Meine Argentinienreise 2007/2008 | |
ABM Argentina
09:01, 10 August 2007
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Die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen in Argentinien unterscheiden sich von denen in Deutschland darin, dass sie hier von den Menschen ausgehen und nicht vom Staat. Der verheerende Wirtschafts-Crash um die Jahreswende 2001/2002, als die Regierung praktisch über Nacht alle Konten einfrieren ließ und den Peso, der bis dato 1:1 an den US-Dollar gekoppelt war, abwertete (bis auf ein Viertel des vormaligen Wertes) ist auch heute noch deutlich zu spüren. Überall begegnet man der Armut und den manchmal schon recht verzweifelten Versuchen, sich auf irgendeine Weise Geld zu verdienen. Mehr als die Hälfte der Menschen in Argentinien lebt unterhalb der Armutsgrenze, muss mit rund 50 EUR im Monat auskommen. Rund 25% sind sogar extrem arm; die haben nicht mal die Hälfte dieser Summe zur Verfügung. Hier muss man sich strecken, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Blenden wir mal die Glücklichen aus, die als Unternehmer oder Angestellte ihr Brot verdienen, so wird das Straßenbild wesentlich von all den kleinen Geschäften und Kiosken bestimmt, deren Besitzer und Betreiber zumindest eine unternehmerische Basis besitzen. Wie sich allerdings zwei Lebensmittelläden, drei Kioske, zwei Cafés oder Bars und diverse weitere Kramläden innerhalb zweier Querstraßen am Leben halten können, ist mir rätselhaft. Im darauf folgenden Block befinden sich genau so viele Läden. Eine Ebene drunter werkeln die „cartoneros“, die jeden Abend mit ihren großen Handwagen durch die Stadt ziehen und Papier, Karton, Plastikflaschen und andere verwertbaren Materialien aus den Mülltüten kramen. Diese werden dann, fein säuberlich getrennt, an Wertstoffhöfe weiterverkauft. Neben weiteren Jobs wie ambulanter Verkauf von gerösteten Erdnüssen oder Eis oder Zuckerwatte oder Musizieren in der U-Bahn gibt es aber auch noch ein paar wirklich originelle, teilweise obskure Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, die ich hier vorstellen möchte: Parkhauseinweiser: Es gibt in Bs.As. massenweise Parkhäuser (Estacionamentos), vor denen Leute stehen, die mittels Flaggen die vorbeifahrenden Autos in die Parkhäuser lotsen wollen. Diese Leute nennt man „banderas“ (Flaggenschwenker). Hundeausführer (paseadores de perros): Viele solvente Leute haben Hunde, aber keine Zeit, mit ihnen Gassi zu gehen. Dies erledigen meist junge Männer, die dann mit einer Meute aus bis zu 10 oder vielleicht sogar noch mehr Hunden durch die Straßen ziehen. Ampelkreuzungs-Rotphasen-Entertainer: Warten die Autos vor der roten Ampel einer Kreuzung, nutzen manche junge Leute dieses andächtig wartende Auditorium, um vor dieses zu treten und Kunststücke zu zeigen (z.B. Jonglieren). Kurz bevor die Ampel auf Grün schaltet, heißt es schnell durch die Reihen und hier und da ein paar Centavos aufpicken, ehe der Autopulk durchstartet. Krimskrams-Verkäufer in der Subte: Diese ziehen durch die U-Bahn und legen den Fahrgästen irgendetwas auf den Schoß, z.B. ein Nähset, Sticker, Feuerzeuge oder Notizblöcke. Meistens gibt es noch einen Informationszettel dazu, der ein bisschen die Seele rühren soll (ich glaube nicht, dass die meisten ihre Lebensumstände übertreiben müssen). Dann wird wieder eingesammelt, oder – wenn sie Glück haben – werden sie eines der in diesem Moment nicht gerade dringend nachgefragten Dinge für einen Pesito los. Taxian- und -türaufhalter: Habe ich am Retiro gesehen – ein junges Mädel springt für andere Leute auf die Straßen, um ein Taxi herbeizuwinken, öffnet dann die Tür und hilft beim Ein- oder auch Aussteigen. Das klingt zwar manchmal ein bisschen erheiternd, aber ich habe vor diesen Leuten den allergrößten Respekt. Wie die sich durchs Leben beißen müssen, das ist mir bisher erspart geblieben und wird es hoffentlich auch bleiben. Kommentar hinterlassen { Vorherige Seite } { Seite 155 von 180 } { Nächste Seite } |
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