Meine Argentinienreise 2007/2008

Spaziergang durch San Telmo

11:27, 5 January 2008 .. 0 Kommentare .. Link
Ich möchte die Gelegenheit nutzen, euch den Stadtteil San Telmo vorzustellen, ehe ich Buenos Aires wieder verlasse. San Telmo war lange Zeit ein Wohnviertel der Armen und der europäischen Einwanderer, denn die wohlhabenderen Leute verließen dieses Viertel gegen 1870, als dort eine Gelbfieberepidemie ausbrach. Hier lebten also die kleinen Leute, die im Hafen oder in den städtischen Schlachthöfen arbeiteten, kleine Geschäfte betrieben oder sich irgendwie durchs Leben schlugen.

Das architektonische Bild unterscheidet sich sehr von dem des nahe liegenden Zentrums. Es gibt nur wenige wuchtige oder repräsentative Gebäude, alles ist kleinteiliger und enger. Auch die Straßen und Bürgersteige sind sehr schmal gehalten, so dass man in der Rushhour, die praktisch den ganzen Tag anhält, aufpassen muss, nicht von einem vorbeifahrenden Auto gestreift zu werden.

In San Telmo ist auch der Tango zuhause, vielleicht sogar mehr als in La Boca, das eigentlich nur aus der Vorzeige-Flaniermeile „El Caminito“ und sonst aus no-go-areas für Touristen besteht, in denen man schnell seine Habschaft verlieren kann. In San Telmo dagegen kann man zu jeder Zeit durch die Straßen flanieren und sich von den vielen Cafés einladen lassen, die Antiquitätenläden und –märkte durchforsten, etwas Feines in einem Restaurant essen, die vielen kleinen Kioske und Läden bestaunen oder sich irgendwo in den Schatten setzen und etwas lesen. Das Leben ist hier noch nicht so hektisch und laut wie im Zentrum der Stadt.

In San Telmo geht man noch seinen täglichen Beschäftigungen nach. Am frühen Morgen kehren und spülen die Hausmeister die Bürgersteige vor ihren Häusern, die Zeitungsverkäufer schließen ihre kleinen Buden auf und sortieren die aktuellen Zeitschriften, einige Cafés haben bereits geöffnet, in denen Kundschaft, meist einen „cafecito“ (Espresso) und ein Glas Wasser vor sich stehend, vertieft Zeitung liest, es ist noch recht frisch von der vergangenen Nacht und auch auf den Straßen ist noch nicht so viel Verkehr.

Das ändert sich dann gegen 9 Uhr, wenn die Geschäfte öffnen und die Busse jaulend durch die engen Straßen jagen, meist gefolgt von Taxischwärmen, die unablässig ihre Kreise durch die Stadt ziehen. Jetzt sind auch wesentlich mehr Leute auf den Straßen anzutreffen, die sich die Gehwege mit den vor den Geschäften stehenden Obst- und Gemüsekisten, herumliegenden Müllsäcken, Baustellenabsperrungen oder kreuz und quer parkenden Autos oder Mopeds teilen müssen. Ist irgendwo im Zentrum mal wieder eine Demonstration, dann staut sich der Verkehr kilometerlang bis in die angrenzenden Viertel, so auch in San Telmo, was in stinkendem Lärm und wilden Hupkonzerten mündet.

Am Nachmittag ist es draußen eigentlich gar nicht auszuhalten. Besonders im Hochsommer ist es irre heiß, so dass man sich vernünftigerweise ein schattiges Plätzchen suchen sollte. Hier bieten sich wieder die kleinen Cafés an, in denen man stundenlang mit einem Buch oder seiner Zeitung vor seinem Milchkaffee sitzen kann, ohne gestört zu werden. Wenn gegen Abend die Hitze und der Berufsverkehr nachlassen, trifft man wieder die Flaneure und Spaziergänger, die durch die Straßen schlendern, auf der ungezwungenen Suche nach einem schönen Ort zum Verweilen und Genießen – ob kulinarisch oder kulturell.

San Telmo erinnert mich sehr an die Dresdner Neustadt, in der ich zuhause bin. Diese war auch ein Viertel der kleinen Leute und vielköpfigen Familien, die meist auf viel zu kleiner Fläche in schönen, oftmals aber heruntergekommenen Häusern lebten. Dies war zu DDR-Zeiten einer der wenigen Rückzugsorte für diejenigen, die sich nicht vom Staat vereinnahmen lassen wollten. Nach der Wende boomte das Viertel auf Grund des enormen kreativen Potentials seiner Bewohner, und heute ist es ebenfalls ein Stadtteil, der zwischen ungebändigter Kreativität und Kommerz pendelt. In San Telmo erkennt man dies am Nebeneinander alter Kneipen und Cafés, wo man noch auf alten, abgenutzten Holzstühlen sitzt und an deren Wänden vergilbte Fotografien aus alten Zeiten hängen, und gestylter Szenekneipen mit Wi-Fi und europäischen Premium-Bier, in denen zumeist Touristen mit ihren „Lonely Planet“ sitzen und in denen das Essen mindestens doppelt so teuer ist, zuzüglich der Kosten für das „cubierto“, also das Gedeck.

Das Viertel ist bei Touristen sehr beliebt. Man hört sehr oft englische Laute auf der Straße, und auch bleichhäutige Teutonen trifft man in recht großer Zahl. Auch haben viele ausländische Investoren, besonders aus Spanien, den Wert des Viertels erkannt und kaufen ganze Häuserzeilen, um die zu renovieren. Es ist ganz klar, dass hier ein struktureller Wandel stattfinden wird, aber im Moment kann man noch das Althergebrachte genießen und sich von der Nostalgie der guten alten Zeiten verzaubern lassen.


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