Meine Argentinienreise 2007/2008

Meine erste Woche in Córdoba

11:57, 10 September 2007 .. 0 Kommentare .. Link

Schnell ist sie vergangen, was auch kein Wunder ist, denn ich war von Montag bis Samstag für Un Techo para mi País beschäftigt. Während der Wochentage war ich im Büro mit der Übersetzung der Website beschäftigt, am Samstag ging es raus in die „villas“, in die Elendsviertel, wo wir gruppenweise diejenigen Familien besuchten, die bald eines der Holzhäuser beziehen könnten. Momentan laufen gerade die Vorbereitungen für die nächste Bauaktion (22./23.09.) von ca. 30 Häusern. Gleich im Anschluss an die Familienbesuche fuhren wir ans andere Ende der Stadt, wo die vorfabrizierten Teile für einen Teil dieser Häuser von zwei Trucks zu entladern waren.

Was die Arbeit und die Prinzipien von UTPMP betrifft, so gebe ich gerne zu, dass ich sehr angenehm überrascht bin: die jungen Leute sind enthusiastisch, tatkräftig und haben klare Vorstellungen, wie sie ihre Ziele erreichen können. Ich hatte ja durch die Übersetzung der Website genügend Gelegenheit, mich mit den Visionen und Aktivitäten der Organisation vertraut zu machen. Und da habe ich Ideen kennen gelernt, die ich großartig finde.

Das Credo aller Aktivitäten von UTPMP lautet: keine Alimentierung!! Es gibt keine Unterstützung ohne das eigene Engagement der Betroffenen! Diese müssen beispielsweise einen gewissen Anteil der Kosten des Hauses (ca. 3000 Peso = rund 700 EUR) bezahlen und müssen, so sie denn nach bestimmten sozialen Kriterien ausgewählt wurden, den Baugrund herrichten und die 17 Rundholzpfähle für das Fundament des Hauses beschaffen. Auf denen sitzt dann die Bodenplatte. Diese Idee finde ich originell, denn so liegt der Schlüssel für den Baubeginn ganz klar bei den Familien.

Überhaupt ist der Bau des Hauses nicht das alleinige Ziel der Organisation. Es ist nur ein erster Schritt, um die Menschen aus unwürdigen Lebensbedingungen zurück in einen eigenen Wohnraum zu führen. Die Ausstattung der Häuser ist bewusst einfach gehalten – einerseits aus finanziellen Gründen, andererseits aber auch, damit die Familien dieses weiter ausbauen und nach ihren Vorstellungen gestalten können. Gleichzeitig erfolgt sogenannte „soziale Intervention“, d.h. sie sollen ermutigt und befähigt werden, sich Arbeit zu suchen, Behördengänge selber zu erledigen, Verantwortung für ihre Familien, ihr Haus und ihr Viertel zu übernehmen, eventuell Mikrokredite für einen eigenen Business zu beantragen usw. Aus einer Ansammlung von einzelnen Holzhäusern soll ein Viertel entstehen, in dem Nachbarschaft großgeschrieben und im Sinne der Gemeinschaft gehandelt wird.

Ich selbst hatte noch keine Gelegenheit, die Projekte im fortgeschrittenen Stadium kennen zu lernen. Ich war am Samstag mit einer Gruppe Freiwilliger in einem Elendsviertel vor der Stadt, wo wir ein halbes Dutzend Familien besuchten, um uns über den Stand der Vorbereitungen für die kommende Baukampagne zu informieren. Ich fand es bemerkenswert, mit welcher Resolutheit, aber auch Warmherzigkeit unsere „Anführerin“ mit den Leuten umging und denen, die ihre Verpflichtungen noch nicht erfüllt haben, klar machte, dass sie nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge in 14 Tagen durchs Sieb fallen werden.

Die „villas“ selbst sind nichts für „Schönwettertouristen“ – in jedweder Hinsicht. Überall Müll, Schrott, Scheiße und Rinnsäle jauchigen Wassers. Es gibt nirgends Gras, der Boden ist harter, trockener Lehm, auf dem die größtenteils erbärmlichen Hütten stehen. Viele Kinder, meist mit verrotzten Gesichtern, noch viel mehr Hunde, in der Mehrzahl größeren Kalibers. Und die Luft ist wie eine volle Prise Bio-Tonne. Ich kenne dies von meinen Rumänienfahrten mit „Partnerschaft mit Osteuropa“, wo wir auch Familien besuchten, die unter ähnlichen Umständen leben. Und trotzdem war ich erst mal geschockt ob dieser seltsamen Welt am Rande der großen Stadt.

Ich bin gespannt auf den Bau der Häuser, weil – auch ein Prinzip von UTPMP – in dieser Zeit die Freiwilligen und die Familien zusammen arbeiten und leben werden. Da werde ich auch Gelegenheit haben, ein bisschen in dieses andere Leben hineinzuschauen und kann euch bestimmt hinterher die eine oder andere Geschichte erzählen.

Über diese Arbeit hinaus bin ich zu nicht viel Anderem gekommen. Die Stadt habe ich noch nicht erkundet. Gewohnt habe ich bei einer Familie, bestehend aus Mutter (ehemalige Spanisch- und Englischlehrerin) + 2 Töchter (beide Studentinnen), die aber momentan ihre Zeit und Kraft in einen kleinen Kiosk im Zentrum der Stadt stecken. Die drei rauchen wie die Fabrikschornsteine und waren auch sonst ziemlich schräg drauf. Da wir uns viel über Sprache unterhalten hatten, dauerte es nicht lange, bis wir auf Schimpfwörter zu sprechen kamen. Da sie nur ein einziges auf Deutsch konnten, aber großes Interesse an der Erweiterung ihres Wortschatzes hatten, half ich also ein bisschen nach und erhielt dafür im Gegenzug die entsprechende „palabras malas“ in Spanisch.

Überhaupt Spanisch, oder besser gesagt „Castellano“, wie man die Sprache in Südamerika nennt: seit ich in Córdoba bin, habe ich totale Probleme mit der Sprache, weil man hier einen üblen Dialekt spricht: erstens viel zu schnell, zweitens kennt man kein „s“ und drittens sind grob geschätzt 50% der Wörter „lunfardo“. Manchmal verstehe ich nur „Chinesisch Mandarin“, wie man hier zu sagen pflegt, und ich kann jetzt ein bisschen nachempfinden, wie sich ein Ausländer vorkommt, den es nach einem Sprachkurs „Deutsch für Anfänger“ am Goethe-Institut nach Sachsen verschlägt.

Meine Bleibe bei den drei Mädels war mir allerdings nicht lange beschieden. Am Sonntag musste ich umziehen und wohne jetzt etwas näher am Zentrum bei einer jungen Künstlerin. Na ja, da wird’s wohl eher intellektuell zugehen. Auf jeden Fall aber gab es am Samstagabend zum Abschied bei meiner alten Familie ein „asado“, also ordentlich Grillfleisch, zu dem ich ein paar Flaschen guten Rotwein beisteuerte. Dafür hatte ich am Sonntag einen tierischen „Kater“, was sicherlicht nicht nur an meinem Weinkonsum lag, sondern auch am Fernet Branca, der hier in Córdoba ein Kultgetränk ist. Je nachdem, wie das Mischungsverhältnis mit Cola und Eis ist, schmeckt es von „herrlich“ bis „scheußlig“.

Was in dieser Woche auf mich zukommen wird, weiß ich noch nicht. Auf jeden Fall will ich mir ein bisschen Zeit für die Stadt und deren Kultur- und Nachtleben nehmen.


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