Meine Argentinienreise 2007/2008 | |
Construcción 07 – Teil 2: Leben und Arbeiten in den „villas“
15:25, 26 September 2007
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Nachdem ich euch im ersten Teil recht nüchtern den Ablauf der Bauarbeiten berichtet hatte, folgt heute der zweite Teil, der meine Erlebnisse mit den jungen Freiwilligen und den Menschen in dem Viertel „Campo de la Ribera“ beschreibt. Wie gesagt, waren insgesamt rund 300 Freiwillige an der Aktion beteiligt, davon 60 in unserem Camp. ![]() Ich möchte an dieser Stelle noch einmal auf das Selbstverständnis von Un Techo Para Mi Pais hinweisen.
Die Vision “Ein Lateinamerika ohne extreme Armut, in dem jede Familie die Möglichkeit hat, ein Leben in Würde zu führen!“ Die Mission Wir wollen ein Netzwerk von jungen Freiwilligen aus Lateinamerika aufbauen mit dem Ziel, Familien zu helfen, die in extremer Armut leben. Über den gemeinsamen Bau von Häusern wollen wir Verbesserungen der Lebensqualität bewirken und darüber hinaus Sozial- und Rehabiliationsprogramme für alle Mitglieder der Gemeinschaft initiieren. Wir wollen die unwürdigen Lebensbedingungen von Millionen von Familien in Lateinamerika immer wieder zur Sprache bringen und anklagen, die Gesellschaft aufrufen, sich zusammen zu schließen, um Lateinamerika in einen Kontinent der Solidarität und Gerechtigkeit zu verwandeln – ohne Armut!
Neben dem Bau der Häuser spielt die Aufklärung eine große Rolle. Die Armut in Argentinien ist offensichtlich, und doch verschließen viele Menschen aus falschem Stolz oder aus Scham ihre Augen vor der Realität. Die Bauaktionen von UTPMP bieten den jungen Freiwilligen also nicht nur die Chance, tatkräftig mitzuarbeiten, sondern auch einen Einblick in die Lebensumstände der ärmsten unter den armen Menschen.
![]() Das Leben in den „villas misereres“ ist im Wesentlichen davon bestimmt, über die Runden zu kommen, Zeit tozuschlagen oder einfach nur zu überleben. Einige der Leute dort haben einen Job, wie z.B. das Oberhaupt unserer Familie Sandra, die als Köchin in einem Restaurant arbeitet. Ihr ältester Sohn Marcelo verdingt sich hingegen als Tagelöhner auf dem Bau, wo er – meistens als Schwarzarbeiter – mit rund 25 Peso Tagesverdienst rechnen kann (ca. 6 EUR), so denn der Chef auch zahlt. Andere im Viertel hingegen ziehen mit ihren Pferdewagen als „cartoneros“ des Nachts durch die Stadt und sammeln Verwertbares auf oder frickeln vor ihren Hütten an schrottigen Autos herum. Alkoholismus ist weit verbreitet, die Mädchen bekommen ihr erstes Kind oft schon mit 14, 15 Jahren (eine Nachbarin unserer Familie hat mit 26 Jahren bereits 8 Kinder!), die Männer sind oft gewalttätig. Der Grund und Boden für die Hütten ist natürlich nicht Eigentum der Leute, die darauf wohnen. Strom und Wasser werden illegal abgezapft, eine Müllabfuhr oder andere öffentliche Serviceleistungen gibt es nicht.
![]() Das sind - grob gesagt - die Rahmenbedingungen der Welt, die wir Freiwillige für ein Wochenende betreten haben. UTPMP kennt die Familien über das Auswahlverfahren schon lange, und auch die Chefs der Bautrupps kennen die Lebensumstände und –läufe dieser Menschen sehr genau. Noch bevor wir überhaupt ins Viertel gegangen sind, erhielten wir eine Einweisung. Das Kennenlernen der Familie spielt bei diesen Aktionen eine sehr bedeutende Rolle. Die Freiwilligen und die Familien leben und arbeiten für ein Wochenende zusammen, helfen einander, tauschen sich aus, essen gemeinsam und lernen sich näher kennen.
![]() Für viele der Freiwilligen ist es das erste Mal, dass sie einen direkten Kontakt zu solchen Menschen haben. Die meisten der jungen Leute sind Studenten, in der Mehrzahl Studenten der Sozial-, Politik- und Rechtswissenschaften. Wenn wir unsere Arbeit (9-18 Uhr) hinter uns hatten, marschierten wir zurück ins Camp, wo erst mal eine Kaffeestunde im Innenhof abgehalten wurde. Danach aber wurden Gruppen gebildet, die bestimmte Themen diskutieren sollten. Das zog sich dann bis gegen 22 Uhr hin, dann gab es Abendessen. Danach ging es munter weiter mit Diskussionen, Instruktionen für die Bauaktionen des folgenden Tages und einer spaßigen Veranstaltung, die sich „Hexenbriefkasten“ nennt, wo man kleinen Zettelchen hineinwirft, auf denen Anektoden des Tages stehen. Die werden dann theatralisch vorgelesen, was meistens ein sich vor Lachen biegendes Publikum zur Folge hat. Nein, der Spaß (so man denn welchen versteht) kam nicht zu kurz. Einziger Wermutstropfen für mich war, dass es praktisch keine Freizeit gab, keine Zeit zum Ausspannen und Relaxen. Nur die 7 Stunden Schlaf zwischen 1 und 8 Uhr morgens. Die Argentinier feiern gern und viel, sitzen stundenlang zusammen und diskutieren, man jubelt gern. Vieles geschieht hier emotional: man umarmt sich, wenn man gemeinsam etwas geschafft hat, man feuert sich gegenseitig an. Der Höhepunkt war zweifellos das große Abschlussmeeting mit allen Freiwilligen am Sonntagabend in der Aula der Universität. Dort steppte der Bär! Ich musste mir manchmal die Ohren zuhalten, weil ich um meinen Tinnitus fürchtete. Das Spektakel bestand aus anfeuernden Reden, einer Multimedia-Show mit Bildern von den Bauaktivitäten, Beifall und Jubel für die Organisatoren, dem gemeinsamen Singen der Nationalhymne (ich bin noch nicht textsicher ;-) und einer anschließenden großen Fete mit Freibier. Und wir hatten alle noch die Klamotten an, mit denen wir in den drei Tagen zuvor durch den Dreck gerobbt sind. Diese Eindrücke, meine lieben Freunde, muss man erst mal setzen lassen.
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