Karate olympisch?

Geschrieben von Gelbfüssler am 23.08.2008 um 00:50
in 4) Karate. Link.

Karate olympisch?

Schleicht man durch die diversen Kampfsport-/Kampfkunstforen so kann der interessierte Karateka innerhalb kurzer Zeit auf folgende Thematik stoßen: Soll Karate olympisch werden?

Diese Fragestellung versuchen die Befürworter und die Gegner auf jeweils Ihre Art zu beantworten. So argumentiert die Pro-Olympia-Fraktion, dass durch die Teilnahme an den olympischen Spielen 'Karate' in der Bevölkerung bekannter gemacht werden würde und letztlich auch jede Art der 'publicity' eine gute 'publicity' sei. Olympia wird somit als Multiplikator gesehen, wodurch Vereine es einfacher haben sollen, neue Mitglieder zu werben.

Mitgliederwerbung ist für Vereine oder Schulen in der Tat eine wichtige Sache. Nur durch eine breite Ausrichtung können bei vielen Vereinen die Mieten der Trainingsstätten, Trainer, Strom oder auch andere Kosten bezahlt werden. Die Formel ist somit einfach. Je mehr Mitglieder ein Verein hat, umso besser ist das finanzielle Polster bzw. die Möglichkeit entsprechende Veranstaltungen, Lehrgänge und/oder Aktivitäten zu finanzieren.

Doch welche Auswirkungen hätte Olympia wirklich auf das Karate?

Betrachten wir für einen kurzen Moment die koreanische Kampfkunst 'Tae-kwon-do'. Die ursprüngliche Kunst war zu 70% auf Fußtechniken und zu 30% auf Hand- bzw. Faustechniken ausgelegt. Glaubt man den teils recht zweifelhaften Aussagen von Wikipedia (in Bezug auf die Kampfkünste), so ist die Kampfkunst 'Taek-won-do'  als Fuß-Faust-Weg zu übersetzen. Anhand der Übersetzung wird somit deutlich, dass auch die Faust eine Rolle in der traditionellen Kunst spielt oder gespielt haben musste.

Nun während der Olympiade hat der Zuschauer die Möglichkeit sich diese Kunst im Fernsehen zu Gemüte zu führen. Betrachtet man diese Kunst mit dem Hintergedanken des 'Fuß-Faust-Weges' so könnte man sich verwundert die Augen reiben. Stehen sich doch auf der Matte zwei Kämpfer gegenüber, die ohne Frage, sehr schnelle und vor allem viele Fußtechniken präsentieren, jedoch keine Anstalten machen, mit Hilfe Ihrer Arme und Hände den Kopf zu schützen. Nein, das Gegenteil ist der Fall. Die Hände hängen wie unnötig am Körper herab und werden zu (fast) keiner Zeit eingesetzt. Eine notwendige Deckung wird vernachlässigt. Auch die Punktevergabe ist z.T. kaum nachvollziehbar.

Würde man eine solche Entwicklung (Reduktion einer Kunst auf den Sport durch abstrahieren von Techniken), so würde man dem Karate einen weiteren Schaden zufügen, der wie in den vergangenen Jahren kaum noch zu reparieren ist. Erläuterte doch Nishiyama Hidetaka Shihan, dass das Karate seit es Okinawa verlassen hat, beständig schlechter wurde.

Würde also der Kampfsport 'Karate' (ich spreche mit Absicht von Kampfsport und nicht Kampfkunst 'Karate'), könnte eine weitere Verschlechterung des Karate eintreten.

Karate, wird heute in fast allen Verbänden (also der JKA, der WKF, des SKI und der ITKF) im drei Säulen-System unterrichtet. Also Kihon, Kata und Kumite. Dieses System, welches aus der JKA stammt, würde vermutlich ad absurdum geführt werden. Wäre, beispielsweise nur der Kumite-Bereich olympisch. Schließlich würde eine wesentliche Säule des Karate vernachlässigt werden und eine Spezialisierung auf genau die eine Disziplin stattfinden. Ganz zu schweigen von der Anforderung des Karate, dass jede Technik kontrolliert ausgeführt werden muss.

Auf eine mögliche Bewertung von Kata kann an dieser Stelle noch nicht einmal eingegangen werden. Warum ist einfach. Angenommen, Karate würde olympisch werden. Welcher Stil wäre denn dann vertreten? Shôtôkan-ryû, Wado-ryû, Shito-ryû, Uechi-ryû, Gojû-ryû, Kyukoshin, etc.?

Angenommen, alle Stile könnten an der Olympiade teilnehmen und die Athleten würden stilübergreifend verglichen werden, wer hätte die Kompetenz, eine Wado-ryû-Kata mit einer Kata aus einem anderen Stil zu vergleichen? Liegen doch zwischen der Ausführung z.T. welten. Man denke nur an die unterschiedliche Hüftbetonung zw. dem Shôtôkan-ryû und dem Shito-ryû. Und wenn dies schon für gestandene Karateka schwierig wird, wie soll der Zuschauer einen Vergleich ziehen können?

So gern auch der Autor einmal eine Kata auf einer olympischen Matte sehen würde, so sehr fürchtet er eine weitere Verflachung sowie eine noch stärkere Versportlichung innerhalb des Karate. Dabei weist er auf die USA hin, bei denen die Grenzen zwischen Show, Kampfsport und Kampfkunst längst verschwommen sind und Karate zu einem einzigen Medienevent mutiert ist.

Wie soll Karate noch als Kampfkunst akzeptiert werden, wenn Karate sich das Karate immer weiter von den Wurzeln entfernt und jene Techniken in Vergessenheit geraten, die in einer realen Selbstverteidigungssituation notwenig wären?

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