Meine Argentinienreise 2007/2008

Leute, die man so kennt…

11:28, 14 November 2007 .. 0 Kommentare .. Link
Ich habe heute mal wieder eine Geschichte, die nur das Leben schreiben kann. Hier in der Nähe gibt es einen Tabakladen. Der fiel mir auf, weil er so herrlich altmodisch ist und der Geruch von frischem Tabak bis auf die Straße zieht. Da ich einer gelegentlichen Zigarre nicht abgeneigt bin, betrat ich also vor einigen Tagen den Laden, wo ich einem älteren Herrn mit weißem Rauschebart meinen Wunsch vortrug. Da ich noch nicht annähernd akzentfrei castellano spreche, kamen wir natürlich auf meine Herkunft zu sprechen, und da meinte er, dass er in Deutschland war, und zwar in Jena, Buchenwald, Nordhausen, Halle und Dresden. Da machte ich erst mal große Augen. Wieso gerade diese Orte, und vor allen Dingen wann? Dem Alter nach könnte das schon vor ´45 gewesen sein, aber ich getraute mich nicht zu fragen.

Ich wollte aber gern mehr wissen, ging ein paar Tage später wieder in den Laden und kam mit dem Mann ins Gespräch. Sein Name ist Pedro Petroff, geboren vor 78 Jahren in Ruse/Bulgarien, 1957 aus dem mittlerweile kommunistischen Land geflüchtet und nach Argentinien ausgewandert. Dort lebte bereits sein Onkel Basilio (Wasilio) Petroff, der als Offizier für Bulgarien im 1. Weltkrieg gedient hatte, nach dem Krieg demobilisiert wurde und sich mittels Schmuggel über die bulgarisch-türkische Grenze das Geld für die Überfahrt nach Südamerika im Jahre 1920 verdiente. Er gründete 1921 diesen Tabakladen in Córdoba.

Pedro Petroff hat zudem familiäre Beziehungen nach Einrode im Harz. Dort lebt seine Schwester, die als Musikprofessorin und Orchesterleiterin 1982 der Arbeit wegen in die DDR kam, dort heiratete und blieb. Ihr stattete Pedro Petroff im vergangenen Jahr einen Besuch ab, beschaffte sich ein Auto Marke VW Golf und fuhr mit diesem allein (!) drei Monate und knapp 4.800 km durch den Osten und Südosten Europas und durchquerte Tschechien, die Slowakei, Österreich, Ungarn, Bulgarien, Griechenland, Rumänien, Moldawien und die Ukraine (Aufzählung sicherlich unvollständig). Welch unglaubliche Tour…

Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Da steht ein alter, schwerhöriger Mann hinter der Theke eines Tabakladens in Córdoba und erzählt mir von seinen jüngst erlebten Abenteuern in Osteuropa. Dann geht er kurz nach hinten ins Büro und kommt mit einer Flasche klarer Flüssigkeit zurück und bittet mich, es zu probieren. Astreiner Schnaps, und wenn die Angabe auf der Banderole stimmt (55 %), dann ist es doppelt gebrannter Schnaps aus Weintrauben. Hausmacherqualität. Die bekam ich als Geschenk. Und dazu noch eine Zigarre, die laut Auskunft des Herrn des Tabakladens „muy fuerte“ ist. Den Schnaps kriege ich weg, da helfen mir meine Rumänienerfahrungen („Noroc şi sanatate!“), aber die Zigarre wird mich – so fürchte ich - umhauen.

Und weil ich gerade beim Thema bin: es ist schon eine Weile her, da traf ich einen ziemlich verqueren Typen an der Trolleybushaltestelle. Sah aus wie Indiana Jones, mit Lederhut und Dschungelweste, zerfurchtes Gesicht. Der tigerte hin und her, und als der Bus endlich kam, sprangen wir auf und quatschten ein bisschen. Er stellte sich mit Namen Willy Crook vor und meinte, er sei ein Musiker, der Gott und die Welt kennt. Er gab mir seine Visitenkarte, und als ich mir seine Website anschaute (www.willycrook.com), sah ich ein Foto von ihm mit James Brown – ja, d e r James Brown, The Godfather of Soul (R.I.P.)! Willy hatte schon in Europa, vor allen Dingen in Frankreich gearbeitet, u.a. für die Organisation „Mediziner ohne Grenzen“ (warum auch immer), und er beherrscht eine einzigen deutschen Satz (den aber akzentfrei): „Haste mal ne Kippe?“

Eine völlig andere Assoziation mit Deutschland hat eine Frau, die ich beim Tango kennen lernte. Ihr Name ist Martha Chiarlo, sie ist Malerin und schwärmt für Egon Schiele. Und wenn man sich ihre Werke anschaut, dann kann man dessen Einfluss auf ihr Œvre gut nachvollziehen. Mir gefallen diese Bilder ausgesprochen gut, und deswegen sei an dieser Stelle freundlichst auf Ihre Website verwiesen (ein Klick auf das Bild, und ihr betretet die Bildergalerie).

 

PS: War gestern noch mal im Zigarrenladen. Als Geschenk gab es eine „Guantanamera“ in Fidel-Castro-Qualität! Das wird meine Abschiedszigarre für Córdoba.


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