1. Kapitel, Teil 3

Von Mayla

Wieder zu Hause schmiss ich mich erstmal aufs Sofa. Irgendwie fehlte mir nach dem leckeren Eis einfach der Elan, auf zustehen und wieder sauber zu machen, zumal ich eigentlich nur noch mein Zimmer hatte, welches in Ordnung gebracht werden musste. Aber das konnte auch noch warten. So lümmelte ich einfach hier rum, in der Hoffnung, dass irgendwer kommen würde, um mich von meiner Langeweile zu befreien. Eine Langeweile, die eigentlich keine richtige war. Zwar war Samstag und somit Wochenende, aber ich hatte grade nach dem Stadtbummel überhaupt keine Lust, mich zu bewegen. Ich nahm deshalb eine der drei Fernbedienungen, die auf dem Wohnzimmertisch lag und schaltete die Anlage ein und hörte – wie ich es so gern tat – laut Musik und summte die Melodien mit, da ich meistens die Texte nicht konnte.
Die Zeit wollte auch nicht so recht vergehen, denn keine fünf Minuten später schaute ich schon auf die Uhr und atmete tief aus. Warum war denn auch keiner zu Hause? Warum hatte ich keinen Freund? Warum war die Banane krumm? Alles nur Mist, den ich mir da grad zusammen dachte. Vielleicht sollte ich mich wirklich bewegen, sonst würde ich womöglich jetzt grade in diesem Moment noch vollkommen verrückt werden. Was war denn bloß los mit mir?
Ich konnte es mir nicht erklären. Vielleicht gab es darauf ja auch gar keine Antwort, vielleicht würde ich es selbst irgendwann herausfinden. Fürs Erste musste ich nun aber etwas gegen diese Unlust unternehmen. Also die Musik noch ein bisschen lauter, wieder in die Sachen geschlüpft, die ich anhatte, bevor ich draußen gewesen war und dann ab ans aufräumen.
In meinem Zimmer aufzuräumen dauerte immer länger, weil ich oft Sachen fand, die ich schon länger nicht mehr gesehen hatte. Ganz klar, dass ich dann erstmal in Erinnerungen schwelgen musste… Doch bisher hatte ich bei den ganzen Klamotten, die ich entweder in die Wäschetonne oder meinen Kleiderschrank sortiert hatte, nichts gefunden, von einem T-Shirt, was mir gar nicht gehörte, mal abgesehen.
Mein Kram vom College stapelte sich langsam aber sicher immer höher und ich sah ein, dass es mal wieder Zeit wurde, das alles in die dafür vorgesehenen Ordner zu heften, bevor noch irgendwas wichtiges verloren ging. Außerdem ärgerte es mich ein wenig, dass ich noch nicht mal mehr meinen kleinen Liebling unter dem ganzen Papier sah. Gemeint dabei mein Laptop, der sich irgendwo auf dem Schreibtisch befand und den ich bestimmt schon nen paar Tage nicht mehr angerührt hatte. Schließlich nahm ich erstmal den einen Berg und meine drei Ordner und ließ mich damit auf dem Bett nieder.
Alles, was ich für Psychologie brauchte, wanderte in den weißen Ordner, was ich für Philosophie brachte landete im weißen Ordner und der Rest, der sich so ansammelte in einen blauen Ordner, der nochmals unterteilt war. Alleine das nahm schon eine halbe Stunde in Anspruch. Wenn ich nicht so faul wäre, dann könnte das auch alles schneller erledigt sein. Wenn ich nun aber vor allem daran dachte, dass im Wohnzimmer im Regal auch noch so ein Stapel mit Sachen von Con und mir warteten, da wollte ich schon gar nicht  mehr wissen, wie lange wir da alleine brauchten, um zu entscheiden, wem was gehörte. Gut, das ganze medizinische Zeug war wohl von ihm, doch Psychologie studierten wir beide, da könnte das schwieriger werden, wobei man den Großteil wohl in der Handschrift auseinander halten konnte.
Das ließ ich mir aber lieber für ein anderes Mal. Lieber räumte ich nun weiter den Schreibtisch auf. Alles, was ich nicht mehr brauchte, das landete im Mülleimer, der neben dem Tisch stand und alles, was auf den Schreibtisch gehörte, fand seinen Platz wieder und recht schnell sah man auch mal wieder was von dem Holz und der Unterlage, die auf diesem lag. Mein Laptop stand nun wieder frei von allem möglichen auf dem Tisch und zufrieden nickte ich. Dann wäre mein Zimmer nun fast geschafft, nur noch einmal fegen, wischen konnte ich mir eigentlich sparen, ich hatte keine Lust, nun für das bisschen nochmals einen neuen Eimer mit Putzwasser fertig zu machen, zumal wischen überhaupt nicht zu meinen Leidenschaften gehörte.
Im Takt der Musik, die aus dem Wohnzimmer dröhnte, fegte ich, ließ auch den Balkon beim Fegen nicht aus und war froh, als ich nur noch das Bad zu putzen hatte. Doch wenn Connor vom Sport da war, dann ging er meistens duschen und auch Drake, wenn er später wieder da war, würde unter die Dusche springen und ich hätte da auch große Lust zu. Doch sollte ich vielleicht zuerst wenigstens noch die Wäsche, dich sich in der Tonne befand waschen. Als ich sie hochhob und in den kleinen Abstellraum brachte, war sie schon wieder ganz schön schwer gewesen. Vielleicht sollte ich auch hin und wieder unter der Woche waschen. So voll wie die war, nahm ich nämlich an, dass ich gleich zweimal waschen konnte, vor allem, weil die Jungs viele weiße T-Shirts hatten.
So teilte ich die Wäschen in hell und dunkel, stopfte dann zuerst die hellen Sachen in die Maschine und wusch alles bei 40 Grad. Die dunklen Sachen verschwanden vorerst wieder im Wäschekorb, ebenso die Sachen, die ich grade trug.
Nur in Unterwäsche lief ich durch die Wohnung, zurück ins Bad, wo ich dann auch die auszog, die Tür hinter mir schloss und das warme Wasser aufdrehte. Man musste immer einen Moment warten, bis man auch wirklich warmes Wasser hatte, doch daran gewöhnte man sich eigentlich recht schnell, so lange man überhaupt ordentlich duschen konnte.
Als ich mich unter die Dusche stellte, entspannte sich mein Körper vollends, vor allem, wo mein Rücken ein wenig geschmerzt hatte vom Putzen. Doch Wasser war irgendwie ein Mittel gegen alles und so fühlte ich mich nach wenigen Minuten unter dem Strahl gleich wieder erheblich besser. Meine Haare schäumte ich ordentlich mit Shampoo ein und während das einwirkte, seifte ich den Rest meines Körpers ein und stellte mich etwas anders hin, damit sich nicht sofort wieder alles abwusch.
Nach viel zu kurzen zehn Minuten stieg ich schließlich aus der Dusche, wickelte mich in ein Handtuch ein und öffnete erstmal das kleine Fenster im Bad, damit der Spiegel nicht mehr so beschlagen sein wird, wenn der nächste ins Bad kam.
In meinem Zimmer trocknete ich mich ab, wickelte mir dann das Handtuch als Turban auf den Kopf, damit meine Haare nicht meine Klamotten nass machen würden. Dann cremte ich mich von oben bis unten ein, ließ das Ganze einen Moment lang einwirken, ehe ich mir dann erst Unterwäsche und schließlich ein luftiges Sommerkleid in einem knalligen orange überzog. Wenn das Wetter schon so gut war, dann konnte ich doch auch meine Laune durch helle, kräftige Farben noch zusätzlich etwas verbessern, wie ich fand.
Das Handtuch nahm ich nun auch wieder ab, ging ins Bad und trocknete meine Haare noch ein bisschen, hängte das Handtuch schließlich an den Griff außerhalb der Dusche, damit es trocknen konnte. Der Spiegel war inzwischen wieder vollkommen klar und so fing ich an, meine Haare zu kämmen. Mir fiel auf, dass ich vielleicht mal wieder ein paar Strähnchen vertragen konnte, da die hellbraunen Strähnen in meinem dunkelbraunen Haar schon wieder etwas verblasst waren. Bei Gelegenheit würde ich das mal wieder machen lassen, aber nicht heute. Jetzt könnte ich mich eigentlich ein wenig setzen und etwas lesen.
Deshalb schnappte ich mir ein Buch, machte es mir auf dem Sofa bequem und las da weiter, wo ich das letzte Mal aufgehört hatte. Ich hatte eigentlich so selten Zeit, mal ein Buch in die Hand zu nehmen, was nicht mit dem College zu tun hatte, deshalb war ich grad doch froh, dass ich alleine zu Hause war und niemand mich stören würde.
Doch hatte ich die  Rechnung ohne Connor gemacht. Kaum, dass ich ein paar Minuten gelesen hatte, kam er zur Tür rein und schmiss seine Sportasche auf den Boden neben der Tür. Dann ging er rüber zur Anlage und drehte die Musik leiser. Ich wollte grade protestieren, da schaute er mich schon entschuldigend an. „Man hört die Musik schon, wenn man ins Wohngebäude reinkommt.“
Ich seufzte. „Schon gut, es geht ja auch so.“, meinte ich und klappte das Buch zu und brachte es in mein Zimmer zurück. Man konnte weder lesen, noch seine Musik so laut hören, wie man wollte. Welche Ironie. Kaum, dass man dachte, man hätte Zeit und Ruhe zum Lesen, da kam schon Mitbewohner Nummer eins zur Tür herein. Nur sprach er dann nicht mal mit einem, sondern verschwand gleich im Bad, stellte das Wasser an und duschte sich. Wenn Connor einmal im Bad war, dann war er da auch. Vor allem in Hinblick auf seine Haare war er ziemlich eitel – noch viel schlimmer, als manche Frau. Manchmal könnte ich ihm einen Haaraltar schenken, damit er ihnen huldigen konnte… Doch für solche Spielereien hatte ich ihn dann doch wieder zu lieb. So setzte ich mich nun ohne Buch aufs Sofa und schloss die Augen, um einfach nur die Musik zu hören. Wie so viele Lieder, die ich gern hörte, handelte es von vergangener Liebe. Von den Folgen und nicht Folgen, von Ängsten und Sehnsüchten. Wunderbar, um nachzudenken, auch wenn man eigentlich gar nichts nachzudenken hatte. Doch wenn keine andere Beschäftigung grade interessant gut zu sein schien, musste das eben ausreichen.
Im Bad hörte man, wie Connor das Wasser laufen hatte. Ich beschloss, die Musik doch wieder etwas lauter zu machen. Also schwang ich mich aus dem Sofa und drehte die Lautstärke direkt  an der Anlage hoch. Zwar nicht so laut wie gewöhnlich, aber auf jeden Fall etwas anderes als Zimmerlautstärke. Und gerade, als ich mich wieder aufs Sofa hatte fallen lassen, ging auch schon wieder die Haustür auf und Drake kam nach Hause zurück.
„He, machen wir ne Party?“, fragte er grinsend und schmiss seine Jacke auf Connors Sporttasche und schlenderte auf mich zu, um sich neben mich aufs Sofa zu setzen. Er legte den Arm um mich und drückte mich an sich, ich schaute ihn nur kurz von unten an und lehnte mich an seine Schulter. „Was ist los, Honey? Langeweile?“
Ich wollte zuerst Nicken, schüttelte dann aber doch den Kopf. Warum auch immer, Drake wusste einfach, wie er mit mir umgehen musste, wenn ich so auf dem Sofa saß wie gerade, als er rein gekommen war. „Irgendwie nicht. Unglaubliche Unlust trifft es wohl eher.“, erwiderte ich und schlang meinen Arm um seine Taille. Er tätschelte mir kurz den Kopf und lachte dann.
„So etwas gibt es bei dir? Bin schwer beeindruckt.“
Ich lachte trocken auf. „Zu witzig, Drake. Du kannst mir ja eine Beschäftigungstherapie vorschlagen.“
Mit seiner freien Hand kratzte er sich unterm Kinn und schaute auf mich herab. „Sport hilft immer. Macht den Kopf frei und wenn man es richtig macht, fühlt man sich danach wunderbar erschöpft.“
Ich verdrehte die Augen. „Genau nach meinem Geschmack. Und das, wo ich doch Sport so sehr liebe.“ Deutlich war der ironische Unterton in meiner Stimme raus zu hören und ich nahm meinen Arm von ihm, er anschließend auch und hielt mich eine Armeslänge von sich weg.
„Manchmal muss man seinen inneren Schweinehund überwinden. Vielleicht wird es dir Spaß machen. Vielleicht gehst du einfach mal irgendwo in einen Verein und probierst was aus.“, erklärte er und drückte mir aufmunternd die Schultern.
Wie Recht er doch hatte. „Du hast doch sicherlich nichts Besseres zu tun, als mir zu helfen, oder?“ Ich lächelte ihn zuckersüß an und legte eine Hand auf seinen Arm. Ergeben sah er mich an, hob beschwichtigend die Arme vor sich.
„Aber nein, wie sollte ich auch?“, meinte er grinsend und stand auch so gleich auf. Ich tat es ihm gleich  und blieb vor ihm stehen, einen fragenden und gleichzeitig fröhlichen Ausdruck im Gesicht.
„Gehen wir jetzt?“, wollte ich wissen und verschränkte die Arme vor der Brust, weil ich eigentlich gar nicht vorgehabt hatte, jetzt mit Drake um die Häuser zu ziehen und herauszufinden,  was ich an sportlichen Aktivitäten angehen könnte.
„Klar, wann denn sonst? Meinst du, wir bleiben hier und starren Löcher in die Luft? Nichts ist besser gegen die Unlust, etwas  zu entdecken, auf das man Lust hat.“, erwiderte er und grinste nun noch mehr.
„Da wüsste ich aber auch noch was anderes gegen Unlust.“, meinte ich und zwinkerte ihm verschwörerisch zu. Er konnte sich sicherlich vorstellen, was ich damit sagen wollte, schließlich waren er und ich uns nicht unähnlich.
„Wenn du meinst… dann schlag ich vor, machen wir das unterwegs. Aber nun sind wir im Auftrag des Sportes unterwegs! Also… auf, auf meine Hübsche, so etwas findet sich nicht von alleine.“ Er klang fast schon wie ein Motivationslehrer, innerlich sowie äußerlich musste ich grinsen und fühlte mich gleich schon ein bisschen besser.
„Also gut, ich zieh mir eben was anderes an und dann gehen wir.“, sagte ich und war auch schon auf den Weg in mein Zimmer. Ich machte mir nicht einmal die Mühe, die Tür hinter mir zu schließen, stellte mich jedoch neben die Tür und zog mir eine kurze Sporthose und ein Top an, schlüpfte in ein paar der Sneakers, die in dem kleinen Schrank waren und stand dann  auch schon aufbruchsbereit an der Tür.
Connor kam grad aus dem Bad, schaute Drake, aber vor allem mich seltsam an und schüttelte dann nur den Kopf und verschwand in seinem Zimmer. Was war denn nun schon wieder, hatte ich ihm irgendwas getan?
„Wir gehen raus. Bis später, Con.“, rief ich ihm hinterher, schaute zu meinem anderen Mitbewohner und lächelte ihn ein wenig schwach an. Dann öffnete ich die Tür und trat nach draußen, während Drake hinter mir her kam. „Sportplatz?“, wollte ich dann noch von ihm wissen.
„Sportplatz.“, bestätigte er meine Aussage, legte eine Hand auf meinen Rücken und drückte mich sachte in die Richtung, in die wir zu gehen hatten.

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