Selbstverteidigung / Kampfsport / Kampfkunst

Geschrieben von Gelbfüssler am 23.07.2007 um 13:00
in 4) Karate. Link.

Selbstverteidigung / Kampfsport / Kampfkunst:

Letztens las ich von einem geschätzten Kampfkunstfreund die Aussage, daß Karate keine Selbstverteidigung ist. Und während ich über die von ihm geschriebenen Sätze sinnierte, was denn nun eigentlich Selbstverteidigung sei, wurde ich (wieder mal über Wikipedia) - wie es der Zufall wollte - auf folgende Seite "gelockt": realistische Selbstverteidigung

Wikipedia selbst definierte als Selbstverteidigung schon Aspekte die im verbalen Bereich beginnen, also mit Beleidigungen, Mobbing, etc. Der Kampfkünstler allgemein bezieht sich beim Thema Selbstverteidigung (kurz: SV) fast immer auf den körperlich gewaltätigen Aspekt. Damit ist gemeint, daß sich der Verteidiger mit Händen und Füßen gegen einen körperlichen Übergriff auf seine Person wehren muss. An diesem Punkt sei der Notwehrparagraph erwähnt, der sinngemäß sagt: "Notwehr ist die Verteidigung, die notwendig ist, einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich oder einer anderen Person abzuwehren."

Nachdem ich den Text "Arno Matthias" gelesen hatte, sind mir mehrere Passagen aufgefallen, die meiner Meinung nach falsch sind.

"In jeder Kampfsportart gibt es Gewichts- und Altersklassen, es kämpfen immer nur gleich große bzw. gleich schwere Partner miteinander. Warum ist das wohl so? Weil nur sehr wenige Kampfsport-Techniken gegen körperlich Überlegene funktionieren. Im Ernstfall ist der Angreifer körperlich überlegen (sonst ist es kein Ernstfall)."

Ist das tatsächlich so? Nein. Sicherlichlich viele Wettkampfsysteme haben Gewichtsklassen. Aber dennoch gibt es Verbände die bewusst auf Gewichtsklassen verzichten und so realitätsnäher werden. Es gilt natürlich zu beachten, daß ein Wettkampf etwas anderes ist als die realistische Notwehrsituation.

Im Notfall wird eine Menge Adrenalin freigesetzt, was ungewohnte körperliche und geistige Veränderungen bewirkt, u.a. erhöhter Blutdruck und Puls, feuchte Hände, Leere im Gehirn, Zittern, weiche Knie u.v.m. Diese “Fliehen-oder-Kämpfen”-Stressreaktion lässt sich in der Turnhalle nur sehr schwer künstlich hervorrufen.


Auch diesem Punkt kann ich nur bestimmt bestätigen. Ich vermute, daß der Autor noch nie an einem Wettkampf teilgenommen hat, bei dem es a) keine Gewichtsklassen und b) keine Faustschützer gab. Es wird hier sehr wohl Adrenalin freigesetzt. Dies konnte ich am verganenen Samstag selbst wieder einmal erleben. Das sich auch hier die Situation von einer Notwehrsituation unterscheidet liegt in der Natur der Sache, dennoch muss man auch in einer solchen Wettkampfsituation lernen mit Adrenalin umzugehen.

Jedoch muss ich einräumen, daß heute in vielen Dojos der reine Wettkampf auf der Agenda steht und Techniken, die im Wettkampf verboten sind, in der Realität einem helfen könnten nicht trainiert werden. Gerade im Karate-Bereich wird seltenst ein Hiza-Geri (Kniestoß) oder Empi (Ellenbogen)-Angriffe trainiert. Fingerstiche zu den Augen oder zum Kehlkopf werden nur in der Kata gezeigt.

Es ist also schon etwas wahres dran, wenn man sagt, daß Karate nicht zur Selbstverteidigung taugt. Allerdings nur dann, wenn die Trainer selbst nicht das erforderliche Know-How haben um genau dieses Wissen zu vermitteln? Was nützt mir ein Mawashi-geri den man in Kopf-Höhe treten kann, wenn der Gegner bereits meine Handgelenke gegriffen hat?

Ist es also die Schuld des Wettkampfs, daß Karate keine Selbstverteidigungsalternative ist? Und was ist dann bitte die Kampfkunst Karate?

Hier sollte man eine klare Trennung zwischen Sport und dem Streben nach Pokalen und Medaillen und der Kunst ziehen, der Kunst die auch Techniken beinhaltet die zur Selbstverteidigung angewandt werden können. Hier liegt die Aufgabe des Trainers die Schüler nicht nur auf den nächsten Wettkampf oder die nächste Prüfung nach Prüfungsordnung vorzubereiten, sondern sich ernst und gewissenhaft mit möglichen realistischen Selbstverteidigungssituationen auseinander zu setzen.

Ich persönlich bin ein Verfechter des Jiyu-Ippon-Kumite in Kombination mit sinnvollen Techniken die in der Realität Wirkung zeigen. Techniken die den kompletten Körper einbeziehen, sei es nun Knie-, Faust oder Kopfstöße. Wichtig ist, daß die Techniken in der Realität wirksam sind und nicht, daß Techniken in einem Wettkampf Punkte bringen.

Der Wettkampf selbst ist für mich Mittel zum Zweck um zu lernen wie man mit Adrenalin umzugehen hat und wie man unter Druck Techniken automatisiert anwenden kann. Somit ist der Wettkampf ein Teil des Trainings aber nie das Hauptaugenmerk der Kampfkunst.

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