Nakayama und Funakoshi
Aktuell arbeite ich (noch immer) an einer Vereinszeitschrift. Dabei schrieb ich unter anderem über die Geschichte des Karate bzw. über das Shôtôkan-ryû-Karate. Letztlich hatte ich schon erwartet, dass es über diesen Text eine Diskussion geben könnte. Und wie erwartet kam es auch dazu.
Ein von mir sehr geschätzter Karateka, ging auf die Stelle im Text ein, in dem ich erläuterte, dass Nakayama nicht im Shôtôkan von Funakoshi Gichin trainierte. Er konfrontierte mich mit der Aussage, dass es doch Bilder gebe, auf welchen Nakayama mit Funakoshi zu sehen wären.
Dies ist sicherlich richtig, gleichzeitig sind aber auch meine Argumente richtig. Wie kommt dies? Nun, nachdem ich ein Buch eines Kampfkunst-Historikers nachgelesen hatte, habe ich die Antwort erhalten. Im Buch des Historiker kann man auf der Seite 174 folgendes lesen:
"Ebenfalls im April 1958 wurde Nakayama Masotoshi zum Hauptausbilder der JKA ernannt. Er lernte vor dem Krieg, ab 1932, im Karate-Klub der Takushoku-Universität und im "Masago-Chô-Dôjô" (1932-1938) unter Funakoshi. Da Nakayama zwischen 1937 und 1946 in China weilte, hatte er keine Möglichkeit, im Shôtôkan selbst zu trainieren. Folglich können wir die Karate-Ausprägung Nakayamas, die von der JKA vertreten wird, nicht midem Karate aus dem Shôtôkan gleichsetzen."*
Wenn man diesen obigen Text nun liest und nun zu Kenntnis nimmt, dass das Shôtôkan ab dem 01.03.1938 errichtet wurde (fertiggestellt wurde es 29.01.1939) und im Jahre 29.04.1945 durch einen Luftangriff der USA zerstört wurde, so kann man feststellen, dass es Nakayama - in der Tat - niemals möglich war im Shôtôkan zu trainieren.
Interessant ist, das Nakayama erst im Jahre 1932 mit dem Training des Karate begann, bevor er 1937, also fünf Jahre nach Beginn des Studiums der Kampfkunst nach China ging.
Während seiner Abwesenheit veränderte sich vieles innerhalb des Shôtôkan-ryû. Schenkt man der Datenbank kusunoki glauben, so musste er viele Dinge nach seiner Rückkehr lernen und wurde obendrein nicht als Gleichberechtigter neben Egami, Nishiyama und Obata angesehen.
Eine Interessante Aussage, welche ich von dem geschätzten Karateka zu hören bekam, war jene, dass man für alles zwei unterschiedliche wissenschaftliche Aussagen hören könne. Dies ist sicherlich so. Aber wenn man mit wissenschaftlichen Aussagen argumentiert, ist es dann nicht erforderlich auch eine gewisse Objektivität walten zu lassen?
Sicherlich kann argumentiert werden, dass jener Kampfkunst-Historiker nur nach jenen Dingen geforscht hat, die seine Sicht der Dinge darstellen sollen. Hört/Liest man sich aber um, so findet man immer wieder Punkte, die die Aussagen von den historischen Untersuchungen stützen.
Wieder einmal taucht die Frage bei mir auf, ob man aufgrund einer Mitgliedschaft eines Verbandes grds. jede Aussage widerspruchslos glaubt oder ob man sich auch in diesem Bereich objektiv verhält und auch andere Aussage zulässt bzw. zulassen möchte.
Sicherlich ist es schön, wenn man sich hinter einen Verband stellt, ist es aber ebenso legitim sich den Tatsachen zu verwehren, die nachweislich Geschichte sind?
Habe ich, als DJKB-Mitglied somit allen Aussagen des DJKB bzw. der JKA zu glauben? Ist es wirklich so, dass die JKA noch heute der maßgebliche und größte Verband des Shôtôkan-ryû-Karates ist? Offen gesagt, habe ich meine Zweifel, doch belegen lassen sich diese (noch) nicht.
Eines ist noch zu sagen, es geht mir nicht darum einen Verband oder einzelne Personen in Misskredit zu bringen, sicherlich nicht. Vielmehr geht es mir darum, die richtigen und wahren Hintergründe zu erfahren und so ein besseres Verständnis für mein Karate zu entwickeln. Ist dies nicht erforderlich um zu verstehen, warum Kase T. und Shirai ein z.T. anderes Karate als Ochi H. praktizieren? Vor allem wenn man weiß, das Sensei Ochi Hideo (vermutlich) nie unter Funakoshi Gichin, geschweige unter Funakoshi Yoshitaka trainierte?
Ich stelle mir also die Frage, ob ich mir die Augen vor Tatsachen verschließen muss, nur weil ich einem bestimmten Verband angehöre? Ebenso stellte sich mir für einen kurzen Augenblick die Frage, ob Verbände Geschichte u.U. so weitergeben, dass Sie als "Gewinner" dastehen oder ob Sie das Rückrat haben Schwächen zu erkennen und zu akzeptieren?
Manchmal scheint mir, dass auch in den großen Verbänden gilt: "Es kann nicht sein, was nicht sein darf." oder gilt in diesem Fall die viel beschworene Dôjôkun "makoto no michi" nicht?
*Shôtôkan - überlieferte Texte - historische Untersuchungen - Wittwer, H. - 2007 Niesky