Meine Argentinienreise 2007/2008

In Deutsch-Argentinien

10:25, 11 October 2007 .. 0 Kommentare .. Link

Über die Deutschen in Argentinien wollte ich schon viel eher berichten, nur hatte ich nicht genug Zeit und Material für einen Beitrag. Wenn man von Deutschen in Argentinien spricht, dann denkt man in Deutschland reflexartig zuerst an geflohene Nazis, die nach 1945 einen Unterschlupf gesucht haben. Diese gab es tatsächlich und darüber wird noch zu berichten sein, aber die ersten deutschen Einwanderer tauchten schon viel eher am Rio de la Plata auf. Die ersten nennenswerten Ansiedlungen von Deutschen fanden um 1830 statt. 1843 wurde die erste deutsche Schule gegründet, 1855 der erste deutsche Turnverein und 1878 das erste deutsche Hospital. Die erste deutsche Tageszeitung erschien 1863. Die Motive der Auswanderer waren bis in die 1930er Jahre in der wirtschaftlichen Not in Deutschland zu suchen. Mit Machtergreifung der Nazis und der beginnenden Judenverfolgung emigrierten mehr und mehr jüdische Deutsche nach Argentinien, nach Zusammenbruch des Dritten Reiches ironischerweise deren Verfolger, unter ihnen Adolf Eichmann, der allerdings vom israelischen Geheimdienst aufgespürt und 1960 nach Israel entführt wurde.

Ich hatte schon einige der deutschen Einwanderer kennen lernen dürfen: eine Frau, die im Antiquariat Henschel in Buenos Aires arbeitet und deren Eltern in Hannover ein Kaufhaus mit 400 Angestellten betrieben, ehe es von den Nazis „arisiert“ wurde. Den Cluberlin (wird tatsächlich so geschrieben) in Buenos Aires, dessen presidente Claudio (Klaus) Gaebler ich auf Grund eines Artikels in der taz angeschrieben und zu einem Gespräch getroffen hatte, zwei ältere Damen, denen ich in Villa General Belgrano über den Weg lief und deren liebenswert altertümliches Deutsch mich neugierig machte und einige andere mehr. Ein jeder dieser Menschen hat seine Lebensgeschichte.

Das Bild, das man in Argentinien von Deutschen hat, ist ambivalent: man bewundert deren Zielstrebigkeit, Effizienz und Ordnungssinn, hält sie aber im gleichen Atemzug für engstirnig, wenig gesellig und humorlos. Man mag deren Autos, aber nicht deren Lebensart. Hinzu kommen eigenartige Vorstellungen von deutschem Brauchtum, das vorzugsweise in den von Deutschen besiedelten Landstrichen gepflegt wird, so zum Beispiel zum „Oktoberfest“ in Villa General Belgrano, DEM Vorzeigeort deutscher Lebensart und Kultur. Ich war noch nie in meinem Leben auf einem Oktoberfest und habe echte Mühe, meinen argentinischen Freunden klar zu machen, dass dies ein bayrischer Brauch ist. Ich mag keine Blasmusik oder Schuhplattler-Tänze in Lederhosen und Dirndln und kämpfe hier an vorderster Front gegen dieses Klischee an – durch großzügiges Verteilen selbstgefertigter DVD voller Musik aus meiner für teures Geld über viele Jahre aufgebauten CD- und Vinylkollektion, die meiner Meinung nach typisch für das heutige Deutschland ist (danke fürs Schulterklopfen…).

Die Argentinier sind aber sehr neugierig auf Deutschland. Ich habe schon einige getroffen, die dort waren und von ihren Erlebnissen berichteten. Völlig perplex sind sie darüber, dass Züge und Busse laut Fahrplan zu krummen Zeiten, also z.B. 12:51 Uhr, abfahren und das in den meisten Fällen sogar tun. Viele deutsche Filme sind hier sehr populär, wie z.B. „Good-bye Lenin“ oder „Das Leben der Anderen“. Und die „Toten Hosen“ waren auch mal berühmt in Argentinien, seit sie Mitte der 90er Jahre auf Initiative des Goethe-Instituts mal ein Stadium rockten. Noch heute sieht man Jugendliche mit Toten-Hosen-Shirts durch die Gegend laufen.

Will sagen: es besteht Hoffnung, dass sich das Bild von Deutschland wandelt. Unsereiner aus Deutschland muss sich aber auch die Scheuklappen absetzen und erkennen, dass Argentinien nicht nur aus Tango, Gauchos und guten, aber letztlich erfolglosen Fußballern besteht. Das gibt’s noch viel mehr zu entdecken!

 


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