Hangetsu*

Geschrieben von Gelbfüssler am 18.09.2008 um 19:06
in 4) Karate. Link.

Hangetsu* (+Ergänzung 18.09.2008)

Die 'offensichtlich' leichteste Kata gehört zur Kategorie der Sentei Katas. Also den Katas, die zur Prüfung des 1. Dan erforderlich sind. Die Hangetsu ist dabei eine im Vergleich zu den anderen Katas im Shôtôkan-ryû relativ untypisch, beginnen doch die meisten Katas häufig mit starken und schnellen Blocks. Im Gegensatz dazu, wird die erste Abwehrtechnik - der Uchi-ude-uke in diesem Fall relativ langsam ausgeführt, wobei die Betonung nicht nur auf der eigentlichen Technik, sondern vielmehr auf der Atmung liegt.

Auch der Stand ist im Gegensatz unüblich. Häufig werden in den Katas folgende Stände verwendet:

- Zenkutsu Dachi
- Kokutsu-Dachi
- Kiba-Dachi

Ergänzt werden diese drei Stände um den Kosa-Dachi (s. auch Wankan) und dem Fudo-Dachi, die ebenso wie der Hangetsu-Dachi deutlich seltener im Shôtôkan-ryû genutzt werden.

Grundlage der Hangetsu ist der Hangetsu-Dachi, was soviel wie 'Halbmondstellung' bedeutet. Diese Kata ist in anderen Stilrichtungen auch unter dem Namen 'Seishan' bekannt und stellt die einzige Kata dar die Stilübergreifend (wenn auch mit mehr oder minder großen Abweichungen) von den meisten Karatekas geübt wird.

In der modernen Form der Hangetsu wird die 'Halbmondstellung' jedoch häufig nur sechs mal genutzt. Bei den ersten drei Schritten nach vorne mit der jeweiligen Abwehrbewegung des Uchi-Uke, bei der Wendung mit Doppelblock Shuto-Uke-gedan und Haito(?)-Uke-chudan sowie bei den zwei darauf folgenden Abwehrtechniken.

Während der Zeit beim PSV Karlsruhe erläuterte Sensei Pino die Hangetsu und zeigte den Schülern, dass der Hangetsu-Dachi auch an weiteren Stellen in der Kata vorkommen würde. Dies bestätigte nun auch der Sensei aus München, bei dem ich privat trainieren durfte. Er ging sogar noch einen Schritt weiter. So meinte er, dass in letzter Konsequenz die komplette Kata im Hangetsu-Dachi ausgeführt werden müsste und zwar an jenen Stellen, in denen heute häufig der Zenkutsu-Dachi genutzt wird. Kokutsu-, Neko-Achi-, und Fudo-Dachi bleiben jedoch erhalten. Diese Aussage deckt sich zu 100% mit jener von Sensei Pino.

Und hier kommen wir zum eigentlichen und nächsten Punkt. Gibt es den Hangetsu-Dachi überhaupt? Betrachtet man sich die Entstehungsgeschichte der Kata Hangetsu, welche auch als 'Seisan' / 'Seishan' bekannt ist, so fällt auf, dass die ursprüngliche Kata in der Schule von Hiagonna (Gojû-Ryû), Matsumura und Uechi (Uechi-Ryû) geübt wird. Wird die 'Halbmondstellung' aus den Stilen des Uechi-Ryû und Gojû-Ryû verglichen, so stellt man deutliche Unterschiede zwischen der dort ausgeführten Stellung und der im Shôtôkan-ryû fest.

*Im Buch von Nishiyama Hidetaka Sensei stellt Nishiyama sowohl den Sanchin-Dachi als auch den Hangetsu-Dachi vor. Dabei wird der Sanchin-Dachi als "Sanduhr-Stellung" (oder auch Drei-Kriege-Stellung) und der Hangetsu-Dachi als "weite Sanduhr-Stellung" (Halbmondstellung) bezeichnet. Eine Begründung für eine weitere Haltung des Hangetsu-Dachi liefert Nishiyama jedoch nicht.

Der Sanchin-Dachi "nutzt die Spannung der Innenseite der Beine..." und "... schafft Duck zur Außenseite [...] [wodurch dieser]  sehr flexibel ist und eine Bewegung in jede beliebige Position für die nächste Technik ermöglicht."

Anhand der Bildbetrachtung in Nishiyamas Buch wird deutlich, dass die Beine weniger geöffnet sind, weshalb der Genitalbereich auch besser geschützt ist als in der üblichen Hangetsu-Dachi-Stellung des Shôtôkan-ryû.  Die Funktionalität des Hangetsu-Dachi ist im Vergleich zum Sanchin-Dachi fraglich, wenn die Funktion des Schutzes (des Genitalbereichs) verloren geht.

Die fehlerhafte Ausführung führt jedoch noch zu weiteren Problem'chen'. So führt eine fehlerhafte Ausführung - wie fast alles fehlerhafte - zu falschen Bewegungsabläufen, Starrheiten und falschen An- statt Entspannungen. Die Effizienz und der damit verbundene Fluss der Bewegung geht verloren. Ganz zu schweigen von Kraft, Energie und Schnelligkeit.

In der konsequenten Fortführung dieser Erläuterungen müsste die Kata (wie bereits auch der Münchner Sensei erwähnte) konsequent im Hangetsu-Dachi bzw. im Sanchin-Dachi ausgeführt werden. Ob diese richtige Korrektur der Kata jedoch in einzelnen Dôjôs anerkannt werden wird, mag bezweifelt, aus gesundheitlichen Gründen jedoch durchgesetzt werden.

Quellen:
Karate Enzyklopädie, Schlatt
Shôtôkan, Henning Wittwer
Karate - die Kunst der leeren Hand, Nishiyama Hidetaka
Gespräche mit: Pino und Michael Schölz
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