Karate - Hintergrund

Geschrieben von Gelbfüssler am 30.03.2008 um 15:44
in 4) Karate. Link.

Karate - Hintergrund

Vor einigen Tagen wies mich ein Kampfkunst-Kollege auf einen aktuellen Artikel bezüglich der Geschichte des Shôtôkan-ryû, Funakoshi Gichin und die Rechtmäßigkeit der Nachfolge als Erbe hin.

Da ich mich derzeit sowieso mit den geschichtlichen Zusammenhängen von Funakoshi Gichin, Funakoshi Yoshitaka, Nakayama, Nishiyama und die Gründung der JKA beschäftige war ich gespannt, ob ich den Artikel in einer größeren Filiale einer Supermarktkette finden würde.

Ich wurde nicht enttäuscht. Schon bald hielt ich ein akutelles Magazin in der Hand, welches sich um die rechtmäßige Nachfolge von Funakoshi G. beschäftigte. Nach kurzem überfliegen, stellte ich einige mir bekannte Mängel fest und musste zur Kenntnis nehmen, dass die Recherche dieses sogenannten Fachblattes mangelhaft war.

Grds. bin ich der Meinung, dass man sich immer alle Argumente anhören sollte um diese ggf. zu widerlegen, machte ich mir in den vergangenen Tagen die Mühe um in meinen Büchern und im Internet weiteres Material zu recherchieren.

Doch fangen wir einmal mit dem an, was allgemein bekannt sein dürfte.

Funakoshi Gichin, der "Begründer" des neuen modernen japanischen Karates, war Zeit seines Lebens kein Freund des sportlichen Vergleichs und lehnte diesen immer ab. Er äußerte sich dabei wie folgt: "Karate ni Shiai wa nai" was wörtlich übersetzt folgendes bedeutet: "Im Karate gibt es keinen Wettkampf" (Quelle: Shôtôkan - überlieferte Texte - historische Untersuchungen - Wittwer Henning).

Die JKA, deren erklärtes Ziel die Entwicklung eines Wettkampfsystems war, wurde von Nakayama, Nishiyama und Obata (vgl. kusunoki) gegründet. Warum von diesen drei Personen nur Nakayama erwähnt wird, die anderen beiden in jenem Zeitschriftenartikel jedoch nicht  erwähnt werden, ist mir schleierhaft.

Alle drei Personen werden ebenso auf der Seite von "traditionelles Karate" erwähnt. Dort steht geschrieben, dass es Nakayama trotz seines längeren China-Aufenthalts gelang, "einige Meister des Shôtôkan, unter ihnen NISHIYAMA HIDETAKA und OBATA ISAO, für seinen Plan zu gewinnen. Zusammen mit ihnen gründete er 1949 die JKA."

Innerhalb der Zeitschrift wird jedoch Ôshima Tsutomu erwähnt. Aufgrund der dort enthaltenen Formulierungen könnte der Eindruck entstehen, dass er Mitbegründer der JKA war, was definitiv so nicht der Fall war. Dennoch spielte dieser Mann auch eine wichtige Rolle innerhalb der JKA. So begannen nämlich "...einige Karateka vom Karate-Klub der Wased-Universität unter..." (vgl. Wittwer) seiner Leitung (der von Ôshima Tsutomu) Schiedsrichter den Freikampfübungen hinzuzufügen.

Nachdem die JKA ins Leben gerufen wurde, war Nishiyama nicht in im JKA-Führungsstab vertreten. Repräsentiert wurde die JKA durch; Obata Isao als Vorsitzender, Saigo Kichinosuke als Präsident, Takagi Masatomo als Vermögensverwalter und Nakayama Masatoshi als Chef-Ausbilder (vgl. Traditionelles Karate)

Nachdem Funakoshi 1946 aus China zurückkehrte, musste er feststellen, dass sich die Art des Karate stark verändert hatte. So stark, dass er nicht länger als gleichberechtigte Person neben Egami Shigeru, Obata Isao und Nishiyama Hidetaka galt (vgl. kusunoki und Traditionelles Karate). Es war schließlich Miyata Minoru, der Nakayama maßgeblich in seinem Training unterstütze, so dass er 1952 neben Obata Isao, Noguchi Hiroshi und Kubota Shôzan als Lehrkräfte von Funakoshi, "an der Ausbildung von 24 amerikanischen Lehrkräften des Strategic Air Command (SAC)" (vgl. Wittwer) beteiligt war.

Obata trennte sich bald mit seinem Karate-Klub von der JKA. Später folgten weitere Universitätsclubs, die fortan auch nicht mehr im Dôjô der JKA trainieren konnten.

Nishiyama hingegen setzte sich in den nächsten Jahren für die Installierung des Instruktorenkurses ein, um so ausgewählte Karateka später in die Welt zu entsenden um den Traum, der Verbreitung des JKA-Karates" Rechnung tragen zu können.

1960 wanderte Nishiyama in die USA aus und gründete dort seine eigene Organisation, die heute als "International Traditional Karate Federation" bekannt ist. Der deutsche Ableger davon ist der "Deutsche Traditionelle Karate Verband".

Funakoshi Gichin, der mit der Ausrichtung der JKA nicht einverstanden war, ernannte später Egami Shigeru als seinen legitimen Nachfolger. Egami - Mitglied des Shôtôkai - folgte die Linie seines Lehrers und lehnte seinerseits den Wettkampf ebenso ab, wie Funakoshi Gichin.

Letztlich ist der wahre Nachfolger des Karates von Funakoshi Gichin, er - Egami Shigeru mit seinem später gegründeten Verband "Nihon Karate-Dô Shôtôkai" was  "Japanische Vereinigung der Kiefernwoge für den weg der leeren Hand" (vgl. Wittwer) bedeutet.

Zurück zu dem von mir angesprochenen Fachmagazin. In jener Zeitschrift werden die hier aufgeführten Zusammenhänge z.T. falsch und/oder nur halb angesprochen, wodurch eine korrekte und saubere Berichterstattung für den interessierten Leser verhindert wird.

Ich frage mich, wieso sich ein monatlich erscheinendes Magazin nicht in der Lage sieht, eine vernünftige Recherche anzustrengen? Die Gefahr die dabei entstehen kann ist die, dass viele Karateka in unserem Lande von falschen Vorstellungen und Voraussetzungen ausgehen und Ihr Training an anderen Eckpunkten festmachen.

Und nicht nur das, jene die das Ziel haben eine Kunst zu betreiben, mit der man sich effektiv verteidigen kann, werden falsch informiert und werden u.U. auf einen jahrelangen Irrweg geschickt. Zeit für das Studium der Kunst geht unwiderruflich verloren, was Schade ist, bedenkt man doch, dass man nur ein Leben hat um diese Kunst zu erforschen und vielleicht irgendwann zu verstehen.

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