Karate und Wirtschaft
Wie oft lese ich Diskussionen in diversen Foren bei denen es um die Unterscheidung zwischen Kampfsport und Kampfkunst geht. In der Vergangenheit habe auch ich mich häufig an diesen Diskussionen beteiligt.
Viele Kampfsportler treten sich auf den Schlips getreten, wenn man Ihnen erklärt, das sie zwar Kampfsport aber keine Kampfkunst betreiben. Ich werde hier jetzt nicht im Detail darauf eingehen, wie ich den Unterschied zwischen beiden Begrifflichkeiten definiere.
Für diesen Beitrag hilft es vielleicht zu sagen, das der Kampfsport nur einen sehr sehr kleinen Teil einer kompletten Kunst umfasst. Meiner Meinung nach ist es so, dass "Kampfsport" eine Kastration der eigentlichen Kampfkunst.
Würde ich die Kampfkunst bzw. den Kampfsport auf die Wirtschaft übertragen, so müsste man sagen, dass der Kampfsport vielleicht der äußeren Darstellung des Unternehmens entspricht. Also dem Marketing, dem Image, dem Corporate Identity und dem Corporate Design. Also all' jenem was die Stakeholder von außen sehen.
Normalerweise müsste man noch strenger mit der Definition umgehen. So kann die Kampfkunst u.U. auch (für einen kurzen Zeitraum) den Kampfsport umfassen. Der reine Kampfsport hingegen kann aber nie die Kampfkunst umfassen, da maximal der Kampfsport ein Teilbereich der Kunst sein kann.
Auf das Unternehmen übertragen, würde sich ein Unternehmen nur auf einen Teilbereich, z.B. die Außenwirkung konzentrieren. Wichtige Unternehmensbereiche wie; Vertrieb, Entwicklung, Produktion, Qualitätskontrolle, Personal, Buchhaltung, Controlling, Forschung, Rechtsabteilung, Logistik, Personal und Unternehmensleitung würden vernachlässigt werden bzw. wären ggf. nicht existent.
Eine solche Vorgehensweise wäre aber schlicht und ergreifend falsch und gefährlich. CI, CD, Image und Marketing sind Teilbereiche eines Unternehmens, nicht das Unternehmen selbst. Dies leuchtet auch jedem Unternehmer, angestellten Manager, Kaufmann, Betriebswirt, etc. ein. Betrachtet man also diese vier Bereiche, so sieht man also nur einen kleinen Ausschnitt der alle Zusammenhänge darstellen soll.
Reicht es aus, wenn man nur einen Teilbereich erfasst? Oder ist es in einem Unternehmen für Führungskräfte notwendig einen Überblick über das Unternehmen zu erhalten um ggf. die richtigen Entscheidungen treffen zu können?
Eine Führungskraft sollte (meiner Meinung nach) einen kompletten Einblick auf alle verschiedenen Abteilungen gehabt haben (i.S. von Verständnis) um so ein Grundverständnis über die Zusammenhänge der internen Abläufe zu bekommen. So kann die Führungskraft auch die Wichtigkeit seiner eigenen Handlung(en) innerhalb der Abteilung bzw. des eigenen Teams verstehen und entsprechend agieren (z.B. durch Schulungen der Mitarbeiter, Motivation, etc.).
Betrachtet die Führungskraft andere Unternehmensbereiche jedoch nicht, bzw. lebt diese weiterhin in der eigenen kleinen mikroökonomischen Welt, so können die so aufgebauten Grenzen (durch Verständnisprobleme und hierarchische Hindernisse) zu einer Verschlechterung der Arbeitsleistung und der Innovation, der eigenen Person bzw. der Abteilung, führen. Dabei darf nicht vergessen werden, dass gerade das hierarchische Denken von Führungspersonen die erste Problematik darstellen kann. Hier denke ich an Jack Welch, der als eine seiner Maßnahmen bei GE (General Electric) die Grenzen der Hierarchie nieder gerissen hatte um so besseres und freieres Denken zu fördern und fordern.
Für eine Führungskraft ist es meiner Meinung nach wichtig, regelmäßig über den Tellerrand hinaus zu schauen um so einen Einblick in die Zusammenhänge des unternehmerischen Handelns zu bekommen und zu bewahren. Denn ein gutes Unternehmen entwickelt sich (je nach Branche mehr oder weniger) dynamisch weiter.
Letztlich gilt im Karate wie in Unternehmen, dass Teilbereiche sicherlich wichtig sind, man sich allerdings nicht alleine auf diese konzentrieren darf, da sonst der Blick auf die Meso bzw. Makroebene verloren gehen.
Während sich im Karate die Dinge in der Makroebene sicherlich weniger dynamisch entwickeln wie in einem Unternehmen, so dürfen gerade Unternehmen diese Makroebene nicht unterschätzen.
Beispiele für das unterschätzen der Makroebene gibt es genügend. Angefangen in den 80er Jahren als die Automobilindustrie über die japanischen Autohersteller gelächelt haben, über Mannesmann die von Vodafone geschluckt wurden bis hin zu Tata (einem indischen Mischkonzern) die plötzlich Eigentümer von Jaguar und Land Rover wurden.
Letztlich hat Karate und Wirtschaft in meinen Augen eines gemeinsam. In beiden Bereichen reicht es nicht aus, sich nur auf einen Teilbereich zu fokussieren um so das Ganze verstehen zu wollen. Letztlich ist es die Aufgabe von jedem selbst, innerlich offen und neugierig zu sein, um sich so einen Gesamtüberblick zu verschaffen