Karate und Tradition I:
Wenn ich so in den gängigen Karate-Foren lese, fällt mir immer wieder auf, wie schnell es zu Reibereien zwischen den sog. Sport-Karateka und den Traditionalisten kommt. Seit längerem beschäftigt mich deshalb nun die Frage, was eigentlich die Tradition des Shotokan-ryu-Karate (jap. für Shotokan-Stil) ist. Doch bevor ich mich auf diesen dünnen Pfad meiner bisherigen Erkenntnisse bewege möchte ich für den geneigten Leser die beiden in den Foren benannten Begrifflichkeiten "Sport-Karate" und "Traditionalismus" näher bringen.
Die Traditionalisten sehen im Sport-Karateka i.d.R. jene Person, deren einziges Ziel es ist, Pokale und Medaillen zu erringen. Um dies zu erreichen werden wichtige Elemente des Karate vernachlässigt und sich auf wenige sportorientierte Techniken konzentriert. Sportorientierte Techniken sind jene, die möglichst schnell zu einem Punkt oder eben zum Gewinn des Kampfes führen sollen. In diesem Zusammenhang werden all jene Techniken eliminiert die in der Realität wirksam wären aber aufgrund der Gefährlichkeit im Wettkampf verboten sind. Somit ist der Wettkampf eine kastrierte Kampfkunst bei der es nur noch um die Athletik und Ästhetik geht aber nicht mehr um die Effektivität der eigentlichen Kunst.
Die Sportkarateka sehen dies naturgemäß anders. Sie meinen, daß man als Sportkarateka durchaus in der Lage wäre sich damit verteidigen zu können. Gleichzeitig sehen sie die von den Traditionalisten gemachten Aussagen als Schmähung an, da Sie - ebenso wie die Traditionalisten - doch hart trainieren würden. Dabei wird übersehen, daß die Traditionalisten durchaus das Trainingsengagement durchaus zu würdigen wissen und es somit auch respektieren.
Soweit die kurzen Ausführungen. Ich selbst sehe mich im Karate als Traditionalist, der gerne über den Beckenrand (des eigenen Verbandes und deren Trainer) hinausschaut um so die ein oder andere kostbare Information zu bekommen.
In einem von mir sehr geschätzten Forum kam es vor einiger Zeit zu der Diskussion, in wieweit sich das Karate der JKA (Japanese Karate Assiociation) vom Shôtôkân-ryu des "Begründers" Funakoshi Gichin unterscheidet. Hierbei hat sowohl Henning Wittwer als auch Stephan Yamamoto viel Know-How in die Diskussion eingebracht. Hierfür möchte ich beiden Danken. Meine nun im folgenden gemachten Aussagen spiegeln mein derzeitiges Verständnis um die Historie der Tradition des Shôtôkân-ryu-Karate wieder und erhebt keinen Anspruch auf Richtigkeit. Sollte ein Leser gedankliche Fehler entdecken, wäre ich um Korrektur (per Mail) dankbar.
Was ist aber nun traditionell im Shôtôkân-ryu? Ich denke, daß sich seit Funakoshi Gichin drei Strömungen entwickelt haben. Anfangen möchte ich mit dem Begründer des modernen Karate, Funakoshi Gichin.
1) Funakoshi Gichin
...der die Unterscheidung einzelner Karate-Stile Zeit seines Lebens ablehnte unterrichtete sein Karate in seinem Dojo dem "Shôtôkân". Zur damaligen Zeit trainierten in diesem Dojo unter anderem Egami, Kase und sein Sohn Yoshitaka (auch Gigo genannt).
Nakayama und Nishiyama studierten beide an der Takushoku-Universität in Tokio doch nur Nishiyama trainierte auch im Shôtôkân - dem Dojo - von Funakoshi, Gichin.
Nach dem Tod von Funakoshi Gichin's Sohn, bestimmte er, dass Egami Shigeru der offizielle Nachfolger von ihm werden sollte, da Egami keinerlei Abweichungen von der Lehre von Funakoshi duldete und auch den Wettkampf im Karate ablehnte.
1955 gründete Egami das heute bekannte Shôtôkai und entfernte sich im Laufe der Zeit vom uns bekannten Shotokan-ryu.
2) Funakoshi Gigo
war der dritte Sohn von Funakoshi, Gichin und führte eine kämpferische Variante (sehr zum Leidwesen von Gichin) ein. Er führte außerdem tieferen und stärkere Stände ein und machte das Karate insgesamt dynamischer (vgl. Interview mit Kase Taji - www.budostudienkreis.de) Ein Schüler von Gigo und Gichin war unter anderem Kase Taji. Kase entwickelte später den Ushiro- und Yoko-geri (Rückwärts- und Seitwärtstritt). Kase orientierte sich dabei mehr an Gigo und versuchte später dieses Karate wieder zu beleben.
3) Nakayama
Nakayama gründete gemeinsam mit Nishiyama Hidetaka und Obata Isao im Jahre 1948 die JKA - die Japanese Karate Association. Ziel von Nakayama war es Wettkampfkarate zu fördern und so wurden gleich zu Beginn der JKA entsprechende Wettkampfregeln erarbeitet.
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Wenn man heute auf die Homepage der JKA schaut, so kann man lesen, daß sich die JKA als Bewahrer der höchsten Tradition des (Shotokan-ryu) Karate sieht. Selbst als Traditionalist (als welchen ich mich gerne bezeichne), sehe ich das als starken Tobak. Denn ist die JKA tatsächlich der Bewahrer der Tradition und vor allem, von welcher Tradition?
Die von Funakoshi Gichin kann es ja auf der einen Seite nicht sein, da Funakoshi selbst den Wettkampf immer abgelehnt hatte. Bewahrt die JKA nun die Traditionen von Yoshitaka? Welche Traditionen wären das? Irgendwo habe ich gelesen, daß Nakayama die Veränderungen die Gigo vergenommen hatte ablehnte, da er dieses Karate so nicht kannte. Somit schließt sich auch diese Tradition aus.
Letztlich kann somit die JKA nur ihre eigene Tradition bewahren und selbst da hat die JKA in der Vergangenheit Probleme gehabt, bedenkt man doch, daß einige bekannte JKA-Instructoren die JKA verlassen haben um eigene Verbände zu gründen. So zum Beispiel Kanazawa Hirokazu (heute Shotokan Karate International - SKI).
Wenn überhaupt jemand das Recht hätte, sich als rechtmäßiger Nachfolger von Funakoshi Gichin zu sehen, wäre es m.E. Egami gewesen, da er der offizielle Erbe von Funakoshi Gichin ist (auf Wunsch von Funakoshi). Aber auch auch hier kann man heute eine Zersplitterung des Shotokan-ryu-Karate in viele diverse Verbände feststellen.
Letztlich muss jeder für sich selbst entscheiden, was für ihn traditionelles Karate ist. Doch für mich steht eines fest. Es ist nicht das Streben nach Ruhm, Pokalen und Medaillen. Sondern immer noch der Versuch seine eigene Persönlichkeit weiter zu entwickeln.