Meine Argentinienreise 2007/2008

Im Silberberg

20:58, 3 March 2008 .. 0 Kommentare .. Link

Bolivien ist reich. Man mag es gar nicht glauben, wenn man die Einfachheit und Armut im Lande sieht. Das Symbol dieses Reichtums ist der Cerro Rico in Potosi, von dem die Legende erzaehlt wird, dass ein Indio namens Diego Huallpa im Jahre 1543 des Nachts am Berg ein Feuer entzuendete und ueberrascht feststellte, dass fluessiges Metall aus den Steinen rann. Bald sprach sich dies bis zu den Spaniern durch, die kurz darauf den Berg auszuhoehlen begannen. Zwischen 1570 und 1825, den ergiebigen Jahren, mussten Millionen Indios und afrikanische Sklaven im Berg schuften. Diese Zwangsarbeit, spanisch "mita" genannt, soll mehr als 8 Mio. Tote in den 250 Jahren gefordert haben; andere Quellen sprechen von bis zu einer Million Toten. Die Sklaven verliessen mitunter bis zu 4 Monate den Berg nicht. Ihnen wurden dann die Augen verbunden, damit das Tageslicht sie nicht blendete. Mit diesem Berg ist der Reichtum Europas und das Elend Suedamerikas auf das Engste verbunden.

Der Silberstrom ist seit fast 200 Jahren versiegt. Es gibt noch Silber, aber in geringen Mengen. Stattdessen foerdert man heute Zinn, Zink, Wolfram, Kupfer und anderes mehr. 17.000 Bergleute fahren tagtaeglich in den Cerro ein, in der Mehrzahl in Kooperativen vereint. Man kann gut verdienen, aber das alles auf Kosten der Gesundheit, denn die Arbeitsbedingungen haben sich seit Zeiten der Spanier kaum veraendert. 90% der Bergleute leiden unter Silikosis, davon noch mal 80% haben Tuberkulose. Die meisten sterben mit Mitte 40.

Seit einigen Jahren bieten verschiedene Agenturen Touren in den Berg an. Gefuehrt von ehemaligen "mineros", kann man die Arbeitsbedingungen fuer einige Stunden hautnah erleben. Ich habe dies heute hinter mich gebracht, und ich muss sagen, dass ich beeindruckt und erschuettert zugleich bin.

Die mineros, von denen die meisten mit Sicherheit noch keine 18 Jahre sind, halten die unmenschlichen Arbeitsbedingungen nur aus, indem sie bestaendig Koka kauen. Wir wurden angehalten, vor der Tour einige kleine Geschenke fuer die mineros zu kaufen, wie eben Koka und Getraenke. Die haben wir dann untertage verteilt.

Nachdem wir Bergmannskleidung angelegt hatten (Gummistiefel, - hose und -jacke sowie Helm samt Lampe), liefen wir stracks in das dunkle Loch, immer laengs der Schienen fuer die Hunte, durch immer enger werdende Tunnel, mitunter auf allen Vieren kriechend. Unterwegs trafen wir verschiedene Gruppen von Bergleuten, die Gestein hackten und schaufelten oder Hunte zogen. Der ueberwiegende Teil der Arbeit erfolgt manuell. Die Arbeit beginnt meist gegen 5 Uhr und endet fruehestens 13 oder 14 Uhr.

Wir sind mit Sicherheit mehr als 4 oder 5 Kilometer im Berg herumgelaufen und gekrochen. Die Luft war voller Staub; da halfen auch die Mundmasken wenig. Je tiefer man in den Berg hineingeht, desto knapper wird der Sauerstoff. Ich hatte zum Glueck kein Problem mit der Enge und der Dunkelheit in den Gaengen. Vielleicht war mir ja auch "El Tio" wohlgesonnen, der Schutzpatron der Bergleute, eine Mischung aus Teufel und Gott, der von den mineros verehrt und mit Zigaretten, Kokablaettern und auch Schnaps bedacht wird.

Es gaebe noch viel zu erzaehlen ueber die Geschichte des Cerro Ricos und seiner Bergleute, die in der Mehrzahl Quechua sind, zwar katholisch, aber trotzdem weiterhin ihren alten Glauben an "Pachamama" (Mutter Erde) leben und praktizieren, ueber deren Ausbeutung und Abhaengigkeit von den Rohstoffpreisen der London Metal Exchange, der Korruption in Bolivien, den mangelnden Bildungsmoeglichkeiten, den Hoffnungen und Trostlosigkeiten.

Wir waren alle froh, nach knappen 3 Stunden im Berg wieder das Tageslicht zu sehen. Ich glaube, dass wir alle noch immer nicht nachvollziehen koennen, was es bedeutet, Tag fuer Tag im Berg zu arbeiten und seine Knochen hinzuhalten. Vielleicht haben wir aber ein wenig darueber gelernt, welches Glueck wir haben, die wir ueber eine ordentliche Bildung und Ausbildung und deswegen ueber bedeutend mehr Moeglichkeiten verfuegen, das Beste aus unserem Leben zu machen.

Zum Abschluss gabs noch eine Lehrvorfuehrung zum Thema "Sprengen mit Dynamit". Ich hatte vor Antritt der Tour eine Stange Dynamit und Zuendschnur in einem Laden einer Kooperative gekauft (Kostenpunkt: 10 Boliviano = 1 EUR). Das kann man hier recht problemlos tun. Unser Guide zeigte uns dann, wie man den Sprengstoff vorbereitet, legte das Paeckchen etwa 100 Meter entfernt von uns in ein Erdloch, zuendete die Schnur und lief wie ein Hase weg. Nach ca. 10 Sekunden gab es einen Knall, dessen Wucht uns in der Entfernung immer noch vorkam, als ob uns jemand mit einem Hammer vor die Brust schlug.

So sieht dann man aus, wenn man aus dem Berg kommt...


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