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Kurzbiographie: J. Livermore
6 June 2007

Jesse Lauriston Livermore - eine Kurzbiographie



von Ralph Malisch
Es gibt viele Geschichten und Geschichtchen über Jesse Lauriston Livermore

Die Fakten: Geboren am 26. Juli 1877
Gestorben am 27.November 1940

Dazwischen liegt ein Leben, das so schillernd und faszinierend war, wie kaum ein zweites in der Branche. Schon zu Lebzeiten umwehte ihn der Hauch des Mystischen und Geheimnisvollen - ein Image das dem "Großen Bär" und "Einsamen Wolf" keineswegs unangenehm war. Seine Lebensgeschichte bildete auch die Vorlage für d e n Börsenklassiker schlechthin:

"Reminiscences of a Stock Operator".

J.L., wie er genannt werden wollte, fiel schon als Kind durch seine schnelle Auffassungsgabe und seine weit überdurchschnittliche mathematische Begabung auf. Mit 13 Jahren allerdings eröffnete ihm sein Vater, daß Bildung für das Leben als einfacher Farmer ebenso unnötig wie nutzlos sei. Als er ihn dann mit 14 von der Schule genommen hat und ihm einen Overall für die Farmarbeit überreichte, wußte J.L. was die Stunde geschlagen hatte. Seine Mutter unterstützte ihn heimlich und noch mit 14 Jahren verließ er sein Elternhaus mit nur 5 $ in der Tasche.

Es zog ihn nach Boston. Dort angekommen erhielt er seinen ersten Job als Chalkboard Boy in der örtlichen Paine Webber Niederlassung. Schon bald interessierte er sich für die Bedeutung der Zahlen die er da anschrieb und suchte in den Zahlenkolonnen nach Mustern. Nach einigen Monaten - es war 1892 und er war gerade 15 Jahre alt - nutzte er die Mittagspausen um in einem benachbarten "Bucket Shop" (eine Art Wettbüro für Aktien) selbst auf Kursveränderungen zu spekulieren. Als sein Vorgesetzter dies bemerkte, stellte er J.L. zur Rede und drohte ihm mit Konsequenzen, falls er dieses Treiben nicht unterlasse. J.L. entschied sich für die Konsequenzen - und wurde gefeuert! So endete sein erster Job, der auch sein einziger bleiben sollte, nach kurzer Zeit unrühmlich.
In der Folgezeit verdiente J.L. sein Geld in den Bucket Shops der Stadt. Mit 16 Jahren hatte er seine ersten 1.000 $ verdient und das war für einen Jungen in seinem Alter eine Menge. Er arbeitete allein, sagte niemandem, was er tat, nahm nie einen Partner auf und borgte niemals Geld. Er war dabei so erfolgreich, daß ihm sein Ruf als "Boy Wonder" bzw. "Boy Plunger" vorauseilte. Allerdings erhielt er nach und nach in den einschlägigen Etablissements Lokalverbot, denn Gewinner waren dort nicht gern gesehen. Schließlich lebten die Shops von den Verlusten Ihrer Kunden, da Orders grundsätzlich nicht an die Börse weitergeleitet wurden und der Shop sozusagen die Bank hielt. Nachdem es aufgrund seines Bekanntheitsgrades immer schwerer wurde Geld in den Bucket Shops zu verdienen, startete er mit 2.500 $ (er hatte es zwischenzeitlich schon auf rd. 10.000 $ gebracht) seinen ersten Ausflug an die Wall Street - und scheiterte.

J.L. mußte sich 1.000 $ bei Ed Hutton leihen, der schon früh sein Talent erkannt und irgendwie einen Narren an dem Jungen gefressen hatte. Wiederum suchte J.L. zunächst sein Glück auf vertrautem Terrain, in den Bucket Shops, zumindest in denen, in denen er noch kein Lokalverbot hatte.

1899 - im Alter von 22 Jahren hatte er wieder ein ansehnliches Startkapital von 10.000 $ zusammen und wagte sich nach eingehender Fehleranalyse erneut an die Wall Street. Er profitierte alles in allem ansehnlich vom großen Bullen-Markt des Jahres 1901. Er hat es auf immerhin 50.000 $ gebracht und ging dann short. Dies war eine Lektion, die er noch lernen mußte. Das Laufband hinkte weit hinter den tatsächlichen Kursen hinterher ("fast market"). Obwohl er die Richtung des Marktes richtig bestimmt hatte, ruinierte ihn die miserable Ausführung seiner Short-Verkäufe. Er deckte sofort ein und hatte erneut alles verspielt.

Nachdem sich seine Frau weigerte ihren Schmuck ins Pfandhaus zu tragen, hieß das ein weiteres Mal Bucket Shop für J.L..

Als er wieder ausreichend Kapital zusammen hatte, kehrte er zurück zur Wall Street. Er verfeinerte sein System, er studierte insbesondere das Verhalten der Verlierer, denn ein Verlierer wollte er nicht mehr sein.

Und schließlich brach er alle Regeln - und gewann. Aus einer inneren Eingebung heraus shortet er im Frühjahr 1906, im Alter von 29 Jahren mehrere Tausend Union Pacific-Aktien. Dann, am 18. April 1906, das Große Beben in San Francisco. Erst am dritten Tag nach dem Beben brach der Markt ein. Union Pacific fiel wie ein Stein und J.L. machte einen Profit von 250.000 $.
Im Herbst 1907 hatte J.L. rd. 1 Mio. $, er war 30 Jahre und wähnte sich auf dem richtigen Weg. Nachdem er seine Shorts eingedeckt hatte, wollte er auf eine Reise nach Europa gehen. Doch sein Instinkt warnte ihn rechtzeitig, daß er lediglich eingedeckt hatte um seine Papiergewinne nicht wieder zu verlieren, also ohne wirklichen Grund. Zurück in New York ging er daher erneut massiv short. Was sich dann in der Folge in den Oktobertagen des Jahres 1907 entwickelte war ein veritabler Crash; der Börse ging schlicht das Geld aus. Am 24.10.1907, hat J.L. erstmals 1 Mio. $ verdient - an einem einzigen Tag - und der Tag war noch nicht vorüber. Er war seinen Regeln treu geblieben. Gegen Ende das Tages hatte er riesige Papiergewinne. Seine Margin war groß genug um am nächsten Tag schon zur Eröffnung die prominenten Werte in Blöcken à 10.000 Stück auf den Markt werfen zu können und dem Markt damit den Todeskuß zu geben. Wenn ihm das gelänge, wären es nicht 1 Mio. $ Profit, sondern 10 Mio. $ oder gar 20 Mio. $. Andererseits war er nicht sicher, ob der Markt danach jemals wieder öffnen würde.
J.L. zusammen mit Ed Kelley, einem Freund, auf seiner Yacht beim Fischen, eine seiner Leidenschaften. Auf dem Wasser zu sein, gab ihm die Möglichkeit nachzudenken; häufig kam er mit neuen Einfällen zurück.
Ein Besuch seines Freundes Warren Augustus Reed erleichterte ihm die Entscheidung. Dieser überbrachte die dringende Bitte, die Shortverkäufe einzustellen; eine Bitte die nicht von irgendjemandem kam, sondern von J.P. Morgan höchstselbst, schon damals eine Legende. J.L. mit 31 Jahren auf dem vorläufigen Höhepunkt seines Erfolges und seiner Macht. Er hatte es in der Hand. Auf gleicher Höhe mit Morgan - zumindest für einen Tag. J.L. willigte ein, nicht nur aus Altruismus, auch aus Kalkül. Er würde keine weiteren Aktien mehr shorten und am nächsten Tag beginnen einzudecken. Danach würde er aggressiv kaufen. Wie angekündigt deckte er am Folgetag zunächst seine Short-Positionen ein und löste durch seine Käufe eine Rally aus. Er kaufte weitere 100.000 Aktien long und konnte am Ende des Tages einen Profit von 3 Mio. $ verzeichnen.

Doch seine Freude sollte nicht lange währen. Noch im selben Jahr fand jene schicksalhafte Begegnung mit Percy Thomas, dem "Cotton King", also einem Baumwoll-Guru statt. Eine Begegnung, die ihm zum Verhängnis werden sollte. Obwohl Livermore es grundsätzlich ablehnte, mit anderen zusammenzuarbeiten und obwohl er sich gleich zum Beginn seiner Bekanntschaft mit Thomas die entscheidende Frage stellte, warum Thomas wohl pleite war, wenn er doch so gut Bescheid wußte, zog ihn Thomas doch immer mehr in seinen Bann.
Livermore warf seine über lange Jahre gewonnenen Erfahrungen nach und nach über Bord und verstrickte sich immer tiefer in sein Baumwoll-Abenteuer. Im Ergebnis kostete J.L. diese Lektion 3 Mio. $ und ließ ihn mit weniger als 300.000 $ zurück. Als er dann versuchte seine Verluste schnellstmöglich wettzumachen, beging er auch schon seinen nächsten Fehler. Über die nächsten Monate verlor er bei seinem verzweifelten Versuch das verlorene Geld zurückzugewinnen soviel, daß er schließlich als nervliches Wrack mit 1 Mio. $ Schulden dastand. Erst nach Monaten fand er die Kraft sein Verhalten zu analysieren, und erstmals wurde ihm die emotionale Komponente seines Handelns bewußt. Ursache seines tiefen Falls war sein Ego. Er war es gewohnt mit Mißerfolgen umzugehen, was ihn jedoch wirklich aus der Bahn geworfen hat, war sein exorbitanter Erfolg vom 24.10.1907. J.L. mußte sehr schmerzhaft lernen, daß Erfolg manchmal schwerer zu verkraften ist, als Mißerfolg. Im Februar 1915 mit 38 Jahren mußte J.L. seinen Bankrott erklären.

Den Kopf frei und ausgestattet mit neuem Startkapital eines alten Freundes, wagte er einen weiteren Versuch. Die Dinge entwickelten sich gut und bereits Anfang 1917 war es so weit und er bezahlte seine Schulden, obwohl er dazu aufgrund seines Bankrotts nicht verpflichtet gewesen wäre; die von ihm angebotene Verzinsung lehnten seine Gläubiger jedoch ausnahmslos ab.
Jesse Livermore hier vor dem Konkursgutachter am 15. Mai 1934.
Während der 20er Jahre war J.L. immer wieder Gegenstand von Presseberichten, er selbst kommentierte diese Berichte grundsätzlich nicht. Auch dieses Verhalten leistete der Legendenbildung Vorschub. Insgesamt waren die "Roaring Twenties" für ihn privat und beruflich wohl die beste Zeit.

Ab Sommer 1929 nahm J.L. in dem stark aufgeheizten Markt dann eine zunehmende Verschlechterung der Angebots- und Nachfrageverhältnisse wahr. Versuchsweise shortete er mehrfach Aktien in geringerem Umfang, mußte diese aber kurze Zeit später wieder eindecken, weil der Markt noch nicht bereit war und J.L. ausgestoppt wurde. Erst beim dritten Versuch hielten seine Positionen. Und dann baute er diese in bewährter Manier auf, er pyramidisierte. Diese Positionen brachten ihm während des "Großen Crashs" innerhalb von kürzester Zeit ein Bar-Vermögen von mehr als 100 Mio. $ ein. Dies ist umso beeindruckender, als am Beginn der Großen Depression halb Amerika pleite war und Bargeld einen ganz besonderen Wert darstellte. Beeindruckend war auch die Vielzahl der Morddrohungen, die er von verzweifelten Menschen erhielt, deren Existenz mit einem Handstreich vernichtet wurde und die ihn persönlich für ihr Unglück verantwortlich machten.
Jesse Livermore, der legendäre "Boy Plunger" oder "Great Bear of Wall Street", kurz nach dem Crash 1929 auf dem Höhepunkt seiner Macht; danach ging es nur noch bergab.
Er war auf dem Gipfel seines Erfolges. Dennoch blieb die Freude bei ihm weitestgehend aus. Zunehmende Depressionen, die Scheidung von seiner zweiten Frau Dorothy, der Liebe seines Lebens, ließen schließlich auch sein Interesse an dem "Spiel der Spiele" erlahmen. In der Folge schmolz sein Vermögen rasant zusammen. 1934, nur fünf Jahre nach seinem größten finanziellen Erfolg mußte J.L. erneut Bankrott erklären; er hatte alles verloren.

1939 schrieb er sein Buch "HOW TO TRADE IN STOCKS", der letzte Versuch eines Comebacks - es wurde ein Flop, auch hier hatte ihn sein legendäres Gespür für Timing verlassen. Am 27.11.1940 schließlich setzte er seinem Leben durch einen Kopfschuß auf der Toilette des Sherry Netherland Hotels ein Ende.

Spica dazu:

Aus dem Leben eines Spekulanten. Sonne in 3° Löwe - Mond in ~10° Wassermann. Aufgrund fehlender Uhrzeit keine AC/MC Achsen. Wahrscheinlich Fische AC mit Widder eingeschlossen, Neptun in Haus 1.
Manchmal ist es besser Fischen zu gehen um seine Positionen oder Gedanken zu überdenken. Ein schöner Zeitrahmen ist es allemahl wenn die Vola aufgrund der Unsicherheit steigt. Sie ist ja auch handelbar.
Geschrieben von Spica um 12:02 | in:
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