1. Kapitel, Teil 6

Von Mayla

Um kurz vor sechs rief ich den Lieferservice an und bestellte mir eine Pizza Salami mit extra viel Käse. Die Jungs waren schon am essen und hatten natürlich nicht daran gedacht, dass ich auch noch da gewesen war. Wirklich nett, da hörte man mich einmal nicht und schon wurde man außer Acht gelassen. Da sah man ja mal wieder, wie unglaublich sensibel die Homo sapiens der männlichen Gattung waren. Aber ich konnte mich auch selbst versorgen, schließlich lebten wir hier nicht in der Steinzeit, in der die Männer das Essen erst erbeuten und erlegen mussten. Hier ließ ich einfach den süßen Pizzalieferer vorfahren und alles war in bester Ordnung.
Die halbe Stunde, die das nun brauchte, bis ich mein Essen verspeisen würde, nutzte ich damit, mir eine Gurkenmaske zu machen, damit ich mich entspannte und niemanden unbeabsichtigt anfuhr, anzickte oder angriff. Im Kühlschrank fand ich glücklicherweise noch Quark, den ich mit Honig und etwas Öl vermengte, damit meine Haut mal wieder etwas Feuchtigkeit abbekam. Leider hatten wir keine Gurke mehr im Haus, deshalb musste es wohl ohne die gehen – oder ich könnte einen der Jungs in den Supermarkt schicken. Nein, ich wollte sie grad gar nicht ansprechen, es würde so gehen.
Im Bad wunderte ich mich darüber, dass meine Haare noch eingewickelt waren, ließ es dann allerdings auch erstmal so, trug  mir dann das Zeug dünn auf und begutachtete mein Werk im Spiegel. Ich sah wirklich lächerlich aus, aber was tat man als Frau nicht alles so für ein schönes Äußeres? Sicherlich gab es auch einige Männer, die sich mit so etwas herumschlugen, doch waren die entweder schwul oder scheiße. Deshalb brauchte ich mir darum keinen Kopf machen, sondern eher über die unzähligen Frauen nachdenken, die sich das antaten – mich natürlich eingeschlossen. Sicher, wir hatten alle das gleiche Ziel: Gut aussehen, um vielleicht auch mal einen Freund zu finden. Oder auch für den Freund gut auszusehen, wenn man mit ihm zusammen war. Wer sagte, dass er das nur für sich tat, dem konnte man das nicht wirklich glauben. Sich eine Maske aufs Gesicht knallen war vielleicht im ersten Moment, um sich wohl zu fühlen – auch wenn ich mich eher weniger wohl damit fühlte, es aber das Gesicht kühlte und so entspannte – aber dann, was dabei herauskam, das Resultat, das war ja wohl nur dazu da, dass man bei anderen nicht ins Gerede kam. Nicht mehr und nicht weniger.
Oh Gott, ich hatte wirklich Langeweile. Nun philosophierte ich hier schon über Gurkenmasken, vor allem dann, wenn ich meinem Fall natürlich ausgerechnet die Gurken fehlten. Bei manch anderer Frau wäre das längst in einen hysterischen Anfall ausgeartet, doch ich machte mir nichts daraus. Seufzend verließ ich das Bad, beachtete die beiden Jungs, die gemütlich am Tisch saßen und aßen einfach gar nicht und ging geradewegs an ihnen vorbei in mein Zimmer. Doch hörte ich, wie sich lachten, auch wenn es sich schon verdächtig nach einem Kichern anhörte.
Ein erneutes Seufzen kam über meine Lippen, ehe ich mich dann vertrauensvoll an meinen Schrank wendete, der mir hoffentlich bei der Frage der Kleiderwahl helfen konnte.
Nicht, dass ich ihn wörtlich ansprach – selbst wenn ich das manchmal wirklich tat – ich öffnete ihn und schaute hinein, räumte ein paar Teile hin und her, bis ich schließlich das in der Hand hielt, was ich später anziehen würde: Ein schwarzes Tank Top, eine knielange Jeans und dazu noch eine schwarze Jacke zum überziehen, wenn es später etwas kühler würde. Schlicht und einfach, aber das war nun einmal ich. Aufgepeppt würde das ganze mit Buttons und Ketten werden. Doch die bewahrte ich in der Schublade meines Schreibtisches auf, selbst wenn da langsam der Platz knapp wurde. In den letzten zwei Jahren hier hatte ich so viele Buttons angesammelt, dass ich mich damit von oben bis unten schmücken konnte. Doch das war schon ganz gut so, ich stand unheimlich auf diese Dinger, vor allem, wenn da so schlaue Dinge draufgedruckt waren, wie zum Bleistift „Ich bin ein Button.“ oder „Ja, ich bin weiblich.“. Wirklich ausdrucksstark. Dinge, die so niemand gewusst hätte.
Okay, genug von der Schwärmerei, ich sollte mir lieber die Maske abwaschen gehen, sobald die Zeit dafür wäre, dann mich umziehen und anschließend hoffentlich die Pizza essen. In der Zwischenzeit saß ich hier einfach auf dem Bett rum und wartete und wartete und wartete.
Ein paar Minuten später konnte dann die Maske runter und fühlte mich auch gleich schon erheblich besser. Mit erfrischter Haut und einiger Zeit für sich war doch alles wieder in beste Ordnung. So zog ich das, was ich anhatte aus vorsichtig aus, damit ich nicht das Handtuch, welches noch immer auf meinem Kopf war, mit hinunter riss, um dann in die Jeans zu steigen. Ich konnte es aber einfach nicht sein lassen, in den Spiegel zu sehen. Ich drehte mich nach links, betrachtete kritisch meine Seite und drückte das zusammen, was zu viel war. Gut, ich hatte weibliche Rundungen, aber ein bisschen fester könnte das doch schon alles werden. Doch dazu hatte ich ja ab demnächst hoffentlich das Tanzen. Irgendwie versank ich grad schon wieder in Gedanken, das Klingeln nahm ich jedoch wahr und ging auch so, wie ich grade war an die Tür. Ich öffnete diese und davor stand doch tatsächlich schon der Lieferer und hielt meine Pizza in der Hand. Wie die Zeit doch verging…
„Hey, deine Pizza. Lass es dir schmecken.“, meinte er, nachdem er mich eingehend angesehen hatte und sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte.
„Ohja, das werde ich.“ Ich nahm ihm die Pizza aus der Hand und drückte ihm einen Schein in die Hand. „Rest ist für dich.“ Warum auch immer, aber heute hatte ich es irgendwie damit, den Leuten, die mich bedienten, Trinkgeld zu geben. Und das, wo ich sowieso schon nur halb angezogen hier herumstand und dem Typen noch einen netten Ausblick bot. Manchmal hatte ich es aber auch wirklich raus. Nur halb bekleidet und dann noch mit diesem Handtuch auf dem Kopf. So konnte ja wirklich nur ich versuchen Jungs anzugraben. Ein Hoch auf Audrey.  
„Schönen Abend noch.“, sagte ich mit einem kurz angebundenen Lächeln im Gesicht und schloss dann einfach die Tür. Männer hatten bei mir heute ausgedient, das stand fest. Soviel hochsensible Intelligenz ertrug ich einfach nicht. Auch die Gesichtsausdrücke meiner Mitbewohner bestärkten mich in diesem Denken.
„Was denn? Nun sagt nicht ihr habt noch nie ein Mädchen, geschweige denn mich, nur wenig bekleidet gesehen?“, fuhr ich sie an und da war es dann auch mit meiner eben gewonnen Ruhe wieder vorbei. „Verdammt!“
Ich ging also besser wieder in mein Zimmer und aß dort. Da war ich alleine, niemand war da, niemand würde reinkommen. Wenn ich mich wieder entspannte, dann würde alles gut werden. Manche Dinge musste man sich eben systematisch einreden, damit sie Erfolg haben konnten. Das gehörte wohl jetzt dazu, weil ich keine Ahnung hatte, was bloß los war mit meinen Gefühlen heute.
Langsam verspeiste ich meine Pizza und als ich fertig war, hatte ich das starke Verlangen, eine Zigarette zu rauchen. Nur zu blöd, dass ich ein Gelegenheitsraucher war ich nicht darauf eingestellt war, dass sich genau jetzt eine Gelegenheit zum Rauchen ergeben würde, dementsprechend war ich nicht mit Zigaretten ausgestattet. Wenn doch wenigstens Hailey da wäre, doch die Vergnügte sich sicherlich mit ihrem Freund.
Lenkte ich mich nun einfach ab. Schließlich hatte ich vorgehabt, mich zu stylen. So zog ich also das Top an und pinnte in die linke Ecke drei Buttons mit pink-schwarzen Kontrastfarben. An dem Aufschlag der rechten Hosentasche tat ich das gleiche. Noch die schwarze, lange Kette mit den Perlen um den Hals gehängt und die passenden Ohrringe ins Ohr gesteckt, da war das Outfit wenigstens schon komplett. So angezogen fühlte ich mich auch gleich schon etwas besser und sah mich nun in der Lage, wieder an den Jungs vorbei ins Bad zu gehen.
Doch hatte ich diese Rechnung ohne Drake gemacht. Er besetzte grad das Bad, hatte aber zum Glück nicht abgeschlossen, sodass ich mich ungehindert vor den Spiegel stellen konnte, während er unter der Dusche stand. Zuerst kam nun der Turban von meinem Kopf, dann der Fön in meine Hand, um die Mistbiester noch ein wenig mehr zu trocknen, falls das überhaupt nötig war, immerhin hatte ich das einige Stunden drinnen gehabt. Wie sich jedoch herausstellte waren meine Haare immer noch ein wenig nass als ich die Lockenwickler rausholte. Ich fuhr vorsichtig durch meinem Haare, lockerte sie ein wenig und knallte anschließend Haarschaum auf das ganze Gebilde und föhnte dann erneut, diesmal bis alles voll und ganz trocken war.
Als ich fertig damit war, kam auch Drake aus der Dusche und grinste mich an, während er sich ein Handtuch um die Hüfte schlang. „Siehst ja schon ganz gut aus, Locke.“, neckte er mich und nahm seine Klamotten, ging aus dem Bad heraus. Er wusste ebenso wie alle Männer es wissen sollten, dass es nicht ratsam war, eine Frau im Bad zu stören. Gut für ihn, erst hatte ich mich über Drake gefreut und anschließend geärgert. Nun konnte ich wieder zum Freuen übergehen. Vielleicht würde doch noch alles gut gehen. Wenn ich erstmal geschminkt war, dann konnte ich wieder durchatmen und den Abend erst so richtig beginnen lassen. Ich überlegte, ob wir nicht noch Sekt im Kühlschrank hätten, denn ein oder zwei Gläschen davon, bevor wir losgingen waren wohl dann noch drin. Doch erstmal war anpinseln angesagt.
Passend zu den Buttons umrahmte ich meine Augen mit schwarzen Kajal und verpasste meinem Lid einen pink-rosa Anstrich. Danach puderte ich mein Gesicht ab, besserte noch ein wenig mit Make-up nach und trug dann Rouge auf die Wangenknochen auf. Für die Lippen reichte einfacher Lipgloss und schon war mein Gesicht fertig. An Schmuck hatte ich auch gedacht, nur meine Haare könnten vielleicht noch etwas Haarspray vertragen. So hob ich einzelne Strähnen an, sprühte sie von der Haarwurzel bis zur Haarspitze an und wiederholte das ein paar Mal, so lange, bis ich Husten musste, weil das Haarspray das kleine Bad total eingenebelt hatte. Ich flüchtete beinahe schon aus dem Raum, blieb vor der Tür stehen und ließ diese auch offen stehen, damit da mal Luft rein kam.
Drake bedachte mich mit einem prüfenden Blick, stieß dann aber einen anerkennenden Pfiff aus. „Siehst wirklich hübsch aus, Locke.“
Ich grinste ihn ein wenig verlegen an und zupfte an meinen Haaren. „Danke, du siehst aber auch ganz annehmbar an.“, erwiderte ich fröhlich, hüpfte auf ihn zu und knuffte ihn in die Seite. Weiter hüpfte ich zu Connors Zimmer und klopfte an, ehe ich die Tür öffnete. Dieser stand unerwarteterweise nur in T-Shirt und Boxershorts da und ich hielt mir wenigstens ein bisschen eine Hand vor die Augen und grinste ihn ein wenig an. „Wie weit bist du?“, fragte ich ihn dann, auch wenn ich ursprünglich vorgehabt hatte, noch ein bisschen mit ihm zu plaudern. Aber in Anbetracht der Tatsache, dass er dafür scheinbar keine Zeit hatte, verschob ich das wohl lieber auf später.
„Wenn ich wüsste, welche Hose ich anziehen sollte, dann gleich fertig.“, gab er zurück und lächelte mich an. „Ich komm dann gleich.“
„Okay.“ Ich wollte ihn nicht länger stören und auch nicht in der Auswahl seiner Hose beeinträchtigen, weshalb ich lieber einen Rückzug antrat und mich zu Drake gesellte, der im Wohnzimmer vor dem Spiegel stand und seine Haare zerzauste.
„Wenn das Con sehen würde.“, meinte ich ihm zu und lachte. „Der würde womöglich umfallen.“ Mein bester Freund hasste es, wenn seine Haare nicht so lagen, wie er es wollte. Noch mehr hasste er es, wenn man sie unerlaubterweise anfasste oder sonst wie durcheinander brachte. Das hatte ich schnell gelernt und es bei ihm aufgegeben, obwohl es soviel Spaß machte, anderen durch die Haare zu wuscheln.
„Wenn ich was gesehen hätte?“, mischte sich der Herr persönlich nun ein, der grad in Jeans und T-Shirt aus seinem Zimmer kam und die Tür hinter sich schloss.
„Nur die Methode, mit der ich meine Haare in Form bringe.“, erwiderte Drake und grinste. „Aber du kennst es ja  von mir nicht anders. Deshalb bleibt dir der Schock wohl erspart.“
Ein Nicken, gefolgt von einem Lächeln gab Connor von sich, ehe er dann mich ansah.
Ich wiederum wich seinem Blick aus und machte mich auf in die Küche, wo ich hoffentlich das im Kühlschrank vorfinden würde, auf das ich grade so große Lust hatte. Und tatsächlich fand ich noch eine Flasche Sekt. Schnell hatte ich sie heraus genommen, an meine Brust gedrückt und noch ein Glas aus dem Schrank mitgenommen und mich dann auf dem Sofa platziert. Die Jungs sahen mich seltsam an, wie schon so oft heute, doch auch das überging ich einfach mal großzügig und machte mich daran, die Flasche zu öffnen. Zu meinem Glück schaffte ich es, ohne das irgendwas übersprudelte und so goss ich mir ein Glas ein und trank genüsslich einen Schluck.
„Wer am Genuss des Prickelwassers teilhaben will, der solle sich ein Glas holen und sich zu mir gesellen.“, sagte ich zu den Jungs, während ich mich dann wieder meinem Sektglas widmete und einen weiter Schluck trank. Doch schien keiner von den Herren ernsthaftes Interesse daran zu hegen, sich zu mir zu setzen, also trank ich den Rest des Glases aus und goss es mir sogleich nochmals voll. Wer nicht will, der hat schon.
„Nach deiner kleinen Sektorgie alleine können wir dann ja losgehen.“, meinte Drake, der nun scheinbar mit seinen Haare zufrieden war, sich vollends vom Spiegel abwandte und zu Con sah, der die ganze Zeit in den Spiegel linste. Drake trat einen Schritt zur Seite und Con rückte an seine Stelle, um seine Haare gerade zu ziehen. Zufrieden blickte er in den Spiegel und stand dann scheinbar startklar neben Drake herum. Wunderbar, da war ich als Frau ja mal wieder als letztes fertig, doch das war ja nicht wirklich was Neues. Dennoch hatten wir noch ein wenig Zeit, weshalb ich weiterhin in Ruhe Glas um Glas leerte, während die Beiden einfach nur da standen und mich anschauten. Vielleicht sollte ich das nächste Mal einen Hut vor mir aufstellen, damit könnte man sicherlich noch etwas Geld verdienen.
Doch nach dem 5. Glas war die Flasche dann auch so gut wie leer und ich entschloss, den Rest unterwegs zu trinken. Immerhin trank ich nicht allzu oft und ich bemerkte schon, dass ich nach dieser einer Flasche alleine leicht angeheitert mit den anderen losziehen würde…

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