Wie einige wenige gestern ja schon mitbekommen haben, zitterte ich gestern mit meinen Eltern recht lange um unsere Familie in Chile. Von ein paar wenigen hatten wir nach wenigen Stunden endlich ein Lebenszeichen, von dem Rest wussten wir bis heute früh nichts. Zum Glück konnte meine Tante, die sich momentan in Santiago de Chile aufhält, eine E-Mail an uns schicken, in der sie endlich über den Verbleib der restlichen Angehörigen berichtete.
Falls es jemanden interessiert, hier ihr Bericht:
" H. und ich waren mit unserem Besuch aus Deutschland von Temuco nach Santiago gekommen am 24., sind am 25. weiter ueber verschiedene interessante Punkte an die Kueste nach Valparaiso und Viña del Mar, wo wir gestern einen herrlich sonnigen und tollen Tag verbracht haben - mit stundenlanger Fuehrung durch unseren Freund U., super Mittagessen in einem schoenen Lokal im Hafen von Valparaiso, am spaeten Nachmittag Besuch bei guten Freunden von uns, .... - da sassen wir noch auf der Terrasse und haben den friedlichen Sonnenuntergang im Meer beobachtet und den aufgehenden fast Vollmond.
Wir brachten die Freunde dann in ihr Hotel, ca. 4 Strassen von uns entrfernt, waehrend wir anschliessend zu U. und M. gingen, wo wir uebernachten sollten. Im 9. Stock!!!!!!!!
Um kurz nach 03:34 uhr weckte uns ein leichtes Beben, nun ja, das kennt man. Dann aber ging es los! Habe noch nie so etwas Schlimmes erlebt, dazu die gefuehlte Ewigkeit des Ruettelns, das Klirren von Glas, Umfallen von Moebeln, das Krachen von Tueren oder was es gleich sei - nein, es ist nicht zu beschreiben. Bei Grad 5 wird automatisch der Strom abgestellt - der Mond hat zum Glueck etwas Licht gespendet. Es kam uns so wahnsinnig endlos vor - 2 Minuten koennen eine Ewigkeit sein. Als es endlich vorbei war und wir an eine Taschenlampe kamen, konnten wir kaum glauben, was wir sahen. Unser Zimmer war nur noch Chaos. Schranktueren waren aufgerissen, alles aus den Schraenken geflogen, der Sekretaer von M. mit }Computer etc umgefallen, Schraenkchen mit Fernseher drauf, alles am Boden - Nachtschrank natuerlich auch, Bilder etc. - auf dem Flur ein aehnliches Chaos, ganz schlimm die Kueche, wo alles aus Kuehlschrank, Schraenken etc. geflogen war - Scherben, Fluessiges, Reis verstreut und sonstige Koestlichkeiten - alles am Boden. Man konnte ueberhaupt nicht in die Kueche. Wohn-Esszimmer - so vieles zerbrochen - nein, man kann es nicht beschreiben. Wir haben Bilder gemacht.
Die Nachbeben waren auch schlimm, jedes Mal gab es einen fuerchterlichen Adrenalinstoss.... Man konnte ja nichts machen, nicht an Aufraeumen denken oder sonst was. Es war ja dunkel!! Wasser gab es auch keines - Als es endlich daemmerte konnten wir langsam uns zumindest einen Weg bahnen. Meine Waesche konnte ich ewig nicht finden, war ja alles zugeschuettet. Irgendwann konnten wir mit dem Raeumen beginnen - H. und ich nahmen uns unser Zimmer vor - Bad, spaeter halfen wir in Wohn-Esszimmer, waehrend U. versuchte. noch etwas aus der Kueche zu retten.
Unsere Freunde waren inzwischen auch angekommen, sie wagten sich jedoch nicht hoch zu uns, sondern warteten unten im Hof. Ihr Hotel ist praktisch Totalschaden, sie haben nach dem ersten starken Beben draussen den Rest der Nacht verbracht, das Hotel organisierte Stuehle und warme Decken - sie sind ziemlich geschockt. Schliessliche machten wir uns auf den Rueckweg nach Santiago, was ganz gut ging. Ein riesen Verkehr, jeder versuchte nachHaus zu kommen - es war das letzte Urlaubsende, was sich jeder etwas anders vorgestellt hatte!
Hier bei B. trafen wir alle gut an, nur B. ist total verstoert, denn sein Projekt, die eine Autobahn, ist so stark beschaedigt, dass sie wohl von vorne anfangen muessen. Das Buerogebaeude ist nicht mehr betretbar - es liegt am Flughafen, der ebenfalls sehr beschaedigt ist.
In B. Buero ist die Decke herunter gekommen - ebenso im Nachbarbuero. Wenn er da gewesen waere und unter den Schreibtisch gekrochen, wie das oft angeraten wird als "Sicherheit", waere er erschlagen worden. Es war ueberhaupt ein Segen, dass es nachts passiert ist. Am Tag -nein, da will ich nicht dran denken. B. ist schon den ganzen Tag an der Baustelle - es ist einfach nur schlimm.
Endlich am spaeten Nachmittag bekam ich Verbindung mit unseren Leuten auf dem Land in Temuco. Die Stadt ist ebenfalls schwer getroffen - D. mein Bruder, sagt, dass es bei UNS im Haus auch grauselig aussieht. Er hat grad die Nacht da geschlafen, weil unten das Haus voll war mit Kindern/Familie etc., und wir hatten es ihm ja angeboten...
Wir wollen jetzt versuchen, so bald wie moeglich runterzufahren (nach Temuco) und sagen unser Programm hier ab. Im Moment sind die Strassen noch gesperrt. Wann unsere Freunde wegkommen, ist noch ungewiss - der Flughafen ist vorlaeufig fuer 72 Stunden gesperrt, hat grossen Schaden erlitten."
Wir sind so unendlich froh, dass es allen gut geht. In Gedanken sind wir bei all denen, die vielleicht nicht so viel Glück hatten.
In diesem Sinne: Ihr ahnt gar nicht, was man vom verkrampft auf dem Sofa sitzen und auf Nachrichten warten für Muskelkater verursacht.
Aufbauen kann man ja wieder.
Leider hatten ja nicht alle soviel Glück....
"Wegen der Nachbeben macht Euch keine Sorgen. Die muessen sein. Das bedeutet, dass sich die verschobene Platte ihren Platz sucht und kommt dann zur Ruhe. Die Stoesse sind wirklich nicht mehr stark! Bitte keinen Kummer mehr machen! Das naechste STARKE Erdbeben ist dann in 25 Jahren faellig. So war es bisher:1960 - 1985 - 2010...."
OK, das waren jetzt sechs Sätze. Aber ich bin jetzt endlich um einiges ruhiger.