1. Kapitel, Teil 2

Von Mayla

„Oh, schau mal, dieses Top muss ich haben!“, kam es von Hailey, als ich mit ihr auf dem Weg in die Eisdiele war. Sofort blieb ich stehen, beäugte das knappe Oberteil, was sie haben wollte und schüttelte dann den Kopf.
„Wenn es unbedingt sein muss, dann probier' es halt an.“, erwiderte ich einfach nur und ging auch schon auf den Eingang zu, während meine beste Freundin noch immer vor dem Schaufenster stand. Ich hatte schon den Türgriff in der Hand, wartete darauf, dass sie reagierte, doch kam von ihr nichts. „Willst du Wurzeln schlagen oder lieber dein Geld ausgeben?“
Hales schaute mich an und zuckte die Schultern. „Geld ausgeben natürlich.“ Endlich setzte auch sie sich in Bewegung und zusammen betraten wir das Geschäft. Hier drinnen war es angenehm kühl und während wir so die Regale absuchten, hatte meine Freundin auch schon wieder mehrere Sachen – darunter auch eine Jeans – angesammelt und verschwand so letztendlich in der Umkleidekabine.
Ich stellte mich davor und wartete geduldig, bis sie immer mal wieder herauskam und mir das vorführte, was sie anprobiert hatte. Zugegeben sah sie eigentlich in allem, was sie anzog, gut aus. Mir wurde sofort klar, dass sie wohl keines der Tops hier lassen konnte, weshalb ich mich auch nicht wunderte, als sie, nachdem alles anprobiert war, tatsächlich mit allem zur Kasse ging.
‚Typisch Frau’, ging es mir durch den Kopf, allerdings sagte ich nichts, ging nur folgsam hinter Hales her und wartete, bis sie bezahlt hatte und mit zwei vollen Tüten der Verkäuferin noch einen guten Tag wünschte und dann das Geschäft wieder verließ. „Es geht doch nichts über ein paar neue Klamotten.“, sagte sie fröhlich und stupste mich mit dem Ellbogen an. „Vielleicht solltest du auch mal wieder losziehen und etwas kaufen.“
Ich nickte langsam. „Gar keine schlechte Idee. Vielleicht kann ich ja Con mitschleppen. Irgendwer muss ja schließlich die Tüten tragen.“, entgegnete ich mit einem Grinsen und schaute sie dann an. „Doch kommen wir nun zum Eis.“ Zielstrebig ging ich ein paar Meter, bis ich schließlich vor dem Café stand, in dem wir für gewöhnlich waren. Draußen in der Sonne setzte ich mich an einen der kleinen, runden Tische, meine bessere Hälfte ließ sich mir gegenüber nieder und stellte ihre Taschen unter den Tisch.
„Ja, das macht den Morgen doch gleich noch ein wenig schöner.“, meinte sie, schlug die Karte auf und blätterte ein wenig darin rum. Ich tat es ihr gleich und entschied mich ziemlich schnell für einen Erdbeerbecher. Als auch Hailey die Karte hinlegte, winkte ich den Kellner heran und bestellte einen Erdbeerbecher für mich und ein Bananen Split für sie. Mit einem Nicken entfernte sich der Kellner und fast gleichzeitig ließen wir uns tiefer in die Stühle sinken und seufzten.
Diesem Seufzen folgte ein Lachanfall und die Leute schauten uns schon seltsam an. „War ja wieder klar. Warum sind wir eigentlich keine Zwillinge?“, meinte Hailey und schaute mich fragend an. Eigentlich eine berechtigte Frage, auf die ich allerdings keine Antwort hatte.
„Na, weil wir eben verschiedene Eltern haben. Wenn man sich so gut versteht, wie wir, dann übernimmt man einfach gewisse Verhaltensweise von dem anderen. Das…“ Doch ich hielt inne. Warum kam ich hier gleich schon wieder mit diesem Psychokram um die Ecke? Nicht mal in meiner Freizeit konnte ich aufhören, alles zu analysieren und auf solche Fragen psychologisch bedingte Antworten zu geben. „Tut mir Leid, ich wollte dich damit nicht nerven.“
Hailey winkte ab. „Kein Problem, ich kenn' das Problem, wenn das Studium einfach so über einen kommt und einen einnimmt. Ist ja bei mir mit den Französischen Worten nicht anders.“
Ich lachte kurz auf. „Stimmt auch wieder. Aber ich find’s nicht schlimm, wenn das das machst.“ Hales war einfach begabt, was Sprachen anging, da konnte sie es auch ruhig ausleben. Sie könnte ich mir sogar ein paar Monate in Frankreich vorstellen, wo sie die Leute mit ihren Kenntnissen beeindrucken konnte. Schließlich hatten die Länder immer gewisse Vorurteile anderen Ländern gegenüber.
„Gut, ma petite belle, sonst hättest du es mich ja auch schon wissen lassen.“, meinte sie grinsend und holte ihre Sonnenbrille aus der Tasche, da die Sonne hier doch schon ein wenig brannte, und setzte sie sich auf.
Ein wenig perplex schaute ich sie an. „Selbstverständlich, du kennst mich doch.“ Meine Augen schirmte ich einfach mit einer Hand ab, ich hatte keine Lust, mir meine Brille aufzusetzen. Ich schaute mich ein wenig um, sah viele Leute, die ich vom Sehen aus dem College kannte, entdeckte schließlich sogar Kevin, der nur zwei Tische von uns entfernt saß und sich angeregt mit – Moment mal – Roxanne unterhielt. Hätte ja nicht gedacht, dass er sich mit so einem auffälligen Mädchen traf. Noch mehr verwunderte es mich allerdings, dass Roxi so viel mit ihm sprach. Ich kannte sie zwar schon zwei Jahre, aber sie ging eigentlich selten aus sich heraus.
„Hales, schau mal, Roxanne sitzt da drüben.“, meinte ich dann und nickte mit dem Kinn in die gemeinte Richtung. Verwundert schauten wir beide nun rüber und Roxi fühlte sich scheinbar beobachtet, denn sie wandte ihren Kopf in unsere Richtung und grinste, als sie uns sah. Scheinbar entschuldigte sie sich bei Kevin, denn sie stand keine Sekunde später auf und ging auch schon auf uns zu.
„Hey Mädels!“, begrüßte sie uns und darauf folgte dann das übliche Küsschen auf die Wange. Trotz des Altersunterschiedes von drei Jahren verstanden wir uns gut mit ihr und ich freute mich immer, sie zu sehen. „Was treibt euch hierher?“
„Die Frage könnten wir dir auch stellen!“, kam Hailey mir zuvor, da ich gerade erst den Mund geöffnet hatte, wo sie schon fertig mit reden war. Fragend schaute ich nun die auffällige, rothaarige an und stützte mein Kinn auf die Hand.
„Augenscheinlich treff ich mich mit Kevin. Ziemlich netter Typ. Er sagt, er kennt dich Aud.“, sagte sie an mich gerichtet. Ich zuckte ein wenig die Schultern. Warum sprachen sie denn bitte über mich…? Egal, darüber konnte ich mir immer noch Gedanken machen, wenn ich es bis dahin nicht raus gefunden hatte.
„Was heißt kennen? Wir haben den gleichen Philosophiekurs, mehr nicht. Wusste ja gar nicht, dass du ihn kennst.“, fügte ich dann noch hinzu, in der Hoffnung, dass sie etwas dazu sagen würde.
„Du weißt so vieles nicht, meine Liebe. Ich werd dann mal wieder, sehen wir uns später? Könnten ja mit allen etwas unternehmen.“, sagte sie und schaute diesmal Hailey an. Diese nickte und lächelte dann. „Klar, ich meld' mich heute Abend mal, wenn das genehm ist.“
„Wunderbar! Bis später.“ Und schon hatte sie uns den Rücken gekehrt, war an den Tisch gegangen, hatte irgendwas zu Kevin gesagt und war dann auch mit ihm aus dem Café verschwunden. Immer noch ein wenig ungläubig schaute ich ihnen hinterher und schüttelte dann den Kopf, ehe ich meine beste Freundin ansah.
„Kannst du dir das erklären?“, wollte ich von ihr wissen.
„Nein, ich habe keinen blassen Schimmer.“, entgegnete sie und schaute den Kellner an, der grad unser Eis brachte. „Ich meine… Sie redet doch sonst nicht so viel und eigentlich hab ich sie noch nie mit einem außerhalb der Schulzeit zusammen gesehen, vor allem nicht mit so einem Schnuckel.“ Automatisch nahm sie den Löffel und fing auch sogleich an, ihr Eis zu essen.
Ich für meinen Teil musste erst mal ihren Gedankengängen folgen und mir überlegen, was genau sie mir mit dem Schnuckel deutlich machen wollte. Wahrscheinlich spielte sie mal wieder darauf an, dass ich schon lange keinen Freund mehr gehabt hatte. Nur was sollte ich mit so einem, wenn er sich doch scheinbar für die geheimnisvolle, rothaarige interessierte? „Irgendwie wirkte sie in seiner Gegenwart verändert. Meinst du, da läuft was?“ Ich schob mir einen Löffel Eis in den Mund und schaute interessiert zu meinem Gegenüber.
„Nein, ich glaube nicht. Erstens ist er viel zu jung für Roxi und zweitens haben sie weder verliebt Händchen gehalten, noch rumgeknutscht, sondern sich einfach nur unterhalten.“, argumentierte die  Blondine und aß zufrieden mit ihrer beobachterischen Gabe weiterhin ihr Eis.
Auch das ließ ich mir nochmals durch den Kopf gehen und musste feststellen, dass es tatsächlich so war. Außerdem hätte unsere Freundin doch sonst etwas bezüglich eines Freundes gesagt, zumindest nahm ich das an. „Du wirst wohl Recht damit haben. Aber seltsam ist es dennoch…“, murmelte ich und löffelte beinahe gedankenverloren mein Eis. So etwas musste man einfach nicht verstehen. Manche Menschen waren eben auf einer Wellenlänge und vielleicht fand man einmal im Leben jemanden, dem man alles erzählen kann,  dem man bedingungslos vertraut und es könnte sogar ein Vertreter des anderen Geschlechts sein, das hatte ich ja bei Connor festgestellt. Es gab also auch die Möglichkeit, als Frau nur mit einem Mann befreundet zu sein – auch wenn die Psychologie da teilweise anderer Meinung war.
Hailey sagte gar nichts mehr dazu, wahrscheinlich überlegte sie selbst wegen irgendwas. War mir auch recht, so konnten wir dann auch schweigend das Eis genießen. Man musste ja auch nicht immer und nur reden, manchmal reichte es auch, wenn man einfach bei einem Menschen dabei saß, wusste, das jemand da war, wenn man denn mal reden wollte.
Nachdem Hailey ihr Eis aufgegessen hatte, kramte sie in ihrer Handtasche rum, beförderte ein Zigarettenschachtel zu Tage und steckte sich auch sogleich eine an. Ich war gerade dabei, meine letzten Erdbeeren zu verspeisen und warf ihr einen kurzen Blick zu. Ich kannte es gar nicht anders von ihr, deshalb störte  es mich auch nicht so, wenn sie rauchte. Wenn ich mal unterwegs war an Wochenende, dann tat ich es auch ab und an, aber nicht so gewohnheitsmäßig wie sie.
„Wo geht’s gleich noch hin?“, fragte ich Hales deshalb, um die Stille zu unterbrechen.
Diese hob die Schultern ein wenig hoch und sah mich an. „Keine Ahnung, ich wollte mich später mit John treffen.“, erwiderte sie und lächelte ein wenig. „Wir können ja durch die Stadt zurück, du lieferst mich bei mir ab und räumst dann weiter auf.“
Nickend nahm ich ihren Vorschlag zur Kenntnis und winkte nun so wie am Anfang den Kellner herbei. Ich drückte ihm einfach Geld in die Hand und erhob mich dann mit einem „Stimmt so.“ Ich wartete nur darauf, dass Hales was sagte, da ich für sie einfach mitbezahlt hatte, doch scheinbar nahm sie es diesmal einfach so hin, was wohl nicht zuletzt daran lag, dass sie eben für die Klamotten, die sie erstanden hatte, genug Geld ausgegeben hatte. So stand auch sie auf, rückte ihre Sonnenbrille zurecht, schulterte ihre Handtasche und spazierte dann in die Richtung, aus der wir gekommen waren.

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