Karate - "leere Hand"? Schlägt man in einigen der vielfältigen deutschen Fachliteratur zum Thema Karate nach, so fällt auf, dass Karate häufig mit "leere Hand" übersetzt wird (vgl. Nakayama, Pflüger, Weinmann). Mit dieser Übersetzung versuchen die Autoren bzw. die Übersetzer den Leser aber auch Kampfkünstler davon zu überzeugen, dass das Wort "kara" für eine "waffenlose" Kampfkunst steht. Bei dieser Erläuterung wird jedoch unterschlagen, dass diese Übersetzung alleine aus historischer Sicht, nur die halbe Wahrheit darstellt. Auf den ersten Blick scheint die Erläuterung, dass "Kara-te" eine Kampfkunst welche ohne Waffen trainiert wird auch einleuchtend zu sein. Denn schaut man sich in den Vereinen und Dôjôs um, so wird man selten Waffen finden und noch seltener Karateka die mit Waffen trainieren. Auch die philosophische Betrachtung des Karate scheint diese Übersetzung zu stärken. So wird häufig gelehrt, dass der Begriff "kara" auch für das "leeren des Geistes" stehe. So soll der Kampfkünstler vor dem Kampf sich von Gedanken frei machen um so besser agieren zu können. Eine Betrachtungsweise die sicherlich interessant aber in einem solchen Zusammenhang (vermutlich) kaum sinnvoll ist. Denn ist es nicht grds. immer ratsam, sich in einem Kampf auf das kommende zu konzentrieren und sich NICHT von den Gedanken, Ängsten und Sorgen einengen, ja fesseln zu lassen? Wieder einmal scheint es so zu sein, dass philosophische Esoterik mit einer Romantisierung der asiatischen Kampfkünste einher gehen soll, welche jedoch so nicht existent und anhand von qualitativ hochwertiger Literatur belegbar sind. An dieser Stelle muss der Blick auf die historische Entwicklung der Kampfkunst Karate sowie auf die Kanji des Wortes "kara" gemacht werden, um die ursprüngliche und spätere Bedeutung zu verstehen. Bevor Karate nach Japan kam, entwickelte sich auf Okinawa das "Te", welches auch "To-te" genannt wurde. Das Kanji für "To" kann auch als "kara" ausgesprochen werden (vgl. Schlatt). In beiden Fällen behält der Begriff die Bedeutung von "China Hand". Es wird somit erkennbar, dass es eine Zeit in Okinawa gab, in der der chinesische Einfluss sich auch auf den Namen der Kampfkünste auswirkte. Ob auf Okinawa auch Waffenkünsten im "To-te" gelehrt wurden, kann an dieser Stelle literarisch noch nicht belegt werden. Sicher jedoch ist, dass das es erste Einflüsse des Schwertkampfes auf die Kampfkunst von Okinawa bereits um das Jahr 1700 durch Matsumura Sôkon gegeben haben soll. Er, Matsumura Sôkon, war ein anerkannter Meister des Jigen-Ryu, der Schwertschule der Satsuma-Krieger. Sein Schüler war kein geringerer als Asato Ankô, der später einer der zwei Lehrer von Funakoshi Gichin war (Wittwer, S. 95 ff.). Es kann davon ausgegangen werden, das die Matsumuras Kenntnisse im Jigen-ryû sich auch auf sein Karate und sein Lehre auswirkten, weshalb dies durchaus als Beleg für die Verknüpfung zwischen Karate und Waffenkünste angesehen werden kann. Ein noch deutlicher Beleg das Karate eben keine "waffenlose" Kampfkunst war und ist, lässt sich durch die von Funakoshis Sohn, Yoshitaka, geschaffene Stockkata erkennen, die er unter dem Namen "Matsukaze no Kon" geschaffen hat und auch trainierte. Fazit: Wenn nun das Karate früherer Tage mit den Waffenkünsten in Berührung stand, so ist es sinnvoll, die Bewegungs- und Anwendungs-Prinzipien des Karate aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und es wird klar, dass Karate heute zwar als "waffenlose" Kunst gelehrt wird, die Prinzipien sich aber nicht verändert haben. Die Unkenntnis zwischen diesen Zusammenhängen führt somit zu häufigen Fehlinterpretationen der Prinzipien und Anwendungsmöglichkeiten und somit zu einer ineffektiven Kampfkunst. In der Verantwortung der betriebenen Kampfkunst, der effektiven Selbstverteidigung aber auch und vor allem einer wahrheitsgerechten Lehre, sind gerade diese Prinzipien zu erforschen und zu verstehen, damit wieder von einer effektiven und effizienten Kampfkunst gesprochen werden kann. Dazu kann es durchaus hilfreich sein, sich mit den Schwertkünsten (Iai-do, Ken-jutsu, etc.) auseinander zu setzen. Literatur: .
Es bleibt festzuhalten, dass Karate massiv durch den "Schwertkampf" beeinflusst wurde. Dies lässt sich in vielfältiger Weise belegen. Alleine der Ausspruch, sich Hände und Füße als Schwerter vorzustellen, ist nur ein Indiz dafür.
Nakayamas Karate perfekt - Einführung, Nakayama M., Falken-Verlag, Niedernhausen/Ts. 1995
Karate 1 - Einführung - Grundtechniken, Pflüger A., Falken-Verlag, Niedernhausen/Ts. 1992
Enzyklopädie des Shôtôkan-Karate, Schlatt, Götzelmann, Lauda 1999
Das Kampfsportlexikon von Aikido bis Zen, Weinmann W., Weinmann, Berlin 1992
Shôtôkan überlieferte Texte - historische Untersuchungen, Wittwer H., Eigenverlag 2007