Meine Argentinienreise 2007/2008 | |
Cerro Champaquí
15:11, 10 November 2007
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Am Dienstagmorgen (06.11.) schulterte ich meinen Rucksack und machte mich auf in die Sierras de Córdoba, um endlich meine lang ersehnte Wandertour machen zu können. Im letzten Moment entschied ich mich, den höchsten Berg der Sierras, den Cerro Champaquí (2.790 m, andere Quellen sprechen von 2.994 m) zu ersteigen, inmitten der Sierras Grandes südwestlich von Córdoba und westlich des Valle Calamuchita gelegen.Ich nahm also den Bus bis Villa Genral Belgrano (ja genau, wo das Oktoberfest stattfand) und musste zusehen, wie ich nach Villa Alpina gelangen konnte, dem letzten Ort zu Fuße der Berge. Da es bis dahin 45 km sind und der nächste Bus erst am Donnerstag fährt, schaffte ich ca. 25 km mittels Autostop (zuerst auf der Ladefläche eines Pick-up, dann mit einem LKW), den Rest, besonders die Stichstraße nach Villa Alpina (17 km), musste ich auf Schusters Rappen zurücklegen. Am Abend fand ich Unterkunft in einer Herberge. ![]() Jetzt musste ich mich informieren, wie ich zum „Refugio“ am Fuße des Berges gelange. Der Reiseführer und auch die Touristeninformation in Villa Belgrano rieten mir, nur mit Ortskundigen aufzusteigen. Man kann sich in Villa Alpina einen Führer mitsamt 2 Pferden mieten für 100 Peso pro Tag, was mir zuerst verlockend erschien, aber letztendlich entschied ich mich, den Aufstieg allein zu wagen, denn Neliu, der Betreiber der Herberge und des einzigen Ladens im Ort (der nur 20 Einwohner hat), skizzierte mir eine Wanderkarte auf Packpapier.
So lief ich also am Mittwochmorgen frischen Mutes und bei herrlichstem Sonnenschein los. Knapp 13 Kilometer und 1.000 Höhenmeter waren zu überwinden, der Pfad meistens gut zu erkennen, weil ausgewaschen oder mittels kleiner Steinhäufchen markiert. Wenn alles nichts half, gerade auf den Hochplateaus, das ausschließlich aus Steinen bestand, dann konnte man sich immer noch an den Hinterlassenschaften der Pferde orientieren.
Die Landschaft erinnerte mich zu einen an das Riesengebirge, wo man auch erst mal durch Nadelwälder aufsteigt und dann die Krüppelholzzone erreicht, in der großes Gestein herumliegt. Dann auf den Plateaus mit Blick auf die mächtige Bergkette kam ich mir wie in den rumänischen Karpaten vor. Schroff, karg, manchmal abweisend, aber immer faszinierend. Ohne Probleme erreichte ich nach 6 Stunden Weg das Refugio, das idyllisch an einem Flüsslein am Fuße der Berge gelegen ist. Ich war der einzige Gast. Jetzt musste ich den Aufstieg vorbereiten. Karten gab es keine, also musste ich mir den Weg wieder beschreiben lassen. Dieser führte nicht geradewegs zum Gipfel, den man vom Tal aus erkennen konnte, sondern in mehreren Schleifen an Schluchten vorbei hinan. Die einzigen Orientierungshilfen sind auch hier wieder kleine Steinhäufchen. Tags darauf, mit Sonnenaufgang, marschierte ich los. Es war bewölkt und trocken. Als ich den ersten Anstieg hinter mir hatte, auf dem ersten Hochplateau, passierte genau das, wovor man alle Reisenden hier warnt: mit einem Male zogen in rasender Geschwindigkeit Nebel auf, wie Apokalyptische Reiter kamen sie herangeschossen und hüllten alles ein. Dazu pfiff ein kalter Wind.
Jetzt hieß es einfach warten. Nach einer halben Stunde hatte sich der Nebel einigermaßen gelichtet, und ich setzte meinen Weg fort. Ich hatte gerade den zweiten steilen Anstieg hinter mir, als der Nebel wieder dichter wurde und ich kaum 10 oder 15 Meter schauen konnte. Erst begann es zu nieseln, dann zu regnen, und als der erste Gewitterdonner hallte, wusste ich, dass ich den geordneten Rückzug antreten musste. Seit ich vor zwei Jahren im Riesengebirge in ein Gewitter geriet und mehrere Blitze in meiner unmittelbaren Nähe einschlugen, habe ich einen Heidenrespekt vor dieser Naturgewalt. Völlig durchnässt kam ich unten im Refugio wieder an. Ich entledigte mich meiner nassen Kleider und kroch erst mal in den Schlafsack. Schade, dachte ich, ich wäre gern bis zum Gipfel gekommen, aber der Berg hat mir seine Macht gezeigt und es hat keinen Sinn, dagegen ankommen zu wollen. Gegen Mittag hörte der Regen auf und die Wolken lichteten sich. Die Sonne kam hervor und die Berge ragten majestätisch in den mittlerweile azurblauen Himmel. Ich war am Überlegen, ob ich nach Villa Alpina zurückkehren oder noch ein bisschen bleiben sollte, da durchfuhr mich der Gedanke, den Aufstieg noch mal zu versuchen. Also rein in die klammen Klamotten (Sonne und Wind werden sie schon trocknen) und los. Drei Stunden soll man bis hinauf benötigen, und ich wollte dem Berg zeigen, dass ich nicht sogleich aufgebe, sondern auf meine Chance warten kann.
Vorbei an den abenteuerlichsten Felsformationen, über von Bächen durchzogenen kleinen grünen Oasen, auf denen Rinder, Pferde oder Maultiere weideten, über Geröllhalden und kurze, steile Felsanstiege kraxelte ich empor und erreicht nach knapp zwei Stunden den Gipfel. Hier hatte ich genau 5 Minuten Zeit, ins weite Land zu schauen, dann zogen wieder Wolken auf und es pfiff ein heftiger Wind. Noch ein Erinnerungsfoto auf dem Gipfel (bin halt ein Touri), eine letzte Reminiszenz an diejenigen, die im Berg geblieben sind und an die ein Denkmal erinnert, dann stieg ich wieder ab. Mit einem absoluten Glücksgefühl kam ich wieder im Refugio an. Ich hatte es geschafft!
Was sollte jetzt noch passieren? Ich würde am nächsten Tag gemütlich zu Tale wandern und mit dem nächsten Auto in Richtung Villa Belgrano und dann mit dem Bus und einem Sack voller Impressionen nach Córdoba fahren. Dachte ich, denn des Nachts begann es kräftig zu regnen und zu gewittern. Der Wind versuchte beständig, das Dach meiner Hütte abzuheben. Und immer dieses Wetterleuchten im Fenster; ich konnte die letzten Stunden bis zum Morgen nicht mehr richtig schlafen. Um 6 Uhr musste ich los, wollte ich meinen Plan einhalten. Dick angezogen, Regenjacke übergezogen, Kraxe geschultert und los ging es – die ersten 150 Meter bis zu einem Fluss, der gestern noch ein Rinnsal war, aber jetzt ein reißender Strom. Da musste ich durch, im wahrsten Sinne des Wortes, und obwohl ich mir die Hosenbeine hochkrempelte, stand ich bald bis Unterkante Sitzfläche im eiskalten Wasser, die Schuhe und Strümpfe in der Hand haltend. Kurz vor Erreichen des anderen Ufers trat ich ins Leere und rutsche weg. Ich zog das völlig durchnässte Schuhwerk wieder an und lief los. Zuerst steifbeinig wie ein Zinnsoldat, dann aber gewöhnte ich mich an meine klitschnassen Klamotten, zumal der Wind von hinten kräftig schob, so sehr, dass ich manchmal fast abhob.
Es war ein bizarres Schauspiel. Der Regen hatte alles verändert. Man konnte den Weg kaum mehr erkennen, teilweise hatte das Wasser neue Furchen in die Hänge geschnitten, der Wind schmiss mich bald um, zwei weitere Bächlein haben sich zu Gebirgsströmen gemausert und ich hatte trotzdem nie das Gefühl, dass ich hier oben einsam und verloren bin. So, wie mir der Berg tags zuvor seine Macht zeigte, so demonstrierten mir die Elemente ihre Kraft. Ich verstehe dies immer als Lehrstunde, um den Respekt vor der Natur nicht zu verlieren, um nicht dem Glauben zu verfallen, dass man alles mittels Technik und Technologie lösen und bewältigen kann und vor allen Dingen, dass man nicht immer der Herr des Geschehens ist und eben die Situation, so wie sie ist, akzeptieren muss. So also kämpfte ich mich vorwärts und überwand nach etwa der Hälfte der Strecke den Kamm und erreichte somit das „rettende Ufer“, den auf der Hangseite gab es diese Urgewalten der Natur nicht mehr. Es war, als ob jemand den Schalter umgelegt hatte: blauer Himmel und eine strahlende Sonne. Gegen halb zehn Uhr erreichte ich Villa Alpina, wo ich mir erst mal ein ausgiebiges Frühstück gönnte (Brot, Bier und Käse). Als ich daraufhin aufbrach, zum Ortsausgang lief und mich nach einem Bus erkundigte, sagte man mir, dass dieser eben vor 10 Minuten abgefahren sei. Unnötig zu erwähnen, dass dies der einzige Bus des Tages ist. Aber was soll’s? Die 17 Kilometer zurück bis an die Hauptstraße reiße ich auch noch runter. Vielleicht überholt mich ja doch noch ein Auto und pickt mich auf. Mir schmerzten die Füße, die Gelenke und Muskeln (ich bin mehr als 80 km in vier Tagen gelaufen, die Höhenmeter nicht eingerechnet), aber ich war absolut glücklich. Nach zweieinhalb Stunden erreichte ich die Kreuzung und wenige Minuten später hielt auch schon ein Auto, das mich bis nach Córdoba mitnahm. Als ich da ankam, mich mit meiner Kraxe durch den Verkehr schlängeln musste, hatte ich schon wieder Sehnsucht nach den Bergen. Die Erlebnisse der letzten Tage muss ich erst mal setzen lassen.
Weitere Bilder findet ihr im Ordner „Sierras de Cordoba“ Kommentar hinterlassen { Vorherige Seite } { Seite 86 von 180 } { Nächste Seite } |
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