Meine Argentinienreise 2007/2008

Cristina presidenta

10:51, 1 November 2007 .. 0 Kommentare .. Link

Was alle erwartet hatten, ist auch eingetreten: Cristina Fernandez de Kirchner und ihre „Frente para la Victoria“ gewann die Präsidentschaftswahlen überlegen mit 43,9 % vor ihren politischen Konkurrenten Elisa Carrió (Coalición Civico) mit 22,1% und dem Ex-Wirtschaftsminister Roberto Lavagna mit 18,1%. Der Rest der Mitbewerber unter „ferner liefen“.

Eine politische Analyse möchte ich an dieser Stelle nicht wagen. Dafür fehlt mir das Expertenwissen, außerdem kann man dies an anderer Stelle ausführlich nachlesen:

camillalandboe.blogspot.com/2007/10/cristina-kirchner-ist-neues.html

www.sueddeutsche.de/ausland/artikel/82/125890/

www.tagesschau.de/ausland/kirchner38.html

Was ich als Außenstehener bestenfalls äußern kann, sind meine Beobachtungen. Zum einen wurde hier in der Stadt plakatiert, was das Zeug hält. Teilweise wurden Mauern über mehrere Straßenzüge großflächig mit Plakaten beklebt oder mit Parolen bepinselt. Dieses Programm wechselte ständig. Hemmungslos wurden die Plakate der politischen Konkurrenz überklebt oder abgerissen. Ich hatte mal die Idee, ein und dieselbe Plakatwand jeden Tag zu einer bestimmten Zeit zu fotografieren, um das „Bäumchen-wechsle-dich“-Spiel zu dokumentieren. Daraus hätte man dann ein politisches Daumenkino basteln können. Am Ende fehlte mir aber die Lust dazu, so wie den meisten Leuten im Lande die Lust zum Wählen fehlte (es ist übrigens Wahlpflicht in Argentinien). Von rund 27 Mio. Wahlberechtigten gingen nur 11,8 Mio. zu den Wahlurnen.

Cristina Kirchners „Frente para la Victoria“ gewann die Mehrheit in allen Provinzen außer in Capital Federal (Buenos Aires Stadt) und in den Provinzen San Luis und Córdoba. Hier in Córdoba Capital hatte sie einen schweren Stand (sie erzielte nur knapp 19 % der Stimmen), was sicherlich auch daran lag, dass das Ansehen ihrer Partido Justicialista (umgangssprachlich die „Peronisten“) auf Grund der undurchsichtigen Gouverneurswahlen Anfang September gelitten hat. Aber vielleicht sind die Córdobeser einfach nur aufsässig.

Cristina Kirchner ist zwar die erste gewählte Präsidentin des Landes, aber es gab schon eine Frau, die das Amt als Präsidentin führte: María Estela Martínez de Perón, Ehefrau des Juan Domingo Perón (eben desjenigen), der von 1946-1955 Präsident des Landes war, ehe er von den Militärs gestürzt wurde und ins Exil ging (seine Evita starb ja bereits 1952). Nach turbulenten und chaotischen Jahren in Argentinien, wo eine Regierung nach der anderen aus dem Amt geputscht wurde, kehrte er 1973 aus dem Exil zurück und wurde im September des gleichen Jahres als Staatspräsident wiedergewählt. Knapp 10 Monate später starb er, und seine Witwe wurde seine Nachfolgerin. Ihre Amtszeit währte nicht einmal 2 Jahre; dann putschte das Militär erneut, und es begann eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte des Landes: die Militärdiktatur von 1976-1983.

Aber: ein Vergleich der heutigen Situation mit der von 1973 ist absolut unstatthaft. Cristina (ich erlaube mir, sie wie alle Argentinier mit dem Vornamen anzureden) ist die erste gewählte Präsidentin des Landes und hat somit ein neues Kapitel in der Geschichte Argentiniens aufgeschlagen. Eigentlich hätte ihr Ehemann und gegenwärtige Präsident Néstor Kirchner für eine zweite Amtszeit antreten können; warum er das nicht tat, wurde mir so erklärt: Kirchner ist kein Mensch, der gerne im Rampenlicht steht. Auslandsreisen waren ihm ein Gräuel, in der Öffentlichkeit wirkt er oft farblos und nüchtern. Er beschäftigt sich lieber mit Wirtschaftsangelegenheiten, als dass er das Amt repräsentiert. Ganz anders seine Frau Cristina, die den Auftritt, die Show liebt, die eloquent und intelligent ist, außerdem eine gute Rednerin und darüber hinaus ihr Erscheinungsbild sorgsam pflegt (offiziell wird dementiert, dass sie beim Schönheitschirurgen vorstellig wurde) und deswegen einer breiten Schicht der Gesellschaft als Leitbild dient.

Momentan stehen die Sterne – sprich: die wirtschaftliche Situation in Argentinien – gut. Cristina wird die kommenden 4 Jahre regieren, natürlich mit Néstor hinter den Kulissen, was quasi einer Fortsetzung der bisherigen Politik entspricht. Bei den nächsten Präsidentschaftswahlen 2011 kann Néstor wieder antreten, 2015 laut Wahlgesetz für ein zweites Mal, so dass man, unterstellt man eine positive wirtschaftliche Entwicklung in den kommenden Jahren, von einer Regentschaft der „kirchneristas“ (so werden sie schon genannt) von mindestens 16 Jahren ausgehen kann. Cristina könnte dann auch noch 2x für das Amt kandidieren, was im günstigsten Fall der Fälle noch mal 8 Jahre draufsattelt. Macht alles in allem 24 Jahre Präsidentschaft durch die Famile Kirchner, fast ein Vierteljahrhundert, was für mich bedeuten würde, dass ich dann 60 Jahre alt sein werde, ehe ich einen argentinischen Präsidenten oder eine Präsidentin erlebe, die nicht Kirchner oder Kirchner de Fernandez heißt. Dieser Gedanke beunruhigt mich ein bisschen…

Nichtsdestotrotz: wünschen wir ihnen alles Gute und hoffen das Beste für ihr Land!


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