Die Erde ist eine Scheibe - oder doch nicht?

Geschrieben von Gelbfüssler am 1.12.2007 um 01:12
in 4) Karate. Link.

Die Erde ist eine Scheibe - oder doch nicht?

Noch vor wenigen Jahrhunderten waren die Menschen der Meinung, daß die Erde eine Scheibe sei und wenn man zu weit an den Rand kommen würde, würde man zwangsläufig hinab in die Unendlichkeit fallen.

Heute wissen wir, daß diese Aussage mehr als absurd ist. Doch auf einer anderen Art und Weise finden wir andere Behauptungen zu anderen Themen. Gerade in den Kampfkünsten gibt es immer wieder Vertreter, die meinen, daß Ihre und zwar nur Ihre Kunst die Beste sei und man mit dieser alle anderen besiegen könnte.

Wann immer ich solche Aussagen höre, so kann ich nur den Kopf schütteln. Für mich zeugen solche Aussagen von Arroganz und Überheblichkeit gegenüber anderen Kampfkünsten und deren Künstler. Noch schlimmer finde ich es, wenn ich höre, das z.T. solche Aussagen von "Wettkampf-Shôtôkan-ryû-Karatekas" gemacht werden.

Doch lassen wir einen Blick über den Shôtôkan-Stil mit seinen Facetten schweifen. Beginnen möchte ich dabei wieder einmal mit dem Wettkampf. Wettkampf als solches möchte ich nicht als schlecht hinstellen, denn immerhin kann man durch Wettkämpfe auch wertvolle Erfahrungen für die Kunst sammeln. Für mich ist eine der wertvollen Erfahrungen jene, welche sich auf das eigene Adrenalin und den Umgang mit einer Stresssituation bezieht. Damit meine ich, dass der geneigte Kämpfer sich mit dem eigenen Körper und der Reaktion darauf auseinander setzen muss. Angst, Vorsicht, Kampfeswille, etc. spielen sich zeitgleich im Körper ab. Es erfordert Konzentration, Mut und Selbstvertrauen in das eigene Können sich einem Zweikampf zu stellen. Dies alles sehe ich als Vorbereitung für eine beliebige Situation in der Realität.

Der Kämpfer lernt durch den Wettkampf auf "spielerische" Art und Weise mit einer ähnlichen Situation umzugehen.

Doch ist der Wettkampf tatsächlich vergleichbar mit der Realität? Sicherlich nicht! Der Wettkampf unterliegt Restriktionen in Bezug auf Techniken, Raum, Distanz(en) und Gegner. Somit spiegelt der Wettkampf nur einen kleinen Teil der ganzen Kunst wieder, da gefährliche Techniken nicht angewendet dürfen - was auch verständlich ist.

Diese Restriktion innerhalb des Wettkampfes führt aber gleichzeitig zur Kastration der eigentlichen Kunst, wenn man nur jene Techniken trainiert die zwar im Wettkampf erfolgreich angewendet werden können, aber in einer ernsthaften Selbstverteidigungssituation nichts taugen. Beispiel: Wann hat man in der Realität die Möglichkeit einen Mawashi-Geri (jap. Halbkreisfußtritt) zum Kopf auszuführen? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit das diese Technik optimal sitzt, besonders wenn man von einem Sportler ausgeht, der 2-3x pro Woche trainiert?

Wie kann man also behaupten, daß diese Kunst (welches in meinen Augen schon keine mehr ist) allen anderen überlegen ist, wenn man diese schon selbst kastriert?

Doch selbst wenn man regelmäßig, also 4-5x die Woche trainiert ist es doch unwahrscheinlich, dass man alle Elemente der eigenen Kampfkunst Karate kennen lernt. Seit ich Karate mache, habe ich den Hiza-Geri (jap. Kniestoß) oder auch Empi (jap. Ellenbogen) bestimmt nicht mehr als jeweils 20x ausgeführt. Ohne jetzt an spezielle Handtechniken zu denken, die äußerst selten (wenn überhaupt) trainiert werden.

Wenn ich mir also das Karate mit seinem technischen Umfang ansehe, so fällt mir auf, dass einzig die Vollkontaktkarateka (Kyokushin-kan) ein sehr breites Spektrum an Techniken trainieren.

Wo sind zum Beispiel die Würfe, welche unter Funakoshi Gichin trainiert wurden? Die Vollkontaktkarateka trainieren u.a. die sog. "take downs" und seit dem zweiten Platz bei dem UFC II auch den Bodenkampf.

Die hier angesprochenen Bereich werden m.E. viel zu selten im Training beachtet und tatsächlich trainiert. Auch ist es in manchen Vereinen unüblich Hilfsmittel wie Pratzen, Schlagpolster, Sandsäcke oder Makiwara zu benutzen. Wie soll ein Shôtôkan-ryu-Karateka lernen, wie es sich anfühlt zu treffen, wenn er es nie übt? Die Folgen sind einfach aber in meinen Augen auch dramatisch. Es kommt zu falschen Körperhaltungen sowie Handhaltungen beim Schlagen und beim Treten. Eine optimale Kraftübertragung ist im schlimmsten Fall nicht mehr gegeben, da ein Teil der Kraft verpufft.

Für mich war es ein Erlebnis, als ich als Braungurt zum ersten Mal ein Makiwara bearbeitete. Meine Hand knickte in alle Richtungen ab. Eine Stabilität des Handgelenks und eine gute Kraftübertragung war nicht gegeben.

Und viele Karateka machen ähnliche Erfahrungen. Wie also kann man dann behaupten, dass der eigene Stil überlegen sei, wenn man alleine das Training kastriert.

Selbst wenn wir annehmen, dass das Training optimal gestaltet ist, alle Bereich mit viel Zeitaufwand trainiert werden, so muss man sich noch immer die Frage gefallen lassen, ob der Stil tatsächlich überlegen ist.

Betrachten wir doch einmal andere Stile was Ihre Stärken und evtl. Ihre Schwächen sind. Im Muay Thai ist die Stärke die Flexibilität, die Kraft und der kombinierte Einsatz von Schlägen mit Fäusten und Ellenbogen, Tritten und Kniestößen. Schwächen wären hier nur im Bodenkampf auszumachen.

Im Boxen ist es die Schlagkraft, die gute Kopfdeckung, die schnelle Bein- und Handarbeit. Ebenso die Flexibilität des Oberkörpers. Ein Boxer jedoch ist auf Angriffe gegen Fusstritte kaum ausgebildet. Ebenso wird er Probleme im Bodenkampf haben.

Im Shôtôkan-Karate sollte die Stärke sowohl im Distanzgefühl, in der effektiven Kraftübertragung liegen. Ebenso die Kombination von Fäusten und Füssen. Problematisch sehe ich den Bereich der Beinarbeit (Schnelligkeit und Flexibilität), sowie (bedingt durch das Wettkampfkarate) auch die Probleme in den mittleren und nahen Distanzen. Über die Schwäche im Bodenkampf ist dabei gar nicht zu sprechen.

Die hier angesprochenen Schwächen sind jedoch auch die Schwächen der Trainer, die teils durch Unwissenheit und Unerfahrenheit diese Bereich wenig oder überhaupt nicht lehren.

Im Vollkontakt-Karate sieht es z.T. anders aus. Hier wird ein Training angeboten, welches sich aus Trainingselementen der Thai-Boxer, des Ju-Jutsu (oder auch Jiu-Jitsu) bzw. Judo und natürlich des Karate zusammen setzt. Die Beinarbeit ist optimal, der Kampf in allen Distanzbereichen wird ebenso trainiert.

Es ist nun nicht so, daß das Shôtôkan-ryû diese Elemente nicht auch hätte, nein, nur müssten diese (ebenso wie Hebel- und Würgetechniken) gelehrt werden. Der Trainer hat also die Verantwortung sich auch in diesen Bereichen fort zu bilden, wenn dieses Wissen (noch) brach liegt. Ebenso sollten Shôtôkan-ryu-Karateka auch einmal fremde Stile betrachten um die Stärken der anderen bzw. die eigenen Schwächen zu erkennen (bspw. Kampfdistanz).

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass jeder ernsthafte Kampfkünstler sich über die Schwächen der einen Kunst bewusst ist und versucht, diese Schwächen zu analysieren oder aber zu neutralisieren. Selbst Nishiyama Hidetaka empfahl über den Tellerrand hinaus zu sehen um von anderen Künsten zu lernen. Aber warum tun das viele nicht? Haben Sie etwa Angst, dass Ihre Vorstellung(en) und Behauptungen wie ein Kartenhaus in sich zusammen fallen könnten und Sie nun der Wahrheit ins Auge blicken müssten?

Eine solche Haltung der Arroganz und Überheblichkeit ist in meinen Augen mehr als gefährlich, denn wir alle betreiben letztlich eine Kunst, die auch heute noch in der Realität funktionieren soll(te). Aus diesem Grund sollten auch wir, die Anhänger des Shôtôkan-ryû aufgefordert sein, über den Tellerrand hinaus zu blicken und uns andere Künste ansehen und auch dort einmal mit zu trainieren, denn vielleicht haben wir das Glück, von der anderen Kunst etwas von unseren eigenen Wurzeln der Kunst wieder zu finden.

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