Wo bleibt das Bunkai?

Geschrieben von Gelbfüssler am 4.04.2010 um 13:15
in 4) Karate. Link.

Wo bleibt das Bunkai?

Schaut man in die vielfältigen, gut recherchierten Karate-Fachbücher, so ist feststellbar, dass es auf Okinawa keine "Dreiteilung" des Karatetraining in Kihon, Kata und Kumite gab. Vielmehr bestand das Training aus Kata und deren Bunkai. Selbst das heute bekannte "Bahnenlaufen" war so, (scheinbar) nicht üblich.

Betrachtet man die aufgestellte These "Jede Kata ist ein eigenständiges Kampfsystem", welches ich erstmalig im regluären Mittwochstraining bei Hanskarl Rotzinger (DJKB-Instructor) hörte und man heute auf Seite 34 des DKV-Magazins (Ausgabe: 02/2010) nachlesen kann, so scheint es eher nachvollziehbar zu sein, warum früher das erlernen einer Kata mehrere Jahre in Anspruch nehmen konnte.

Denn wenn eine Kata ein Kampfsystem ist, so gilt beim Erlernen, dass der Schüler das komplette Verständnis erwirbt. Doch was ist das "komplette Verständnis". Ist eine wirkliche Auskunft darüber möglich? Aus heutiger Sicht vermutlich weniger. Fehlt doch häufig - gerade bei jüngeren Karateka (zu denen auch ich mich zähle) das tiefere Verständnis um die Anwendung.

Betrachten wir doch einmal die erste Kata die den Schülern heute beigebracht wird, die Kata Heian Shôdan. Die offizielle (?) Lehrmeinung sagt doch aus, dass in dieser Grundkata in erster Linie Abwehrtechniken wie Age Uke, Shuto Uke und Gedan Barai gelehrt werden, während als Angriffstechniken in erster Linie der Oi-Tsuki bzw. an jener einen Stelle der Tetsui geübt wird.

Aus dieser Sichtweise betrachtet, eine recht "langweilige" Kata, die in einem realen Kampf kaum praktikabel erscheint. Denn wer würde in einem Kampf a) tief stehen wollen und b) solche stilisierten und steifen Techniken anwenden wollen?

Manch fortgeschrittener Karateka, der die Kata lehrt, findet noch wenige weitere Anwendungen. So verstehen manche den Age-Uke auch als Angriff in Form eines "Empi" zum Kopf des Gegners. Spätestens nach dieser Erläuterung endet häufig das "eingehendere/tiefere" Studium der Kata. Denn was sollte diese Kata mehr hergeben?

Vorhandene Würfe, Würge- oder Greiftechniken werden kaum gelehrt. Aber warum? Sind diese Techniken zu kompliziert oder weiß der Dozent über diese Dinge nicht Bescheid?

Lassen wir unsere Augen über Youtube gleiten und betrachten die uns heute gezeigten Anwendungen. Auffällig ist, dass 1) viele Versionen der Bunkai von westlichen Karateka gezeigt werden bzw. von japanischen Karateka, die Shôtôkan-ryû nach Version der JKA zeigen. Hier liegt das Augenmerk auf 2) Angriffe, die aus einer größeren Distanz kommen. 3) Abwehrtechniken aus der Nahdistanz (Infight) sieht man im Shôtôkan-ryû seltener.

Gerade Angriffe im Nahbereich scheinen doch die häufigsten Angriffe zu sein. Angreifer die zupacken, reißen, würgen oder ähnliches tun. Welche Abwehrtechniken stecken aber für genau diese Angriffe in den Kata? Dazu findet man auf youtube und häufig auch in den diversen Dôjôs kaum eine passende Antwort.

Statt dessen wird Distanzüberwindung zum Gegner geübt. Also gerade das, was im Kumite-Shiai notwendig aber in einer SV-Situation eher weniger notwendig ist.

Und wie im letzten Satz zwischen den Zeilen angedeutet, werden Techniken des Kumite-Shiai verstärkt trainiert, Kihon als notwendiges Übel und Kata (fast) als überflüssiges Beiwerk betrachtet. Ganz zu schweigen vom Bunkai. Dass gerade hier entsprechende Bewegungsprinzipien gelehrt werden, wird verkannt. Schade.

Quelle (DKV-Magazin 02/2010)
www.chronik-karate.de/material/2010_02_DKV-Magazin.pdf
Stand: 04.04.2010

Kommentare

Navigation

{ Vorherige Seite } { Seite 21 von 150 } { Nächste Seite }

Avatar