Karate eine komplexe Kampfkunst Karate scheint wie ein Puzzle zu sein, ein Puzzle dessen Gesamtheit aller Teile sowie die vielen einzelnen Facetten man nicht zu erkennen vermag. Ein Puzzle bei dem weder das Bild noch die Anzahl der Teile bekannt ist. Wieviel Teile mag es geben, welche Teile gehören wie zusammen? Am Beginn meines Trainings waren mir nur sehr, sehr wenige Teile bekannt und bewusst. Kihon, Kata und Kumite sollen die drei Säulen des Karate sein. Doch die Säulen scheinen komplexer ineinander verwoben zu sein, als es mir bis vor kurzem erschien. Betrachtet man die Aussagen unterschiedlicher und ohne Zweifel anerkannter Groß-Meister des Karate (im Buch "Masters", so äußern sich jene in Bezug auf Karate, Kata und Kumite immer wieder ähnlich. Basis des Karate ist die Kata. Genauer gesagt, die Analyse (Bunkai) und die Anwendung (Oyo). Auch das Kihon basiert auf Kata ebenso wie das Kumite. Betrachtet man nun Karate als komplexe Kunst, so finden wir viel mehr, als die typischen "Block-Konter"-Techniken - Dinge die ich teilweise schon in diesem Blog beschrieben habe - Nage-Waza (Wurftechniken), Tanto-jûtsu bzw. Tanto-Dori [1] (welches man weitgehend als Verteidigung gegen Angriffe mit einem Messer verstehen kann), Tachi-Dori [2] (Verteidigung gegen das Schwert), Bô-Dori (Verteidigung gegen den Langstock) [3], Kyûsho (Vitalpunkte), sowie des Goshin-jûtsu (Selbstverteidigung) sowie die des Bûjûtsu (Kriegskunst). Gerade die letzten beiden Punkte erwähnen die Meister aus Okinawa, Japan und anderen Ländern immer wieder. Auch der Bodenkampf findet immer wieder Erwähnung. So sprechen sich sowohl Henry Plee als auch Stan Schmidt für ein entsprechendes Training aus. Henry Plee geht sogar noch einen Schritt weiter und äußert sich dezidiert, dass in den Kata Techniken enthalten sind, die im Bodenkampf eingesetzt werden können. Betrachtet man diese Punkte, so erscheint die Kampfkunst deutlich komplexer als es häufig in den Dôjô (die ich kenne) bislang geübt wird. Wie sollte also ein Training für fortgeschrittene Schüler (ab 1. Kyû) aussehen? Neben dem üblichen Standardtraining, dem Kihon - die der Verbesserung und zur Verfeinerung der Technik dient - sollte das Augenmerk einerseits dem Kata-Training gehören. Hierunter ist zu verstehen, das zuerst die Form gelernt werden muss, so dass ein gutes Verständnis vorherrscht. Im nächsten Schritt geht es an die Analyse der Bewegung, ggf. unter Berücksichtigung von Waffenkünsten, wie dem Kobudo, welche zum Teil sehr eng mit dem Karate verwoben sind [4]. Nach der Analyse bzw. durch die Analyse erfolgt die Kenntnis des Bunkai, welches nun in Kumite-Form erstmalig geübt werden kann. An diesem Punkt könnte man fragen, ob hier schon die erste Schnittstellen zum Goshin-jûtsu zu finden sind und in der Erweiterung der Übung nun auch Nage-Waza, Kyûsho, Tanto-Dori, etc. geübt werden können bzw. müssen. In diesem Spannungsbogen zum Kumite (welches sich nun eindeutig vom Kumite-Shiai unterscheidet) ist ebenfalls eine Erweiterung zu sehen. Wurden in der Vergangenheit Techniken geübt, die zum Erfolg auf der Wettkampffläche führten, sollte hier die Übung zum Jissen-Kumite übergehen. Nage Waza, Kyûshu sowie viele andere Techniken sollten nun Teil des technischen Repertoire des Jissen-Kumite sein, welches sich in Richtung Bûjûtsu entwickelt. Eines wurde in dieser kurzen und mehr als komplexen Auflistung jedoch vergessen. Als weitere Elemente der natürlichen Kampfkunst Karate fließen neben ebenso funktionale Bewegungen und Techniken als auch Übungen des Qi-Gong und der Atmung mit ein, die das Training aber vor allem das eigene Karate unterstützen. [5] Wenn ich all' jene Punkte betrachte, die es zu erforschen, zu verstehen und vor allem zu üben gilt, so ist klar, dass Karate wahrlich eine komplexe Kampfkunst ist, die mehr beinhaltet als jenes, was uns häufig in Verbänden suggeriert wird. Aus diesem Grund verabschiede ich mich für heute und widme mich meinem Training, in der Hoffnung, auch hier einen weiteren Schritt nach vorne zu machen. [1] vgl. Wittwer, Henning, Shôtôkan - überlieferte Texte, S. 160
[2] ebd.
[3] ebd.
[4] vgl. Masters, Schlatt, Sake-Verlag
[5] hierzu möchte ich ebenfalls auf das Buch "Masters" sowie den Autor von "Dôjôkun" verweisen.