2. Kapitel, Teil 2

Von Mayla

Starbucks war in meinen Augen einfach  ideal dafür geeignet, um an einem schönen und vor allem sonnigen Sonntag Morgen einen hervorragenden Kaffee zu trinken und nen saftigen, schokoladenhaltigen Donout zu essen. Richtig schön ungesund und kalorienlastig, so wie ich es gern hatte. Wie gut nur, dass ich in meinen beiden Mitbewohnern keine Leute gefunden hatte, die erpicht darauf waren, Grünzeug in rauen Mengen in ihre Körper einzufahren, sondern die auch gern mal ne Pizza mit extra viel Käse verspeisten oder mit Chips oder Cola einen Film sahen - zumindest war Audrey auf jeden Fall so gestrickt, bei Connor war es doch schon wieder ein wenig etwas anderes. Doch der war sowieso ein Fall für sich.
Nein, ich wollte keineswegs lästern oder irgendwas sagen, dass sich gegen ihn richtete, aber ich fand, dass er sich manchmal ein bisschen weniger in sein Studium hängen sollte - Stipendium hin oder her. Wenn man nur lernte, dann verpasste man die besten Dinge im Leben und dafür lebte man ja nun einmal nicht. Und man lebte ja bekanntlich nur ein Mal. Zumindest sah ich es so. Und deshalb nahm ich die kleinen Sünden auch ohne Probleme hin.
Lässig und mit in den Hosentaschen vergrabenen Händen hatte ich das Campusgelände überquert und war schon auf dem besten Weg zu Starbucks. Hier und da sah ich ein paar Leute, winkte ihnen im Vorbeigehen zu, blieb aber nicht ein einziges Mal stehen, um mit einem von ihnen zu reden. Klar, ich erfreute mich einer gewissen Popularität hier an der Uni, allerdings brauchte ich nicht schon Sonntag vor dem Frühstück ein oberflächliches Gespräch darüber, wie gut das letzte Spiel gelaufen war und wie gut das nächste laufen würde.
Mein Ziel verlor ich deshalb nicht aus den Augen und war nur nach wenigen Minuten angekommen - ohne Unterbrechung und ohne gar nichts. Gemütlich schlenderte ich in die Location und brauchte auch gar nicht lange anstehen, sondern konnte gleich mit meinem Kaffee und den leckeren Donots an einen der Tische verschwinden. Doch kaum hatte ich mich niedergelassen, fiel mein Blick auf ein schwarzhaariges Mädchen, dass nur ein paar Tische von mir entfernt saß. Noch dazu ganz alleine. Und glücklicherweise handelte es sich dabei auch noch um Sanaya. Was für ein Zufall…
Nein, ich glaubte nicht an Schicksal oder Vorherbestimmung, obwohl ich bei ihr gerne daran glauben würde. Eigentlich hatte sie mich unmissverständlich verstehen lassen, dass sie kein Interesse an mir hatte, was mich allerdings nur noch mehr dazu veranlasste, mein Interesse, dass ich an ihr hatte, nicht einfach so unter den Tisch fallen zu lassen, sondern einfach weiter zu kämpfen. Na ja, kämpfen tat ich nicht wirklich (oder brauchte es vielmehr nicht…), sie war immerhin Teil unserer Clique, auch wenn sie noch nicht lange dabei war, da sie erst seit einigen Monaten an der Uni war. Jake hat sie mal angeschleppt gehabt und ich war von der ersten Minute an fasziniert von ihr gewesen, weil sie einfach nicht so ein typisches Girlie-Girl war - auf so etwas stand ich ja überhaupt nicht, auch wen viele Mädels dieser Sorte zu meinen Freunden - oder eher oberflächlichen Freunden - gehörten.
Sanaya war ein wenig wie Audrey, vielleicht auch ein wenig das Gegenteil, aber alles in einem wirklich interessant. Gerade die Tatsache, dass sie nicht allzu viel von sich erzählte und nicht unbedingt die Einfachste war, zogen mich besonders an ihr an. Deshalb konnte ich jetzt auch gar nicht andres, als zu ihr an den Tisch herüber zu gehen und mich zu ihr zu setzen - egal was sie auch sagen würde.   
Recht selbstbewusst und aufrecht wie immer ging ich zu ihr und ließ mich auch sogleich auf den freien Platz ihr gegenüber nieder. Ein Grinsen zierte meine Lippen, als ich sie betrachtete und gleichzeitig meine Tasse und den Teller auf den Tisch stellte.
Kurz sah Sanaya auf, sagte jedoch nichts, sondern wandte sich unvermittelt sofort wieder der Zeitung zu, die sie vor sich auf dem Tisch aufgeschlagen hatte. Ich warf einen kurzen Blick hinein und sah - wie nicht anders zu erwarten - Klamotten. Diese Leidenschaft teilte sie mit Jake (der nebenbei bemerkt ihr bester Freund war) und vertrieb nebenbei noch Klamotten mit ihm im Internet und bei Freunden und bekannte. Da beide einen unverkennbaren Stil hatten, passten sie wunderbar zusammen. Wie gut nur, dass Jake schwul war und ich soweit ich informiert war, niemanden hatte, der mir irgendwie im Weg stehen würde.
„Wo ist denn deine bessere Hälfte?“, erkundigte ich mich mit einem breiten Grinsen im Gesicht bei Sanaya. Das ich Jake meinte, war ja wohl mehr als nur klar.
Ihr Blick hob sich wieder, kurz sah sie mich an, ehe sie anschließend doch wieder in die Zeitung blickte. „Was weiß ich denn? Ich bin ja nicht seine Aufpasserin.“, erwiderte sie gleichgültig und blätterte eine Seite weiter, um die nächsten Kleidungsstücke zu beäugen.
„Hat ja auch keiner gesagt…“, murmelte ich und nahm meinen Donout in die Hand, biss einmal herzhaft hinein. Wie wunderbar, dass Sanaya immer so gesprächig war… Für einen Moment überlegte ich, ob es nicht besser wäre, wenn ich sie hier einfach mit sich alleine sitzen lassen sollte, aber das wollte ich ja gar nicht. Interessiert verweilte mein Blick auf ihr, während ich mein Frühstück verspeiste, natürlich in der Hoffnung, dass sie noch irgendwas sagen würde - aber das tat sie nicht. Wozu sollte sie mir auch den Gefallen tun und mit mir sprechen..? Ich wusste ja, dass sie nach außen hin gern mal so tat, als ob ich Luft für sie wäre. Pah, als ob das wirklich so stimmen würde…
„Und, heute noch was vor?“, fragte ich mit noch halbvollem Mund und schaute sie erwartungsvoll an. Doch die Gefragte zuckte nur ein wenig die Schultern. Fast schon wollte ich meinem ersten Impuls nachgehen und Seufzen, allerdings unterdrückte ich das besser.
„Also nichts geplant..“, stelle ich fest, einfach um etwas zu sagen. San sah mich wieder einmal an und nickte kurz, schlug dann zu meiner Überraschung die Zeitung zu und nippte an ihrem Kaffee.
„Es ist Sonntag, was soll ich da schon groß vor haben?“, fragte sie mich dann und warf den Kopf ein wenig nach hinten, wobei ihre langen, schwarzen Haare mit flogen.
„Weiß ich ja nicht. Hab ja auch noch nichts vor. Zumindest nichts fest Geplantes.“ Von Abendessen und später schlafen mal ganz abgesehen.
„Aha?“
Ich zuckte ein wenig die Schultern. „Bei dem Wetter wird ich wohl  noch ein wenig draußen abhängen.“, erwiderte ich und schlürfte aus meiner Tasse. „Basketball oder so.“
„Aha.“
Einsilbigkeit war nichts gegen Sanaya. Da war es wirklich leichter, dem Goldfisch, den ich nicht hatte, etwas zu entlocken. Und so was war eine Frau… Dagegen war Roxanne noch harmlos, obwohl sie auch eher zu der ruhigeren Sorte gehörte - jedoch auch nicht bei jedem, wie ich nach einer Weile, die ich sie kannte, festgestellt hatte.
„Ja, wird sicher lustig.“ In ihrer Gegenwart wusste ich oftmals nicht, was ich sagen sollte, weil alles, was ich sagte, sie irgendwie doch nicht interessierte. Wo war bloß die Selbstsicherheit hin, wenn man sie mal brauchte?! Bei allen anderen Mädels brauchte ich mir nicht das nächste, was ich sagen wollte, aus den Fingern saugen. Sie waren so begeistert, dass ich eigentlich gar nichts mehr sagen brauchte. Sie schauten mich dann sowieso die ganze Zeit fasziniert an, wenn ich redete und verstanden in ihrer jugendlichen Schwärmerei ja doch nichts. Warum zum Teufel also wollte ich Sanaya haben, wenn ich doch die Auswahl zwischen mindestens einem Dutzend anderer Mädchen hatte? Es war mir schleierhaft.
„Wenn du das sagst…“ Abermals nahm Sanaya einen Schluck aus ihrer Tasse und ließ  mir sogar ein kleines Lächeln zu kommen. Was sollte ich dazu jetzt schon wieder sagen? Da hatte ich es lieber, wenn sie mit ihren sarkastischen Sprüchen kam, auf die konnte ich dann wenigstens etwas erwidern, aber wenn sie so freundlich-gleichgültig mit mir sprach, war es nur schwer, etwas darauf zu sagen. 
Ich lächelte nur etwas hilflos und bis in mein vermeintliches Frühstück hinein, trank dazu einen Schluck Kaffee und hoffte, dass das Leben es doch noch gut mit mir meinte und ich letztenendes doch das bekommen würde, was ich haben wollte - oder viel mehr noch was mir eigentlich zustand. Wobei hier nicht einmal sicher war, was mir eigentlich zustand, aber es stand für mich auch gerade gar nicht zur Diskussion. Wenn ich doch nur eine Taktik hatte, mit der ich Sanaya aus der Reserve locken konnte…
Unvermittelt sammelte mein Gegenüber seine Sachen ein und stand auf. „Ich muss weiter. Man sieht sich.“, verabschiedete sie sich knapp und ich einem wirklich total neutralen Tonfall von mir, dass ich mich beherrschen musste, dass mir die Kinnlade nicht herunterklappte.
„Ja, mach‘s gut.“, erwiderte ich so nur ohne den Hauch eines Lächelns und blickte ihr nach, während sie sich mit dem Tablett in der einen und ihrer Tasche in der anderen Hand ihren Weg durch den Laden bahnte. Herzlichen Glückwunsch Drake, der Jackpott geht heute mal wieder nicht an dich…

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