1. Kapitel, Teil 7

Von Mayla

Um kurz vor acht standen wir drei schließlich an dem vereinbarten Treffpunkt und warteten auf die anderen. Ich hingegen wartete einfach nur darauf, dass irgendwer was Witziges sagte und ich in einem heillosen Kicheranfall hier stehen würde, während sich die anderen fragen würden, was denn mit mir los sei. Gut, ich wartete nicht wirklich darauf, aber so wie ich Drake kannte, würde es schon früher oder später passieren. So lange übte ich mich mit den anderen in Geduld und stand einfach hier, wie bestellt und nicht abgeholt.
Doch lange ließen die anderen nicht auf sich warten, denn bereits ein paar Minuten später kamen Sanaya und Jake.
„Hallo ihr drei.“, begrüßte San uns und lächelte ein wenig. Ich umarmte sie zuerst, dann Jake, drückte diesem noch einen Kuss auf, ehe er sich dann an Drake wandte und schließlich  auch an Connor, wobei ich bemerkte, dass er bei Sanaya leicht zögerlich ans Werk ging. Ich fragte mich nur, warum das so war, schließlich gehörte sie schon etwas länger dazu, wenn auch nicht ganz so lange. Wahrscheinlich hatte das keinen besonderen Grund und ich redete mir mal wieder nur etwas ein, was gar nicht da war.
„Wo ist der Rest?“, fragte Jake, stand dort, die Hände in den Hosentaschen vergraben und in die Runde sehend.
„Hier!“, erwiderte Hailey, die grade bei Jonathan untergeharkt um die Ecke kam und uns alle fröhlich anstrahlte. „Wir sind ein Teil vom Rest.“, fügte sie dann nach hinzu und begrüßte uns alle der Reihe nach. „Ich dachte schon, wir sind die letzten, waren ein wenig spät dran. Aber wie ich sehe fehlt noch Roxi.“ Wenn Hales einmal anfing zu reden, dann konnte es schon mal vorkommen, dass sie damit gar nicht mehr aufhören wollte. Ich grinste wie ein Honigkuchenpferd und umarmte grad Jonathan, während ich weiterhin auf Hailey sah, in der Erwartung, dass sie irgendwas sagen würde, doch es kam nichts mehr.
„Du meinst wohl vielmehr Roxi in Begleitung von Kevin.“, konterte ich und schaute in die Gesichter meiner Freunde, um eine Reaktion zu sehen.
Die meisten schauten ein wenig ungläubig und warfen mir nur einen fragenden Blick zu, ich zuckte leicht die Schultern. „Sie hat gefragt, ob er mitkommen kann und ich hab dem zugestimmt. Ich glaubte nicht, dass einer von euch was dagegen hat.“ Mein Grinsen verging mir, weil ich nicht darüber nachgedacht hatte, ob vielleicht einer ein Problem damit hatte, doch fast zeitgleich schüttelten die anderen die Köpfe und so grinste ich dann auch wieder.
“Hab ich mir ja gedacht.“, meinte ich fröhlich und drehte mich um, in der Hoffnung, dass Roxi mit ihrem männlichen Begleiter endlich mal dazu stoßen würde. Doch sah ich bisher niemanden, also drehte ich mich letztendlich wieder um. Sie würden schon noch kommen, ein Treffen hatte Roxanne schließlich noch nie verpasst und ich glaubte auch nicht, dass es diesmal so kommen würde – vor allem, da sie mir ja geschrieben hatte, dass sie kommt, wenn sie Kevin mitbringen kann und das hatte ich ihr ja so gesehen erlaubt. „Also warten wir eben noch auf die verlorenen Schäfchen und gehen dann, würde ich sagen.“
Hailey lächelte. „Machen wir, es ist ja schließlich noch früh und wir haben alle Zeit der Welt.“ Dann kam sie auf mich zu, löste sich allerdings nicht von Jon, sondern zog ihn ganz einfach mit zu mir rüber.
„Ich bin ja mal gespannt, ob die sich immer noch so viel zu sagen haben wie vorhin im Café…“, sagte sie zu mir und hielt nun Ausschau. „Da haben sie ja scheinbar wirklich intensive Gespräche geführt. Und ich dachte immer, dass Männer gar nicht so versessen aufs Reden sind.“ Ein Seitenblick traf Jon, der nur grinsend und wortkarg wie so oft da stand und in der Gegend rumschaute. Ich kicherte ein wenig.
„Da hast zu vermutlich falsch gedacht.“, hörte man dann eine weitere männliche Stimme, die ich zuerst nicht zuordnen konnte. Doch als ich sah, wie Roxi mit Kevin endlich eintrafen, nahm ich an, dass es von ihm gekommen war. Zielstrebig ging er auf Hailey zu und drückte ihr die Hand. „Es gibt auch etliche, die gern reden. Ich bin übrigens Kevin.“, fügte er an seine vorhergehenden Worte an und hielt ihr die Hand hin. Ein wenig verwundert nahm sie diese und schüttelte sie kurz.
„Ach, wirklich? Darüber können wir uns dann ja im Laufe des Abends mal eingehender unterhalten.“, meinte sie mit einem breiten Grinsen im Gesicht. „Ich bin Hailey und das ist mein Freund Jonathan.“, stelle sie ihn gleich mit vor, woraufhin sich die beiden auch die Hände schüttelten. „Da vorn das sind Sanaya und Jake.“, übernahm sie das mal für alle und deutete auf das Mädchen mit den langen, schwarzen Haaren und dem Typen, der daneben stand. Wieder ein Händeschütteln, dann stellte Hales die nächsten vor. „Drake und Connor.“ Diesmal zeigte sie auf die beiden Jungs, die da neben mir herum standen. Auch hier folgte ein kurzer Handschlag. „Audrey kennst du ja sicherlich.“
Mit einem Nicken schaute er mich an. Als er dann vor mir stand und mich umarmte, war ich ziemlich verwundert, da ich ja sonst nicht so viel mit ihm zu tun gehabt habe, als das er mich mit dieser Geste begrüßte. Dennoch wollte ich nicht unhöflich wirken, also drückte ich ihn auch kurz, ehe er sich von mir löste.
Irgendwie waren alle grad ein wenig still – von Hailey mal abgesehen – und so musste irgendwer ja auch mal was sagen, damit wir nicht ewig hier stehen blieben.
„Wenn nun alle da sind, kann es ja losgehen, am besten ins Darcy’s.“, schlug ich vor und man hörte zustimmendes Gemurmel. Das Darcy’s war ein gemütliches Café, in dem man abends Billard und Dart spielen konnte. Die Atmosphäre war wirklich angenehm und ich fühlte mich dort immer ganz wohl. Wenn dann die noch die Gesellschaft stimmte, war alles bestens.
So ging unsere Gruppe in die Richtung der Stadt. Nur zu gut, dass es bis dahin nur knapp zehn Minuten waren, da das College doch recht zentral lag, auch wenn das gesamte Gelände ziemlich groß war. Ich hatte nicht wirklich Lust, immer, wenn ich mal in die Stadt wollte, erst lange zu laufen oder mit dem Bus zu fahren. So war mir das ehrlich gesagt lieber.
Auf dem Weg dahin unterhielten sich wieder alle untereinander, ich hatte mich inzwischen bei Drake eingeharkt und auch bei Connor. Die beiden unterhielten sich über mich hinweg über – wie sollte es anders sein – Sport und ich lief einfach immer noch grinsend mit ihnen mit.
Schnell waren wir angekommen und betraten das Lokal. Ohne viele Worte gingen wir in die hintere Ecke und ließen uns an einem großen Tisch nieder, wo bequem acht Leute Platz fanden. Heute waren wir zwar neun, aber das passte auch alles noch wunderbar. Ich saß zwischen Drake und Hailey, mir gegenüber saßen Jake, Sanaya und auch Connor, den ich so über den Tisch ansehen konnte.
Hailey schob grade Jon zur Seite, damit dieser aufstand und uns was zu Trinken bestellte. Erst wollte er nicht aufstehen, dann jedoch kam er dem Wunsch seiner Freundin nach und verschwand auch schon.
„Wie kommt  es, dass du mal wen mitbringst, Roxi?“, fragte Hailey, neugierig wie sie nun einmal war und hoffte auf eine Antwort. Doch Roxi schüttelte ein wenig den Kopf.
„Wie soll es schon kommen? Ich verstehe mich gut mit Kevin, da kann ich ihn doch mal mitbringen, damit ihr seht, mit wem ich noch meine Freizeit verbringe.“
„Na wenn das so ist, dann sollte Connor auch mal Catherine mitbringen.“, warf Sanaya sofort ein und grinste ihn ein wenig an.
„Was… woher weißt du das?“, wollte der Gemeinte sofort wissen. In Gegenwart von San war er wirklich ein wenig seltsam, keine Ahnung warum. Ich hätte nur zu gern gewusst, warum er ausgerechnet Cat mitbringen sollte.
„Ach, ich weiß so einiges, mein Lieber. Tatsache ist doch, dass du in letzter Zeit viel mit ihr machst.“, erwiderte San einfach nur und zuckte die Schultern. Mein Blick wanderte zwischen ihr und Con hin und her, weil ich nicht wusste, was ich davon halten sollte. Ich wusste ja nicht einmal, dass er sich mit ihr traf. Dann wusste ich aber nun wenigstens, zu wem er ging, wenn er meinte, er würde sich noch mit wem treffen. Verwunderlich, dass ich als seine beste Freundin das nicht wusste… 
„Ich gebe ihr Nachhilfe, das ist doch auch schon alles.“, meinte Connor und schaute San fast schon ein wenig ärgerlich an und warf mir nur einen entschuldigenden Blick zu, sagte jedoch nicht. Ich glaube, er hatte bemerkt, dass ich nicht grade begeistert davon war, dass Sanaya mir und allen anderen das gesteckt hatte.
„So nennt man das also heute.“, neckte sie ihn und grinste dann Jake an und begann, mit ihm zu reden. Ich für meinen Teil stand nur auf und schlängelte mich bei den anderen vorbei, bis ich schließlich bei Connor angekommen war.
„Willst du mir es jetzt oder später erklären?“, fragte ich ihn leise, damit es nicht unbedingt jeder mitbekam. Ich war nicht erpicht darauf, hier eine Szene anzufangen, weil ich eventuell eifersüchtig war, dass mein bester Freund sich mit anderen Mädchen traf.
„Aud, es tut mir Leid, dass…“, fing er an, doch ich wollte ihn gar nicht ausreden lassen. Scheinbar war das ein Zeichen dafür, dass er nun mit mir sprechen wollte. Sollte mir nur recht sein. Je eher das von Tisch war, desto besser.
„Wir gehen mal eben raus.“, sagte ich in die Runde und zog Connor am Arm hoch. „Sind gleich wieder da.“ Hailey warf mir einen besorgten Blick zu, ehe sie sich dann wieder ihrem Gespräch mit Jon und Drake widmete, während ich Con bis vor die Tür zog und ein paar Meter stillschweigend mit ihm ging.
„Hör zu…“ Plötzlich blieb ich stehen und hielt meinen besten Freund am Arm fest, damit er es mir gleichtat. „Ich find’s schade, dass du mir scheinbar nicht sagen willst, dass du ihr Nachhilfe gibst.“
„Ich hab doch gesagt, dass es mir Leid tut.“, meinte er ein wenig zerknirscht und fuhr sich über seine Haare, scheinbar nach Worten suchend, weil er wusste, dass mich solch eine Antwort wenig zufrieden stellte. „Ich wollte es nicht an die große Glocke hängen. Es ist ja wirklich nur Nachhilfe.“ Doch mehr fiel ihm für den Moment wohl auch nicht ein.
Ich gab ein frustriertes Seufzen von mir, ließ Connor los und drehte mich von ihm weg. „Dann versteh ich nicht, wo dein Problem ist. Du hättest es mir doch sagen können.“ Fast vorwurfsvoll klang mein Ton nun schon, aber ich war grade auch ein wenig traurig, dass ich mal wieder von nichts wusste.
„Audrey, es tut mir Leid, ich werd dir in Zukunft so etwas erzählen. Aber ich dachte…“ Nur sprach er leider seinen Satz nicht aus und so musste ich mich wieder im zuwenden. Fragend schaute ich ihn an.
„Du dachtest was?“
„Du magst sie nicht und ich dachte, es würde dich verletzten, wenn du wüsstest, dass ich mich mit Cat treffe.“, führte er seinen Satz nun zu Ende und ich schaute ihn perplex an. Woher zum Teufel wusste er, dass ich sie nicht mochte? Meiner Ansicht nach hatte ich das nicht in einem Wort ihm gegenüber erwähnt.
„Da hast du wohl falsch gedacht. Es verletzt mich viel mehr, dass du mir die Tatsache vorenthalten hast. Du kannst doch Nachhilfe geben, wem du willst. Da brauchst du doch gar nicht auf meine Gefühle achten. Vor allem, da es mir rätselhaft ist, woher du wissen kannst, dass ich sie nicht mag.“
„Es tut mir Leid… Ich habe wohl mit Drake über sie geredet. Dabei kam dann raus, dass du sie wohl nicht sonderlich magst.“ Con vergrub seine Hände in den Hosentaschen und schaute mich an, aber irgendwie auch an mir vorbei.
„Na wunderbar. Toll. Vergiss es einfach.“ Ich musste mich dringend beruhigen, denn so aufgebracht wollte ich nicht wieder zu meinen Freunden reingehen. Es war ja keine schlimme Sache, die er sich da geleistet hatte, aber mir ging es generell ums Prinzip. „Ich weiß bescheid und ich hoffe, dass du mir derartiges demnächst erzählst.“
„Du hättest ja auch fragen können, mit wem ich  mich in letzter Zeit so häufig treffe.“, konterte er nur und blickte dann von mir weg.
„Du hättest es mir auch von dir aus erzählen können. Immerhin rede ich mit dir auch über die Dinge, die ich so vorhabe.“ Ich seufzte und schaute ihn an, überlegend, was ich sagen konnte. „Vielleicht reagiere ich auch grad über. Es tut mir Leid, ich wollte dich nicht so anfahren.“
„Es braucht dir nicht Leid tun, du hast doch gar nichts gemacht. Ich bin der Schuldige hier.“
Oh, das war ja wieder so typisch für Con, sich die Schuld für alles zu geben. Ich wollte ihm schon widersprechen, doch nahm an, dass es wirklich sinnlos sein würde. Also ließ ich es.
„In Ordnung.“, erwiderte ich so nur und lächelte ihn ein wenig an. „Jetzt da dies geklärt ist, fühl ich mich gleich besser. Lass und wieder reingehen.“ Zustimmend nickte Connor und ging hinter mir her wieder ins Darcy’s.
So ein Aufstand wegen fast nichts… Manchmal wusste ich nicht, was da in mich fuhr, wenn ich mich verraten fühlte, aber es war wohl ganz normal, dass man in solchen Situationen einfach verärgert reagierte. So einfach würde ich das wohl nicht vergessen können, aber im Moment war da wohl nicht mehr zu machen. Schwamm drüber, jeder tat mal etwas, das ein anderer nicht gut fand und so war es hier eben auch gelaufen. Schließlich war es keine böse Absicht von Connor gewesen, er hatte mich lediglich schützen wollen – auch wenn ich noch nicht ganz erkennen konnte, wovor eigentlich. Ich war immerhin alt genug, um auf mich selbst auf zu passen.
Ohne viele Worte setzte ich mich wieder auf meinen Platz zwischen Drake und meine beste Freundin, die natürlich sofort aufhörten, sich anderweitig zu unterhalten, sondern lediglich mich anblickten. Ich fühlte mich schon ein wenig unwohl, doch ich glaubte kaum, dass mich irgendwer wegen der Sache mit Connor direkt ansprechen würde. Doch da täuschte ich mich wohl etwas.
„Man könnte glatt meinen, dass ihr zusammen seid.“, flüsterte Hailey an meinem Ohr und ich schüttelte energisch den Kopf.
„Du weißt genau, dass wir es nicht sind und auch nie sein würden. Ich bin grad einfach nur ein wenig angepisst, weil er mir scheinbar nicht alles erzählt.“, flüsterte ich etwas genervt zurück und trank dann von dem Bier, was wir scheinbar in meiner Abwesenheit serviert bekommen hatten.
„Wie du meinst…“, erwiderte Hales mit einem Achselzucken und wandte sich an Sanaya, mit der sie grade scheinbar ein angeregtes Gespräch führte. Gut, so hatte ich wenigstens nicht meine beste Freundin im Nacken sitzen, wo mein bester Freund mir doch schon genau vor der Nase saß. Irgendwie war meine ganze gute Laune verflogen und bestimmt zeigte ich das auch nach außen hin. Irgendwas musste ich doch tun, damit das vorbei ginge. Und da hatte ich auch schon eine Idee…
„Wer will Billard spielen?“, fragte ich in die Runde. Zwar konnte ich das nicht sonderlich gut, doch wenn man es nicht öfters übte, dann konnte man sich auch nicht verbessern. Zumindest wäre ich von meinen bösen Gedanken abgelenkt, solange ich den Que in den Händen hielt und nicht untätig herum saß.
„Ich würde spielen.“, meinte Drake gleich und auch Kevin meldete sich zu Wort. Selbst Roxi hatte Lust dazu. Ich strahlte die drei an.
„Dann lasst uns mal keine Zeit verlieren.“, sagte ich noch, ehe ich aufsprang und auf einen der Tische zuging. Daneben standen die Ques, von denen ich mir einen nahm, dann zu dem Tisch ging und Geld einwarf, sodass die Kugel heraus kamen. Während die anderen warteten, baute ich auf dem Tisch alles soweit auf, legte dann die weiße Kugel auf ihre Startposition.
„Wer spielt wie, wann oder mit wem?“, wollte Roxi, die sich an die Kante des Tisches gelehnt hatte. Drake zuckte die Schultern, ebenso wie Kevin. Mein Blick blieb an Roxanne hängen und ich hätte beinahe auch die Schultern gehoben, doch da überlegte ich es mir doch nochmals anders.
„Wir machen zwei Teams, am besten gemischt.“, schlug ich dann vor und wartete, ob das allgemein Anklang fand.
„Du mit Drake und ich mit Kevin?“, meinte Roxi und schaute die Jungs fragend an. Kevin und Drake tauschten einen kurzen Blick, nickten dann schließlich. „Drake und du sind ja so ein eingespieltes Team, da hätte ich mit Kevin gar keine Chance.“, fügte sie dann noch hinzu und grinste. Schnell hatte sie sich neben Drake gestellt und ihn am Arm genommen, dann auf die eine Seite des Tisches gezogen.
„Stimmt doch gar nicht! Als ob ich das könnte…“, verteidigte ich Drake und mich, fand die Idee aber doch ganz annehmbar. Es war ja auch langweilig, wenn man immer mit dem gleichen Spielpartner antrat, da konnte es auch ruhig mal wer anders sein. Und dieses attraktive Kerlchen war da doch mehr als akzeptabel.
„Das sagen sie alle…“, meinte Roxi, theatralisch seufzend und schaute Drake an. „Dann lass uns mal anfangen.“
Schon hatte sie sich direkt an den Tisch gestellt und mit der weißen Kugel auf all die anderen gezielt, gestoßen und getroffen. Die Ganzen und Halben stoben auseinander und verteilten sich in alle Richtungen, jedoch fand keine einzige ihren Weg ins Loch.
„Nach dir.“, sagte Kevin ganz Gentleman zu mir. Ich warf ihm ein kurzes Lächeln zu, bewegte mich auf die andere Seite des Tisches, wo ich bequem eine Kugel einlochen konnte. Triumphierend schaute ich zu Drake. „Ich würde sagen, die ganzen gehören uns.“ Dann zielte ich nochmals auf eine, die in einem nicht so guten Winkel zum Loch lag, hoffte, dass sie rein ging, doch knallte sie gegen eine Ecke und suchte sich ihren Weg zurück auf das Spielfeld.
„Sieht so aus, Löckchen. Doch freu dich nicht zu früh.“, erwiderte er grinsend und machte sich auch gleich schon daran, eine Kugel, die halb farbig und halb weiß war, einzulochen. Da er einfach zu gut war, traf diese und auch die nächste. Doch die dritte Kugel wollte dann einfach nicht mehr ins Loch rein.
„Ich freu mich erst dann, wenn es Grund dazu gibt.“, meinte ich lässig, überblickte den Tisch und fand keine Kugel, die so günstig lag, dass ich sie direkt hätte einlochen können. So ein Mist, dabei war ich nicht gut darin, über  Bande zu spielen. Hoffentlich würde Kevin da war machen können, dass es mir leichter machte zu treffen.
Er fand schnell eine, die nahe der Bande lag, zielte mit der weißen darauf und schnitt die Kugel an, sodass sie in die entgegen gesetzte Richtung rollte, gegen die andere Bande traf, dann jedoch ihren Weg ins Loch fand. Anerkennend schaute ich ihn an und wartete darauf, dass er noch so eine Aktion brachte, um die nächste dahin zu schicken, wo sie hingehörte. Doch klappte es nicht ganz so und die Kugel blieb – zu meinen Glück – nahe am Loch liegen. Blieb nur zu hoffen, dass es auch so bleiben würde.
Roxi schlich beinahe schon um den Tisch herum, betrachtete alle liegenden Kugeln genau und entschied sich schließlich eine zu nehmen, die mitten auf dem Tisch lag. Auch gut, ob sie traf war allerdings eine andere Frage, die man erst nach dem Stoß beantworten konnte.
Doch war ihr Schlag nicht kraftvoll genug und so blieb die Kugel auf dem halben Weg von der Bande ins Loch auf der Strecke. Wie gut, dass sie ebenso wenig gut spielen konnte wie ich, sonst wäre ich womöglich noch vollkommen aufgeschmissen gewesen. „Das war wohl nichts.“, murmelte Roxanne und zuckte die Schultern. „Beim nächsten Mal vielleicht.“
Es ging so weiter, die anderen paar Kugeln wurden auch von den Männern eingelocht und Kevin und ich hatten eine Vorsprung. Als auch die versenkt war, kam es nur noch auf die schwarze an die – oh Wunder – ich zu stoßen hatte. Na wunderbar, noch dazu lag sie Meilen von dem Loch entfernt, in das ich sie befördern sollte. Fragend schaute ich Kevin an, der  mich sofort dahin schob, wo er mich haben wollte.
„Wir machen das zusammen, okay?“
Ich nickte ein wenig. „Wenn du mir sagst, wie, dann gern.“
„Kein Problem.“ Und schon hatte er sich halb hinter und halb neben mich gestellt und meine Arme so positioniert, dass es ein leichtes sein würde, die Kugel so zu treffen. Sofern er mir auch weiterhin helfen würde.
„Und jetzt spielst du auf die linke Seite, schneidest die Kugel nur an, damit sie ins Loch kommt.“, erklärte er mir, was ich tun sollte. Wieder nickte ich.
„Mit Gefühl.“, flüsterte er mir ins Ohr und ich hätte beinahe schon die Kugel getroffen, weil ich nur für eine winzige Sekunde abgelenkt war. Im letzten Moment fing ich mich jedoch und er ließ mich auch los, stand dann da und wartete ebenso wie die anderen, dass ich die Kugel stoßen würde.
Links und mit Gefühl… ich war Linkshänderin, also war links wohl meine Seite, also konnte eigentlich gar nicht so viel schief gehen. Ich atmete tief aus, ehe ich schließlich die weiße Kugel auf die Reise schickte. Zu meinem Glück traf ich die linke Seite, beförderte so die schwarze Kugel gegen die Bande. So weit so gut, nun war es nur noch fraglich, ob die schwarze auch noch ins Schwarze ging – und das tat sie. 
Ich fiel Kevin spontan um den Hals und drückte ihn kurz, als ich jedoch merkte, was ich da eigentlich tat, ließ ich ihn lieber wieder los. Ich war vielleicht für meine spontanen Gefühlsausbrüche bekannt, aber es musste ja auch nicht gleich übertrieben werden.
„Gutes Spiel.“, meinte er dann zu mir, lächelte mich dabei sogar an und ich grinste ein wenig verlegen.
„Danke, ohne dich hätte ich das aber nicht geschafft.“
Ein kurzes Auflachen von Kev folgte. „Das sagst du! Ein bisschen mehr Übung und gezieltes Hingucken, dann kannst du das auch ganz alleine, ohne fremde Hilfe.“
„Wenn du meinst… Tipps vom Profi können jedenfalls niemals…“ Gerade wollte ich den Satz zu Ende führen, da spürte ich eine Hand auf meiner Schulter.
„Sag mal Aud, seid wann bist du so zielgenau?“, fragte Drake mich und grinste frech. Ich verdrehte ein wenig die Augen, stemmte eine Hand in die Hüfte und schaute ihn an.
„Wusstest du nicht, dass ich es immer schon war?“ Eher eine rhetorische Frage, denn ich war es ja nicht. Aber man konnte ja wenigstens einmal so tun, als ob man von etwas eine Ahnung hatte.
Drake machte eine wegwerfende Bewegung. „Selbstverständlich Liebes, du bist einfach ein Multitalent. Und ich dachte immer, du hast es nicht so mit Bällen.“
„Tja, falsch gedacht.“, sagte ich grinsend und überlegte, auf welche Bälle er hier genau anspielen wollte. Wenn ich es mir recht überlegte, dann… Nein, ich sollte solche Überlegungen gar nicht erst anfangen, da käme sowieso nichts bei raus.
Mit einem Schulterzucken drehte Drake sich zu Roxanne, während ich mich an Kevin wandte und ebenfalls die Schultern anhob.
„Gehen wir wieder zu den anderen?“
Er nickte. „Nach dem Sieg trinken wir erstmal einen.“, schlug er vor und lächelte ein wenig. Dann legte er mir eine Hand auf den Rücken und schob mich leicht in die Richtung des Tisches, an dem die anderen saßen. Immer noch herrschte ein reges Treiben, alle unterhielten sich mit irgendwem, teilweise auch quer über den Tisch, sodass man schon mal etwas lauter sprechen musste, damit das, was man sagen wollte auch bei dem anderen ankam.
Ich setzte mich wieder neben Hailey auf die Bank, die mich anschaute und dann ein wenig grinste. „Gewonnen?“
Ebenfalls grinsend nickte ich. „Na hör mal, als ob ich je verlieren würde…“
Hales schüttelte den Kopf. „Du suchst dir eben immer fähige Spielpartner, daran wird es wohl liegen.“ Ein Seitenblick galt Kevin, der inzwischen wieder da saß und bei dem Gespräch zwischen Sanaya und Jake mitmischte. Verwunderlich, wie gut er hier aufgenommen wurde und wie problemlos er sich mit allen unterhalten konnte. Manchmal war es schon ein wenig schwieriger, sich in diese Clique zu integrieren, aber irgendwas an Kevins Art machte es uns schwer, ihn nicht zu mögen. Er war eben beliebt, das merkte man ihm aber nicht an. Er war weder eingebildet, noch abgehoben, sondern eher nett und vor allem aber charmant. Mit Frauen umgehen konnte er auf jeden Fall und unwohl fühlte man sich mit ihm auch nicht.
Jetzt führte ich schon wieder ellenlange innere Monologe, wo doch eigentlich meine beste Freundin eine Antwort von mir erwartete. „Das wird es wohl sein. Ich meine… ist das keine gute Spieltaktik?“
Sie lachte kurz auf. „Die beste, die man haben kann.“, meinte sie und hielt mir ihr Glas hin. Ich stieß mit meinem dagegen. „Auf einen wunderbaren Abend.“, sagte sie dann und trank einen Schluck. „…er wird bestimmt noch besser. Schau mal, wie Kevin dich die ganze Zeit ansieht.“, fügte sie noch hinzu und nickte mit dem Kopf in seine Richtung.
Als ich jedoch zu ihm schaute, da sah er schnell wieder weg und ich schaute Hailey ein wenig ratlos an. „Wir werden sehen.“, sagte ich nur und nippte weiterhin an meinem Bier.

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