Karate und Tradition II

Geschrieben von Gelbfüssler am 24.08.2007 um 09:37
in 4) Karate. Link.

Karate und Tradition II:

Im ersten Teil bin ich auf die Tradition des Shôtôkân-ryu Karate eingegangen und habe festgestellt, daß die JKA nicht wirklich der "Bewahrer der höchsten Tradition" sein kann. Wenn man sich nun in Deutschland umschaut, so sieht man viele kleine und große Verbände, die behaupten traditionelles Karate zu machen. Und wenn dem doch nicht so ist, so wird eben ganz schnell doch noch ein neuer Verband gegründet.

So nehme man doch den größten deutschen Karate-Verband und schaue mal auf die unterschiedlichen Stilrichtungen. Und schon nach kurzer Zeit stellt man fest, daß auch dieser Verband zwischenzeitlich "traditionelle" Ableger hat. Jedenfalls lt. Aussagen von Verantwortlichen für diese Stilrichtungen (sehen wir einmal davon ab, wie arrogant sich mancher Funktionär gegenüber anderen Verbänden verhält).

Fast jeder Verband in Deutschland glaubt, daß er und zwar nur er wahres traditionelles Karate betreibt.

Meiner Meinung nach ist das heutige Shôtôkân-ryu, also das, was man im allgemeinen unter Shôtôkân-ryu versteht eine Kombination aus verschiedenen Einflüssen. Funakoshi Gichin war derjenige der Karate nach Japan brachte. Sein Sohn Yoshitaka war allerdings derjenige der das Shôtôkân in seiner Evolution nach vorne brachte und maßgeblich "veränderte". Bzw. er war es, der Dinge lehrte, die Gichin nicht lehren mochte. Letztlich führte Yoshitaka die schon erwähnten tiefen und starken Stellungen ein und dynamisierte das Karate. Diesen Einfluss sieht man noch heute.

Der dritte Einfluss war jedoch Nakayama und die JKA. Durch Gründung der JKA und deren Organisationsstruktur verbreitete sich das Shôtôkân-ryu deutlich schneller und einfacher. Gerade der vergleichende Wettkampf machte das Karate populär und beliebt. Durch die Gründung der JKA-Instructoren-Klasse schaffte sich die JKA eine Art "Qualitätssicherung".

Die Verbreitung des Karate kann man deshalb m.E. durchaus der JKA zurechnen. Und meiner bescheidenen Meinung nach gehen viele der heute existierenden Shôtôkân-ryu Verbände auf eben diesen "Ursprungsverband" zurück (man denke an die SKI, SKA, ITKF, ETKF, DKV, TDKV, SKV, etc.).

Was ich persönlich bedauerlich finde ist die Tatsache, daß durch die Aufsplitterung der Verbände wertvolles Wissen verloren gegangen ist und auch immer noch weiter verloren geht. Denn mit einem Weggang eines Instructors, geht auch sein Wissen mit verloren und dabei spielt es keine Rolle, welchem Verband der Instructor angehört (hat).

Nun stellt sich aber die Frage, welcher Tradition ich folgen werde. Letztlich wird es auch hier wieder ein "Mix" sein. Für mich steht jedoch eines im Vordergrund. Karate sollte meiner Meinung nach eine Kampfkunst sein, die mir zeigt, wie ich mich effektiv verteidigen kann (dies beinhaltet somit alle Techniken die dazu erforderlich sind) und somit muss diese Kampfkunst auch in der Realität auch funktionieren.

Aus diesem Grund kann für mich nie der Wettkampf-Sport im Vordergrund stehen. Allerdings bietet der Wettkampf eine Möglichkeit, nämlich jener, sich seinem Adrenalin zu stellen und zu lernen, wie man damit umzugehen hat.

Schaut man nun wieder auf die Tradition. So führt mich diese Erkenntnis nach Okinawa. Jener Insel in denen auch Ursprünge des Karate zu finden sind. Ein Karate welches nicht am Wettkampf orientiert war, sondern daran, daß man damit überleben kann (ich nehme Bezug auf die Zeit um ca. 1850-1900).

Und somit kann man schon wieder die Frage stellen, was ist Tradition?

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