Meine Argentinienreise 2007/2008 | |
Sierras de Córdoba
14:59, 4 December 2007
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Zum Schluss meines Aufenthaltes in Córdoba wollte ich noch einmal die Sierras de Córdoba durchqueren oder umrunden. Ich hatte zwar schon einige bemerkenswerte Gegenden im Süden der Sierras kennen gelernt, es fehlte mir aber ein Eindruck vom nördlichen Teil der Gebirgskette. Doch zuvor hieß es erst einmal arbeiten, denn am Samstag, den 24.11., rückten wir von Un Techo Para Mi País noch einmal in unseren „villas“ ein, um die Häuser mit einer einfachen Wärmedämmung zu versehen. Hierzu mussten wir die Wellblechdächer entfernen, dann wurden mehrere Reihen Draht kreuz und quer über die Dachbalken gespannt, um die beidseitig mit Aluminium beschichtete Isomatte darüber zu legen und zu befestigen, und schlussendlich nagelten wir die Dachplatten wieder auf. Kurzer Prozess. Ich bin zwar mit dieser Art der Wärmedämmung nicht ganz einverstanden – ich vermisse ein paar Prinzipien, die man bei uns in Deutschland für unerlässlich hält – aber diese Methode reduziert zumindest die direkte Wärmeabstrahlung des Blechdaches erheblich. Damit ist meine Arbeit für Un Techo Para Mi País (vorerst) beendet. Danach hieß es Sachen packen, denn am darauf folgenden Tag machte ich mich mit meinem Rucksack auf in die Sierras. Zuerst ging es nach Tanti, einem kleinen Ort am Fuße der Sierras, wo ich einen guten Freund besuchte und einen geruhsamen Sonntag verbrachte. Anderentags brach ich auf in Richtung der „Los Gigantes“, einer Felsenlandschaft inmitten einer auf einer Hochebene gelegenen Pampa. Diese Felsen werden Giganten genannt, weil sie zu einen aus Granit sind und zum anderen imposant emporragen. Von Tanti aus sind es ca. 30 km, und normalerweile legt man diese Strecke ganz locker mit dem Bus zurück, nur fand ausgerechnet an diesem Tag mal wieder ein Streik der Busfahrergewerkschaft statt. Mir blieb nichts anderes übrig, als diese Strecke zu laufen und auf einen Autostopp zu hoffen.
Am Abend erreichte ich dann endlich das Hostel am Fuße der Giganten. Wenn man den ganzen Tag durch die staubige, vor Hitze flirrende Pampa läuft, weiß man einen schattigen Platz, das kühle Wasser eines angrenzenden Flüsschen, ein kaltes Bier und „pan casero“ (hausgebackenes Brot) sehr zu schätzen.
Am kommenden Tag der Aufstieg. Ich lief früh los, weil ich das weiche Licht der Morgensonne zum Fotografieren nutzen wollte. Man sagte mir, dass der Aufstieg zum höchsten Punkt, dem Cerro de la Cruz (2.374 m), etwa 2-3 Stunden dauert, und „el resto con manos“ – das letzte Stück mit Händen, was ich erst begriff, als ich vor dem steil aufragenden Gipfelstück stand. Ab hier muss man wirklich mit Händen klettern, wozu ich aber wenig ambitioniert war.
Dieser Aufstieg ist kein Vergleich zum Cerro Champaquí vor 3 Wochen, auch wenn die Wege hier schlechter gekennzeichnet sind. Man läuft ganz kommod bergan und hat einen wunderbaren Blick über die endlose Weite der Pampa. Ein bisschen pfeift der Wind, aber ansonsten ist absolute Stille. Ein schöner Platz zum Innehalten und Lauschen.
Am selben Tag noch kehrte ich nach Tanti zurück (die Busse fuhren wieder), und ich machte mich bereit für eine Busfahrt, die mich anderntags über den abenteuerlichen „Camino de los Puentes Colgantes“ von Villa Carlos Paz im Osten nach Mina Clavero im Westen der Sierras führen sollte. Diese Straße, die auf einer Länge von ca. 120 km aus mehr als 1.500 Kurven und Steigungen bzw. Gefällen von bis zu 17 % besteht, wurde zwischen 1915 und 1918 auf Anordung des damaligen Gouverneurs der Provinz Córdoba gebaut, um den abgeschiedenen Westteil der Provinz an die Stadt Córdoba anzubinden. Man riet mir, eine Kotztüte mitzunehmen, aber ich überstand diese manchmal wirklich atemberaubende Fahrt ohne Probleme. Der Ort Mina Clavero war für mich eine Enttäuschung. Ich habe manchmal vage Vorstellungen von den Orten, die ich zu bereisen gedenke, und da schien mir Mina Clavero mit seinen zwei Flüssen – einer mit kaltem und einer mit warmen Wasser – ein interessanter Ort zu sein. Tatsächlich waren die beiden Flüsse auf Grund des ausbleibenden Regens eher kleinere Rinnsäle, und der Ort selber bereitete sich auf die Ankunft der Touristen vor, die hier im Dezember und Januar in Heerscharen einfallen. Also weiter nach Norden, nach einem anderen geheimnisvoll klingenden Ort namens San Marcos Sierra. Und hier fand ich das, was ich suchte!
San Marcos Sierra ist – verkürzt gesagt – ein Aussteiger- und Hippie-Dorf. Es liegt am nördlichen Ende der Sierras de Córdoba, also quasi hinter den Bergen, und etablierte sich ab den 1960er Jahren, spätestens aber zur Zeiten der Militärdiktatur ab 1976 zu einem Ort, wo man als Andersdenkender oder Non-Konformist relativ problemlos leben konnte. Etwa 1.000 Menschen wohnen hier, die dem städtischen Leben, besonders dem in Buenos Aires, für immer den Rücken gekehrt haben. Hier lebt man heute vom Tourismus, dem Verkauf von Kunsthandwerk oder als Betreiber kleiner Geschäfte, Bars oder Restaurants, letztere auch für Vegetarier, was im Land der Fleischberge noch immer eine Seltenheit ist. Die Kleidung ist auffallend bunt, die Haare meistens lang, alles ist so friedlich und entspannt und sogar die Hunde, die hier durch die Straßen streunen, bellen und kläffen nicht um die Wette.
Auf der Fahrt mit dem herrlich altmodischen dorfeigenen Bus von Cruz del Eje nach San Marcos Sierra traf ich zudem noch einen anderen Weltenbummler, der – wenn man die Distanzen global betrachtet – ganz in der Nähe von Dresden lebt: Stanislav aus Karlovy Vary/Karlsbad, der sich mit wenig Geld durchschlägt und der, obwohl er meint, dass er ohne Geld viel freier ist, immer auf der Suche nach einer Arbeit ist, um sich Kost und Logis zu sichern. Auf diese Weise hat er sich zum Experten für Innenanstriche gemausert. Stanislav hat sich in den vergangenen Monaten von Mexiko bis nach Argentinien durchgeschlagen.
In San Marcos Sierras angekommen, fand ich auch gleich den richtigen Platz zum Unterkommen: die „Paraje Saint Germain“, eine Hospedaje mit angeschlossener Bäckerei. Es war nicht nur ein lauschiges Plätzchen mit Patio, einem Innenhof, wo man den Kolibris beim Nektarschlürfen zuschauen konnte, sondern auch eine gute Gelegenheit, morgens um 6 Uhr in der Bäckerei mitzuhelfen, den Teig zu kneten, ihn zu portionieren und die „facturas“, also das Gebäck, mit Butter zu bestreichen oder mit Früchten zu belegen. Nachher gab es dann Frühstück mit den ofenwarmen Köstlichkeiten. Dies ist definitiv ein Ort zum Verweilen, zum Müßiggang ohne Schuldgefühle, in irgendeiner Weise seine Zeit nicht sinnvoll zu nutzen.
Zwei Tage blieb ich hier, ehe ich mich wieder auf den Weg machte in Richtung Cruz del Eje und Dean Funes, zwei Städtchen ganz anderen Kalibers, in denen zur Mittagszeit die Sonne hoch steht und kaum ein Mensch auf der Straße anzutreffen ist. Ich habe auch keine andere Wahl, als mir ein schattiges Plätzchen zu suchen; meistens eine Bar, wo ich was Kühles trinken und TV schauen kann.
Das Gute hier ist, dass fast jede Bar einen Fernseher hat, wo ununterbrochen Fußball läuft. Und wenn man wie ich Glück hat, kann man live die Bundesliga oder Champions League gucken, so wie letzten Mittwoch Werder Bremen – Real Madrid. Auf Grund der Zeitverschiebung von minus 4 Stunden gegenüber Deutschland laufen diese Spiele hier im Nachmittags-Kinderprogramm.
Aber ich sitze zur Mittagszeit nicht nur in Bars herum. Ich streife ganz gern durch die Mittagshitze und die verlassenen Straßen der Orte. Es ist so eine Mischung aus Tristesse und Melancholie auf der einen, aber auch der absoluten Stille und Ruhe auf der anderen Seite, die mich daran so fasziniert. Es ist überhaupt kein Vergleich mit dem städtischen Leben, das wir kennen, möglich. Hier ticken die Uhren wahrhaftig anders.
In Cruz del Eje fand ich in der Nähe des Bahnhofes einen Lokomotivfriedhof. Der ganze Stolz aus der Pionierzeit der Eisenbahn in Argentinien steht hier herum und rostet vor sich hin. Wenn man genau hinschaut, so findet man noch die Insignien der zumeist englischen, aber auch deutschen Firmen, die für den Bau der Eisenbahnlinien verantwortlich waren, mit denen man das Land in seiner schieren Größe „erobern“ konnte.
Ich könnte jetzt noch über viele andere kleine und größere Begebenheiten und Erlebnisse berichten, will es aber dabei belassen, dass ich nach 8 Tagen einmal rund um den nördlichen Teil der Sierras zwar ein bisschen derangiert, aber glücklich und zufrieden wieder in Córdoba angekommen bin. Jetzt bereite ich meine Sachen für die Rückfahrt nach Buenos Aires vor. Am Mittwochabend geht mein Zug. In Buenos Aires habe ich noch ein paar Tage Zeit, mich zu akklimatisieren und wieder auf diese (für mich herrlich faszinierende) Stadt einzulassen, ehe am 17.12. ein großes Ereignis ansteht: ich bekomme Besuch aus Dresden! Kommentar hinterlassen { Vorherige Seite } { Seite 77 von 180 } { Nächste Seite } |
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