Lehrgang mit Nishiyama Hidetaka:
Am 22.09.2007 fand in Konstanz ein Lehrgang ganz besonderer Güte statt. Shihan Nishiyama Hidetaka, Nationaltrainer der USA und Mitbegründer der Japanese Karate Association (JKA) wurde durch ein Konstanzer Karate-Dojo begrüßt, sein Wissen weiter zu geben. Bevor ich jetzt auf den Lehrgangsinhalt eingehen möchte, sollte an dieser Stelle ein paar Worte über diesen Mann verloren werden.
Shihan Nishiyama Hidetaka wurde am 21.11.1928 geboren und begann bereits im Alter von 5 Jahren mit der Kampfkunst Kendo. Ab seinem 10 Lebensjahr übte er sich ebenfalls im Judo und begann im Alter von 15 Jahren mit dem Karate. Zu diesem Zeitpunkt hielt er bereits den 1. Dan im Kendo inne.
Als er mit dem Karate begann trainierte er direkt unter Funakoshi Gichin in dessen Dôjô dem Shôtôkan. Später schrieb er sich in der Takushoku-Universität ein und trainierte in dem dortigen Universitäts-Team mit.
1949 gründete er mit Nakayama Masatoshi die JKA, dem ersten Karate-Verband überhaupt. Heute gehört Nishiyama der International Traditionell Karate Federation (ITKF) an.
In der ersten Trainingseinheit des Lehrganges erläuterte Shihan Nishiyama die Anfänge des Karate, beginnend mit Matsumura, welcher zuerst die Schwertkunst Jigen-Ryû gelehrt bekam. Zur damaligen Zeit bestand das Ziel dieser Kunst den Gegner mit einem Schwerthieb zu töten. Um die erforderliche Kraft für den wichtigen und einzigen Schwerthieb zu erhalten wurde unter anderem der Schwerthieb regelmäßig auf ein Holzstamm ausgeführt.
Nishiyama erläuterte, dass Mutsumura den Gedanken des einen tötlichen Schwerthiebes später auf das Karate übertrug und somit den Gedanken der "tötlichen Technik" schuf. Mutsumura wurde später durch das Königreich Okinawa nach China gesandt. Da er schon einmal in China war, studierte er dort die chinesische Kampfkunst "Chuan Fa".
Letztlich entwickelte Matsumura aus den von ihm gelernten Kampfkünsten später das Shuri-te, eine Kampfkunst ohne sportlichen Ambitionen, welche er später Azato und Itosu weitergab.
Itosu soll lt. Nishiyama später beauftragt worden sein, das Karate dieser Zeit so zu gestalten, daß dieses auch als Körperertüchtigung - also als Sport - an den Schulen gelehrt werden konnten. Dabei musste er auf drängen der Regierung unter anderem Techniken verändern, wie zum Beispiel die offene Handhaltung zur geschlossenen Faust.
Durch die Veränderung der Lehre - hin zum schulischen Unterricht und der daraus resultierenden Entschärfung der Techniken ging ein wesentlicher Teil der Kunst und des dazugehörigen Wissens in den darauffolgenden Jahren lt. Nishiyama verloren.
Funakoshi lernte sein Karate in erster Linie jenes Karate von Itosu und somit die "verschulte" Variante des ursprünglichen Karates, welches er später nach Japan brachte.
Während der Zeit des Krieges, ging es dem japanischen Militär darum, physisch gut ausgebildete Soldaten zu haben, Soldaten mit Muskeln und einem starken Kampfgeist. Aufgrund dessen veränderte sich das Karate erneut, wieder zum Nachteil dieser Kunst. Die Soldaten mussten in Ihren Einheiten Sandsäcke tragen um so die erforderliche Muskelatur auszubilden und um die gewünscht physische Stärke zu entwickeln. Die Techniken des Karate wurden dabei vernachlässigt. Jene ausgebildeten Soldaten zogen schließlich in den Krieg oder bildeten später selbst Soldaten entsprechend aus.
Interessanterweise ging Nishiyama nicht auf die nächste Stufe der Entwicklung - jene welcher unter Funakoshi Yoshitaka sich entwickelte - ein.
Im weiteren Verlauf der ersten Einheit erläuterte das er in späteren Jahren feststellte, daß sich die Qualität des Karate auf dem Weg von Okinawa, genauer gesagt von Shuri bis zur heutigen Zeit stetig verschlechtert hat. Schließlich entschuldigte sich Nishiyama Hidetaka, daß das Karate welches in seiner Zeit entwickelt wurde, bestimmte Dinge wie zum Beispiel die Atmung vernachlässigte. Dieses Wissen wolle er nun versuchen weiter zu geben.
Im weiteren Verlauf erklärte Nishiyama Shihan, wie die Atmung im Karate funktioniere und wie der Impact - also der Einfluss der Technik sowohl von der Atmung als auch vom Prinzip der Kraft, also Masse x Beschleunigung abhängt. Bei der Atmung würde es zwei Arten der Ausatmung geben, eine welche sozusagen aus dem Boden den Körper herauf fließe und die andere, bei der die Atmung in den Boden hinab strömt.
Bei der Übung am Partner stellte Nishiyama fest, daß es neben der Atmung auch auf die Haltung ankomme und daß man diese gerade und aufrechte Haltung nicht nur im Karate, sondern auch außerhalb des Dojos beibehalten solle. In einem späteren Gespräch nach dem Training wurde ich dabei auf Sensei Akita aufmerksam gemacht, der auch beim Essen sich stets in einer aufrechten Körperhaltung befinden soll.
Desweiteren erklärte er, das es im eigentlichen Sinne drei verschiedene Arten des Kiai's geben würde, die je nach Geschwindigkeit der Technik unterschiedlich genutzt werden würden.
Ebenso erläuterte er, wie man durch einen korrekten Stand zusätzliche Kraft aus dem Boden mobilisieren könne, in dem man die Energie in den Boden (durch das hintere Bein) drückt. Nishiyama Hidetaka meinte, daß durch den richtigen Druck eine Verdreifachung der Energie auf die Technik erfolgen könne und verglich dabei Karate mit dem Hochsprung, bei dem die Athleten Ihren Körper vor dem unmittelbaren Absprung in den Boden pressen um mehr Kraft in die Höhe zu bekommen.
Genauso sei bei der Ausführung einer Technik (z.B. eines Gyaku-Tsukis) die Kraft nicht direkt aus der Hüfte zu nehmen, sondern vielmehr aus dem Unterbauch - einem Bereich im Inneren des Körpers - welcher ca. drei Fingerbreit unterhalb des Bauchnabels sein soll.
Ein für Ihn weiterer wichtiger Punkt war der respektvolle Umgang der Trainierenden untereinander. Und dabei ging es ihm nicht nur darum, daß man vor einem Partner gleichen oder höheren Ranges Respekt haben sollte, sondern ebenso vor den Trainingspartnern die einen niedrigeren Rang haben bzw. auch vor den Kindern. Dies solle man - so Shihan Nishiyama - immer vorleben.
Im zweiten Abschnitt achtete Shihan Nishiyama vermehrt auf die Abwehrtechniken die nicht übertrieben ausfallen sollten. Ebenso sollten wir bei der Ausführung unserer Lieblingskata auf das hintere Bein konzentrieren.
Ebenso kam Sensei Nishiyama wieder auf den Bauch und jener Spannung zu sprechen, welche bereits vor der Ausführung der Technik erfolgen soll.
In einem dritten Schritt sprach er von der Zanshin-Haltung, welche nicht nur in jeder Distanz, sondern auch im Alltag beibehalten werden sollte. Dabei demonstrierte er, daß es selbst mit Zanshin ab einer bestimmten Distanz schwer ist eine Technik abzuwehren, ohne Zanshin aber unmöglich sei.