Karatelehrgang in Guldental
Ein kleines pfälzisches Dorf inmitten der Pfalz war Gastgeber für einen Karate-Lehrgang der besonderen Art. Bereits zum zweiten mal lud der Verein einen Referenten mit Japan-Erfahrung ein, um vom seinem Wissen im Shôtôkan-ryû zu profitieren. Der Dozent war Stephan Yamamoto (4. Dan im Shôtôkan-ryû), direkter Schüler von Sugimori Kichinosuke, dem Begründer des Karate-Dôjôs Shushukan in Japan.
Schon der Auftakt des Lehrgangs wich vom üblichen Aufwärmprogramm, welches häufig in den großen Verbänden aber auch in Vereinen zelebriert wird ab. So ließ Stephan Yamamoto in das Aufwärmprogramm neben Dehnübungen sein Wissen über Akupunktur einfließen, so dass der Entspannung und Entlasung des Skelettbaus sowie der Muskulatur einfließen. Ziel war die Lösung von Verpannungen in den unterschiedlichsten Körperbereichen.
Ein Thema des Lehrgangs war das Aufzeigen von Grundprinzipien innerhalb des Karates. Dies setzte schon bei der "einfachsten" Technik, dem Choku-Tsuki ein. Hier zeigte er auf, wie wichtig die Rückholbewegung der Faust ist und verwies dabei auf den inneren Skelettbau. Dem Autor fiel hierbei die Parallele zum Buch "The Secrets of Okinawan Karate - Essence and Techniques" von K. Arakaki auf.
Bereits hier konnte man erste deutliche Unterschiede zur Lehrmeinung verschiedener Karateverbände erkennen, die als Referenz für den Tsuki nicht nur die Hikite-Hand sehen, sondern ebenso auf die "Körperhaltung" der Schultern achten, die weder zum Gegner hin- noch weggedreht werden sollen.
Im weiteren Verlauf wurde auf das "Gehen" im Karate eingegangen. Wesentlicher Punkt war (und ist), dass die Vorwärtsbewegung über das vordere Knie (ebenso wie beim Gehen) zu erfolgen habe. Ein abstoßen vom hinteren Bein erfordert überflüssige Kraft und Energie. Die subjektive Wahrnehmung, dass die Technik dadurch schneller, dynamischer und stärker sei ist von außen betrachtet falsch.
Ein weiterer Punkt war die Haltung innerhalb der Stellung(en), wie beispielsweise im Zenkutsu-Dachi. Grds. gilt, dass die Haltungen natürlich eingenommen werden sollen. Diese Natürlichkeit durchzieht sich in allen Bewegungen, Formen und Stellungen. Desweiteren ist darauf zu achten, dass das Gewicht auf den Fußballen liegt und nicht übertriebenermaßen auf den Fersen.
Im weiteren Verlauf des Lehrgangs ging Stephan auf die Interpretation von "Blocks" ein, die in Wahrheit weniger Blocks als Angriffe darstellen. Hierzu nahm er eine Heian Kata um dies zu demonstrieren. In der Heian Sandan und Godan wird als erste Technik der Uchi-Uke ausgeführt. Die Blocktechnik ist jedoch nicht wie häufig angenommen die vordere Hand in der Endphase der Technik, sondern die hintere.
An dieser Stelle kann Uwe Rupp (KFD Konstanz) zitiert werden der sagt: "Keine Bewegung im Karate ist überflüssig". Dies ist der Schlüssel zur Lösung.
Bereits die Ausholbewegung stellt - ähnlich wie beim Shuto-Uke - die eigentliche Abwehrbewegung dar. Diese Bewegung könnte man eher als Nagashi-Uke bzw. Wischbewegung bezeichnen. Der Uchi-Uke wird plötzlich ein Angriff, in Form eines Ura-Tsukis.
Eine weitere interessante Feststellung ist jene, dass es in der Kampfkunst Karate keine "rückwärtige" Bewegungsform gibt bzw. geben kann. Dies betonte Hidetaka Nishiyama auf seinem Lehrgang 2007 in Konstanz ebenfalls. Nishiyama forderte damals sogar auf, in den Gegner hinein, maximal schräg zur Seite, im 90° Winkel oder nach schräg vorne auszuweichen. Auch diese wurde vom Dozenten, Herrn Yamamoto gezeigt und erläutert.
Doch zurück zum "Uchi-Uke" bzw. Ura-Tsuki. Faszinierend war, dass diese Technik nicht, wie üblich, in Richtung Solar Plexus ausgeführt, sondern vielmehr direkt unterhalb des Angriffsarms des Gegners in dessen Nervenpunkte bzw. Meridiane. Trotz der einfachen und lockeren ohne Kraft geschlagenen Technik (diese war vielmehr eher vorsichtig), konnte man am Partner ein leicht vor Schmerz verzogenes Gesicht sehen. Solche Meridiane wurden im Folgenden noch einige Male erwähnt. Ein tieferer Einstieg war in dieses Themengebiet aufgrund der vielen sehr jungen Lehrgangsteilnehmer jedoch nicht möglich.
Im letzten Teil wurde auf die Anwendung in der Kata eingegangen. Hier wurde geschaut, welche Anwendungen sich aus einer Kata entnehmen lassen können. Hier war der Gehirnschmalz der Teilnehmer gefordert. Dieses Nachdenken wird beim Ein oder Anderen sicherlich nicht am Ende des Lehrgangs aufhören, sondern weitergehen.
Zum Abschluss gab' es noch ein gemütliches Beisammensein in privater Runde bei den Lehrgangsveranstaltern bei Kaffee und Kuchen. Hierzu gilt den Ausrichtern des Karate-Dôjô Guldental ein herzlicher Dank!
Fazit: Der famliäre Lehrgang in Guldental mit einem hervorragenden Dozenten, der über ein sehr umfangreiches Wissen verfügt und in der Praxis auch anwenden kann, hat Lust auf mehr gemacht.
Eines ist sicher, es gibt ein Wiedersehen in Guldental!
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