Meine Argentinienreise 2007/2008

Meine zweite Reise in den Norden

15:43, 4 January 2008 .. 0 Kommentare .. Link
Nachdem ich im August bereits eine erste „Schnupperreise“ in den hohen Norden Argentiniens unternommen hatte, um mich ein wenig mit der dortigen indigenen Historie und Kultur vertraut zu machen, starteten meine Freundin Eva und ich am 25.12. zu einer weiteren Expedition, die uns zuerst nach Salta und von dort aus weiter nach Jujuy führen sollte. Im Grunde ist diese Reise eine Fortsetzung der Tour, die wir vor 4 Jahren unternommen hatten. Damals waren wir „nur“ bis nach San Miguel de Tucuman und Salta gekommen, von wo aus wir mit einem Mietwagen zwei wunderschöne Rundtouren in die Berge unternahmen (Quilmes, Cachi, Cafayate). Nach Jujuy hatten wir es aus zeitlichen Gründen nicht geschafft, was uns immer ein bisschen ärgerte, weil man sagt, dass dort die Landschaften noch atemberaubender und die Atmosphäre noch mystischer ist.

Das wollten wir nun nachholen, also kauften wir uns Bustickets nach Salta. 18 Stunden dauert eine Fahrt, was auf den ersten Blick schrecklich lange dauert, aber bei bequemen Liegesesseln, Bordverpflegung und Videofilmen kurzweilig werden kann. Anderntags in Salta angekommen, warfen wir unser Gepäck ab und uns ins Getümmel bzw. ins Markttreiben. Salta ist eine wunderschöne Stadt und wird zu Recht „La Linda – Die Schöne“ genannt. Zudem ist sie der ideale Ausgangspunkt für Ausflüge in die magische Bergwelt des Nordens. Wir mieteten uns ein Auto für 5 Tage (für 150 Peso pro Tag = ca. 30 EUR) und fuhren am Vormittag des 28.12. aus der Stadt in Richtung Norden hinaus.

Die schmale Straße schlängelte sich durch grüne Landschaften und dicht mit Bäumen bewachsene Berge und Schluchten. Bald überquerten wir die Provinzgrenze nach Jujuy und erreichten deren Hauptstadt San Miguel de Jujuy, das wir aber rechts liegen ließen, um in die Quebrada de Humahuaca einzutauchen, der Schlucht der farbenfrohen Berge, die sich von hier an mehr als 150 km nach Norden erstreckt. Die Berge zu beiden Seiten der Straße steigen jäh empor und sind an Mächtigkeit kaum zu überbieten. Als Mensch steht man staunend da und kommt sich unendlich klein und unbedeutend vor.

Spätnachmittag erreichten wir Purmamarca, dem kleinen Dorf zu Füßen des berühmten „Cerro Sietecolores“, des siebenfarbigen Berges. Hier berauschten wir uns einmal mehr an der Farbenpracht der Berge, die sich – besonders zum Abend hin - ständig veränderte und erneutes Staunen hervor rief. Dies sind Impressionen für alle Sinne, die sich nur sehr schlecht beschreiben oder bildlich festhalten lassen.

Der zweite Tag unserer Reise sollte uns uns eine Menge abverlangen. Zuerst kletterte unser Auto auf der Ruta 56 westwärts knapp 1.000 Höhenmeter bis auf 4.170 m Seehöhe. Jede Kehre bot fantastische Aussichten auf die mächtigen Berge, die bis zu 6.000 m hoch sind. Mancher Gipfel trägt auch im Sommer noch eine Schneemütze.

Nachdem wir den Pass überwunden hatten, rollten wir in eine Hochebene, in der sich eine weitere landschaftliche Sehenswürdigkeit befand: die Salinas Grandes – die Großen Salzseen. Schon von weitem sehen sie aus wie eine Schneewüste. Durchquert man sie dann auf einem Damm, der den Salzsee teilt, kommt man sich tatsächlich wie in einer Winterlandschaft vor, nur dass die Hitze und die kahlen Berge am Horizont daran erinnern, dass dies zu unseren Füßen kein Schnee, sondern Salz ist. Das Salz ist qualitativ hochwertig und wird auch abgebaut, die flirrende Hitze und die starke Reflexion des Sonnenlichts müssen jedoch grausame Arbeitsbedingungen sein.

Mittlerweile stand die Sonne am höchsten Punkt und wir machten uns auf, einen Teil der legendären Ruta 40 abzufahren; eine Straße, die das gesamte Land von Nord nach Süd durchschneidet – bis hinunter an die Magallanstraße mit Blick nach Feuerland. Wir hatten eine beschwerliche Fahrt über mehr als 100 km Schotterpiste vor uns, die karg bewachsene Hochebene durchschneidend, die auf dem ersten Blick so lebensfeindlich aussah, bei genauerem Hinsehen aber viele interessante Pflanzen und Tiere (Lamas, Guanakos, Wildesel und auch Schaf- und Rinderherden) offenbarte, mitunter auch einige Lehmhütten, in denen tatsächlich Menschen zu wohnen schienen.

Endlich wieder auf asphaltierter Straße angekommen, bogen wir wieder nach Osten ab und erreichten am Abend Humahuaca, wo wir unsere Freunde von der Residencia Estudiantil Aborigen Communitaria besuchen wollten. Dies ist das AYNI-Projekt, ein Wohnheim für junge Indios, denen auf diese Weise Schulausbildung ermöglicht werden soll, über das ich bereits im August berichtet hatte. Die Wiedersehensfreude war natürlich groß, und es gab viel zu erzählen.

Wir lernten René kennen, einem Schweizer, der seit mehr als 30 Jahren Südamerika bereist und wirklich eine Menge interessanter Dinge zu erzählen hat. Es hat sich sehr intensiv mit der Geschichte und der Kultur der Indios befasst und weiß Erstaunliches zu erzählen. Überhaupt sollten wir an diesen Tagen sehr oft mit der Lebensphilosophie der indigenen Bevölkerung in Berührung kommen, die sich sehr stark von unserer europäischen Denkart unterscheidet. Ich habe jetzt leider nicht die Zeit und Muse, dies alles zu beschreiben, aber ich kann soviel sagen: wir Weißen, wie eurozentristisch Denkenden wissen viel zu wenig über das Leben der Indios. Wir hatten das Glück, am Neujahrstag an einem Essen teilzunehmen, das von Indios rituell zubereitet wurde, und lernten auf diese Weise sehr viel über deren Verhältnis zur Natur und zu anderen Menschen kennen. Vieles von dem Gehörten machte mich sehr nachdenklich, weil es zum einen an den Pfeilern meiner Denkkultur rüttelte, ich aber das Gefühl hatte, dass dies berechtigt ist.

Ich will kurz das Neujahrsessen beschreiben: angeleitet wurden wir von einem Mann, der in Peru geboren wurde und nun in Bolivien lebt. Er ist ein echter Weiser, der das Leben kennt, in Minen geschuftet hatte, sich seit langem mit der Geschichte seines Volkes beschäftigte und nun sein Wissen und seine Recherchen in Buchform herausbringt. Zuerst bauten wir einen Steinofen, der allerdings nur aus „männlichen“ Steinen bestehen durfte, da diese bei Hitze nicht zerspringen. Männliche Steine erkennt man an Farbe und Struktur.

Steht der Ofen, wird der über eine Öffnung im Inneren angeheizt. Sind die Steine ausreichend erhitzt (die Temperatur im Inneren soll bis zu 500 °C betragen!), wird der Ofen an seiner Oberseite geöffnet, also die Steine abgetragen, und dann wird das Innnere am Boden mit einer Schicht Kartoffeln und einer Lage Kraut ausgelegt, auf die man Kalbfleisch legt, das wiederum mit Süßkartoffeln, Mais und Erbsenschoten bedeckt wird, ehe eine weitere Lage Kraut und Kopfsalatblätter folgt. Darauf kommt dann das Geflügelfleisch, Paprikaschoten, Maiskolben und eine Ananas, alles sorgsam einer weiteren Lage Kraut abgedeckt, auf das man noch eine weitere Schicht mit Äpfeln, Kartoffeln und anderem Gemüse ausbreitet.

Darauf kommt eine weitere dicke Lage Kraut, die abgetragenen heißen Steine, eine Decke und ordentlich Sand, so dass man schlussendlich vor einem Sandberg steht, dessen schmackhaftes Inneres nur nur zu erahnen, nach einiger Zeit aber sehr deutlich zu riechen ist. Etwa eine Stunde gart es, dann wird der Sandberg abgetragen, die Decke abgehoben und Schicht für Schicht die nun durchgebratenen Leckerein herausgehoben und in die vorbereiteten Töpfe und Pfannen gelegt. Dies war ein echtes Festmahl – gemeinschaftlich vorbereitet und zusammen genossen!

Die Sylvesternacht verbrachten wir in Purmamarca. Uns gefiel die Vorstellung, das Ende des alten und den Beginn des neuen Jahres in einem abgeschiedenen Dorf zu verbringen. Gegen Mitternacht versammelten sich alle Leute auf der kleinen Plaza, einige packten ihre Instrumente aus, und los ging die Party aus Musik, Gesang, Tanz und Feuerwerk. Und wir „alemanes“ mittendrin.

Es gäbe noch viel mehr zu erzählen, allerdings würde ich da noch Stunden mit dem Schreiben verbringen müssen. Solch eine Reise besteht ja meistens aus einem dicken Pfeil, von dem viele kleine Pfeile nach allen Seiten abgehen. Viele Erlebnisse waren und sind sehr persönlicher Art, sei es, weil man diese nur in Gemeinschaft und unmittelbar erleben kann, oder weil sich hie und da ein Bogen zu anderen gemeinsamen Erlebnissen und Abenteuern schlagen lässt.

Ich für meinen Teil werde im Februar zu meinen Freunden nach Jujuy zurückkehren. Es gibt noch einiges zu tun in der Residencia (wir wollen eine Zisterne bauen), und ich finde hier auch den geeigneten Ort, um mich intensiv auf meine Reise nach Bolivien und Peru, die im März beginnen soll, vorzubereiten.

Im Augenblick sind wir wieder in Buenos Aires. Einige Tage haben wir noch, bis sich mein Besuch wieder in Richtung Dresden verabschiedet und ich meinen Rucksack für eine Reise in den Süden, nach Patagonien, packen werde.


Kommentar hinterlassen

{ Vorherige Seite } { Seite 72 von 180 } { Nächste Seite }

Über mich

Home
Profil
Archiv
Freunde
Fotoalbum

Links

Argentina Online
CouchSurfing
Zackenbahn
Jean Béliveau
Un Techo Para Mi Pais Argentina
VCDB
Henryk Wolski
Weltenbummler2003
Tango in Córdoba
Projekt AYNI
Argentinien - Politik & Gesellschaft
Blog de Mujer
RausVonZuHaus-Argentinien
Silvia Lareo-Vázquez
Karpatenwilli
Rennkuckuck
Dorit auf Reisen
Meiner Brueder Tischlerei

Kategorien

Argentinien
Reisen

Letzte Einträge

The end? This is not the end, my friend!
¡Adios Argentina!
Ein neues Zeitalter ist angebrochen!
Chau Córdoba (zum Zweiten!)
Wieder in Córdoba
Construcción mit Un Techo Para Mi País – meine Dritte
La ciudad de mis sueños...
Jack Kerouac hat mir den Arsch gerettet...
Wieder in Cochabamba
Von Huancayo nach La Paz
Un Techo Para Mi País - construcción vom 23.-25. Mai
Von Lima nach Huancayo auf der hoechsten Gebirgsstrecke der Welt
Von Quito nach Lima
Mitad del Mundo
Calvin & Hobbes en castellano
Der Panamahut...
El Tren de la Libertad
Im ecuadorianisch-kolumbianischen Grenzgebiet
Mitten durch Ecuador - von Sued nach Nord
Peru - eine Abrechnung

Freunde

semiperfectus
mequegua88
Dorit
datha