Karate - Training und die Individualität

Geschrieben von Gelbfüssler am 13.12.2008 um 11:29
in 4) Karate. Link.

Karate - Training und die Individualität

Wird die Kampfkunst in seiner historischen Dimension betrachtet, so stößt man bei einer solchen Betrachtung relativ bald auf die geschichtliche Entwicklung auf Okinawa. Beim Lesen der verschiedenen Texte ist auffällig, dass es in Okinawa eine Zeit gegeben haben muss, in der Karate in einem sehr privaten Rahmen gelehrt worden ist. So soll das "Te" zu Beginn nur an einige wenige Schüler weitergegeben worden sein, ja sogar von Einzelunterricht ist hier und da zu lesen.

Geschuldet soll dies der Geheimhaltung und dem Verbot der Ausübung der Kampfkünste sein. Ob dies historisch belegbar bzw. widerlegbar ist, soll an dieser Stelle nicht näher erläutert werden. Statt dessen soll ein anderer Aspekt, der Aspekt des "Einzeltrainings" ggü. dem heute üblichen "Massentraining" betrachtet werden.

Karate auf Okinawa i.d.R. nur an wenige Schüler übertragen - jedenfalls bevor Azato den Auftrag bekam, das Karate dahingehend zu verändern, so dass das "Te" auch an den Schulen unterrichtet werden konnte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Lehrer bzw. Sensei hatte aufgrund der wenigen Schüler somit die Möglichkeit sich auf die individuellen Bedürfnisse bzw. Fähigkeiten, Schwächen und Stärken des Schülers einzustellen und das Training individuell zu gestalten. Fehler konnten besser erkannt und korrigiert werden.

Aufgrund der heutigen Kenntnisse müsste ein solches Vorgehen die enormen Entwicklungspotentiale des Schülers entfaltet haben. Der Schüler konnte dementsprechend an sein persönliches maximales Leistungs- bzw. Fähigkeitsmaximum gebracht werden, da auf die jeweiligen individuellen Stärken und Fehler eingegangen wurde.

Betrachten wir die gegenwärtige Situation. Heute sind in einer Einheit zwischen 10 und 30 Schüler. Auf Lehrgängen sogar manchesmal sogar zwischen 100 und 400. Ist hier die individuelle "Betreuung" des Einzelnen noch möglich? Wohl kaum. Wie soll auch der Trainer auf die vielen unterschiedlichen Personen individuell eingehen können, bei einer relativ kurzen vorgegebenen Zeit von 90 Minuten?

Selbst bei den Einheiten im Heimatverein ist es bereits für die Trainer schwierig in den Trainingseinheiten individuell auf jeden Teilnehmer einzugehen. Er, der Trainer, ist hier meist auf einen Kompromiss angewiesen. Er kann nur auf die großen und groben Fehler des Einzelnen oder aber auf die quantitativen Fehler in der Gruppe eingehen und versuchen, diese zu erklären und so an die Selbstreflektion zu appelieren. Oder aber, er konzentriert sich in einer Einheit auf nur wenige Schüler und korrigiert diese, während er andere sich selbst überlässt. Dies könnte jedoch den Gruppenfrieden stören oder das Verhältnis zwischen Trainer und Schüler stören. Es wird somit erkennbar, dass eine kontinuierliche Arbeit an der Technik des Einzelnen innerhalb eines Massentrainings kaum möglich ist.

Dennoch wird selbstredend jeder vernünftige und gute Trainer versuchen auf jeden Schüler so gut es geht einzugehen. Ein schwieriges Unterfangen, betrachtet man den Zeitfaktor, die Gruppengröße und Individualität des Einzelnen.

In diesem kurzen Beitrag wir ersichtlich, dass Karate eigentlich kaum für Massentrainings geeignet ist, sondern dass sich Karate nur auf einer individuellen Ebene entwickeln kann.

Soll, kann und darf Karate nur noch als "Einzelunterricht" gelehrt werden? Auf diese Frage wird es wohl kaum eine allgemeingültige Antwort geben können, hängen heute doch viele unterschiedliche Faktoren davon ab. So wird bspw. ein Verein selten in der Lage sein ein reines Einzeltraining anbieten zu können, hängt dieser doch wirtschaftlich von einer Mindesanzahl von Mitgliedern ab, die als Beitragszahler den Verein finanziell stützen.

Ein weiterer Aspekt ist der Zeitfaktor. Aufgrund der Tatsache, dass viele Menschen berufstätig sind, können viele nur in den Abendstunden zum Karate-Training gehen. Eine individuelle Betreuung könnte sich in diesem Fall aber nur auf einige wenige beschränken (geht man von den üblichen Arbeitszeiten von 08:00 bis 17:00 Uhr aus).

In der Gesamtheit betrachtet ist anzumerken, dass die Qualität auf das individuelle Eingehen des Einzelnen innerhalb des Unterrichts mit der steigenden Anzahl von Mitgliedern abnimmt (ceterus paribus) bzw. abnehmen muss, weshalb es sicherlich erstrebenswert wäre, die Gruppengröße so gering wie möglich zu halten. Doch wie bereits erläutert wird dies in der Realität kaum möglich sein.

Die Schüler oder besser jeder einzelne Karateka ist aufgrund dieser Tatsache ggü. sich selbst verpflichtet, beständig sich und seine Technik zu prüfen und zu korrigieren, auch wenn Trainer oder Sensei zum momentanen Zeitpunkt einen nicht korrigieren und/oder beachten.

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