Meine Argentinienreise 2007/2008

Oktoberfest in Villa General Belgrano

10:29, 11 October 2007 .. 0 Kommentare .. Link


„Im Himmel gibt’s kein Bier, drum trinken wir es hier!“ Dieser Spruch schwebte über der 44. Auflage der „Fiesta Nacional de la Cerveza“, kurz „Oktoberfest“, das in Villa General Belgrano stattfindet – einemOrt ca. 90 km südlich von Córdoba. Das Gelände, auf dem sich der Ort befindet, wurde in den 1930er Jahren von zwei Deutschen aufgekauft, parzelliert und Interessenten in Deutschland, Österreich und der Schweiz angeboten. Die Landschaft hier erinnert tatsächlich an eine sanfte Hügellandschaft in Mitteleuropa. Bald zogen auch Familien mit italienischen oder spanischen Wurzeln herzu, so dass man heutzutage mehr Spanisch als Deutsch auf den Straßen hört.

Man findet hier alles Mögliche vor, selten aber etwas authentisch Deutsches. Es gibt tausende von Bierkrügen zu kaufen (oder Bierseidel) mit den Stadtwappen von Aachen, Berlin, Bad Tölz, Heidelberg, Stettin, Bad Nauheim (wo zum Henker liegt Bad Nauheim?) oder auch die Bundesländer Bayern, Niedersachsen und Ostfriesland. Für unsere österreichischen Freunde gibt’s „Tirol“ und für die Schweizer Gesandtschaft „Bern“. Villa Belgrano lebt fast ausschließlich vom Tourismus.

Im ganzen Ort gibt es so gut wie keine Reklame, die nicht in Holz gemeißelt wurde. Abgesehen von „Café Soundso“ und „Pension Am-Bach“ oder „Alter Zeppelin“ steht z.B. vor dem örtlichen Kreditinstitut eine überdimensionale, bis ins Detail originalgetreue Kopie einer MasterCard aus Holz, und auch die Hinweise, den Wald sauber zu halten, sind Holzschnitzarbeiten, sponsored by Warsteiner. Alles das läuft unter „deutsche Gemütlichkeit“.

 

Der Ort ist ja nicht so groß. Beim ersten Mal läuft man durch die Hauptstraße und staunt Bauklötzer. Beim zweiten Mal ist man noch irgendwie fasziniert, aber spätestens bei der dritten Runde erschlägt es einen und man ist nur noch genervt. Ich war am Montag/Dienstag dort, da war das Touristenaufkommen nicht so groß. An den Wochenenden kommen bis zu 10.000 Besucher. Da ist alles überlaufen. Ich hätte es mir auch ganz gerne an den „wilden“ Wochenenden angeschaut, aber am vergangenen hatte ich was Besseres vor und am kommenden bin ich in Buenos Aires.

 

Natürlich habe ich mir alles von Nahem angesehen. Ich habe Bier verkostet (nicht schlecht, besonders das „cerveza artesanal“ aus den kleinen Brauereien hat Klasse), habe wunderbaren Apfelstreuselkuchen gegessen, Schokolade genascht, Schwarzbrot und Dresdner Stollen verzehrt (Brot „1 mit Bienchen“, Stolle nicht ganz das, was man als Dresdner gewohnt ist), aber an das hier angebotene typisch deutsche Essen habe ich mich nicht rangetraut. War sowieso nur Knackwurst oder Kassler mit Kartoffeln und Kraut oder Knödel mit Gulasch – eben das, was man sich in den örtlichen Restaurants unter deutscher Küche vorstellt. Ich war Selbstversorger und gönnte mir knuspriges Schwarzbrot mit Holsteiner Würstchen und ein „Einwandererbier“.

 

Am Abend füllte sich das weite Rund vor der Bühne, auf der u.a. die „Schenkenburger Musikanten“ aus Deutschland eine halbe Stunde lang eine Kostprobe deutscher Blasmusik servierten – dicke Backen mit Lederhosen. Irgendwann hatte ich genug von dem Theater, machte mich auf den Rückweg zur Herberge und musste unterwegs überrascht und irritiert feststellen, dass ich mich im Marschschritt vorwärtsbewegte, das rummtata der Blasmusik im Hinterkopf. Das gibt mir jetzt echt zu denken!

 

Tags darauf fuhr ich nach La Cumbrecita, einen Ort, der mir von vielen argentinischen Freunden als ein kleines Paradies beschrieben wurde, an dem ich mich wie zuhause fühlen würde. La Cumbrecita ist tatsächlich ein bemerkenswerter Flecken am Fuße der Sierras de Còrdoba, 1934 von Deutschen gegründet, die hier ein deutsches Musterdorf aufbauten, das heute als touristische Attraktion dient. Der dicht bewaldete Ort ist nur zu Fuß zu erlaufen, es gibt typische Schwarzwald- und Tiroler Architektur, einen Almbach- und Forellensee, einen Wasserfall, die Confiteria Liesbeth, das Café „Ohne Sorgen“ usw. usf. Allerdings soll der Ort nicht immer so offen gewesen sein, denn besonders nach dem Krieg sollen sich hier einige ranghohe Nazis abgesetzt haben. Der Ort ist nur schwer zu erreichen.Mit dem Bus holterdipoltert man fast 30 km über eine staubige und löchrige Sandpiste, die in La Cumbrecita endet.


Ich habe meine Lektion deutsches Brauchtum gehabt und lass es jetzt erst mal gut sein. Fotos im Ordner „Villa General Belgrano-La Cumbrecita“


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