Meine Argentinienreise 2007/2008

Auf dem Altiplano

14:35, 1 March 2008 .. 0 Kommentare .. Link

Wenn ich nach Bolivien kommen sollte, so hiess es, muss ich unbedingt den "Southwest Circuit" absolvieren, eine dieser unglaublichen mehrtaegigen Jeep-Touren hinauf ins Altiplano (Hochland), ueber fast unpassierbare Wege, vorbei an Vulkanen, Lagunen, heissen Quellen und einer Landschaft, die atemberaubend sein soll. Also buchte ich in Tupiza eine 4-taegige Tour, und los ging es am Dienstag, den 26. Februar.

Am fruehen Morgen beluden wir den Jeep mit allen notwendigen Dingen, wie Verpflegung, Kraftstoff, unseren Rucksaecken und diversen Ersatzteilen. Unser Team bestand aus Rob, der als britischer Militaer bereits die Gelegenheit hatte, solch exotische Laender wie Kosovo, Afghanistan und Irak kennen zu lernen, Lena und Ryan aus Vancouver/Kanada sowie meine Wenigkeit. In einem zweiten Jeep gesellten sich noch ein Franzose, ein weiterer Kanadier sowie drei Maedels aus Schweden (unsere "Schwedenhappen") hinzu.

Kaum raus aus Tupiza, schraubten wir uns ueber Serpentinen kraeftig in die Hoehe. Schon bald verliessen wir jedwede Zivilisation. Auf der Hochebene passierten wir selten mal ein Haus, und wenn, waren es meist Ruinen, aufgegeben von Menschen, die in dieser rauhen Gegend kaum ueberleben koennen. Die einzigen Lebewesen, denen man staendig begegnet, sind Herden von Lamas oder Vikuñas, die uns neugierig hinterher gucken.

Viele dieser mir sehr sympathischen Tiere tragen farbige Baender im Fell oder an die Ohren geknotet, so als ob sie was zu feiern haetten, in Wirklichkeit aber ist das das Zeichen des Eigner der Tiere, die weitgehend frei in der Gegend weiden.

Diese Fahrt war und ist definitiv nichts fuer Leute mit empfindlichen Magen oder schwachem Glauben. Der Jeep holpert und schaukelt sich manchmal ueber Wege, die diesen Namen nicht verdienen. Wir haben zu unserem Pech zudem ein Auto erwischt, das bereits arg heruntergeritten ist. Nur der 1. Gang zieht noch kraeftig, ansonsten knarzt es an allen Ecken und Enden, die Stossdaempfer werden staendig auf Anschlag beansprucht, uns ruettelt es auf den Baenken durcheinander und zu guter Letzt muss es irgendwo ein Leck geben, durch das Abgase ins Innere des Wagens dringen. Es dauert nicht lange, und die ersten Passagiere bekommen Kopfschmerzen (auch wegen der Hoehe von konstant 4.000 m und mehr). Ich kaue bestaendig Koka, was angeblich helfen soll (ich hatte tatsaechlich kaum Probleme).

Am ersten Tag war nicht viel zu sehen. Wir fuhren meistens ueber staubige Pisten, am Horizont die schneebedeckten Berge und Vulkane sehend, bis wir am Abend, nach ca. 9 Stunden Fahrt und 240 zurueckgelegten Kilometern, San Antonio de Lipez erreichten (4.200 m Seehoehe). Hier naechtigten wir.

Der zweite Tag wurde uns als der haerteste beschrieben, denn wir hatten ueber 320 km zurueckzulegen, was bei Geschwindigkeiten im Schritttempo und gelegentlichen Spitzengeschwindigkeiten von 30 km/h von uns als fast utopisch angesehen wurde. Noch schnell ein stimmungsvolles Bild von der aufgehenden Sonne hinter der Kirche von San Antonio de Lipez, und ab ging es in ein Ruinendorf, das denselben Namen traegt wie der Ort, den wir eben gerade verlassen hatten.

Hier in der Naehe wurde im 16. und 17. Jh. Gold und Silber abgebaut, und zwar so viel, dass der Ort sehr wohlhabend wurde. Eine Pestepedimie fuehrte dazu, dass die Leute den Ort fluchtartig verliessen und wenige Kilometer entfernt einen neuen Ort gruendeten. Seitdem aber die Gold- und Silberquellen versiegten, ist auch dieser Ort ein fast verlassener.

Weiter ging es ueber staubige oder steinige Pisten in Richtung Suedwesten, den majestaetischen Bergen immer naeher kommend, deren Bergspitzen die Grenze zwischen Bolivien und Chile markieren, bis wir zu den "aguas calientes" gelangten, einer etwa 30 Grad warmen Therme, die eine willkommene Gelegenheit fuer uns war, sich aufzuwaermen und die Beine auszustrecken. Das Wasser soll angeblich gegen Rheuma und Rueckenbeschwerden helfen, und Letztere waren bei uns ausreichend vorhanden.

Nach dieser Prozedur fuhren wir gerade mal eine Dreiviertelstunde weiter zur Laguna Verde am Fusse des maechtigen Vulkans Licancabur (5.950 m), und wie wir ankamen, verdunkelte sich rapide der Himmel und es begann zu schneien. So wenig liegen die Wetter in dieser Gegend auseinander, aber ich fand es beeindruckend, wie dann die Sonnenstrahlen durch die Wolken brachen und alles in ein magisches Licht tauchte.

Was jetzt folgte, kann man nur als Besuch in des "Teufels Kueche" beschreiben. Auf dem hoechsten Punkt der Tour, auf 5.000 m Seehoehe, erreichten wir die "geisers sol de mañana", ein Stueck Erde, die von Kratern voll blubberndem Schlamm durchzogen ist und permanent Rauch und Nebel ausspuckt. Es stank widerlich nach Schwefel und wenn man zu nahe an einen der blubbernden Schlammloecher kam, konnte man durchaus von einer Fontaene getroffen werden.

So endete der zweite Tag und wir rollten uns in einer bescheidenen Hospedaje in unsere Schlafsaecke, um die kalte Nacht zu ueberstehen. Am kommenden Morgen hatten wir es nur ein paar wenige Kilometer bis zur Laguna Colorado, der farbigen Lagune, die von tausenden von pinkfarbenen Flamingos durchsetzt ist.

Weiter ging es durch immer trockener Gegenden, beinahe schon Wuesten, in denen gelegentlich, wie Inseln, die abenteuerlichsten Stein- und Felsenformationen anzutreffen sind. Der wohl beruehmteste windbeschliffene Felsen ist der "arbol de piedra", der "Steinbaum". Hier sollten wir nur 10 Minuten Zeit zum Bestaunen und Fotografieren haben, aus denen aber 2 durchaus lehrreiche Stunden wurden, weil unser Jeep nun engueltig die Hufe hochriss bzw. sich nun das, was uns all die Tage belaestigte, naemlich der elendige Dieselgestank im Inneren, nun nicht mehr laenger ignorieren liess.

Unser Tank hatte einen Riss, wahrscheinlich schon ansatzweise vor Antritt der Reise, vorhanden, nun aber durch das staendige Aufsetzen auf der steinige Piste zu einem veritablen Riss ausgewachsen, durch den der Kraftstoff in einem dicken Strahl austrat. Die beiden Fahrer fummelten sich unter das Auto und demontierten den Tank, und was jetzt folgte, war eine Lehrstunde zum Thema "Improvisation". Als Kraftstofftank fungierte nun einer der Plastiktonnen, die wir auf dem Dach mitfuehrten und in denen sich der Reservediesel befand. Der Tank wurde im Fussbereich des Beifahrersitzes platziert, zwei Schlaeuche direkt durch die Tuer in den Motorraum gefuehrt und dort angeschlossen (wo genau, kann ich nicht sagen; bin kein Autoexperte) - fertig. Und das Auto fuhr wieder, nun aber mit dem nutzlosen Blechtank auf dem Dach und Direktversorgung aus dem Fahrerraum.

Abgesehen von diesem Problem erwischte es uns an diesem Tag auch noch mit zwei platten Reifen; ein Mal vorn links und kurz vor Erreichen der Endstation in Uyuni am Abend auch noch hinten rechts. Mir ist es ein voelliges Raetsel, wie diese eigentlich robusten Jeeps so eine Tour durchhalten. Nach 3 Jahren, sagte man mir, sind alle Teile so verschlissen, dass eine Generalueberholung ansteht. Ich haette gedacht, dass das schon nach 3 Monaten faellig ware.

Am vierten Tag sollten wir eine der groessten - wenn nicht sogar DIE groesste - Salzwueste der Welt besuchen - die Salar de Uyuni. Mit knapp 12.000 qkm umfasst sie eine Flaeche, die etwa 2/3 des Freistaates Sachsens entspricht. Abgebaut wird das Salz nur auf einer kleinen Flaeche, es ist aber genug Salz vorhanden, um die ganze Welt damit zu versorgen. Wir sind recht frueh aufgebrochen, um den Sonnenaufgang erleben zu koennen. Die unendliche Weite ist wirklich beeindruckend und veranlasste mich, viele Bilder aus verschiedenen Perspektiven und wechselndem Lichteinfall zu schiessen. Wer noch mehr zur Salar de Uyuni wissen will: http://de.wikipedia.org/wiki/Salar_de_Uyuni

Den Schluss der Tour bildete ein Besuch auf dem Lokfriedhof in Uyuni. Dies ist ein echter Friedhof voller metallener Leichen von Dampflokomotiven und Waggons, ein trauriges Denkmal an eine Technik, die half, das Land zu erschliessen. Stolz kann man angesichts deren Ueberreste nicht mehr empfinden, nur noch Mitleid.

Wie dem auch sei: nach 4 Tagen erreichten wir also den Endpunkt unserer Tour in Uyuni - verstaubt und verdreckt, halb durchgefroren und mit Sonnenbrand im Gesicht, mehr oder weniger erschoepft, aber alles in allem gluecklich und voller einmaliger Eindruecke.


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