Dieser Blog beschäftigt sich (u.a.) mit den Kampfkünsten, insbesondere dem (Shôtôkan-ryû) Karate. Allerdings werden von Zeit zu Zeit auch andere Themen angesprochen.

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Karate als Selbstverteidigung

Geschrieben von Dirk.Z am 9.12.2009 um 11:25
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Karate als Selbstverteidigung

Die Überschrift dieses Beitrags ist an und für sich schon paradox, denn für was anderes als Selbstverteidigung wurde Karate ursprünglich entwickelt. Doch in der heutigen Zeit, so scheint es, ist dieses Wissen um die Wurzeln des Karate soweit in Vergessenheit geraten. Denn wie sonst kommt es nun dazu,  dass ein großer Sportfachverband nun damit wirbt, dass man sich als "SV-Lehrer" ausbilden lassen kann?

Hierzu entwickelte der "anerkannte" Sportfachverband ein Konzept, welches "hohen Ansprüchen einer solchen Thematik" genügen soll. Nachdem das Konzept entwickelt und vorgestellt wurde, ist sich der Verband sicher, "eine Lücke in seinem Angebot geschlossen" habe.

Inhalte des neuen Konzepts sollen dabei folgende Inhalte umfassen:

P r a x i s ( c a . 70%)
Selbstbehauptung
Psychologie
Pädagogik
Methodik
Fitness
Anatomie, Erste Hilfe
Rechtsgrundlagen
Berufsgruppenausbildung
Logistik, Planung
Management

Auf dem ersten Blick eine schöne Idee. Auf dem zweiten verwundert es doch jene Karateka, die Karate schon immer als Selbstverteidigungs-Kampfkunst sahen. Die Aussage, dass nun eine "Lücke im Angebot" geschlossen wurde, zeigt doch deutlich, dass Karate in den vergangenen Jahren mehr als Wettkampfsport als etwas anderes gesehen wurde. Dementsprechend gestaltete sich in vielen Dôjôs das Training.

Doch nun ein plötzlicher Sinneswandel? Dabei stellt sich schon die Frage, ob - wenn man von Karate und Selbstverteidigung spricht - dies nicht schon immer der Kern und der Wettkampf eine Ausprägung ist. Doch das Wissen um das "Goshin Jutsu" wurde offensichtlich verdrängt, abgelehnt und/oder vergessen oder sind die Verantwortlichen für solche Fragen gar inkompetent?

Schaut man sich die Inhalte näher an, so ist zu fragen, ob das (tägliche) Karatetraining nicht nur Praxis sondern auch Fitness lehrt bzw. lehren sollte? Ebenso wie Anatomische Kenntnisse? Warum wird zur Prüfung zum 1. Dan nicht verlangt, dass ein 1. Hilfe Kurs absolviert werden muss?

Und wenn Karate unterrichtet wird, gehörend da nicht ebenso die Rechtsgrundlagen dazu? Warum wird, wenn Karate eine Kunst zu Selbstverteidigung ist, gerade die Themengebiete der Selbstbehauptung und der Psychologie unterschlagen?

Diese Dinge sollten ebenso, wie ein Oi-Tsuki als Grundlagen verstanden werden und nicht nur und ausschließlich auf sogenannten SV-Lehrgängen oder ähnlich gelagerten Seminaren - wie hier die Fortbildung zum zertifizierten "SV-Lehrer" gelehrt werden. Eine Vernachlässigung dieser Themen durch Vereinstrainer grenzt in der heutigen Zeit an Fahrlässigkeit.

Doch warum wird dieses Wissen nicht gelehrt? Die Antwort darauf kann doch nur lauten, weil viele Trainer nicht über die notwendigen Kenntnisse verfügen und zum großen Teil (noch immer) glauben, dass das geübte und gezeigte Wettkampfkarate zur Selbstverteidigung taugt.

Die Aussage des Sportverbands, dass man nun eine Lücke im Angebot geschlossen habe, offenbart doch die Ignoranz sowie die Inkompetenz ggü. dem notwenigen Wissen um die Kampfkunst Karate. Es scheint so zu sein, als ob man nun, ganz plötzlich feststellt, das sich Karate auch zur Selbstverteidigung eigne. Das muss eine faszinierende Erkenntnis sein...

Oder liegt der Hund woanders begraben? Schaut man sich die Ausschreibung an, so kann man feststellen, dass der Kurs mit einer späteren Lizenzvergabe einhergeht, so dass sich der Teilnehmer später als "lizenzierter SV-Lehrer" verkaufen darf. Dass der Weg dorthin vier Seminare umfasst und jedes einzelne (so jedenfalls ist es aus der Beschreibung herauszulesen) 450 Euro kostet, lassen einen noch andere Motive vermuten.

Zusammenfassend möchte man ketzerisch sagen, dass der "anerkannte Sportfachverband" nun Seminare anbietet um Dinge zu lehren, die bereits seit Jahren Teil des Trainingsbetriebs und des Curriculums sein müssten. Für dieses Seminar mit scheinbar "neuem" Wissen - welches so oder so von den Trainern gelehrt werden müsste - wird eine fürstliche Gebühr erhoben, damit der zukünftige "zertifizierte SV-Lehrer" ein weiteres Dokument in den Händen hält, was ihn als vermeintlichen Experten qualifiziert.

Gleichzeitig zeigt es sich, dass gerade durch den Fokus auf den Wettkampfsport gerade die wichtigen Inhalte der Selbstverteidigung nicht gelehrt werden. Erschreckend, wenn man bedenkt, dass viele Menschen mit den Kampfkünsten beginnen, um zu lernen, wie man sich selbst verteidigt.

 

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