Am Ende des Weges?
Ich erinnere mich. Vor einiger Zeit sprach ich mit einem "Sport"kameraden der (sinngemäß) meinte, daß er im Karate nichts mehr neues lernen bzw. keine Fortschritte in seiner Entwicklung (in Bezug auf Karate) sehen würde.
Damals empfahl ich, dass er sich auch außerhalb des Dôjôs und des Verbandes umschauen solle. Ich dachte dabei nicht nur an den Besuch von anderen Dôjôs, sondern auch an Lehrgänge die von anderen Verbänden ausgerichtet würden.
Meine zwischenzeitliche Erfahrung ist jene, dass viele interessante Persönlichkeiten hier in Deutschland Lehrgänge geben. Diese Lehrgänge sind jedoch teilweise in unserem Organ (einer Mitgliederzeitschrift) oftmals nicht publiziert worden und entgehen dem evtl. interessierten Karateka.
Manchmal habe ich den Eindruck, dass wenn Lehrgänge nicht in jenem Heftchen abgedruckt sind und die Person dazu noch unbekannt ist, der Lehrgang von Beginn an als wenig hilfreich bzw. als unnötig abgetan wird.
So wird letztlich die Chance vertan, neue bzw. andere Einblicke in die betriebene Kunst zu bekommen. Meinte doch schon Funakoshi Gichin, dass man über den Tellerrand hinausschauen solle.
Kanazawa H. schaute über jenen Rand hinaus und schaute sich in China auch andere Künste an um so sein Karate zu verbessern. So lernte er u.a. T'ai Chi, eine sehr weiche Kunst die sein Karate maßgeblich verbessert haben soll (lt. seinen Aussagen).
Beim Tag der offenen Tür im Karate-Fitness-Dojo in Konstanz, hatte ich die Möglichkeit mit der Dozentin des T'ai Chi bzw. Chi Gong zu sprechen. Sie war der Meinung, dass wir im Karate nur eine Seite, die harte, der Kunst betrachten würden.
Dies bestätigt sich mir auch beim Lesen eines englischen Buches von Arakaki. Auch hier wird darauf hingewiesen, das viele und große Muskeln nicht notwendig sein um eine zerstörerische Technik zu entwickeln. Ähnliches wusste auch Nishiyama Hidetaka auf einem Lehrgang in Konstanz zu berichten.
Auf anderen Seiten lese ich, dass auch Shirai empfohlen haben soll, sich mit dem Gojo-Ryû-Karate zu beschäftigen, einem Karate-Stil welcher sowohl weiche als auch harte Techniken beherrschen soll.
Gleichzeitig erinnere ich mich an eine Aussage in einem Forum, bei dem ein Teilnehmer rhetorisch fragte, warum wohl der Tiger als das Symbol des Shôtôkan-ryû gelte. Er führte aus, dass sich der Tiger geschmeidig bewege. Ebenso solle man sich als "Shôtôkan'ler" bewegen.
Und jetzt mal ehrlich, wer aus dem Shôtôkan-ryû bewegt sich geschmeidig, leise und schnell? Im Vergleich zu einem Tiger sind doch viele Techniken eher hölzern und abgehackt.
Neulich, ich war zu Gast in meiner Heimatstadt und besuchte dort (nach langer Zeit) wieder einmal ein Training. Dabei viel mir auf, wie hart die Heian Sandan gelaufen wurde. Besonders deutlich wurde das bei den drei Fumikomi. Jeder wurde stampfend und hart auf den Hallenboden gedonnert.
Mich schmerzte nicht nur der Anblick bei diesen überharten Techniken, sondern ich fragte mich auch ernsthaft, ob das überhaupt gesundheitsförderlich sei. Mal abgesehen davon, dass ich noch nie einen Tiger stampfen gesehen habe. Ein Tiger würde sich wohl eher anders bewegen. Vorsichtig, unauffällig, vortastend, beobachtend auf die Chance wartend um dann dynamisch und konsequent anzugreifen.
Warum also immer nur im eigenen "Stall" nach neuen Wegen suchen? Ich habe manchmal den Eindruck, dass der starre Blick auf den eigenen Verband keinen Raum mehr lässt um sich auch außerhalb der Komfortzone umzusehen. Denn längst gibt es nicht mehr nur die Japaner von denen man etwas lernen kann, sondern auch andere Karategrößen die einen neue Wege und Denkansätze ermöglichen und somit den Weg für ein anderes Verständnis öffnen können.