Meine Argentinienreise 2007/2008 | |
Construcción 07 – Teil 1: Baubericht
20:38, 25 September 2007
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Ich habe ein unglaublich erlebnisreiches Wochenende hinter mir, und eigentlich müsste ich noch ein paar Tage verstreichen lassen, damit sich die Eindrücke setzen und ich einen einigermaßen strukturierten Bericht schreiben kann. Ich will aber nicht so lange warten, sondern liefere heute den ersten Teil ab – den Baubericht.Wie bereits an anderer Stelle gesagt, sollte für das verlängerte Wochenende vom 21.-23.09.2007 der Bau von 30 Häusern in drei „barrios“ der Stadt erfolgen. Insgesamt waren also etwas mehr als 300 Freiwillige gesucht, die sich am Abend des 20.09. auf der Plaza Colón zusammenfanden. Natürlich werden diese Aktionen von Un Techo Para Mi Pais öffentlichkeitswirksam inszeniert, denn schließlich soll auf das Problem der gravierenden Armut im Lande aufmerksam gemacht werden. So ging es also auf der Plaza wie in einem Bienenstock zu – aus allen Richtungen kamen junge Menschen, voller Elan, meist mit Werkzeug bewaffnet und in Vorfreude auf ein spannendes Wochenende. Am späten Abend kamen dann die Busse, die uns in die „campos“ karrten. Das waren Schulen, wo wir in den Klassenräumen unsere Isomatten und Schlafsäcke ausrollten und im Speiseraum unser Frühstück und das Abendbrot einnahmen – Pfadfinderatmosphäre. In unserem „campo“ kampierten 5 Gruppen (cuadrillas), die aus zwei erfahrenen Vorarbeitern (immer männl. + weibl.) sowie bis zu 8 Freiwilligen bestanden. Jede Gruppe ist für den Bau eines Hauses verantwortlich. Unser „jefes de construcción“ waren Rafael, der schon an 8 Aktionen teilgenommen hat, sowie Tati, die ihr zweites Haus baut. Der Rest – 5 Mädels und 2 Kerle – waren Novizen. Der Altersdurchschnitt lag bei 22, 23 Jahren, der allerdings durch meine Wenigkeit unwesentlich nach oben gedrückt wurde.
Wie lief’s ab? Am Freitagmorgen Punkt 8 Uhr hallte die Musikanlage „Get up, stand up for your rights“ (Bob Marley) durch die Gänge, dann kurzes Frühstück, Instruktionen, Werkzeug schnappen und 10 Minuten Fußmarsch bis ins Viertel. Um 9 Uhr wurden die Baustellen zugeteilt. Hier lernten wir unsere Familie kennen: in unserem Falle ist es die Familie Rivero, die aus Sandra (38 Jahre alt, Köchin) sowie ihren Kindern Marcelo (20 Jahre), Nadia (19), Natalia (17), Martin (15), Marcos (13) und Maximiliano („Maxi“, 9) besteht. Hinzu kommen noch zwei Enkel: Macarena (2 Monate), das Kind von Nadia, sowie David (knapp 2 Wochen), dessen Mutter Natalia ist. Einen Herrn im Hause gibt es nicht; der wurde vor einiger Zeit wegen fortwährender Eskapaden (Alkohol etc.) davongejagt. Zur Geschichte dieser und der anderen Familien im Viertel später mehr…
Alsbald kam der LKW mit den vorfabrizierten Panelen, die entladen und an die Baustellen getragen werden mussten. Dann begannen die Erdarbeiten; schließlich mussten 17 Löcher für die Fundamentpfähle gegraben werden. Alle Pfähle waren zwischen 0,80 m bis 1,50 lang und mussten mitunter gehörig gekürzt werden, sonst hätten wir uns einen Wolf gebuddelt. Nachdem der erste Eckpfeiler stand, wurden nach einer bestimmten Reihenfolge alle anderen Pfeiler gesetzt und nivelliert. Letzteres erfolgte mittels eines langen wassergefüllten Plastikschlauches – Prinzip der kommunizierenden Röhren (Physik Klasse 7). Überhaupt wurden erstaunliche Methoden für den Bau angewendet. Die Qualität hängt im Wesentlichen von zwei Faktoren ab: der handwerklichen Geschicktheit der Arbeiter und dem Werkzeug. Letzteres war nicht immer reichlich und in der nötigen Qualität vorhanden, also muss immer wieder improvisiert werden. Um einen rechten Winkel zwischen zwei Balken zu erhalten, braucht man keinen Winkelmesser, sondern verwendet den Satz des Pythagoras (Mathematik Klasse 5) – zwei Kathedenmaße auf den Balken, danach werden die beiden Balken so lange gespreizt, bis die Hypotenuse stimmt. Ansonsten standen Hammer, Schaufel, Sägen, Brech- und Stemmeisen, Schraubendreher und diverses Kleinwerkzeug zur Verfügung. Am ersten Tag hatten wir schlussendlich knapp 10 der 17 „pilotes“ versenkt. Da es ausgerechnet in der Nacht zuvor geregnet hatte, rückten wir am Abend gegen 18 Uhr entsprechend schlammverziert wieder ab. Tags drauf Fortsetzung der Buddelei, und gegen Mittag hatten wir dann endlich auch den letzten, namentlich den zentralen Pfahl erfolgreich nivelliert.
Was unseren Bau betrifft, so muss man wissen, dass Un Techo Para Mi Pais normalerweise separete Häuser baut. Unser Haus ist eine Ausnahme: es ist im Grunde genommen ein Anbau an ein bestehendes Haus, somit fehlt also eine Wandseite und auch das Dach ist etwas anders konstruiert.
Damit die Konstruktion stabil ist, musste mittig ein Stützbalken gesetzt werden, der in den anderen Häusern nicht vorhanden ist. Dieser wurde durch uns mitsamt eines 6 m langen Längsbalken zur Abstützung der Dachsparren am Boden vorgefertigt und dann mit vereinten Kräften aufgerichtet. Nachdem dies erledigt war, teilten wir die Arbeit in zwei Gruppen auf. Die Mädels begannen mit der „Verglasung“ (es ist Kunststoff) und dem Einbau der beiden Fensterrahmen sowie der Tür. Der Rest der Truppe begann mit der Montage der Dachbalken. Diese Arbeiten zogen sich dann bis zum Abend des zweiten Tages hin und wurden am dritten Arbeitstag, dem Sonntag, weitergeführt.
Das war wirklich ein ergreifender Moment, aber davon und meinen weiteren Erlebnissen werde ich euch im zweiten Teil meines Berichtes erzählen.
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