Meine Argentinienreise 2007/2008

Verkehrsregeln

16:51, 27 October 2007 .. 0 Kommentare .. Link
Der Straßenverkehr in Argentinien ist ein Kapitel für sich – ach, was sage ich: das ist eine mehrbändige Ausgabe, wenn man alle Geschichten, die man hier so erlebt, dokumentieren würde. Ich wollte schon längst mal darüber schreiben, schob es aber so lange vor mir her, bis ich mich schon an die hiesigen Regeln und Gebräuche gewöhnt hatte und kaum noch Notiz davon nahm. Zudem hatte ich schon so manches „abgefahrene“ Auto für meine Sammlung von „cafeteras“ (umgangssprachlich für altes Auto) fotografiert, aber das gestern vor dem Katasteramt in Deán Funes gesichtete Exemplar schlägt alles bisher Gesehene um Längen:

 

Deswegen hier auf die Schnelle eine Einführung in die argentinischen Verkehrsregeln. Für den Uneingeweihten scheint es auf den ersten Blick keine Regeln zu geben, aber das entspricht nicht den Tatsachen. Es gibt Regeln, aber die sind übersichtlich und einfach:

§ 1 – Autofahrer haben IMMER Vorfahrt.

§ 2 – Fußgänger haben NIEMALS Vorfahrt.

§ 3 – Benutze die Blinkleuchten für alle möglichen Zwecke, aber NIEMALS zur Fahrtrichtungsanzeige.

§ 4 – Die Benutzung der Scheinwerfer bei Dunkelheit ist nicht zwingend erforderlich.

§ 5 – Die Hupe ist das wichtigste Kommunikationsmittel.

§ 6 – Zum Führen des Fahrzeuges genügt eine Hand; die andere kann genutzt werden, um während der Fahrt zu telefonieren, SMS zu schreiben, sie einfach lässig aus dem Fenster hängen zu lassen oder zu Zwecken, die an dieser Stelle nicht näher beschrieben werden sollen .

Kurze Erläuterungen:

§ 1 – Gebremst wird digital: entweder „0“ (gar nicht) oder „1“ (Vollbremsung). Die Bremsbacken werden so selten genutzt, dass man sie nach dem Dahinscheiden des Autos (siehe obiges Bild) noch als „praktisch neuwertig“ weiterverkaufen bzw. an seine Kinder vererben kann.

§ 2 – Selbst wenn man als Fußgänger „grün“ hat, nehmen das die rechtsabbiegenden Autos selten zur Kenntnis, sondern drängeln sich rücksichtlos durch (Am schlimmsten sind die Pizzafahrer auf ihren Mopeds. Ich möchte denen am liebsten das Basecap von der Rübe hauen!)

§ 3 – Jedes Polizei- und Ambulanzfahrzeug fährt mit permanent eingeschalteter Rundumleuchte durch die Gegend, auch und besonders, wenn es nichts zu retten gibt. Falls es doch einen Einsatz geben sollte, wird zusätzlich die Tröte eingeschaltet. Kein Wunder, dass der gewöhnliche Autofahrer die ihm zur Verfügung stehenden optischen Signale nutzt, um alles Mögliche anzuzeigen, nicht aber das, was man erwarten dürfte.

§ 4 – Manchen Autos verfügen gar nicht mehr über dieses technische Feature, so dass man fairerweise denen, die noch über funktionsfähige Scheinwerfer verfügen, das Recht nicht vorenthalten darf, diese NICHT zu benutzen. Selbst die Polizei fährt des Nachts gerne „unerkannt“ durch die Straßen.

§ 5 – Eine weitverbreitete Eigenart ist es, bei Annäherung an eine uneinsichtige Kreuzung (und das sind ca. 99% aller innerstädtischen Kreuzungen), den Fuß vom Gas zu nehmen und kurz die Hupe zu betätigen, um den aus anderen Richtungen heraneilenden Autos das Kommen zu signalisieren. Dann rauscht man, ohne die Bremse zu touchieren, in die Kreuzung hinein und gibt ab dem Zeitpunkt, wo man erkennen kann, dass frei ist (also ab Mitte der Kreuzung) wieder Gas. Falls wider Erwarten die Kreuzung nicht frei war und die Fahrt ein abruptes Ende findet, kann man sich darauf berufen, dass man vorab Zeichen gegeben hat. Offensichtlich hat denen noch keiner gesagt, dass man das meist klägliche Krächzen oder Wimmern einer Hupe in einem Auto, dass durch eine Häusezeile verdeckt mit ähnlicher Geschwindigkeit heraneilt, gar nicht hören kann, abgesehen davon, dass der Geräuschpegel im Inneren dieser Kisten meist weit über der Schmerzgrenze liegt.

Bei aller Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern, Fußgängern und dem eigenen Auto kann man trotzdem nicht behaupten, dass die argentinischen Autofahrer unsensibel sind. Es gibt eine Sache, bei der man feinfühlig und außerst umsichtig vorgehen muss – beim Schließen der Autotüren! Wenn man hier einen Taxifahrer zur Weißglut bringen will, muss man nur einmal kräftig die meist schwergängigen und hakeligen Türen zuknallen. Man muss es nicht verstehen, aber es ist so!


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