Meine Argentinienreise 2007/2008 | |
Patagonischer Bilderbogen, oder: Nirgendwo ist auch ein Ort (Paul Theroux)
13:36, 2 February 2008
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Schon Charles Darwin, der seinerzeit auf seiner fünfjährigen Forschungsreise auch Patagonien anlief, vermerkte in seinem Tagebuch: „Warum hat sich dann, und das geht nicht nur mir so, diese dürre Einöde so tief in mein Gedächtnis eingegraben?“ Namensgebend für Patagonien war allerdings ein Anderer, nämlich Fernando de Magallan, der während seiner Weltumsegelung um 1520 als erster Europäer dort anlandete und gemäß seines Chronisten an der Küste einen Mann von Riesengröße erblickte, der so groß war, dass der Kopf des Größten der Schiffsbesatzung gerade mal bis zum Gürtel des Riesen reichten. Magallan gab daraufhin diesem Volk wegen seiner großen Füße den Namen „patagon“ – „Großfuß“ (pata = Fuß, gones = groß).
Ich war bereits mit dem Patagonien-Virus infiziert, den ich mir auf meiner ersten Reise in diese sagenhafte Gegend eingefangan hatte. Es heißt nämlich, wer von der Calafatebeere isst, die es nur dort gibt, der wird unwiderruflich nach Patagonien zurückkehren. Und so war es dann auch bei mir der Fall. Ich hatte ja bereits einen bebilderten Kurzbericht über die Exkursion zu den Bergen Cerro Torre und Cerro Fitz Roy ins Weblog gestellt. Wer diese beiden Berge ohne Wolkenmütze betrachten kann, hat Glück, denn an 340 Tagen im Jahr wabern permanent Wolkenschleier um die Bergspitzen, oder das Wetter ist so schlecht, dass alles im Nebel versinkt. Wir hatten sagenhafte drei Tage mit fast wolkenlosem, klaren Himmel, und wer diese Berge in ihrer ganzen Pracht und Schönheit gesehen hat, den wird dieses Bild nie mehr loslassen. Gerade der wie eine Granitnadel in den Himmel ragende Cerro Torre besticht einerseits durch seine Eleganz und Schönheit, abdererseits aber auch durch seinen Mythos der lange währenden Unbezwingbarkeit. Erst 1959 sollen die ersten beiden Alpinisten, die Italiener Cesare Maestri und Toni Egger, auf dem Gipfel gestanden haben. Diese Erstbesteigung endete allerdings mit einer Tragödie, denn das Eis, dass den Aufstieg über die fast senkrechten Wände ermöglichte, taute quasi über Nacht infolge Tauwetters, so dass beim Abstieg mühsam Haken in die Wand geschlagen werden mussten (knapp 1.100 Höhenmeter mussten abgeseilt werden). In der 5. Nacht am Berg riss eine Eislawine Egger in den Tod; Maestri überlebte knapp und wurde nach einigen Tagen halb wahnsinnig am Fuße des Berges aufgefunden. Da alle Ausrüstung und auch die Kamera verschwunden waren, konnte nie das Gerücht widerlegt werden, dass die beiden vielleicht doch nicht ganz oben auf dem Gipfel standen. Maestri widerlegte die Kritiker auf seine Weise: 1970 kehrte er zum Berg zurück, allerdings mit einem Kompressor bewaffnet, und „schlosserte“ sich bis zum Gipfel. Beim Abstieg ließ er den knallgelben Kompressor am Berg hängen und zerschlug die letzten Haken, um es seinen Nachahmern schwer zu machen. Natürlich war das nicht der Beweis für die Erstbesteigung; auch war der Ruf Maestris nun endgültig zerstört, aber der Kompressor hängt heute noch im Berg. Die Besteigung des Cerro Torre ist mittlerweile nichts Außergewöhnliches mehr. Jedes Jahr klettern mehrere Seilschaften hinauf, über eine solch verrückte Geschichte der Erstbesteigung verfügen aber nur wenige Berge – und das sind die Außergewöhnlichen.
Ebenso imposant ist der Cerro Fitz Roy, der mit 3405 m den Cerro Torre um knapp 300 Höhenmeter überragt. Der Fitz Roy ist gleichfalls ein granitischer Schock, der wie eine Klotz aus dem Schutt und Geröll zu seinen Füßen in den Himmel ragt, neben sich seine „Geschwisterberge“ Poincenot, Saint-Exupery und Mermoz. Hat man den wirklich schwierigen Aufstieg zur „Laguna de los Tres“ hinter sich gebracht, sitzt man direkt vor dem Berg und kann sich auf wundersamste Weise von ihm vereinnahmen lassen. Einen schöneren Ort zum Meditieren und dem Gedanken-freien-Lauf-lassen kann ich mir schwerlich vorstellen.
Es gäbe noch soviele Geschichten zu den Bergen zu erzählen…schaut euch einfach meine bildlichen Eindrücke vom Cerro Torre und Fitz Roy im Bilderalbum „Patagonien – Cerro Torre und Fitz Roy“ an. Ein weiteres Naturwunder des Nationalparkes „Los Glaciares“ sind natürlich die Gletscher, deren bekanntester der Glaciar Perito Moreno ist. Über ihn und das Südpatagonische Eisfeld habe ich bereits kurz berichtet und ich möchte an dieser Stelle auch keine wissenschaftliche Beschreibung mehr vornehmen. Diese Gletscher sind einfach zum Bestaunen da, oder – wenn man wie ich eine Eistrekking-Tour bucht – auch zum Begehen und Anfassen. Ich wollte dem Geheimnis des „gletscherblau“ auf den Grund gehen und will euch daran teilhaben lassen im Bilderalbum „Patagonien – Glaciar Perito Moreno“.
Es ist nicht so, dass allein die Berge und die Gletscher der patagonischen Landschaft den unverwechselbaren Zauber geben, sondern es ist der Kontext aus Natur, Farben, Licht und Wolken. Patagonien ist berühmt für seine faszinierenden Wolkenlandschaften, die zu beschreiben mir die Worte fehlen. Auch hier will ich auf eine Bildergalerie verweisen – „Patagonien – Licht und Wolken“ – denn diese Bilder sagen mehr als tausend Worte.
Es gibt allerdings noch ein weiteres prägnantes Merkmal der patagonischen Landschaft, die sie von anderen Landschaften unterscheidet, nämlich deren Form und Gestalt. Der Wind bläst Bäume krumm, das Gletschereis schleift Felsen, Eis sprengt Steine entzwei – siehe Bilderalbum „Patagonien – Form und Gestalt“.
Nachtragen möchte ich noch, dass El Calafate, der Ort, von dem alle Exkursionen in den Nationalpark ausgehen, zwar teuer ist und der Eintritt zum Glaciar Moreno für Ausländer 40 Pesos kostet (für Argentinier hingegen nur $ 12), ich aber trotzdem ein sehr schönes Hostel für $ 25 pro Nacht gefunden hatte und der Eintritt in das Gebiet um Cerro Torre und Fitz Roy (Zona Norte) sowie die Benutzung der dort gelegenen Campingplätze kostenlos ist. Viele Leute, die vom Nationalpark Torres del Paine in Chile herüber kamen, klagten über die dortigen hohen, manchmal schon unverschämten Preise. Die Ideologie der argentinischen Park-Ranger lautet: Haltet euch an die Wege! Bringt euren Müll wieder mit raus! Kein offenes Feuer! Verschmutzt das Wasser nicht! Keine Hunde! Verbuddelt euren Stuhlgang! Solange ihr euch an diese Regeln haltet, ist der Eintritt ins Paradies gratis!
Nach 10 Tagen im Paradies zog es mich weiter Richtung Küste. Im Grunde zurück nach Buenos Aires, aber ich wollte die knapp 2.800 km in mehreren Etappen zurücklegen und auf diese Weise die Küstengegend näher kennen lernen. Erste Station war Rio Gallegos, die trostlose Hauptstadt der Provinz Santa Cruz, die auf mich, der ich noch von den Eindrücken der fantastischen Landschaften überflutet war, einen eigenartigen Reiz ausübte. Diese Stadt bot mir ihrer Hässlichkeit einen eigenartigen Kontrast zum eben gerade Erlebten, und ich stellte mir die Frage, ob man auch dieser Tristesse etwas Schönes entlocken kann. Daraufhin entstand eine Serie von Bildern, die ich hier und in den darauf folgenden Tagen an anderen Orten der Küste gemacht habe und von denen ich euch eine Auswahl im Bilderalbum „Patagonien – Tristesse und Melancholie“ vorstellen möchte. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber selbst der trostloseste Ort muss doch etwas haben, was den Menschen, die dort leben, als „schön“ gilt. Nirgendwo ist schließlich auch ein Ort!
Den zweiten Unterwegshalt legte ich in Puerto San Julián ein, ca. 400 km nördlich von Rio Gallegos. Dieser Ort wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn Magallan im Jahre 1520 nicht hier an Land gegangen und die erste katholische Messe auf argentinischem Boden abgehalten hätte. Der Tourismus steckt in San Julián noch in den Kinderschuhen. Man kann zwar einen Nachbau des Schiffes von Magallan sowie ein kleines Museum über die Geschichte der Besiedlung dieser Region besichtigen, aber alles ist wenig kommerziell und mitunter gar rührend naiv. So fragte ich am Busterminal in der dortigen viel zu groß aufgezogenen Touristen-Information nach den üblichen Dingen (Stadtplan, Campingplatz, Sehenswürdigkeiten) und wurde von einer jungen Frau fast schon beflissen mit Broschüren eingedeckt. Wir kamen ins Gespräch, als sich herausstellte, dass ich aus Deutschland komme und ihr Familienname Hofmann ist. Daraufhin legte sie mir eine Zeitung auf dem Tisch, in der die Geschichte ihrer Familie beschrieben wurde, und die geht in Kurzform so: ihr Großvater, Carlos (Karl) Hofmann, wurde 1892 in Wien geboren und buchte 1911 zusammen mit einem Vetter eine Überfahrt von Italien nach San Francisco. Bei einem Zwischenhalt in Montevideo gingen sie aber schon von Bord, da sie gehört hatten, dass es gute Arbeitsmöglichkeiten in Argentinien gibt. Großvater Carlos heuerte bei der Banco Germano in Buenos Aires an und ging wegen der besseren Verdienstmöglichkeiten kurze Zeit später zu einer anderen Bank nach Rio Gallegos in den Süden. 1925 reiste er noch einmal nach Wien, um seine Eltern zu besuchen, lernte während dieser Visite aber auch seine zukünftige Frau Rosa Novak kennen, die ihm 1926 nach Patagonien folgte. Beide heirateten am 2..12.1926. Sohn Carlos Sigfrid kam 1928 zur Welt, die beiden Töchter (Zwillinge) im Jahre 1937.
Die Hofmanns waren durchaus vermögend, besaßen eine Estancia, handelten mit Schafswolle und hatten bereits in den 1930er Jahren Autos, mit denen sie das damals noch wenig erschlossene Patagonien erkundeten. 1956 starb Carlos Hofmann sr. und der Sohn übernahm die Estancia. Seiner Ehe entstammen der Sohn Carlos und die Tochter Silvia, und Letztere ist diejenige, mit der ich lange Zeit Mate schlürfend und erzählend in der Touristen-Information saß. Die Großmutter Rosa übrigens wurde 100 Jahre alt. Wenn das kein schönes Märchen ist… Am folgenden Tag unternahm ich mit Dexter, einem Mittfünfziger aus Alaska, den ich auf dem Campingplatz kennenlernte, eine lange Wanderung entlang der Küste. Wir hatten uns viel zu erzählen über unsere Reiseerlebnisse in Südamerika und anderen Ländern und Kontinenten. Dexter ist ein absolut sympathischer und entspannter Zeitgenosse, der zwischen März und September hart in einer Fischfabrik arbeitet und in der Nachsaison mit dem dort verdienten Geld durch die Welt reist. Zudem ein sehr belesener Typ; wir tauschten unsere „most favorite books“ aus.
Weiter ging die Reise entlang der Küste nach Norden, und ich erreichte Puerto Deseado. Vielleicht hatte ich einfach nur Pech, denn der Ort ist mir von vertrauenswürdigen Leuten empfohlen wurden, aber was ich vorfand, war ein windiger, staubiger Ort, dessen Campingplatz ausgerechnet in Spuckweite einer Fischfabrik liegt. Außer einem wirklich liebevoll wiederhergerichteten Bahnhof gibt es hier nichts zu sehen. So zog ich tags darauf weiter nach Comodore Rivadavia, einer 100.000-Einwohner-Stadt, die von der Erdölförderung lebt. Auch dieser Ort kann einem das Herz nicht erweichen, aber die Leute, die hier leben und arbeiten, sind offensichtlich ganz zufrieden.Ich traf einen Mann, der mir erzählte, dass er für eine deutsche Firma arbeitet und gut verdient, so wie die meisten Leute hier. Viele sind ganz offensichtlich indigener Abstammung und kommen aus dem Norden, aus dem Armenviertel Argentiniens. Ich hatte zum Glück nur wenige Stunden Aufenthalt, die ich mir zudem noch dadurch verkürzte, indem ich bunte Steine am Strand sammelte und mir am Abend den „superclásico“ im Fußball – River gegen Boca Juniors – in einer Kneipe anschaute. Mitternacht ging dann mein Bus nach Puerto Madryn.
Puerto Madryn war für mich nur das Sprungbrett zu einer weiteren Natursehenswürdigkeit Patagoniens, der Halbinsel Valdés. Diese gehört wegen ihrer Artenvielfalt genauso wie der Nationalpark „Los Glaciares“, die Quebrada de Humahuaca oder die Wasserfälle von Iguazu zum UNESCO-Weltkulturerbe (in meinem Kopf beginnen sich schwerfällig einige Zahnräder zu drehen; Weltkulturerbe und Dresden – war da was?). Der einzige frei zugängliche Ort auf der Insel ist Puerto Piramide, ein wunderschön in einer Bucht gelegener Ort mit ausgezeichnetem Campingplatz und allen infrastrukturellen Voraussetzungen (Bäckerei, Kneipe, Konsum, Internet), die sich der gemeine Backpacker wünschen kann. Hier sackte ich für 4 Tage ab – Wasser, Strand und Sonnenschein. Eine Exkursion unternahm ich aber; eine geführte zwar, weil man die 250 km Rundfahrt nach Punta Cero/Caleta Valdés sowie nach Punta Norte sonst nur mit Privat- oder Mietwagen absolvieren kann, aber wir hatten genug Zeit, uns die Magellan-Pinguine und Seelöwen anzuschauen. In Punta Norte gibt es zudem noch Seeelefanten, und manchmal pflügen auch Orcas durchs Wasser. Knapp 40 dieser von bösen Zungen als „Killerwal“ bezeichneten Zahnwale leben hier. Sie ernähren sich von anderen Tieren, und wer Glück hat, sieht, wie sich der Orca eine süße Robbe oder einen fluffigen Pinguin vom Strand holt. Der Pinguin erhielt seinen Namen übrigens von walisischen Matrosen, die diese Watschelfüßler „pengwyn“, wa ssoviel wie „Weißkopf“ heißt, nannten. Da man auf den Schotterpisten der Naturreservats der Halbinsel das Auto zwar anhalten, aber nicht aussteigen darf, sind viele Tiere wenig scheu, so dass wir Guanakos, Maras (Pampashasen), einen Graufuchs (zorro gris), Nandus, ein Stinktier und Gürteltiere beobachten konnten, von den unzähligen Seevögeln, z.B. Kormorane, mal abgesehen. Einige tierische Aufnahmen findet ihr im Fotoalbum „Valdes – Tiere“.
Da gibt es eine schöne patagonische Fabel über den Nandu, dem Verwandten des Vogel Strauß, und den Flamingo, die man in Patagonien an vielen Orten antreffen kann. Als Gott die Welt schuf, bat er die Tiere um Mithilfe bei der Besiedlung der neuen Territorien, so auch den Nandu, der damals noch ein Flugvogel war. Der hatte aber keine Lust, nach Patagonien zu gehen, was Gott so erzürnte, dass er ihn dorthin strafversetzte und ihn zum Laufen verdammte. Der Flamingo hingegen war durchaus bereit, kam aber zu spät (typischer Argentinier), lief vor Scham rosarot und versteckt seinen Kopf, so oft es geht, unter einem Flügel.
Berühmt ist Valdés eigentlich wegen der Wale, die sich von Mai bis Ende November in der Bucht vor Puerto Piramide aufhalten. Ich war leider außerhalb der Saison vor Ort und musste mit Walknochen vorliebnehmen, die überall im Ort herumstehen oder –liegen und auch mal zur Umgrenzung eines Kinderspielplatzes dienen können. Man kann aber auch meilenweit über den Strand laufen, das Meer und seine Gezeiten beobachten und staunen, wie das Wasser den Strand zeichnet oder welch kleinen und großen Dinge angespült werden. Auch hier habe ich ein kleines Fotoalbum zusammengestellt: „Valdez – Impressionen“. Wenn man in Patagonien als Backpacker mit Zelt unterwegs ist, lernt man fast schon beiläufig viele Leute kennen. Da ist Dorit aus Dresden, die ich in Córdoba kennen lernte und die mit mir am Cerro Torre und Fitz Roy trekken war (ich verweise allerfreundlichst auf ihr Weblog www.free-blog.in/doritaufreisen), Peter und Nicole aus der Schweiz, die eine hervorragende Website (www.naturpfad.ch) über ihre Naturbeobachtungen aufgebaut haben, die vielen Israelis in El Calafate, die, wenn sie in Kompaniestärke auftreten, einfach unerträglich sind, mit denen man aber individuell sehr tiefgründige und aufschlussreiche Gespräche führen kann, da ist Ricardo Weigel, der immer zwischen den beiden Welten Deutschland und Argentinien hin und her pendelt, Bettina, die seit mehr als 25 Jahren in Lateinamerika lebt und zu Zeiten der Befreiungskämpfe Ende der 1970er, Anfang der 80er Jahre in El Salvador tätig war, Lucas, der Musikus und viele mehr. Es ist schon seltsam (oder auch nicht?): Am Ende der Welt mache ich mehr Bekanntschaften als in den menschenüberfluteten Metropolen.
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