Meine Argentinienreise 2007/2008

Construcción 07 – Teil 3: Carlos

15:32, 26 September 2007 .. 0 Kommentare .. Link

Nachdem ich euch vom Bau der Häuser und den vielen daran Beteiligten berichtet hatte, will ich euch an dieser Stelle eine einzige Person vorstellen – Carlos. Carlos ist ein Nachbar der Familie Rivero. Er wohnt zwei „Grundstücke“ weiter. Er kam am ersten Tag hinzu und half ohne viele Worte einfach mit. Wir waren zu Beginn ein bisschen reserviert ihm gegenüber. Dieser kleine, alte, zahnlose und stoppelbärtige Mann, dessen Klamotten schon lange nicht mehr eine Waschmaschine von innen gesehen haben, wird uns doch eher im Wege stehen, als dass er eine Hilfe sein könnte.

Aber bald bemerkten wir, dass Carlos durchaus geschickt mit den Werkzeugen umzugehen verstand. Er hatte Kraft genug, um 50er Nägel mittels vier oder fünf Hammerschlägen in die Balken zu treiben, er sägte zusammen mit mir die Holzpfähle zurecht, schleppte schwere Teile durch die Gegend und war auch sonst immer anspielbereit.

Nach und nach übertrugen wir ihm Aufgaben, die er professionell erledigte. Man merkte richtig, wie er aufblühte, wie das Feuer in den wortkargen alten Mann zurückkehrte und er zu erzählen begann und Witze riss. Viel habe ich beim besten Willen nicht verstehen können, weil man hier in den „villas“ absolut Slang spricht, aber einiges habe ich dann doch über ihn, sein Leben und seine Familie erfahren können. Am zweiten Tag musste ich lange überlegen, was sich an Carlos auch äußerlich verändert hatte, ehe es mir wie Schuppen aus den Haaren fiel, dass er sich seinen Stoppelbart abrasiert hatte. „Negro“ wird er im Viertel gerufen, in Anspielung auf seine dunkle Hautfarbe, aber nicht alle Schimpfworte sind so gemeint, wie sie hinaus posaunt werden. Carlos weiß sich durchaus zu wehren, sowohl wörtlich als auch sprichwörtlich. Er war mal Boxer und zeigte uns sein Können in einem Kampf gegen mich. Der alte Junge hat noch verdammt viel Bumms in den Fäusten!

Ich glaube, die Zusammenarbeit mit Carlos war meine Lehrstunde, wie sich das Bild von einem Menschen über die Zeit ändern kann. Anfangs konnte ich ihn im wahrsten Sinne des Wortes nicht riechen, aber dann – über die gemeinsame Arbeit – lösten sich die Ressintements stückeweise auf. Carlos war unser bester Mann auf dem Bau, und ich, der lieber hinter als vor der Kamera steht, wollte unbedingt gemeinsam mit Carlos auf einem Erinnerungsfoto sein. Hier ist es:

 


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