die Aufbauarbeiten behindert, sind nach wie vor die Streubomben. In den letzten Tagen der Offensive hatten israelische Kriegsflugzeuge weite Teile des Südlibanon regelrecht damit übersät – obwohl ihr Einsatz international geächtet ist. Nach Schätzungen des Koordinierungszentrums für Minenräumung der Vereinten Nationen im Südlibanon hat die israelische Armee rund vier Millionen Clusterbomben im Südlibanon eingesetzt, ein großer Teil davon stammte aus US-Produktion. Rund eine Million sind nicht explodiert und stellen auch ein Jahr nach dem Krieg noch eine ständige Gefahr für die Bevölkerung dar. Weil die Bomben häufig bunt sind, werden sie für Spielzeug gehalten. Bereits unmittelbar nach dem Waffenstillstand am 14. August 2006 wurde ein spielendes Kind verstümmelt.
28 Menschen sind nach Kriegsende von am Straßenrand, auf den Feldern oder im Garten herumliegenden Blindgängern getötet worden, etwa 214 erlitten Verletzungen; viele von ihnen bleiben für immer gezeichnet. Weil der Druck der internationalen Gemeinschaft ausgeblieben ist, hat Israel sich bis heute für die unverhältnismäßige Zerstörung der libanesischen Infrastruktur sowie für den Einsatz von Streubomben in Wohngebieten – was nach internationalem Recht verboten ist – nicht verantworten müssen. (jW)
Muslimrecht 14.7.07