Kihon die Basis des Karate?
Manchmal hört man ihn noch, den Spruch der klar macht, dass man bevor man laufen kann, erst gehen lernen muss. Nichts ist einleuchtender als diese Aussage. Denn immerhin lässt sich dieser auf viele Lebensbereiche anwenden. Denn bevor man einen Roman schreiben kann, benötigt man das Rüstzeug wie die Kenntnisse über Buchstaben, Grammatik und die Anwendung spezifischer Regeln.
Gleiches gilt heute im Karate. Während zu Beginn unter Funakoshi Gichin ausschließlich Kata trainiert wurde, änderte sich das Training dahingehend, dass nicht mehr ausschließlich Kata sondern eben auch Gohon-Kumite sowie Kihon-Ippon-Kumite trainiert wurde.
So erläutert auch Nakayama Masatoshi, dass Funakoshi fühlte, dass jede Technik einzeln trainiert werden musste um das richtige Gefühl für den Ikken-Hisatsu zu bekommen. Dies und das Gohon-Kumite, so Nakayama, stellen heute das Fundament für das Kihon training dar.
Daraus wird ersichtlich, dass das Kihon-Training neben Kata und Kumit eine gleichwertige Säule innerhalb des Trainings darstellt und besonders zu Beginn des Karate-Trainings geübt werden muss. Das Kumite findet zu diesem Zeitpunkt weniger Beachtung, da die Basistechniken, -Stände, etc. hier gelehrt und geübt werden müssen. Wie wichtig dieser Ansatz ist, kann auch daran erkannt werden, dass in den Erfahrungsberichten sowie in der Literatur von bekannten japanischen Meistern von einer hohen Zahl an Wiederholungen gesprochen wird. Heute weiß man, dass gerade die hohe Zahl der Wiederholung die Technik(en) i.S. einer Automatisierung im Körper eingeschliffen werden.
Dies gilt gleichermaßen für Stände, Bewegungsformen und anderen Prinzipien innerhalb der Kampfkunst Karate.
Die Grundlage für effektive und effiziente Techniken im Oberstufenbereich werden somit in der Unter- und Mittelstufe gelegt, weshalb gerade dieses - oft auch als langweilige weil langwierig bezeichnete - Training von den Trainierenden nicht gemocht wird.
Dennoch, ein mangelndes Training gerade in diesem Bereich zeigt sich später im Kumite aber auch in der Kata wieder. Falsches Distanzgefühl, fehlerhafte Ausführungen von Techniken und schlechte Stände sind einige wenige Anzeichen für falsches Grundlagentraining.
Umso erstaunlicher ist es, dass gerade heute das Kumite-Shiai, also der sportliche Wettkampf propagiert wird und so die Grundlagen, die auch für die Zeit nach dem Wettkampf erhalten bleiben - sollten diese denn vorhanden sein - vernachlässigt werden. Und dies passiert bei der Konzentration auf den sportlichen Vergleich und ist für die eigentliche Kunst schädlich.
Hierzu gibt es eine interessante Aussage eine interessante Aussage von Anton Geesink, der erste Nicht-Japaner der diese Söhne Nippons in Ihrer Kampfkunst, dem Judo, besiegte.
"Die Japaner trainieren Jûdô nur noch zum Zwecke des Wettkampfes. Sie haben sich außerordentlich viel Mühe gegeben, erfolgreiche Wettkämpfer und großartige Champions heranzuzüchten. Ich andererseits habe noch nie in meinem Leben des Wettkampfes wegen trainiert. Das einzige, was ich immer getan habe, war Jûdô als Lebenseinstellung zu trainieren, genauso wie Dr. Kanô es lehrte. Während die Japaner sich Wettkampfstrategien ausdachten, habe ich im Dôjô Grundlagen und Kata trainiert. Ich habe die Japaner besiegt, weil ich Jûdô besser kenne als die Japaner. Das Geheimnis ist, daß man Tag für Tag die Grundlagen trainieren muß. Dies wird einen unschlagbar machen."
.
(Quelle: Gespräche mit dem Meister Nakayama Masatoshi, Hassel R. G., Lauda Königshofen, 1997)